Die Verwirrungen
des Zöglings Törleß
Wiener Verlag
Wien und Leipzig
1906
Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Rußland führt.
Endlos gerade liefen vier parallele Eisenstränge nach beiden Seiten
zwischen dem gelben Kies des breiten Fahrdammes; neben jedem wie
ein schmutziger Schatten der dunkle, von dem Abdampfe in den Boden
gebrannte Strich.
Hinter dem niederen, ölgestrichenen Stationsgebäude führte eine breite,
ausgefahrene Straße zur Bahnhofsrampe herauf. Ihre Ränder verloren
sich in dem ringsum zertretenen Boden und waren nur an zwei Reihen
Akazienbäumen kenntlich, die traurig mit verdursteten, von Staub und
Ruß erdrosselten Blättern zu beiden Seiten standen.
Machten es diese traurigen Farben, machte es das bleiche, kraftlose,
durch den Dunst ermüdete Licht der Nachmittagssonne: Gegenstände und
Menschen hatten etwas Gleichgültiges, Lebloses, Mechanisches an sich,
als seien sie aus der Szene eines Puppentheaters genommen. Von Zeit
zu Zeit, in gleichen Intervallen, trat der Bahnhofsvorstand aus seinem
Amtszimmer heraus, sah mit der gleichen Wendung des Kopfes die weite
Strecke hinauf nach den Signalen der Wächterhäuschen, die immer noch
nicht das Nahen des Eilzuges anzeigen wollten, der an der Grenze große
Verspätung erlitten hatte; mit ein und derselben Bewegung des Armes zog
er sodann seine Taschenuhr hervor, schüttelte den Kopf und verschwand
wieder; so wie die Figuren kommen und gehen, die aus alten Turmuhren
treten, wenn die Stunde voll ist.
Auf dem breiten, festgestampften Streifen zwischen Schienenstrang
und Gebäude promenierte eine heitere Gesellschaft junger Leute, links
und rechts eines älteren Ehepaares schreitend, das den Mittelpunkt
der etwas lauten Unterhaltung bildete. Aber auch die Fröhlichkeit
dieser Gruppe war keine rechte; der Lärm des lustigen Lachens schien
schon auf wenige Schritte zu verstummen, gleichsam an einem zähen,
unsichtbaren Widerstande zu Boden zu sinken.
Frau Hofrat Törleß, dies war die Dame von vielleicht vierzig Jahren,
verbarg hinter ihrem dichten Schleier traurige, vom Weinen ein wenig
gerötete Augen. Es galt Abschied zu nehmen. Und es fiel ihr schwer, ihr
einziges Kind nun wieder auf so lange Zeit unter fremden Leuten lassen
zu müssen, ohne Möglichkeit, selbst schützend über ihren Liebling zu
wachen.
Denn die kleine Stadt lag weitab von der Residenz, im Osten des
Reiches, in spärlich besiedeltem, trockenem Ackerland.
Der Grund, dessentwegen Frau Törleß es dulden mußte, ihren Jungen in
so ferner, unwirtlicher Fremde zu wissen, war, daß sich in dieser
Stadt ein berühmtes Konvikt befand, welches man schon seit dem vorigen
Jahrhunderte, wo es auf dem Boden einer frommen Stiftung errichtet
worden war, hier heraußen beließ, wohl um die aufwachsende Jugend
vor den verderblichen Einflüssen einer Großstadt zu bewahren.
Denn hier erhielten die Söhne der besten Familien des Landes ihre
Ausbildung, um nach Verlassen des Institutes die Hochschule zu
beziehen oder in den Militär- oder Staatsdienst einzutreten und in
allen diesen Fällen, sowie für den Verkehr in den Kreisen der guten
Gesellschaft galt es als besondere Empfehlung, im Konvikte zu W.
aufgewachsen zu sein.
Vor vier Jahren hatte dies das Elternpaar Törleß bewogen, dem
ehrgeizigen Drängen seines Knaben nachzugeben und seine Aufnahme in das
Institut zu erwirken.
Dieser Entschluß hatte später viele Tränen gekostet. Denn fast seit
dem Augenblicke, da sich das Tor des Institutes unwiderruflich hinter
ihm geschlossen hatte, litt der kleine Törleß an fürchterlichem,
leidenschaftlichem Heimweh. Weder die Unterrichtsstunden noch die
Spiele auf den großen üppigen Wiesen des Parkes noch die anderen
Zerstreuungen, die das Konvikt seinen Zöglingen bot, vermochten ihn
zu fesseln; er beteiligte sich kaum an ihnen. Er sah alles nur wie
durch einen Schleier hindurch und hatte selbst untertags häufig Mühe,
ein hartnäckiges Schluchzen hinabzuwürgen; des Abends schlief er
aber stets unter Tränen ein.
Er schrieb Briefe nach Hause, beinahe täglich, und er lebte nur in
diesen Briefen; alles andere, was er tat, schien ihm nur ein
schattenhaftes, bedeutungsloses Geschehen zu sein, gleichgültige
Stationen, wie die Stundenziffern eines Uhrblattes. Wenn er aber
schrieb, fühlte er etwas Auszeichnendes, Exklusives in sich; wie eine
Insel voll wunderbarer Sonnen und Farben hob sich etwas in ihm aus dem
Meere grauer Empfindungen heraus, das ihn Tag um Tag kalt und
gleichgültig umdrängte. Und wenn er untertags, bei den Spielen oder
im Unterrichte, daran dachte, daß er abends seinen Brief schreiben
werde, so war ihm, als trüge er an unsichtbarer Kette einen goldenen
Schlüssel verborgen, mit dem er, wenn es niemand sieht, das Tor von
wunderbaren Gärten öffnen werde.
Das Merkwürdige daran war, daß diese jähe, verzehrende Hinneigung zu
seinen Eltern für ihn selbst etwas Neues und Befremdendes hatte. Er
hatte sie vorher nicht geahnt, er war gern und freiwillig ins Institut
gegangen, ja er hatte gelacht, als sich seine Mutter beim ersten
Abschied vor Tränen nicht fassen konnte, und dann erst, nachdem er
schon einige Tage allein gewesen war und sich verhältnismäßig wohl
befunden hatte, brach es plötzlich und elementar in ihm empor.
Er hielt es für Heimweh, für Verlangen nach seinen Eltern. In Wirklichkeit
war es aber etwas viel Unbestimmteres und Zusammengesetzteres. Denn der
»Gegenstand dieser Sehnsucht«, das Bild seiner Eltern, war darin
eigentlich gar nicht mehr enthalten. Ich meine diese gewisse plastische,
nicht bloß gedächtnismäßige, sondern körperliche Erinnerung an eine
geliebte Person, die zu allen Sinnen spricht und in allen Sinnen bewahrt
wird, so daß man nichts tun kann, ohne schweigend und unsichtbar den
anderen zur Seite zu fühlen. Diese verklang bald wie eine Resonanz, die
nur noch eine Weile fortgezittert hatte. Törleß konnte sich damals
beispielsweise nicht mehr das Bild seiner »lieben, lieben Eltern«, --
dermaßen sprach er es meist vor sich hin -- vor Augen zaubern. Versuchte
er es, so kam an dessen Stelle der grenzenlose Schmerz in ihm empor,
dessen Sehnsucht ihn züchtigte und ihn doch eigenwillig festhielt,
weil ihre heißen Flammen ihn zugleich schmerzten und entzückten. Der
Gedanke an seine Eltern wurde ihm hiebei mehr und mehr zu einer
bloßen Gelegenheitsursache, dieses egoistische Leiden in sich zu
erzeugen, das ihn in seinen wollüstigen Stolz einschloß wie in die
Abgeschiedenheit einer Kapelle, in der von hundert flammenden Kerzen
und von hundert Augen heiliger Bilder Weihrauch zwischen die
Schmerzen der sich selbst Geißelnden gestreut wird. -- -- --
Als dann sein »Heimweh« weniger heftig wurde und sich allgemach
verlor, zeigte sich diese seine Art auch ziemlich deutlich. Sein
Verschwinden führte nicht eine endliche Zufriedenheit nach sich,
sondern ließ in der Seele des jungen Törleß eine Leere zurück. Und an
diesem Nichts, an diesem Unausgefüllten in sich erkannte er, daß es
nicht eine bloße Sehnsucht gewesen war, die ihm abhanden kam, sondern
etwas Positives, eine seelische Kraft, etwas, das sich in ihm unter
dem Vorwand des Schmerzes ausgeblüht hatte.
Nun aber war es vorbei, und diese Quelle einer ersten höheren Seligkeit
hatte sich ihm erst durch ihr Versiegen fühlbar gemacht.
Zu dieser Zeit verloren sich die leidenschaftlichen Spuren der im
Erwachen gewesenen Seele wieder aus seinen Briefen und an ihre Stelle
traten ausführliche Beschreibungen des Lebens im Institute und der
neugewonnenen Freunde.
Er selbst fühlte sich dabei verarmt und kahl, wie ein Bäumchen, das
nach der noch fruchtlosen Blüte den ersten Winter erlebt.
Seine Eltern aber waren es zufrieden. Sie liebten ihn mit einer
starken, gedankenlosen, tierischen Zärtlichkeit. Jedesmal, wenn er
vom Konvikte Ferien bekommen hatte, erschien der Hofrätin nachher ihr
Haus von neuem leer und ausgestorben, und noch einige Tage nach jedem
solchen Besuche ging sie mit Tränen in den Augen durch die Zimmer, da
und dort einen Gegenstand liebkosend berührend, auf dem das Auge des
Knaben geruht oder den seine Finger gehalten hatten. Und beide hätten
sie sich für ihn in Stücke reißen lassen.
Die unbeholfene Rührung und leidenschaftliche, trotzige Trauer seiner
Briefe beschäftigte sie schmerzlich und versetzte sie in einen Zustand
hochgespannter Empfindsamkeit, der heitere, zufriedene Leichtsinn, der
darauf folgte, machte auch sie wieder froh und in dem Gefühle, daß
hiedurch eine Krise überwunden worden sei, unterstützten sie ihn nach
Kräften.
Weder in dem einen noch in dem andern erkannten sie das Symptom einer
bestimmten seelischen Entwicklung, vielmehr hatten sie Schmerz und
Beruhigung gleichermaßen als eine natürliche Folge der gegebenen
Verhältnisse hingenommen. Daß es der erste, mißglückte Versuch des
jungen, auf sich selbst gestellten Menschen gewesen war, die Kräfte des
Inneren zu entfalten entging ihnen.
* * * * *
Törleß fühlte sich nun sehr unzufrieden und tastete da und dort
vergeblich nach etwas Neuem, das ihm als Stütze hätte dienen können.
* * * * *
Eine Episode dieser Zeit war für das charakteristisch, was sich damals
in Törleß zu späterer Entwicklung vorbereitete.
Eines Tages war nämlich der junge Fürst H. ins Institut eingetreten,
der aus einem der einflußreichsten ältesten, und konservativsten
Adelsgeschlechter des Reiches stammte.
Alle anderen fanden seine sanften Augen fad und affektiert; die
Art und Weise, wie er im Stehen die eine Hüfte herausdrückte und
beim Sprechen langsam mit den Fingern spielte, verlachten sie als
weibisch. Besonders aber spotteten sie darüber, daß er nicht von
seinen Eltern ins Konvikt gebracht worden war, sondern von seinem
bisherigen Erzieher, einem =doctor theologiae= und Ordensgeistlichen.
Törleß aber hatte vom ersten Augenblicke an einen starken Eindruck
empfangen. Vielleicht wirkte dabei der Umstand mit, daß es ein
hoffähiger Prinz war, jedenfalls war es aber auch eine andere Art
Mensch, die er da kennen lernte.
Das Schweigen eines alten Landedelschlosses und frommer Übungen schien
irgendwie noch an ihm zu haften. Wenn er ging, so geschah es mit
weichen, geschmeidigen Bewegungen, mit diesem etwas schüchternen
Sichzusammenziehen und Schmalmachen, das der Gewohnheit eigen ist,
aufrecht durch die Flucht leerer Säle zu schreiten, wo ein anderer
an hundert unsichtbaren Ecken des leeren Raumes schwer anzurennen
scheint.
Der Umgang mit dem Prinzen wurde so zur Quelle eines feinen
psychologischen Genusses für Törleß. Er bahnte in ihm jene Art
Menschenkenntnis an, die es lehrt, einen anderen nach dem Falle
der Stimme, nach der Art, wie er etwas in die Hand nimmt, ja selbst
nach dem =timbre= seines Schweigens und dem Ausdruck der körperlichen
Haltung, mit der er sich in einen Raum fügt, kurz nach dieser
beweglichen, kaum greifbaren und doch erst eigentlichen, vollen Art,
etwas Seelisch-Menschliches zu sein, die um den Kern, das Greif- und
Besprechbare, wie um ein bloßes Skelett herumgelagert ist, so zu
erkennen und zu genießen, daß man die geistige Persönlichkeit dabei
vorwegnimmt.
Törleß lebte während dieser kurzen Zeit wie in einer Idylle. Er stieß
sich nicht an der Religiosität seines neuen Freundes, die ihm, der
aus einem bürgerlich freidenkenden Hause stammte, eigentlich etwas
ganz Fremdes war. Er nahm sie vielmehr ohne alles Bedenken hin, ja
sie bildete in seinen Augen sogar einen besonderen Vorzug des Prinzen,
denn sie potenzierte gewissermaßen das Wesen dieses Menschen, das er
dem seinen völlig unähnlich, aber auch ganz unvergleichlich fühlte.
In der Gesellschaft dieses Prinzen fühlte er sich etwa wie in einer
abseits des Weges liegenden Kapelle, so daß der Gedanke, daß er
eigentlich nicht dorthin gehöre, ganz gegen den Genuß verschwand,
das Tageslicht einmal durch Kirchenfenster anzusehen und das Auge so
lange über den nutzlosen vergoldeten Zierat gleiten zu lassen, der
in der Seele dieses Menschen aufgehäuft war, bis er von dieser selbst
ein undeutliches Bild empfing, so als ob er, ohne sich Gedanken
darüber machen zu können, mit dem Finger eine schöne, aber nach
seltsamen Gesetzen verschlungene Arabeske nachzöge.
Dann kam es plötzlich zum Bruche zwischen beiden.
Wegen einer Dummheit, wie sich Törleß selbst hinterher sagen mußte.
Sie waren nämlich doch einmal ins Streiten über religiöse Dinge
gekommen. Und in diesem Augenblicke war es eigentlich schon um alles
geschehen. Denn wie von Törleß unabhängig schlug nun der Verstand in
ihm unaufhaltsam auf den zarten Prinzen los. Er überschüttete ihn mit
dem Spotte des Vernünftigen, zerstörte barbarisch das filigrane
Gebäude, in dem dessen Seele heimisch war, und sie gingen im Zorne
auseinander.
Seit der Zeit hatten sie auch kein Wort wieder zueinander gesprochen.
Törleß war sich wohl dunkel bewußt, daß er etwas Sinnloses getan
hatte, und eine unklare, gefühlsmäßige Einsicht sagte ihm, daß da
dieser hölzerne Zollstab des Verstandes zu ganz unrechter Zeit etwas
Feines und Genußreiches zerschlagen habe. Aber dies war etwas, das
ganz außer seiner Macht lag. Eine Art Sehnsucht nach dem früheren
war wohl für immer in ihm zurückgeblieben, aber er schien in einen
anderen Strom geraten zu sein, der ihn immer weiter davon entfernte.
Nach einiger Zeit trat dann auch der Prinz, der sich im Konvikte nicht
wohl befunden hatte, wieder aus.
* * * * *
Nun wurde es ganz leer und langweilig um Törleß. Aber er war
einstweilen älter geworden, und die beginnende Geschlechtsreife fing
an sich dunkel und allmählich in ihm emporzuheben. In diesem
Abschnitt seiner Entwicklung schloß er einige neue, dementsprechende
Freundschaften, die für ihn später von größter Wichtigkeit wurden.
So mit Beineberg und Reiting, mit Moté und Hofmeier, eben jenen
jungen Leuten, in deren Gesellschaft er heute seine Eltern zur
Bahn begleitete.
Merkwürdigerweise waren dies gerade die Übelsten seines Jahrganges,
zwar talentiert und selbstverständlich auch von guter Herkunft,
aber bisweilen bis zur Roheit wild und ungebärdig. Und daß gerade
ihre Gesellschaft Törleß nun fesselte, lag wohl an seiner eigenen
Unselbständigkeit, die, seitdem es ihn von dem Prinzen wieder
fortgetrieben hatte, sehr arg war. Es lag sogar in der geradlinigen
Verlängerung dieses Abschwenkens, denn es bedeutete wie dieses eine
Angst vor allzu subtilen Empfindeleien, gegen die das Wesen der
anderen Kameraden gesund, kernig und lebensgerecht abstach.
Törleß überließ sich gänzlich ihrem Einflusse, denn seine geistige
Situation war nun ungefähr diese: In seinem Alter hat man am
Gymnasium Goethe, Schiller, Shakespeare, vielleicht sogar schon die
Modernen gelesen. Das schreibt sich dann halbverdaut aus den
Fingerspitzen wieder heraus. Römertragödien entstehen oder sensitivste
Lyrik, die im Gewande seitenlanger Interpunktionen wie in der
Zartheit durchbrochener Spitzenarbeit einherschreitet: Dinge, die an
und für sich lächerlich sind, für die Sicherheit der Entwicklung aber
einen unschätzbaren Wert bedeuten. Denn diese von außen kommenden
Assoziationen und erborgten Gefühle tragen die jungen Leute über
den gefährlich weichen seelischen Boden dieser Jahre hinweg, wo man
sich selbst etwas bedeuten muß und doch noch zu unfertig ist, um
wirklich etwas zu bedeuten. Ob für später bei dem einen etwas
davon zurückbleibt oder bei dem andern nichts, ist gleichgültig,
dann findet sich schon jeder mit sich ab, und die Gefahr besteht
nur in dem Alter des Überganges. Wenn man da solch einem jungen
Menschen das Lächerliche seiner Person zur Einsicht bringen könnte, so
würde der Boden unter ihm einbrechen oder er würde wie ein erwachter
Nachtwandler herabstürzen, der plötzlich nichts als Leere sieht.
Diese Illusion, dieser Trick zugunsten der Entwicklung fehlte im
Institute. Denn dort waren in der Bibliothek wohl die Klassiker
enthalten, aber diese galten als langweilig, und sonst fanden sich
nur sentimentale Novellenbände und witzlose Militärhumoresken.
Der kleine Törleß hatte sie wohl alle in einer förmlichen Gier nach
Büchern durchgelesen, irgendeine banal zärtliche Vorstellung aus ein
oder der anderen Novelle wirkte manchmal auch noch eine Weile nach,
allein einen Einfluß, einen wirklichen Einfluß, nahm dies auf seinen
Charakter nicht.
Es schien damals, daß er überhaupt keinen Charakter habe.
Er schrieb zum Beispiel unter dem Einflusse dieser Lektüre selbst hie
und da eine kleine Erzählung oder begann ein romantisches Epos zu
dichten. In der Erregung über die Liebesleiden seiner Helden röteten
sich dann seine Wangen, seine Pulse beschleunigten sich und seine
Augen glänzten.
Wie er aber die Feder aus der Hand legte, war alles vorbei;
gewissermaßen nur in der Bewegung lebte sein Geist. Daher war es ihm
auch möglich, ein Gedicht oder eine Erzählung wann immer, auf jede
Aufforderung hin, niederzuschreiben. Er regte sich dabei auf, aber
trotzdem nahm er es nie ganz ernst und die Tätigkeit schien ihm
nicht wichtig. Es ging von ihr nichts auf seine Person über, und sie
ging nicht von seiner Person aus. Er hatte nur unter irgend einem
äußeren Zwang Empfindungen, die über das Gleichgültige hinausgingen,
wie ein Schauspieler hiezu des Zwanges einer Rolle bedarf.
Es waren Reaktionen des Gehirns. Das aber, was man als Charakter
oder Seele, Linie oder Klangfarbe eines Menschen fühlt, jedenfalls
dasjenige, wogegen die Gedanken, Entschlüsse und Handlungen wenig
bezeichnend, zufällig und auswechselbar erscheinen, dasjenige, was
beispielsweise Törleß an den Prinzen jenseits alles verstandlichen
Beurteilens geknüpft hatte, dieser letzte, unbewegliche Hintergrund,
war zu jener Zeit in Törleß gänzlich verloren gegangen.
In seinen Kameraden war es die Freude am Sport, das Animalische,
welches sie eines solchen gar nicht bedürfen ließ, sowie am Gymnasium
das Spiel mit der Literatur dafür sorgt.
Törleß war aber für das eine zu geistig angelegt und dem anderen
brachte er jene scharfe Feinfühligkeit für das Lächerliche solcher
erborgter =sentiments= entgegen, die das Leben im Institute durch
seine Nötigung steter Bereitschaft zu Streitigkeiten und Faustkämpfen
erzeugt. So erhielt sein Wesen etwas Unbestimmtes, eine innere
Hilflosigkeit, die ihn nicht zu sich selbst finden ließ.
Er schloß sich seinen neuen Freunden an, weil ihm ihre Wildheit
imponierte. Da er ehrgeizig war, versuchte er hie und da, es ihnen
darin sogar zuvorzutun. Aber jedesmal blieb er wieder auf halbem
Wege stehen und hatte nicht wenig Spott deswegen zu erleiden. Dies
verschüchterte ihn dann wieder. Sein ganzes Leben bestand in dieser
kritischen Periode eigentlich nur in diesem immer erneuten Bemühen,
seinen rauhen, männlicheren Freunden nachzueifern, und in einer tief
innerlichen Gleichgültigkeit gegen dieses Bestreben.
Besuchten ihn jetzt seine Eltern, so war er, solange sie allein waren,
still und scheu. Den zärtlichen Berührungen seiner Mutter entzog er
sich jedesmal unter einem anderen Vorwande. In Wahrheit hätte er ihnen
gerne nachgegeben, aber er schämte sich, als seien die Augen seiner
Kameraden auf ihn gerichtet.
Seine Eltern nahmen es als die Ungelenkigkeit der Entwicklungsjahre hin.
Nachmittag kam dann die ganze laute Schar. Man spielte Karten, aß,
trank, erzählte Anekdoten über die Lehrer und rauchte die Zigaretten,
die der Hofrat aus der Residenz mitgebracht hatte.
Diese Heiterkeit erfreute und beruhigte das Ehepaar.
Daß für Törleß mitunter auch andere Stunden kamen, wußten sie nicht.
Und in der letzten Zeit immer zahlreichere. Er hatte Augenblicke, wo
ihm das Leben im Institute völlig gleichgültig wurde. Der Kitt seiner
täglichen Sorgen löste sich da und die Stunden seines Lebens fielen
ohne innerlichen Zusammenhang auseinander.
Er saß oft lange -- in finsterem Nachdenken -- gleichsam über sich
selbst gebeugt.
* * * * *
Zwei Besuchstage waren es auch diesmal gewesen. Man hatte gespeist,
geraucht, eine Spazierfahrt unternommen, und nun sollte der Eilzug das
Ehepaar wieder in die Residenz zurückführen.
Ein leises Rollen in den Schienen kündigte sein Nahen an und die
Signale der Glocke am Dache des Stationsgebäudes klangen der Hofrätin
unerbittlich ins Ohr.
»Also nicht wahr, lieber Beineberg, Sie geben mir auf meinen Buben
acht?« wandte sich Hofrat Törleß an den jungen Baron Beineberg,
einen langen, knochigen Burschen mit mächtig abstehenden Ohren, aber
ausdrucksvollen, gescheiten Augen.
Der kleine Törleß schnitt ob dieser Bevormundung ein mißmutiges Gesicht
und Beineberg grinste geschmeichelt und ein wenig schadenfroh.
»Überhaupt«, -- wandte sich der Hofrat an die übrigen, -- »möchte ich
Sie alle gebeten haben, falls meinem Sohne irgend etwas sein sollte,
mich gleich davon zu verständigen.«
Dies entlockte nun doch dem jungen Törleß ein unendlich gelangweiltes:
»Aber Papa, was soll mir denn passieren?!« obwohl er schon daran
gewöhnt war, bei jedem Abschiede diese allzugroße Sorgsamkeit über
sich ergehen lassen zu müssen.
Die anderen schlugen indessen die Hacken zusammen, wobei sie die
zierlichen Degen straff an die Seite zogen, und der Hofrat fügte noch
hinzu: »Man kann nie wissen, was vorkommt, und der Gedanke, sofort von
allem verständigt zu werden, bereitet mir eine große Beruhigung:
schließlich könntest du doch auch am Schreiben behindert sein.«
Dann fuhr der Zug ein. Hofrat Törleß umarmte seinen Sohn, Frau von
Törleß drückte den Schleier fester ans Gesicht, um ihre Tränen zu
verbergen, die Freunde bedankten sich der Reihe nach, dann schloß der
Schaffner die Wagentür.
Noch einmal sah das Ehepaar die hohe, kahle Rückfront des
Institutsgebäudes, -- die mächtige, langgestreckte Mauer, welche den
Park umschloß, dann kamen rechts und links nur mehr graubraune
Felder und vereinzelte Obstbäume.
* * * * *
Die jungen Leute hatten unterdessen den Bahnhof verlassen und gingen
in zwei Reihen hintereinander auf den beiden Rändern der Straße, -- so
wenigstens dem dicksten und zähesten Staube ausweichend, -- der Stadt
zu, ohne viel miteinander zu reden.
Es war fünf Uhr vorbei und über die Felder kam es ernst und kalt, wie
ein Vorbote des Abends.
Törleß wurde sehr traurig.
Vielleicht war daran die Abreise seiner Eltern schuld, vielleicht war
es jedoch nur die abweisende, stumpfe Melancholie, die jetzt auf der
ganzen Natur ringsumher lastete und schon auf wenige Schritte die
Formen der Gegenstände mit schweren glanzlosen Farben verwischte.
Dieselbe furchtbare Gleichgültigkeit, die schon den ganzen Nachmittag
über allerorts gelegen war, kroch nun über die Ebene heran, und
hinter ihr her wie eine schleimige Fährte der Nebel, der über den
Sturzäckern und bleigrauen Rübenfeldern klebte.
Törleß sah nicht rechts noch links, aber er fühlte es. Schritt für
Schritt trat er in die Spuren, die soeben erst vom Fuße des Vordermanns
in dem Staube aufklafften -- und so fühlte er es: als ob es so sein
müßte: als einen steinernen Zwang, der sein ganzes Leben in diese
Bewegung -- Schritt für Schritt -- auf dieser einen Linie, auf diesem
einen schmalen Streifen, der sich durch den Staub zog, einfing und
zusammenpreßte.
Als sie an einer Kreuzung stehen blieben, wo ein zweiter Weg mit dem
ihren in einen runden, ausgetretenen Fleck zusammenfloß, und als
dort ein morschgewordener Wegweiser schief in die Luft hineinragte,
wirkte diese, mit ihrer Umgebung in Widerspruch stehende, Linie wie
ein verzweifelter Schrei auf Törleß.
Wieder gingen sie weiter. Törleß dachte an seine Eltern, an Bekannte,
an das Leben. Um diese Stunde kleidet man sich für eine Gesellschaft
an oder beschließt ins Theater zu fahren. Und nachher geht man ins
Restaurant, hört eine Kapelle, besucht das Kaffeehaus. Man macht
eine interessante Bekanntschaft. Ein galantes Abenteuer hält bis
zum Morgen in Erwartung. Das Leben rollt wie ein wunderbares Rad immer
Neues, Unerwartetes aus sich heraus ...
Törleß seufzte unter diesen Gedanken und bei jedem Schritte, der ihn
der Enge des Institutes näher trug, schnürte sich etwas immer fester
in ihm zusammen.
Jetzt schon klang ihm das Glockenzeichen in den Ohren. Nichts
fürchtete er nämlich so sehr wie dieses Glockenzeichen, das
unwiderruflich das Ende des Tages bestimmte -- wie ein brutaler
Messerschnitt.
Er erlebte ja nichts und sein Leben dämmerte in steter Gleichgültigkeit
dahin, aber dieses Glockenzeichen fügte dem auch noch den Hohn hinzu
und ließ ihn in ohnmächtiger Wut über sich selbst, über sein
Schicksal, über den begrabenen Tag erzittern.
Nun kannst du gar nichts mehr erleben, während zwölf Stunden kannst
du nichts mehr erleben, für zwölf Stunden bist du tot ...: das war
der Sinn dieses Glockenzeichens.
* * * * *
Als die Gesellschaft junger Leute zwischen die ersten niedrigen,
hüttenartigen Häuser kam, wich dieses dumpfe Brüten von Törleß. Wie
von einem plötzlichen Interesse erfaßt, hob er den Kopf und blickte
angestrengt in das dunstige Innere der kleinen, schmutzigen Gebäude,
an denen sie vorübergingen.
Vor den Türen der meisten standen die Weiber, in Kitteln und groben
Hemden, mit breiten, beschmutzten Füßen und nackten, braunen Armen.
Waren sie jung und drall, so flog ihnen manches derbe slawische
Scherzwort zu. Sie stießen sich an und kicherten über die »jungen
Herren«; manchmal schrie eine auch auf, wenn im Vorübergehen allzu
hart ihre Brüste gestreift wurden, oder erwiderte mit einem lachenden
Schimpfwort einen Schlag auf die Schenkel. Manche sah auch bloß mit
zornigem Ernste hinter den Eilenden drein; und der Bauer lächelte
verlegen -- halb unsicher, halb gutmütig -- wenn er zufällig
hinzugekommen war.
Törleß beteiligte sich nicht an dieser übermütigen, frühreifen
Männlichkeit seiner Freunde.
Der Grund hiezu lag wohl teilweise in einer gewissen Schüchternheit
in geschlechtlichen Sachen, wie sie fast allen einzigen Kindern
eigentümlich ist, zum größeren Teile jedoch in der ihm besonderen
Art der sinnlichen Veranlagung, welche verborgener, mächtiger und
dunkler gefärbt war als die seiner Freunde und sich schwerer äußerte.
Während die anderen mit den Weibern schamlos -- taten, beinahe mehr
um »fesch« zu sein als aus Begierde, war die Seele des schweigsamen,
kleinen Törleß aufgewühlt und von wirklicher Schamlosigkeit gepeitscht.
Er blickte mit so brennenden Augen durch die kleinen Fenster und
winkligen, schmalen Torwege in das Innere der Häuser, daß es ihm
beständig wie ein feines Netz vor den Augen tanzte.
Fast nackte Kinder wälzten sich in dem Kot der Höfe, da und dort gab
der Rock eines arbeitenden Weibes die Kniekehlen frei oder drückte
sich eine schwere Brust straff in die Falten der Leinwand. Und als
ob all dies selbst unter einer ganz anderen, tierischen, drückenden
Atmosphäre sich abspielte, floß aus dem Flur der Häuser eine träge,
schwere Luft, die Törleß begierig einatmete.
Er dachte an alte Malereien, die er in Museen gesehen hatte, ohne
sie recht zu verstehen. Er wartete auf irgend etwas, so wie er vor
diesen Bildern immer auf etwas gewartet hatte, das sich nie ereignete.
Worauf ...?... Auf etwas Überraschendes, noch nie Gesehenes; auf einen
unerhörten Anblick, von dem er sich nicht die geringste Vorstellung
machen konnte; auf irgend etwas von fürchterlicher, tierischer
Sinnlichkeit; das ihn wie mit Krallen packe und von den Augen aus
zerreiße; auf ein Erlebnis, das in irgendeiner noch ganz unklaren Weise
mit den schmutzigen Kitteln der Weiber, mit ihren rauhen Händen,
mit der Niedrigkeit ihrer Stuben, mit ... mit einer Beschmutzung an
dem Kot der Höfe ... zusammenhängen müsse.... Nein, nein; ... er
fühlte jetzt nur mehr das feurige Netz vor den Augen; die Worte
sagten es nicht; so arg, wie es die Worte machen, ist es gar nicht;
es ist etwas ganz Stummes, -- ein Würgen in der Kehle, ein kaum
merkbarer Gedanke und nur dann, wenn man es durchaus mit Worten
sagen wollte, käme es so heraus; aber dann ist es auch nur mehr
entfernt ähnlich, wie in einer riesigen Vergrößerung, wo man nicht
nur alles deutlicher sieht, sondern auch Dinge, die gar nicht da sind
.. Dennoch war es zum Schämen.
* * * * *
»Hat das Bubi Heimweh?« fragte ihn plötzlich spöttisch der lange und
um zwei Jahre ältere v. Reiting, welchem Törleß' Schweigsamkeit und
die verdunkelten Augen aufgefallen waren. Törleß lächelte gemacht und
verlegen und ihm war, als hätte der boshafte Reiting die Vorgänge in
seinem Innern belauscht.
Er gab keine Antwort. Aber sie waren mittlerweile auf den Kirchplatz
des Städtchens gelangt, der die Form eines Quadrates hatte und mit
Katzenköpfen gepflastert war, und trennten sich nun voneinander.
Törleß und Beineberg wollten noch nicht ins Institut zurück, während
die andern keine Erlaubnis zu längerem Ausbleiben hatten und nach Hause
gingen.
* * * * *
Die beiden waren in der Konditorei eingekehrt.
Dort saßen sie an einem kleinen Tische mit runder Platte, neben einem
Fenster, das auf den Garten hinausging, unter einer Gaskrone, deren
Lichter hinter den milchigen Glaskugeln leise summten.
Sie hatten es sich bequem gemacht, ließen sich die Gläschen mit
wechselnden Schnäpsen füllen, rauchten Zigaretten, aßen dazwischen
etwas Bäckerei und genossen das Behagen, die einzigen Gäste zu sein.
Denn höchstens in den hinteren Räumen saß noch ein vereinzelter
Besucher vor seinem Glase Wein; vorne war es still und selbst die
feiste, angejährte Konditorin schien hinter ihrem Ladentische zu
schlafen.
Törleß sah -- nur so ganz unbestimmt -- durch das Fenster -- in den
leeren Garten hinaus, der allgemach verdunkelte.
Beineberg erzählte. Von Indien. Wie gewöhnlich. Denn sein Vater, der
General war, war dort als junger Offizier in englischen Diensten
gestanden. Und nicht nur hatte er wie sonstige Europäer Schnitzereien,
Gewebe und kleine Industriegötzen mit herüber gebracht, sondern auch
etwas von dem geheimnisvollen, bizarren Dämmern des esoterischen
Buddhismus gefühlt und sich bewahrt. Auf seinen Sohn hatte er das,
was er von da her wußte und später noch hinzulas, schon von dessen
Kindheit an übertragen.
Mit dem Lesen war es übrigens bei ihm ganz eigens. Er war
Reiteroffizier und liebte durchaus nicht die Bücher im allgemeinen.
Romane und Philosophie verachtete er gleichermaßen. Wenn er las,
wollte er nicht über Meinungen und Streitfragen nachdenken, sondern
schon beim Aufschlagen der Bücher wie durch eine heimliche Pforte
in die Mitte auserlesener Erkenntnisse treten. Es mußten Bücher sein,
deren Besitz allein schon wie ein geheimes Ordenszeichen war und wie
eine Gewährleistung überirdischer Offenbarungen. Und solches fand
er nur in den Büchern der indischen Philosophie, die für ihn eben
nicht bloße Bücher zu sein schienen, sondern Offenbarungen,
Wirkliches, -- Schlüsselwerke wie die alchimistischen und Zauberbücher
des Mittelalters.
Mit ihnen schloß sich dieser gesunde, tatkräftige Mann, der strenge
seinen Dienst versah und überdies seine drei Pferde fast täglich selber
ritt, meist gegen Abend ein.
Dann griff er aufs Geratewohl eine Stelle heraus und sann, ob sich ihr
geheimster Sinn ihm nicht heute erschlösse. Und nie war er enttäuscht,
so oft er auch einsehen mußte, daß er noch nicht weiter als bis zum
Vorhof des geheiligten Tempels gelangt sei.
So schwebte um diesen nervigen, gebräunten Freiluftmenschen etwas wie
ein weihevolles Geheimnis. Seine Überzeugung, täglich am Vorabend
einer niederschmetternd großen Enthüllung zu stehen, gab ihm eine
verschlossene Überlegenheit. Seine Augen waren nicht träumerisch,
sondern ruhig und hart. Die Gewohnheit, in Büchern zu lesen, in denen
kein Wort von seinem Platze gerückt werden durfte, ohne den geheimen
Sinn zu stören, das vorsichtige, achtungsvolle Abwägen eines jeden
Satzes nach Sinn und Doppelsinn, hatte ihren Ausdruck geformt.
Nur mitunter verloren sich seine Gedanken in ein Dämmern von wohliger
Melancholie. Das geschah, wenn er an den geheimen Kult dachte, der sich
an die Originale der vor ihm liegenden Schriften knüpfte, an die
Wunder, die von ihnen ausgegangen waren und Tausende ergriffen
hatten, Tausende von Menschen, die ihm wegen der großen Entfernung,
die ihn von ihnen trennte, nun wie Brüder erschienen, während er doch
die Menschen seiner Umgebung, die er mit allen ihren Details sah,
verachtete. In diesen Stunden wurde er mißmutig. Der Gedanke, daß
sein Leben verurteilt sei, ferne von den Quellen der heiligen Kräfte
zu verlaufen, seine Anstrengungen verurteilt, an der Ungunst der
Verhältnisse vielleicht doch zu erlahmen, drückte ihn nieder. Wenn
er aber dann eine Weile betrübt vor seinen Büchern gesessen war, wurde
ihm eigentümlich zumute. Seine Melancholie verlor zwar nichts von
ihrer Schwere, im Gegenteil, ihre Traurigkeit steigerte sich noch,
aber sie drückte ihn nicht mehr. Er fühlte sich mehr denn je verlassen
und auf verlorenem Posten, aber in dieser Wehmut lag ein feines
Vergnügen, ein Stolz, etwas Fremdes zu tun, einer unverstandenen
Gottheit zu dienen. Und dann konnte wohl auch vorübergehend in seinen
Augen etwas aufleuchten, das an den Aberwitz religiöser Ekstase
gemahnte.
* * * * *
Beineberg hatte sich müde gesprochen. In ihm lebte das Bild seines
wunderlichen Vaters in einer Art verzerrender Vergrößerung weiter.
Jeder Zug war zwar bewahrt; aber das, was bei jenem ursprünglich
vielleicht nur eine Laune gewesen war, die ihrer Exklusivität
halber konserviert und gesteigert wurde, hatte sich in ihm zu einer
phantastischen Hoffnung ausgewachsen. Jene Eigenheit seines Vaters,
die für diesen im Grunde genommen vielleicht doch nur den gewissen
letzten Schlupfwinkel der Individualität bedeutete, den sich jeder
Mensch -- und sei es auch nur durch die Wahl seiner Kleider --
schaffen muß, um etwas zu haben, das ihn vor anderen auszeichne,
war in ihm zu dem festen Glauben geworden, sich mittels ungewöhnlicher
seelischer Kräfte eine Herrschaft sichern zu können.
Törleß kannte diese Gespräche zur Genüge. Sie gingen an ihm vorbei und
berührten ihn kaum.
Er hatte sich jetzt halb vom Fenster abgewandt und beobachtete
Beineberg, der sich eine Zigarette drehte. Und er fühlte wieder
jenen merkwürdigen Widerwillen gegen diesen, der zuzeiten in ihm
aufstieg. Diese schmalen dunklen Hände, die eben geschickt den
Tabak in das Papier rollten, waren doch eigentlich schön. Magere
Finger, ovale, schön gewölbte Nägel: es lag eine gewisse Vornehmheit
in ihnen. Auch in den dunkelbraunen Augen. Auch in der gestreckten
Magerkeit des ganzen Körpers lag eine solche. Freilich, -- die Ohren
standen mächtig ab, das Gesicht war klein und unregelmäßig und der
Gesamteindruck des Kopfes erinnerte an den einer Fledermaus. Dennoch,
-- das fühlte Törleß, indem er die Einzelnheiten gegeneinander abwog,
ganz deutlich, -- waren es nicht die häßlichen, sondern gerade die
vorzüglicheren derselben, die ihn so eigentümlich beunruhigten.
Die Magerkeit des Körpers, -- Beineberg selbst pflegte die
stahlschlanken Beine homerischer Wettläufer als sein Vorbild zu
preisen, -- wirkte auf ihn durchaus nicht in dieser Weise. Törleß
hatte sich darüber bisher noch nicht Rechenschaft gegeben und nun
fiel ihm im Augenblicke kein befriedigender Vergleich ein. Er hätte
Beineberg gern scharf ins Auge gefaßt, aber dann hätte es dieser
gemerkt und er hätte irgendein Gespräch beginnen müssen. Aber gerade
so, -- da er ihn nur halb ansah und halb in der Phantasie das Bild
ergänzte, -- fiel ihm der Unterschied auf. Wenn er sich die Kleider
von dem Körper wegdachte, so war es ihm ganz unmöglich, die
Vorstellung einer ruhigen Schlankheit festzuhalten, vielmehr traten
ihm augenblicklich unruhige, sich windende Bewegungen vor das Auge,
ein Verdrehen der Gliedmaßen und Verkrümmen der Wirbelsäule, wie
man es in alten Darstellungen des Martyriums oder in den grotesken
Schaubietungen der Jahrmarktsartisten finden kann.
Auch die Hände, die er ja gewiß ebensogut in dem Eindrucke irgendeiner
formvollen Geste hätte festhalten können, dachte er nicht anders als
in einer fingernden Beweglichkeit. Und gerade an ihnen, die doch
eigentlich das Schönste an Beineberg waren, konzentrierte sich der
größte Widerwille. Sie hatten etwas Unzüchtiges an sich. Das war
wohl der richtige Vergleich. Und etwas Unzüchtiges lag auch in dem
Eindrucke verrenkter Bewegungen, den der Körper machte. In den
Händen schien es sich nur gewissermaßen anzusammeln und schien von
ihnen wie das Vorgefühl einer Berührung auszustrahlen, das Törleß
einen ekligen Schauer über die Haut jagte. Er war selbst über seinen
Einfall verwundert und ein wenig erschrocken. Denn schon zum zweitenmal
an diesem Tage geschah es, daß sich etwas Geschlechtliches unvermutet
und ohne rechten Zusammenhang zwischen seine Gedanken drängte.
Beineberg hatte sich eine Zeitung genommen und Törleß konnte ihn jetzt
genau betrachten.
Da war tatsächlich kaum etwas zu finden, das dem plötzlichen Auftauchen
einer solchen Ideenverknüpfung auch nur einigermaßen hätte zur
Entschuldigung dienen können.
Und doch wurde das Mißbehagen aller Unbegründung zu Trotz immer
lebhafter. Es waren noch keine zehn Minuten des Schweigens zwischen den
beiden verstrichen und dennoch fühlte Törleß seinen Widerwillen
bereits auf das äußerste gesteigert. Eine Grundstimmung, Grundbeziehung
zwischen ihm und Beineberg schien sich darin zum ersten Male zu
äußern, ein immer schon lauernd dagewesenes Mißtrauen schien mit
einem Male in das bewußte Empfinden aufgestiegen zu sein.
Die Situation zwischen den beiden spitzte sich immer mehr zu.
Beleidigungen, für die er keine Worte wußte, drängten sich Törleß
auf. Eine Art Scham, so als ob zwischen ihm und Beineberg wirklich
etwas vorgefallen wäre, versetzte ihn in Unruhe. Seine Finger
begannen unruhig auf der Tischplatte zu trommeln.
* * * * *
Endlich sah er, um diesen sonderbaren Zustand loszuwerden, wieder zum
Fenster hinaus.
Beineberg blickte jetzt von der Zeitung auf; dann las er irgendeine
Stelle vor, legte das Blatt weg und gähnte.
Mit dem Schweigen war auch der Zwang gebrochen, der auf Törleß gelastet
hatte. Belanglose Worte rannen nun vollends über diesen Augenblick
hinweg und verlöschten ihn. Es war ein plötzliches Aufhorchen gewesen,
dem nun wieder die alte Gleichgültigkeit folgte ...
»Wie lange haben wir noch Zeit?« fragte Törleß.
»Zweieinhalb Stunden.«
Dann zog er fröstelnd die Schultern hoch. Er fühlte wieder die lähmende
Gewalt der Enge, der es entgegenging. Der Stundenplan, der tägliche
Umgang mit den Freunden. Selbst jener Widerwille gegen Beineberg
wird nicht mehr sein, der für einen Augenblick eine neue Situation
geschaffen zu haben schien.
»... Was gibt es heute zum Abendessen?«
»Ich weiß nicht.«
»Was für Gegenstände haben wir morgen?«
»Mathematik.«
»Oh? Haben wir etwas auf?«
»Ja, ein paar neue Sätze aus der Trigonometrie; doch du wirst sie
treffen, es ist nichts Besonderes an ihnen.«
»Und dann?«
»Religion.«
»Religion? Ach ja. Das wird wieder etwas werden ... Ich glaube, wenn
ich so recht im Zug bin, könnte ich gerade so gut beweisen, daß zweimal
zwei fünf ist, wie daß es nur einen Gott geben kann ...«
Beineberg blickte spöttisch zu Törleß auf. »Du bist darin überhaupt
komisch; mir scheint fast, daß es dir selbst Vergnügen bereitet;
wenigstens glänzt dir der Eifer nur so aus den Augen ...«
»Warum nicht?! Ist es nicht hübsch? Es gibt immer einen Punkt dabei,
wo man dann nicht mehr weiß, ob man noch lügt oder ob das, was man
erfunden hat, wahrer ist als man selber.«
»Wieso?«
»Nun, ich meine es ja nicht wörtlich. Man weiß ja gewiß immer, daß man
schwindelt; aber trotzdem erscheint einem selbst die Sache mitunter
so glaubwürdig, daß man gewissermaßen, von seinen eigenen Gedanken
gefangen genommen, still steht.«
»Ja, aber was bereitet dir denn daran Vergnügen?«
»Eben dies. Es geht einem so ein Ruck durch den Kopf, ein Schwindel,
ein Erschrecken ...«
»Ach hör auf, das sind Spielereien.«
»Ich habe ja nicht das Gegenteil behauptet. Aber jedenfalls ist mir
dies in der ganzen Schule noch das Interessanteste.«
»Es ist so eine Art mit dem Gehirn zu turnen; aber es hat doch keinen
rechten Zweck.«
»Nein«, sagte Törleß und sah wieder in den Garten hinaus. In seinem
Rücken -- ferne -- hörte er die Gasflammen summen. Er verfolgte ein
Gefühl, das melancholisch, wie ein Nebel, in ihm aufstieg.
»Es hat keinen Zweck. Du hast recht. Aber man darf sich das gar nicht
sagen. Von alldem, das wir den ganzen Tag lang in der Schule tun,
-- was davon hat eigentlich einen Zweck? Wovon hat man etwas? Ich meine
etwas für sich haben -- du verstehst? Man weiß am Abend, daß man wieder
einen Tag gelebt hat, daß man so und so viel gelernt hat, man hat
dem Stundenplan genügt, aber man ist dabei leer geblieben, -- innerlich
meine ich, man hat sozusagen einen ganz innerlichen Hunger ...«
Beineberg brummte etwas von Üben, Geist vorbereiten -- noch nichts
anfangen können -- später ...
»Vorbereiten? Üben? Wofür denn? Weißt du etwas Bestimmtes? Du hoffst
vielleicht auf etwas, aber auch dir ist es ganz ungewiß. Es ist so: Ein
ewiges Warten auf etwas, von dem man nichts anderes weiß, als daß man
darauf wartet ... Das ist so langweilig ...«
»Langweilig ...« dehnte Beineberg nach und wiegte mit dem Kopfe.
Törleß sah noch immer in den Garten. Er glaubte das Rascheln der welken
Blätter zu hören, die der Wind zusammentrug. Dann kam jener Augenblick
intensivster Stille, der stets dem völligen Dunkelwerden kurz voran
geht. Die Formen, welche sich immer tiefer in die Dämmerung gebettet
hatten, und die Farben, welche zerflossen, schienen für Sekunden still
zu stehen, den Atem anzuhalten ...
»Höre, Beineberg,« sprach Törleß, ohne sich zurückzuwenden, »es muß
während des Dämmerns immer einige Augenblicke geben, die ganz eigener
Art sind. So oft ich es beobachte, kehrt mir dieselbe Erinnerung
wieder. Ich war noch sehr klein, als ich um diese Stunde einmal im
Walde spielte. Das Dienstmädchen hatte sich entfernt, ich wußte das
nicht und glaubte es noch in meiner Nähe zu empfinden. Plötzlich
zwang mich etwas aufzusehen. Ich fühlte, daß ich allein sei. Es war
plötzlich so still. Und als ich um mich blickte, war mir, als stünden
die Bäume schweigend im Kreise und sähen mir zu. Ich weinte; ich
fühlte mich so verlassen von den Großen, den leblosen Geschöpfen
preisgegeben ... Was ist das? Ich fühle es häufig wieder. Dieses
plötzliche Schweigen, das wie eine Sprache ist, die wir nicht hören?«
»Ich kenne das nicht, was du meinst; aber warum sollten nicht die
Dinge eine Sprache haben? Können wir doch nicht einmal mit Bestimmtheit
behaupten, daß ihnen keine Seele zukommt!«
Törleß gab keine Antwort. Beinebergs spekulative Auffassung behagte ihm
nicht.
Nach einer Weile begann aber dieser: »Warum siehst du noch fortwährend
zum Fenster hinaus? Was findest denn du daran?«
»Ich denke noch immer nach, was das sein mag?« In Wahrheit hatte er
aber bereits an etwas Weiteres gedacht, was er nur nicht eingestehen
wollte. Die hohe Anspannung, das Lauschen auf ein ernstes Geheimnis
und die Verantwortung, mitten in noch unbeschriebene Beziehungen
des Lebens zu blicken, hatte er nur für einen Augenblick aushalten
können. Dann war wieder jenes Gefühl des Allein- und Verlassenseins
über ihn gekommen, das stets dieser zu hohen Anforderung folgte.
Er fühlte: hierin liegt etwas, das jetzt noch zu schwer für mich
ist, und seine Gedanken flüchteten zu etwas anderem, das auch darin
lag, aber gewissermaßen nur im Hintergrunde und auf der Lauer: Die
Einsamkeit.
Aus dem verlassenen Garten tanzte hie und da ein Blatt an das
erleuchtete Fenster und riß auf seinem Rücken einen hellen Streifen in
das Dunkel hinein. Dieses schien auszuweichen, sich zurückzuziehen,
um im nächsten Augenblicke wieder vorzurücken und unbeweglich wie
eine Mauer vor den Fenstern zu stehen. Es war eine Welt für sich,
dieses Dunkel. Wie ein Schwarm schwarzer Feinde war es über die Erde
gekommen und hatte die Menschen erschlagen oder vertrieben oder was
immer getan, das jede Spur von ihnen auslöschte.
Und Törleß schien es, daß er sich darüber freue. Er mochte in diesem
Augenblick die Menschen nicht, die Großen und Erwachsenen. Er mochte
sie nie, wenn es dunkel war. Er war gewöhnt sich dann die Menschen
wegzudenken. Die Welt erschien ihm danach wie ein leeres, finsteres
Haus und in seiner Brust war ein Schauer, als sollte er nun von Zimmer
zu Zimmer suchen -- dunkle Zimmer, von denen man nicht wußte, was
ihre Ecken bargen -- tastend über die Schwellen schreiten, die keines
Menschen Fuß außer dem seinen mehr betreten sollte, bis -- in einem
Zimmer sich die Türen plötzlich vor und hinter ihm schlössen und er
der Herrin selbst der schwarzen Scharen gegenüberstünde. Und in
diesem Augenblicke würden auch die Schlösser aller anderen Türen
zufallen, durch die er gekommen, und nur weit vor den Mauern würden
die Schatten der Dunkelheit wie schwarze Eunuchen auf Wache stehen
und die Nähe der Menschen fernhalten.
Das war seine Art der Einsamkeit, seit man ihn damals im Stiche
gelassen hatte, -- im Walde, wo er so weinte. Sie hatte für ihn den
Reiz eines Weibes und einer Unmenschlichkeit. Er fühlte sie als
eine Frau, aber ihr Atmen war nur ein Würgen in seiner Brust, ihr
Gesicht ein wirbelndes Vergessen aller menschlichen Gesichter und die
Bewegungen ihrer Hände Schauer, die ihm über den Leib jagten ...
Er fürchtete diese Phantasie, denn er war sich ihrer ausschweifenden
Heimlichkeit bewußt, und der Gedanke, daß solche Vorstellungen immer
mehr Herrschaft über ihn gewinnen könnten, beunruhigte ihn. Aber
gerade dann, wenn er sich am ernstesten und reinsten glaubte, überkamen
sie ihn. Man könnte sagen, als eine Reaktion auf diese Augenblicke,
wo er empfindsame Erkenntnisse ahnte, die sich zwar in ihm schon
vorbereiteten, aber seinem Alter noch nicht entsprachen. Denn in
der Entwicklung einer jeden feinen moralischen Kraft gibt es einen
solchen frühen Punkt, wo sie die Seele schwächt, deren kühnste
Erfahrung sie einst vielleicht sein wird, -- so als ob sich ihre
Wurzeln erst suchend senken und den Boden zerwühlen müßten, den sie
nachher zu stützen bestimmt sind, -- weswegen Jünglinge mit großer
Zukunft meist eine an Demütigungen reiche Vergangenheit besitzen.
Törleß' Vorliebe für gewisse Stimmungen war die erste Andeutung einer
seelischen Entwicklung, die sich später als ein Talent des Staunens
äußerte. Späterhin wurde er nämlich von einer eigentümlichen Fähigkeit
geradezu beherrscht. Er war dann gezwungen, Ereignisse, Menschen,
Dinge, ja sich selbst häufig so zu empfinden, daß er dabei das
Gefühl sowohl einer unauflöslichen Unverständlichkeit als einer
unerklärlichen, nie völlig zu rechtfertigenden Verwandtschaft hatte.
Sie schienen ihm zum Greifen verständlich zu sein und sich doch nie
restlos in Worte und Gedanken auflösen zu lassen. Zwischen den
Ereignissen und seinem Ich, ja zwischen seinen eigenen Gefühlen und
irgendeinem innersten Ich, das nach ihrem Verständnis begehrte,
blieb immer eine Scheidelinie, die wie ein Horizont vor seinem
Verlangen zurückwich, je näher er ihr kam. Ja, je genauer er seine
Empfindungen mit den Gedanken umfaßte, je bekannter sie ihm wurden,
desto fremder und unverständlicher schienen sie ihm gleichzeitig
zu werden, so daß es nicht einmal mehr schien, als ob sie vor ihm
zurückwichen, sondern als ob er selbst sich von ihnen entfernen würde,
und doch die Einbildung, sich ihnen zu nähern, nicht abschütteln könnte.
Dieser merkwürdige, schwer zugängliche Widerspruch füllte später eine
weite Strecke seiner geistigen Entwicklung, er schien seine Seele
zerreißen zu wollen und bedrohte sie lange als ihr oberstes Problem.
Vorläufig kündigte sich die Schwere dieser Kämpfe aber nur in einer
häufigen plötzlichen Ermüdung an und schreckte Törleß gleichsam
schon von ferne, sobald ihm aus irgendeiner fragwürdig sonderbaren
Stimmung -- wie vorhin -- eine Ahnung davon wurde. Er kam sich dann so
kraftlos vor wie ein Gefangener und Aufgegebener, gleichermaßen von
sich wie von den anderen Abgeschlossener; er hätte schreien mögen vor
Leere und Verzweiflung und statt dessen wandte er sich gleichsam
von diesem ernsten und erwartungsvollen, gepeinigten und ermüdeten
Menschen in sich ab und lauschte -- noch erschrocken von diesem jähen
Verzichten und schon entzückt von ihrem warmen, sündigen Atem --
auf die flüsternden Stimmen, welche die Einsamkeit für ihn hatte --
-- -- -- -- -- --
Törleß machte plötzlich den Vorschlag zu zahlen. In Beinebergs Augen
blitzte ein Verstehen auf; er kannte die Stimmung. Törleß war dieses
Einverständnis zuwider; seine Abneigung gegen Beineberg wurde wieder
lebendig und er fühlte sich durch die Gemeinschaft mit ihm geschändet.
Aber das gehörte fast schon mit dazu. Das Schändliche ist eine
Einsamkeit mehr und eine neue finstere Mauer.
Und ohne miteinander zu sprechen, schlugen sie einen bestimmten Weg ein.
* * * * *
Es mußte in den letzten Minuten ein leichter Regen gefallen sein, --
die Luft war feucht und schwer, um die Laternen zitterte ein bunter
Nebel und die Bürgersteige glänzten stellenweise auf.
Törleß nahm den Degen, der aufs Pflaster schlug, eng an den Leib,
allein selbst das Geräusch der aufklappernden Absätze durchrieselte
ihn eigentümlich.
Nach einer Weile hatten sie weichen Boden unter den Füßen, sie
entfernten sich von der inneren Stadt und schritten durch breite
Dorfstraßen dem Flusse zu.
Dieser wälzte sich schwarz und träge, mit tiefen, glucksenden Lauten
unter der hölzernen Brücke. Eine einzige Laterne, mit verstaubten
und zerschlagenen Scheiben, stand da. Der Schein des unruhig vor den
Windstößen sich duckenden Lichtes fiel dann und wann auf eine treibende
Welle und zerfloß auf ihrem Rücken. Die runden Streuhölzer gaben unter
jedem Schritte nach ... rollten vor und wieder zurück ...
Beineberg stand still. Das jenseitige Ufer war mit dichten Bäumen
bestanden, welche, da die Straße rechtwinkelig abbog und längs des
Wassers weiter führte, wie eine schwarze, undurchdringliche Mauer
drohten. Erst nach vorsichtigem Suchen fand sich ein schmaler,
versteckter Weg, der geradeaus hineinführte. Von dem dichten, üppig
wuchernden Unterholze, an das die Kleider streiften, ging jedesmal
ein Schauer von Tropfen nieder. Nach einer Weile mußten sie wieder
stehen bleiben und ein Streichholz anreiben. Es war ganz still, sogar
das Gurgeln des Flusses war nicht mehr zu hören. Plötzlich kam von
ferne ein unbestimmter, gebrochener Ton zu ihnen. Er hörte sich wie
ein Schrei oder eine Warnung an. Oder auch wie der bloße Zuruf
eines unverständlichen Geschöpfes, das irgendwo gleich ihnen durch
die Büsche brach. Sie schritten auf den Ton zu, blieben stehen,
schritten wieder weiter. Im ganzen mochte es wohl eine Viertelstunde
gedauert haben, als sie aufatmend laute Stimmen und die Klänge einer
Ziehharmonika unterschieden.
Zwischen den Bäumen wurde es nun lichter, und nach wenigen Schritten
standen sie am Rande einer Blöße, in deren Mitte ein quadratisches,
zwei Stock hohes Gebäude massig aufgebaut war.
Es war das alte Badhaus. Seinerzeit von den Bürgern des Städtchens
und den Bauern der Umgegend als Heilstätte benützt, stand es jetzt
schon seit Jahren fast leer. Nur in seinem Erdgeschosse bot es einem
verrufenen Wirtshause Unterkunft.
Die beiden standen einen Augenblick still und horchten hinüber.
Eben setzte Törleß den Fuß vor, um aus dem Gebüsch herauszutreten, als
drüben schwere Stiefel auf der Diele des Flures knarrten und ein
Betrunkener mit unsicheren Schritten ins Freie trat. Hinter ihm, in dem
Schatten des Flurs, stand ein Weib und man hörte es mit hastender,
zorniger Stimme etwas flüstern, so als ob es etwas von ihm forderte.
Der Mann lachte dazu und wiegte sich in den Beinen. Dann kam es wie
ein Bitten herüber. Aber auch das konnte man nicht verstehen. Nur der
schmeichelnde, zuredende Klang der Stimme war fühlbar. Das Weib trat
jetzt weiter heraus und legte dem Manne eine Hand auf die Schulter. Der
Mond beleuchtete sie, -- ihren Unterrock, ihre Jacke, ihr bittendes
Lächeln. Der Mann sah geradeaus, schüttelte mit dem Kopfe und hielt
die Hände fest in den Taschen. Dann spuckte er aus und stieß das
Weib weg. Es mochte wohl irgend etwas gesagt haben. Nun konnte man
auch ihre Stimmen verstehen, die lauter geworden waren.
»... Du willst also nichts geben? Du ...!«
»Schau, daß du hinaufkommst, du Dreckfink!«
»Was? So ein Bauernlümmel!«
Zur Antwort klaubte der Trunkene mit schwerfälliger Bewegung einen
Stein auf: »Wenn du nicht gleich abfahrst, du dummes Mensch, so schlag'
ich dir den Buckel ein!« und er holte zum Wurfe aus. Törleß hörte das
Weib mit einem letzten Schimpfworte die Stiege hinaufflüchten.
Der Mann stand eine Weile still und hielt unschlüssig den Stein in
der Hand. Er lachte; sah nach dem Himmel, wo zwischen schwarzen Wolken
weingelb der Mond schwamm; dann glotzte er die dunkle Hecke der
Gebüsche an, als überlege er darauf loszugehen. Törleß zog vorsichtig
den Fuß zurück, er fühlte sein Herz bis zum Halse hinauf schlagen.
Endlich schien sich der Trunkene doch besonnen zu haben. Seine Hand
ließ den Stein fallen. Mit rohem, triumphierendem Lachen rief er
eine grobe Unanständigkeit zu dem Fenster hinauf, dann drückte er
sich um die Ecke.
Die beiden standen noch immer bewegungslos. »Hast du sie erkannt?«
flüsterte Beineberg; »es war Bozena.« Törleß gab keine Antwort; er
horchte, ob der Betrunkene nicht wiederkehre. Dann wurde er von
Beineberg vorwärts geschoben. Mit raschen, vorsichtigen Sätzen waren
sie -- an dem Lichtschein, der keilförmig durch die Fenster des
Erdgeschosses fiel, vorbei -- in dem dunklen Hausflur. Eine hölzerne
Treppe führte in engen Windungen in das erste Stockwerk hinauf. Hier
mußte man ihre Schritte auf den knarrenden Stufen gehört haben,
oder hatte ein Degen gegen das Holz geschlagen: -- die Türe der
Schankstube wurde geöffnet und jemand kam nachsehen, wer im Hause sei,
während die Ziehharmonika plötzlich schwieg und das Gewirr der Stimmen
einen Augenblick wartend aussetzte.
Törleß preßte sich erschrocken um die Windung der Stiege. Aber man
schien ihn trotz des Dunkels bemerkt zu haben, denn er hörte die
spöttische Stimme der Kellnerin, während die Türe wieder geschlossen
wurde, irgend etwas sagen, worauf ein unbändiges Gelächter folgte.
Auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerkes war es völlig finster.
Weder Törleß noch Beineberg trauten sich einen Schritt vorwärts zu
tun, ungewiß, ob sie nicht etwas umwerfen und dadurch Lärm verursachen
würden. Von der Aufregung angetrieben, suchten sie mit hastenden
Fingern nach der Türklinke.
* * * * *
Bozena war als Bauernmädchen in die Großstadt gekommen, wo sie in
Dienst trat und später Kammerzofe wurde.
Es ging ihr anfangs ganz gut. Die bäurische Art, welche sie so wenig
ganz abstreifte wie ihren breiten, festen Gang, sicherte ihr das
Vertrauen ihrer Herrinnen, welche an diesem Kuhstalldufte ihres
Wesens seine Einfalt liebten, und die Liebe ihrer Herren, welche daran
das =parfum= schätzten. Wohl nur aus Laune, vielleicht auch aus
Unzufriedenheit und dumpfer Sehnsucht nach Leidenschaft gab sie dieses
bequeme Leben auf. Sie wurde Kellnerin, erkrankte, fand in einem
eleganten öffentlichen Hause Unterkommen und wurde allgemach, in
dem Maße, wie das Lotterleben sie verbrauchte, wieder -- und immer
weiter -- in die Provinz hinausgespült.
Hier endlich, wo sie nun schon seit mehreren Jahren wohnte, nicht weit
von ihrem Heimatsdorfe, half sie untertags in der Wirtschaft mit und
las des Abends billige Romane, rauchte Zigaretten und empfing hie und
da den Besuch eines Mannes.
Sie war noch nicht geradezu häßlich geworden, aber ihr Gesicht
entbehrte in auffallender Weise jeglicher Anmut, und sie gab sich
förmlich Mühe, dies durch ihr Wesen noch mehr zur Geltung zu bringen.
Sie ließ mit Vorliebe durchblicken, daß sie die Eleganz und das
Getriebe der vornehmen Welt sehr wohl kenne, nunmehr aber darüber
hinaus sei. Sie äußerte gerne, daß sie darauf, wie auf sich selbst,
wie überhaupt auf alles pfeife. Trotz ihrer Verwahrlosung genoß sie
deswegen ein gewisses Ansehen bei den Bauernsöhnen der Umgebung. Sie
spuckten zwar aus, wenn sie von ihr sprachen, und fühlten sich
verpflichtet, mehr noch als gegen andere Mädchen grob gegen sie zu
sein, im Grunde waren sie aber doch ganz gewaltig stolz auf dieses
»verfluchte Mensch«, das aus ihnen hervorgegangen war und der Welt
so durch den Lack geguckt hatte. Einzeln zwar und verstohlen, aber doch
immer wieder kamen sie, sich mit ihr zu unterhalten. Dadurch fand
Bozena einen Rest von Stolz und Rechtfertigung in ihrem Leben. Eine
vielleicht noch größere Genugtuung bereiteten ihr aber die jungen
Herren aus dem Institute. Gegen sie kehrte sie absichtlich ihre
rohesten und häßlichsten Eigenschaften heraus, weil diese -- wie sie
sich auszudrücken pflegte -- ja trotzdem gerade so zu ihr gekrochen
kommen würden.
Als die beiden Freunde eintraten, lag sie wie gewöhnlich rauchend und
lesend auf ihrem Bette.
Törleß sog, noch in der Türe stehend, mit begierigen Augen ihr Bild
in sich ein.
»Gott, was für süße Buben kommen denn da?« rief sie spöttisch den
Eintretenden entgegen, die sie ein wenig verächtlich musterte. »Je,
du Baron? Was wird denn die Mama dazu sagen?!« -- Das war solch ein
Anfang nach ihrer Art.
»Aber halt's ...« brummte Beineberg und setzte sich zu ihr aufs Bett.
Törleß setzte sich abseits; er ärgerte sich, weil Bozena sich nicht um
ihn bekümmerte und tat, als ob sie ihn nicht kennte.
Die Besuche bei diesem Weib waren in der letzten Zeit zu seiner
einzigen und geheimen Freude geworden. Gegen Ende der Woche wurde
er schon unruhig und konnte den Sonntag nicht erwarten, wo er am
Abend zu ihr schlich. Hauptsächlich dieses Sicheinschleichenmüssen
beschäftigte ihn. Wenn es zum Beispiel vorhin den trunkenen Burschen
in der Schankstube eingefallen wäre, auf ihn Jagd zu machen? Aus bloßer
Lust, dem lasterhaften jungen Herrchen eins auszuwischen? Er war
nicht feig, aber er wußte, daß er hier wehrlos sei. Der zierliche
Degen kam ihm entgegen diesen groben Fäusten wie ein Spott vor.
Außerdem die Schande und die Strafe, die er zu gewärtigen hätte! Es
bliebe ihm nur übrig zu fliehen oder sich aufs Bitten zu verlegen.
Oder sich von Bozena schützen zu lassen. Der Gedanke durchrieselte
ihn. Aber das war es! Nur das! Nichts anderes! Diese Angst, dieses
Sichaufgeben lockte ihn jedesmal von neuem. Dieses Heraustreten aus
seiner bevorzugten Stellung unter die gemeinen Leute; unter sie --
tiefer als sie!
Er war nicht lasterhaft. Bei der Ausführung überwogen stets der
Widerwille gegen sein Beginnen und die Angst vor den möglichen
Folgen. Nur seine Phantasie war in eine ungesunde Richtung gebracht.
Wenn sich die Tage der Woche bleiern einer nach dem andern über
sein Leben legten, fingen diese beizenden Reize an, ihn zu locken.
Aus den Erinnerungen an seine Besuche bildete sich eine eigenartige
Verführung heraus. Bozena erschien ihm als ein Geschöpf von
ungeheuerlicher Niedrigkeit und sein Verhältnis zu ihr, die
Empfindungen, die er dabei zu durchlaufen hatte, als ein grausamer
Kultus der Selbstaufopferung. Es reizte ihn, alles zurücklassen zu
müssen, worin er sonst eingeschlossen war, seine bevorzugte Stellung,
die Gedanken und Gefühle, die man ihm einimpfte, all das, was ihm
nichts gab und ihn erdrückte. Es reizte ihn, nackt, von allem
entblößt, in rasendem Laufe zu diesem Weibe zu flüchten.
Das war nicht anders als bei jungen Leuten überhaupt. Wäre Bozena rein
und schön gewesen und hätte er damals lieben können, so hätte er sie
vielleicht gebissen, ihr und sich die Wollust bis zum Schmerz
gesteigert. Denn die erste Leidenschaft des erwachsenden Menschen ist
nicht Liebe zu der einen, sondern Haß gegen alle. Das sich unverstanden
Fühlen und das die Welt nicht Verstehen begleitet nicht die erste
Leidenschaft, sondern ist ihre einzige nicht zufällige Ursache. Und
sie selbst ist eine Flucht, auf der das Zuzweiensein nur eine
verdoppelte Einsamkeit bedeutet.
Fast jede erste Leidenschaft dauert nicht lange und hinterläßt einen
bitteren Nachgeschmack. Sie ist ein Irrtum, eine Enttäuschung. Man
versteht sich hinterher nicht und weiß nicht, was man beschuldigen
soll. Dies kommt, weil die Menschen in diesem Drama einander zum
größeren Teile zufällig sind: Zufallsgefährten auf einer Flucht. Nach
der Beruhigung erkennen sie sich nicht mehr. Sie bemerken aneinander
Gegensätze, weil sie das Gemeinsame nicht mehr bemerken.
Bei Törleß war es nur darum anders, daß er allein war. Die alternde,
erniedrigte Prostituierte vermochte nicht alles in ihm auszulösen. Doch
war sie soweit Weib, daß sie Teile seines Inneren, die wie reifende
Keime noch auf den befruchtenden Augenblick warteten, gleichsam
frühzeitig an die Oberfläche riß.
Das waren dann seine sonderbaren Vorstellungen und phantastischen
Verführungen. Fast ebenso nahe lag es ihm aber manchmal, sich auf die
Erde zu werfen und vor Verzweiflung zu schreien.
* * * * *
Bozena bekümmerte sich noch immer nicht um Törleß. Sie schien es aus
Bosheit zu tun, bloß um ihn zu ärgern. Plötzlich unterbrach sie ihr
Gespräch: »Gebt mir Geld, ich werde Tee und Schnaps holen.«
Törleß gab ihr eines der Silberstücke, die er am Nachmittage von seiner
Mutter erhalten hatte.
Sie holte vom Fensterbrett einen zerbeulten Schnellsieder und zündete
den Spiritus an; dann stieg sie langsam und schlürfend die Treppe
hinunter.
Beineberg stieß Törleß an. »Warum bist du denn so fad? Sie wird denken,
du traust dich nicht.«
»Laß mich aus dem Spiel,« bat Törleß, »ich bin nicht aufgelegt.
Unterhalte nur du dich mit ihr. Was will sie übrigens fortwährend
mit deiner Mutter?«
»Seit sie weiß, wie ich heiße, behauptet sie, einmal bei meiner Tante
in Dienst gewesen zu sein und meine Mutter gekannt zu haben. Zum Teil
scheint es wohl wahr zu sein, zum Teil lügt sie aber sicher -- rein zum
Vergnügen: obwohl ich nicht recht verstehe, was ihr daran Spaß macht.«
Törleß wurde rot; ein merkwürdiger Gedanke war ihm eingefallen. -- Da
kam aber Bozena mit dem Schnaps zurück und setzte sich wieder neben
Beineberg aufs Bett. Sie griff auch gleich wieder das frühere Gespräch
auf.
»... Ja, deine Mama war ein schönes Mädchen. Du siehst ihr eigentlich
gar nicht ähnlich, mit deinen abstehenden Ohren. Auch lustig war sie.
Mehr als einer wird sie sich wohl in den Kopf gesetzt haben. Recht hat
sie gehabt.«
Nach einer Pause schien ihr etwas besonders Lustiges eingefallen zu
sein: »Dein Onkel, der Dragoneroffizier, weißt du? Karl hat er
glaube ich geheißen, er war ein Kousin deiner Mutter, der hat ihr
damals den Hof gemacht! Aber Sonntags, wenn die Damen in der Kirche
waren, ist er mir nachgestiegen. Alle Augenblicke habe ich ihm etwas
anderes aufs Zimmer bringen müssen. Fesch war er, das weiß ich heute
noch, nur hat er sich so gar nicht geniert ...« Sie begleitete
diese Worte mit einem vielsagenden Lachen. Dann verbreitete sie sich
weiter über dieses Thema, das ihr augenscheinlich besonderes Vergnügen
bereitete. Ihre Worte waren familiär, und sie brachte sie mit einem
Ausdruck vor, der jedes einzelne beschmutzen zu wollen schien.
»... Ich meine, er hat auch deiner Mutter gefallen. Wenn sie das
nun gewußt hätte! Ich glaube, deine Tante hätte mich und ihn aus dem
Hause schmeißen müssen. So sind nun einmal die feinen Damen, gar
wenn sie noch keinen Mann haben. Liebe Bozena das und liebe Bozena
jenes -- so ist es den ganzen Tag gegangen. Als aber die Köchin in
die Hoffnung kam, da hättest du's hören sollen! Ich glaube gar, sie
meinten, daß sich unsereins nur einmal im Jahr die Füße wasche. Der
Köchin sagten sie zwar nichts, aber ich konnte es hören, wenn ich im
Zimmer bediente und sie gerade davon sprachen. Deine Mutter machte
ein Gesicht, als möchte sie am liebsten nur Kölnerwasser trinken.
Dabei hatte deine Tante gar nicht lange danach selbst einen Bauch
bis zur Nase ...«
Während Bozena sprach, fühlte sich Törleß ihren gemeinen Anspielungen
fast wehrlos preisgegeben.
Was sie schilderte, sah er lebendig vor sich. Beinebergs Mutter
wurde zu seiner eigenen. Er erinnerte sich der hellen Räume der
elterlichen Wohnung. Der gepflegten, reinen, unnahbaren Gesichter,
die ihm zu Hause bei den Diners oft eine gewisse Ehrfurcht eingeflößt
hatten. Der vornehmen, kühlen Hände, die sich selbst beim Essen
nichts zu vergeben schienen. Eine Menge solcher Einzelheiten fiel
ihm ein und er schämte sich, hier in einem kleinen übelriechenden
Zimmer zu sein und mit einem Zittern auf die demütigenden Worte einer
Dirne zu antworten. Die Erinnerung an die vollendete Manier dieser
nie formvergessenen Gesellschaft wirkte stärker auf ihn als alle
moralische Überlegung. Das Wühlen seiner dunklen Leidenschaften kam ihm
lächerlich vor. Mit visionärer Eindringlichkeit sah er eine kühle,
abwehrende Handbewegung, ein chokiertes Lächeln, mit dem man ihn wie
ein kleines unsauberes Tier von sich weisen würde. Trotzdem blieb
er wie festgebunden auf seinem Platze sitzen.
Mit jeder Einzelheit, deren er sich erinnerte, wuchs nämlich neben
der Scham auch eine Kette häßlicher Gedanken in ihm groß. Sie hatte
begonnen, als Beineberg die Erläuterung zu Bozenas Gespräch gab, worauf
Törleß errötet war.
Er hatte damals plötzlich an seine eigene Mutter denken müssen, und
dies hielt nun fest und war nicht loszubekommen. Es war ihm nur so
durch die Grenzen des Bewußtseins geschossen -- blitzschnell oder
undeutlich weit -- am Rande -- nur wie im Fluge gesehen -- kaum
ein Gedanke zu nennen. Und hastig war darauf eine Reihe von Fragen
gefolgt, die es verdecken sollten: 'Was ist es, das es ermöglicht, daß
diese Bozena ihre niedrige Existenz an die meiner Mutter heranrücken
kann? Daß sie sich in der Enge desselben Gedankens an jene herandrängt?
Warum berührt sie nicht mit der Stirne die Erde, wenn sie schon von ihr
sprechen muß? Warum ist es nicht wie durch einen Abgrund zum Ausdruck
gebracht, daß hier gar keine Gemeinsamkeit besteht? Denn, wie ist
es doch? Dieses Weib ist für mich ein Knäuel aller geschlechtlichen
Begehrlichkeiten; und meine Mutter ein Geschöpf, das bisher in
wolkenloser Entfernung, klar und ohne Tiefen, wie ein Gestirn
jenseits alles Begehrens durch mein Leben wandelte ...'
Aber alle diese Fragen waren nicht das Eigentliche. Berührten es
kaum. Sie waren etwas Sekundäres; etwas, das Törleß erst nachträglich
eingefallen war. Sie vervielfältigten sich nur, weil keine das Rechte
bezeichnete. Sie waren nur Ausflüchte, Umschreibungen der Tatsache, daß
vorbewußt, plötzlich, instinktiv ein seelischer Zusammenhang gegeben
war, der sie vor ihrem Entstehen schon in bösem Sinne beantwortet
hatte. Törleß sättigte sich mit den Augen an Bozena und konnte
dabei seiner Mutter nicht vergessen; durch ihn hindurch verkettete
die beiden ein Zusammenhang: Alles andere war nur ein sich Winden
unter dieser Ideenverschlingung. Diese war die einzige Tatsache.
Aber durch die Vergeblichkeit, ihren Zwang abzuschütteln, gewann sie
eine fürchterliche, unklare Bedeutung, die wie ein perfides Lächeln
alle Anstrengungen begleitete.
* * * * *
Törleß sah im Zimmer umher, um dies loszuwerden. Aber alles hatte
nun schon diese eine Beziehung angenommen. Der kleine eiserne Ofen
mit den Rostflecken auf der Platte, das Bett mit den wackligen
Pfosten und der gestrichenen Lade, von der die Farbe an vielen
Stellen abblätterte, das Bettzeug, das schmutzig durch die Löcher
des abgenützten Lakens sah; Bozena, ihr Hemd, das von der einen
Schulter geglitten war, das gemeine, wüste Rot ihres Unterrockes, ihr
breites, schwatzendes Lachen; endlich Beineberg, dessen Benehmen ihm im
Vergleich zu sonst wie das eines unzüchtigen Priesters vorkam, der
toll geworden, zweideutige Worte in die ernsten Formen eines Gebetes
flicht, ... all das stieß nach der einen Richtung, drängte auf ihn
ein und bog seine Gedanken gewaltsam immer wieder zurück.
Nur an einer Stelle fanden seine Blicke, die geschreckt von einem zum
andern flüchteten, Frieden. Das war oberhalb der kleinen Gardine. Dort
sahen die Wolken vom Himmel herein und reglos der Mond.
Das war, als ob er plötzlich in die frische, ruhige Nachtluft
hinausgetreten wäre. Eine Weile wurden alle Gedanken ganz still. Dann
kam ihm eine angenehme Erinnerung. Das Landhaus, das sie letzten Sommer
bewohnt hatten. Nächte im schweigenden Park. Ein sternzitterndes,
samtdunkles Firmament. Die Stimme seiner Mutter aus der Tiefe des
Gartens, wo sie mit Papa auf den schwach schimmernden Kieswegen
spazieren ging. Lieder, die sie halblaut vor sich hinsang. Aber da,
... es fuhr ihm kalt durch den Leib, ... war auch wieder dieses
quälende Vergleichen. Was mochten die beiden dabei gefühlt haben?
Liebe? Nein, der Gedanke kam ihm jetzt zum erstenmal. Überhaupt war
das etwas ganz anderes. Nichts für große und erwachsene Menschen;
gar für seine Eltern. Nachts am offenen Fenster sitzen und sich
verlassen fühlen, sich anders fühlen als die Großen, von jedem Lachen
und von jedem spöttischen Blicke mißverstanden, niemandem erklären
können, was man schon bedeute, und sich nach einer sehnen, die das
verstünde ... das ist Liebe! Aber dazu muß man jung und einsam sein.
Bei ihnen mußte es etwas anderes gewesen sein; etwas Ruhiges und
Gleichmütiges. Mama sang einfach am Abend in dem dunklen Garten
und war heiter ....
Aber gerade das war es, was Törleß nicht verstand. Die geduldigen
Pläne, welche für den Erwachsenen, ohne daß er es merkt, die Tage
zu Monaten und Jahren zusammenketten, waren ihm noch fremd. Und
ebenso jenes Abgestumpftsein, für das es nicht einmal mehr eine
Frage bedeutet, wenn wieder ein Tag zu Ende geht. Sein Leben war
auf jeden Tag gerichtet. Jede Nacht bedeutete für ihn ein Nichts,
ein Grab, ein Ausgelöschtwerden. Das Vermögen, sich jeden Tag sterben
zu legen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, hatte er noch nicht
erlernt.
Deswegen hatte er immer etwas dahinter vermutet, das man ihm verberge.
Die Nächte erschienen ihm wie dunkle Tore zu geheimnisvollen Freuden,
die man ihm verheimlicht hatte, so daß sein Leben leer und unglücklich
blieb.
Er erinnerte sich an ein eigentümliches Lachen seiner Mutter und
sich wie scherzhaft fester an den Arm ihres Mannes Drücken, das er
an einem jener Abende beobachtet hatte. Es schien jeden Zweifel
auszuschließen. Auch aus der Welt jener Unantastbaren und Ruhigen
mußte eine Pforte herüberführen. Und nun, da er wußte, konnte er
nur mit jenem gewissen Lächeln daran denken, gegen dessen böses
Mißtrauen er sich vergeblich wehrte -- -- -- --
Bozena erzählte unterdessen weiter. Törleß hörte mit halber
Aufmerksamkeit hin. Sie sprach von einem, der auch fast jeden Sonntag
kam ... »Wie heißt er nur? Er ist aus deinem Jahrgang«.
»Reiting?«
»Nein.«
»Wie sieht er aus?«
»Er ist beiläufig so groß wie der da«, Bozena wies auf Törleß, »nur
hat er einen etwas zu großen Kopf.«
»Ah, Basini?«
»Ja, ja, so nannte er sich. Er ist sehr komisch. Und nobel; er trinkt
nur Wein. Aber dumm ist er. Es kostet ihn eine Menge Geld und er tut
nichts als mir erzählen. Er renommiert mit den Liebschaften, die er
zu Hause haben will; was er nur davon hat? Ich sehe ja doch, daß er
zum erstenmal in seinem Leben bei einem Frauenzimmer ist. Du bist ja
auch noch ein Bub, aber du bist frech; er dagegen ist ungeschickt und
hat Angst davor, deswegen erzählt er mir lang und breit, wie man als
Genußmensch, -- ja, so hat er gesagt, -- mit Frauen umgehen müsse. Er
sagt, alle Weiber seien nichts anderes wert; woher wollt ihr denn
das schon wissen?!«
Beineberg grinste sie zur Antwort spöttisch an.
»Ja lach' nur!« herrschte ihn Bozena belustigt an, »ich habe ihn
einmal gefragt, ob er sich denn nicht vor seiner Mutter schämen würde.
'Mutter?.. Mutter?' sagte er drauf, 'was ist das? Das existiert jetzt
nicht. Das habe ich zu Hause gelassen, bevor ich zu dir ging' ... Ja,
mach nur deine langen Ohren auf, so seid ihr! Nette Söhnchen, ihr
feinen jungen Herren; eure Mütter könnten mir beinahe leid tun!.......«
Bei diesen Worten bekam Törleß wieder die frühere Vorstellung von sich
selbst. Wie er alles hinter sich ließ und das Bild seiner Eltern
verriet. Und nun mußte er sehen, daß er damit nicht einmal etwas
fürchterlich Einsames, sondern nur etwas ganz Gewöhnliches tat. Er
schämte sich. Aber auch die anderen Gedanken waren wieder da. Sie tuen
es auch! Sie verraten dich! Du hast geheime Mitspieler! Vielleicht ist
es bei ihnen irgendwie anders, aber das muß bei ihnen das gleiche sein:
eine geheime, fürchterliche Freude. Etwas, in dem man sich mit all
seiner Angst vor dem Gleichmaß der Tage ertränken kann.... Vielleicht
wissen sie sogar mehr ...?!... Etwas ganz Ungewöhnliches? Denn
sie sind am Tage so beruhigt; .. und dieses Lachen seiner Mutter?..
als ob sie mit ruhigem Schritte ginge, alle Türen zu schließen. -- --
-- -- -- -- -- -- -- --
In diesem Widerstreite kam ein Augenblick, wo Törleß sich aufgab und
sich mit erwürgtem Herzen dem Sturme überließ.
Und gerade in diesem Augenblicke stand Bozena auf und trat zu ihm hin.
»Warum spricht denn der Kleine nichts? Hat er Kummer?«
Beineberg flüsterte etwas und lächelte boshaft.
»Was, Heimweh? Ist wohl die Mama weggefahren? Und der garstige Bub
läuft gleich zu so einer!«
Bozena vergrub zärtlich ihre Hand mit gespreizten Fingern in sein
Haar. »Geh, sei nicht dumm. Da gib mir einen Kuß. Die feinen Menschen
sind auch nicht von Zuckerwerk«, und sie bog ihm den Kopf zurück.
Törleß wollte etwas sagen, sich zu einem derben Scherze aufraffen,
er fühlte, daß jetzt alles davon abhänge, ein gleichgültiges,
beziehungsloses Wort zu sagen, aber er brachte keinen Laut heraus.
Er starrte mit einem versteinten Lächeln in das wüste Gesicht über dem
seinen, in diese unbestimmten Augen, dann begann die Außenwelt klein
zu werden, ... sich immer weiter zurückzuziehen.... Für einen
Augenblick tauchte das Bild jenes Bauernburschen auf, der den Stein
gehoben hatte, und schien ihn zu höhnen.... dann war er ganz allein.
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* * * * *
»Du, ich hab' ihn«, flüsterte Reiting.
»Wen?«
»Den Spielladendieb.«
Törleß war eben mit Beineberg zurückgekommen. Es war knapp vor der
Zeit des Nachtmahls und das diensthabende Aufsichtsorgan schon
weggegangen. Zwischen den grünen Tischen hatten sich plaudernde
Gruppen gebildet und ein warmes Leben summte und surrte durch den Saal.
Es war das gewöhnliche Schulzimmer mit weißgetünchten Wänden, einem
großen schwarzen Kruzifix und den Bildnissen des Herrscherpaares zu
seiten der Tafel. Neben dem großen eisernen Ofen, der noch nicht
geheizt war, saßen, teils auf dem Podium, teils auf umgelegten Stühlen,
die jungen Leute, welche nachmittags das Ehepaar Törleß zur Bahn
begleitet hatten. Außer Reiting waren es der lange Hofmeier und
Dschjusch, unter welchem Spitznamen ein kleiner polnischer Graf
verstanden wurde.
Törleß war einigermaßen neugierig.
Die Spielladen standen im Hintergrunde des Zimmers und waren lange
Kästen mit vielen versperrbaren Schubfächern, in denen die Pfleglinge
des Institutes ihre Briefe, Bücher, Geld und allen möglichen kleinen
Kram aufbewahrten.
Und bereits seit geraumer Zeit klagten einzelne, daß ihnen kleinere
Geldbeträge fehlten, ohne daß sie jedoch bestimmte Vermutungen hätten
aussprechen können.
Beineberg war der erste, der mit Gewißheit sagen konnte, daß ihm --
in der Vorwoche -- ein größerer Betrag gestohlen worden sei. Aber nur
Reiting und Törleß wußten darum.
Sie hatten die Diener im Verdachte.
»So erzähl doch!« bat Törleß, aber Reiting machte ihm rasch ein
Zeichen: »Pst! Später. Es weiß noch niemand davon.«
»Ein Diener?« flüsterte Törleß.
»Nein.«
»So deute doch wenigstens an, wer?«
Reiting wandte sich von den übrigen ab und sagte leise: »B.« Niemand
außer Törleß hatte etwas von diesem vorsichtig geführten Gespräche
verstanden. Aber auf diesen wirkte die Mitteilung wie ein Überfall.
B.? -- das konnte nur Basini sein. Und das war doch nicht möglich!
Seine Mutter war eine vermögende Dame, sein Vormund Exzellenz. Törleß
wollte es nicht glauben und dazwischen schnitt der Gedanke an Bozenas
Erzählung hindurch.
Er konnte kaum den Augenblick erwarten, da die anderen zum Speisen
gingen. Beineberg und Reiting blieben zurück, indem sie vorgaben, noch
vom Nachmittage her übersättigt zu sein.
Reiting machte den Vorschlag, doch lieber vorerst »hinauf« zu gehen.
Sie traten auf den Gang hinaus, der sich endlos lang vor dem Lehrsaale
dehnte. Die flackernden Gasflammen erhellten ihn nur auf kurze Strecken
und die Schritte hallten von Nische zu Nische, wenn man auch noch
so leise auftrat ....
Vielleicht fünfzig Meter von der Türe entfernt, führte eine Stiege
in das zweite Stockwerk, in welchem sich das Naturalienkabinett,
noch andere Lehrmittelsammlungen und eine Menge leerstehender Zimmer
befanden.
Von hier aus wurde die Treppe schmal und stieg in kurzen, rechtwinklig
aneinander stoßenden Absätzen zum Dachboden empor. Und -- wie alte
Gebäude oft unlogisch, mit einer Verschwendung von Winkeln und
unmotivierten Stufen gebaut sind -- führte sie noch um ein
beträchtliches über das Niveau des Bodens hinaus, so daß es jenseits
der schweren, eisernen, versperrten Türe, durch welche sie
abgeschlossen war, eigens einer Holzstiege bedurfte, um zu ihm hinab zu
gelangen.
Diesseits aber entstand auf diese Weise ein mehrere Meter hoher
verlorener Raum, der bis zum Gebälke hinaufreichte. In diesem, der
wohl niemals betreten wurde, hatte man alte Kulissen gelagert, die
von unvordenklichen Theateraufführungen herrührten.
Das Tageslicht erstickte selbst an hellen Mittagen auf dieser Treppe
in einer Dämmerung, die von altem Staube gesättigt war, denn dieser
Bodenaufgang, der gegen den Flügel des mächtigen Gebäudes zu lag,
wurde fast nie benützt.
Von dem letzten Absatze der Stiege schwang sich Beineberg über das
Geländer und ließ sich, indem er sich an dessen Gitterstäben festhielt,
zwischen die Kulissen hinunter, welchem Beispiele Reiting und Törleß
folgten. Dort konnten sie auf einer Kiste, welche eigens zu diesem
Zwecke hingeschafft worden war, festen Fuß fassen und gelangten von ihr
mit einem Sprunge auf den Fußboden.
Selbst wenn sich das Auge eines auf der Stiege Stehenden an das Dunkel
gewöhnt gehabt hätte, so wäre es ihm doch unmöglich gewesen, von
dort aus mehr als ein regelloses Durcheinander zackiger, mannigfach
ineinander geschobener Kulissen zu unterscheiden.
Als jedoch Beineberg eine von ihnen ein wenig zur Seite rückte, öffnete
sich den unten Stehenden ein schmaler schlauchartiger Durchgang.
Sie versteckten die Kiste, welche ihnen beim Abstiege gedient hatte,
und drangen zwischen die Kulissen ein.
Hier wurde es vollständig dunkel und es bedurfte einer sehr genauen
Kenntnis des Ortes, um weiterzufinden. Hie und da raschelte eine
der großen leinenen Wände, wenn sie gestreift wurde, es rieselte
über den Fußboden wie von aufgescheuchten Mäusen, und ein modriger
alter-Truhen-Geruch stäubte auf.
Die drei dieses Weges Gewohnten tasteten sich unendlich vorsichtig,
Schritt für Schritt bedacht, nicht an eine der als Fallstrick und
Warnsignal über den Boden gespannten Schnüre zu stoßen, vorwärts.
Es verging geraume Zeit, bis sie zu einer kleinen Türe gelangten,
welche rechter Hand, knapp vor der den Boden abtrennenden Mauer,
angebracht war.
Als Beineberg diese öffnete, befanden sie sich in einem schmalen Raume
unterhalb des obersten Stiegenabsatzes, der bei dem Lichte einer
kleinen, flackernden Öllampe, welche Beineberg angezündet hatte,
abenteuerlich genug aussah.
Die Decke war nur in jenem Teile wagrecht, der unmittelbar unter
dem Treppenabsatze lag, und auch hier nur so hoch, daß man knapp
aufrecht stehen konnte. Nach rückwärts zu schrägte sie sich aber, dem
Profile der Stiege folgend, ab und endigte in einem spitzen Winkel.
Mit der diesem gegenüberliegenden Stirnseite stieß der kleine Raum an
die dünne Zwischenmauer, welche den Dachboden von dem Stiegenhause
trennte und erhielt eine längsseitige natürliche Begrenzung durch
das Gemäuer, an dem die Stiege hinaufgeführt war. Bloß die zweite
Seitenwand, in welcher die Türe angebracht war, schien erst eigens
hinzugekommen zu sein. Sie verdankte wohl der Absicht ihr Entstehen,
hier eine kleine Kammer für Geräte zu schaffen, vielleicht auch nur
einer Laune des Baumeisters, dem beim Anblicke dieses finsteren
Winkels der mittelalterliche Einfall gekommen sein mochte, ihn zu einem
Versteck vermauern zu lassen.
Jedenfalls gab es außer den Dreien kaum einen Menschen im ganzen
Institute, der von dem Bestehen dieses Raumes wußte, geschweige denn
daran dachte, ihm irgendeine Bestimmung zu geben.
So konnten sie sich denselben ganz nach ihrem abenteuerlichen Sinne
ausstatten.
Die Wände waren vollständig mit einem blutroten Fahnenstoffe
ausgekleidet, den Reiting und Beineberg aus einem der Bodenräume
entwendet hatten, und der Fußboden war mit einer doppelten Lage
dicker, wolliger Kotzen bedeckt, wie solche im Winter in den
Schlafsälen als zweite Decken dienten. In dem vorderen Teile der
Kammer standen niedere, mit Stoff überzogene Kistchen, die als Sitze
verwendet wurden; rückwärts, wo Fußboden und Decke in den spitzen
Winkel ausliefen, war eine Schlafstätte hergerichtet. Sie bot ein
Lager für drei bis vier Personen, das sich durch einen Vorhang
verdunkeln und von dem vorderen Teile der Kammer abtrennen ließ.
An der Wand hing neben der Türe ein geladener Revolver.
Törleß liebte diese Kammer nicht. Ihre Enge und dieses Alleinsein
gefielen ihm wohl, man war wie tief in dem Inneren eines Berges,
und der Geruch der alten, verstaubten Kulissen durchzog ihn mit
unbestimmten Empfindungen. Aber die Verstecktheit, diese Alarmschnüre,
dieser Revolver, der eine äußerste Illusion von Trotz und
Heimlichkeit geben sollte, kamen ihm lächerlich vor. Es war, als
wollte man sich einreden, ein Räuberleben zu führen.
Törleß tat dabei eigentlich nur mit, weil er hinter den beiden anderen
nicht zurückstehen wollte. Beineberg und Reiting aber nahmen diese
Dinge furchtbar ernst. Das wußte Törleß. Er wußte, daß Beineberg zu
allen Keller- und Bodenräumen des Institutes Nachschlüssel besaß.
Wußte, daß dieser oft für mehrere Stunden von der Klasse verschwand,
um irgendwo -- hoch oben in den Sparren des Dachstuhles oder unter
der Erde in einem der vielen verzweigten, verfallenden Gewölbe --
zu sitzen und bei dem Scheine einer kleinen Laterne, die er stets bei
sich trug, abenteuerliche Geschichten zu lesen oder sich Gedanken
über die übernatürlichen Dinge eingeben zu lassen.
Ähnliches wußte er auch von Reiting. Dieser hatte gleichfalls seine
versteckten Winkel, in denen er geheime Tagebücher aufbewahrte; nur
waren diese mit verwogenen Plänen für die Zukunft ausgefüllt und mit
genauen Aufzeichnungen über Ursache, Inszenesetzung und Verlauf der
zahlreichen Intriguen, die er unter seinen Kameraden anstiftete. Denn
Reiting kannte kein größeres Vergnügen als Menschen gegeneinander zu
hetzen, den einen mit Hilfe des anderen unterzukriegen und sich an
abgezwungenen Gefälligkeiten und Schmeicheleien zu weiden, hinter deren
Hülle er noch das Widerstreben des Hasses fühlen konnte.
»Ich übe mich dabei«, war die einzige Entschuldigung, und er gab sie
mit liebenswürdigem Lachen. Zur Übung sollte ihm auch gereichen, daß er
fast täglich an irgendeinem entlegenen Orte sei es gegen eine Wand, sei
es gegen einen Baum oder einen Tisch boxte, um seine Arme zu stärken
und seine Hände durch Schwielen abzuhärten.
Törleß wußte um all dies, aber er verstand es nur bis zu einem
gewissen Punkte. Er war einige Male sowohl Reiting als Beineberg auf
ihren eigenwilligen Wegen gefolgt. Das Ungewöhnliche daran hatte
ihm ja gefallen. Und auch das liebte er, hernach in die Tageshelle
zu treten, unter alle Kameraden, mitten in die Heiterkeit hinein,
während er in sich, in seinen Augen und Ohren, noch die Erregungen
der Einsamkeit und die Halluzinationen der Dunkelheit zittern
fühlte. Wenn ihm aber Beineberg oder Reiting bei solcher Gelegenheit,
um jemanden zu haben, vor dem sie von sich sprechen konnten,
auseinandersetzten, was sie bei all dem bewegte, versagte sein
Verständnis. Er fand Reiting sogar überspannt. Dieser sprach nämlich
mit Vorliebe davon, daß sein Vater eine merkwürdig unstete, später
verschollene Person gewesen sei. Sein Name sollte überhaupt nur ein
Inkognito für den eines sehr hohen Geschlechtes sein. Er dachte, von
seiner Mutter noch einmal in weitgehende Ansprüche eingeweiht zu
werden, rechnete mit Staatsstreichen und großer Politik und wollte
demzufolge Offizier werden.
Solche Absichten konnte sich Törleß ernstlich gar nicht vorstellen.
Die Jahrhunderte der Revolutionen schienen ihm ein für alle Male
vorbei. Dennoch verstand Reiting Ernst zu machen. Vorläufig freilich
nur im kleinen. Er war ein Tyrann und unnachsichtig gegen den, der
sich ihm widersetzte. Sein Anhang wechselte von Tag zu Tag, aber immer
war die Majorität auf seiner Seite. Darin bestand sein Talent. --
Gegen Beineberg hatte er vor ein oder zwei Jahren einen großen Krieg
geführt, der mit dessen Niederlage endete. Beineberg war zum Schlusse
ziemlich isoliert dagestanden, obwohl er in der Beurteilung der
Personen, an Kaltblütigkeit und dem Vermögen, Antipathien gegen
ihm Mißliebige zu erregen, kaum hinter seinem Gegner zurückstand.
Aber ihm fehlte das Liebenswürdige und Gewinnende desselben. Seine
Gelassenheit und seine philosophische Salbung flößten fast allen
Mißtrauen ein. Man vermutete garstige Exzesse irgendwelcher Art am
Grunde seines Wesens. Dennoch hatte er Reiting große Schwierigkeiten
bereitet und dessen Sieg war fast nur ein zufälliger gewesen. Seit
der Zeit hielten sie aus gemeinschaftlichem Interesse zusammen.
Törleß hingegen wurde von diesen Dingen gleichgültig gelassen. Er
besaß daher auch kein Geschick in ihnen. Dennoch war er mit in diese
Welt eingeschlossen und konnte täglich vor Augen sehen, was es bedeute,
in einem Staate -- denn jede Klasse ist in einem solchen Institute
ein kleiner Staat für sich -- die erste Rolle inne zu haben. Deswegen
hatte er einen gewissen scheuen Respekt vor seinen beiden Freunden.
Die Anwandlungen, die er manchmal hatte, es ihnen gleichzutun,
blieben in dilettantischen Versuchen stecken. Dadurch geriet er, der
ohnedies jünger war, in das Verhältnis eines Schülers oder Gehülfen
zu ihnen. Er genoß ihren Schutz, sie aber hörten gerne seinen Rat.
Denn Törleß' Geist war der beweglichste. Einmal auf eine Fährte
gesetzt, war er im Ausdenken der winkelzügigsten Kombinationen
überaus fruchtbar. Es vermochte auch keiner so genau wie er die
verschiedenen, von dem Verhalten eines Menschen in einer gegebenen
Lage zu erwartenden Möglichkeiten vorauszusagen. Nur wo es sich
darum handelte, einen Entschluß zu fassen, von den vorhandenen
psychologischen Möglichkeiten eine auf eigene Gefahr als bestimmt
anzunehmen und danach zu handeln, versagte er, verlor das Interesse und
hatte keine Energie. Seine Rolle als geheimer Generalstabschef
machte ihm aber Spaß. Um so mehr, als sie so ziemlich das einzige
war, das in seine tiefinnerliche Langweile einige Bewegung brachte.
Manchmal kam ihm aber doch zu Bewußtsein, was er durch diese innerliche
Abhängigkeit einbüßte. Er fühlte, daß ihm alles, was er tat, nur ein
Spiel war. Nur etwas, das ihm half, über die Zeit dieser Larvenexistenz
im Institute hinwegzukommen. Ohne Bezug auf sein eigentliches Wesen,
das erst dahinter, in noch unbestimmter zeitlicher Entfernung kommen
werde.
Wenn er nämlich bei gewissen Gelegenheiten sah, wie sehr seine beiden
Freunde diese Dinge ernst nahmen, fühlte er sein Verständnis versagen.
Er hätte sich gerne über sie lustig gemacht, hatte aber doch Angst,
daß hinter ihren Phantastereien mehr Wahres stecken könnte, als er
einzusehen vermochte. Er fühlte sich gewissermaßen zwischen zwei
Welten zerrissen: Einer solid bürgerlichen, in der schließlich doch
alles geregelt und vernünftig zuging, wie er es von zu Hause her
gewohnt war, und einer abenteuerlichen, voll Dunkelheit, Geheimnis,
Blut und ungeahnter Überraschungen. Die eine schien dann die andere
auszuschließen. Ein spöttisches Lächeln, das er gerne auf seinen
Lippen festgehalten hätte, und ein Schauer, der ihm über den Rücken
fuhr, kreuzten sich. Ein Flimmern der Gedanken entstand ...
Dann sehnte er sich danach, endlich etwas Bestimmtes in sich zu fühlen;
feste Bedürfnisse, die zwischen Gutem und Schlechtem, Brauchbarem und
Unbrauchbarem schieden; sich wählen zu wissen, wenn auch falsch --
besser doch, als überempfänglich alles in sich aufzunehmen ...
Als er in die Kammer getreten war, hatte sich diese innere
Zwiespältigkeit, wie stets an diesem Orte, wieder seiner bemächtigt.
Reiting hatte unterdessen zu erzählen angefangen:
Basini war ihm Geld schuldig gewesen, hatte ihn von einem Termin zum
andern vertröstet; jedesmal unter Ehrenwort. »Ich hatte ja soweit
nichts dagegen,« meinte Reiting, »je länger es so ging, desto mehr
wurde er von mir abhängig. Ein drei- oder vierfach gebrochenes
Ehrenwort ist am Ende doch keine Kleinigkeit? Aber schließlich
brauchte ich mein Geld selbst. Ich machte ihn darauf aufmerksam
und er schwor hoch und heilig. Hielt natürlich wieder nicht Wort.
Da erklärte ich ihm, daß ich ihn anzeigen würde. Er bat um zwei Tage
Zeit, weil er eine Sendung von seinem Vormunde erwarte. Ich aber
erkundigte mich einstweilen ein wenig um seine Verhältnisse. Wollte
wissen, von wem er etwa noch abhängig sei; -- man muß doch damit
rechnen können.
Was ich erfuhr, war mir nicht gerade angenehm. Er hatte bei Dschjusch
Schulden und noch bei einigen anderen. Einen Teil davon hatte er
schon gezahlt, natürlich von dem Gelde, das er mir schuldig blieb.
Die anderen brannten ihm unter den Nägeln. Mich ärgerte das. Hielt er
mich für den Gutmütigsten? Das wäre mir kaum sympathisch gewesen.
Aber ich dachte mir: »abwarten. Es wird sich schon Gelegenheit finden,
ihm solche Irrtümer auszutreiben.« Gesprächsweise hatte er mir einmal
die Summe des erwarteten Betrags genannt, um mich zu beruhigen, daß
diese größer sei als mein Guthaben. Ich fragte nun genau herum und
brachte heraus, daß für die Gesamtsumme der Schulden der Betrag bei
weitem nicht ausreiche. »Aha,« dachte ich mir, »jetzt wird er es
wohl noch einmal probieren.«
Und richtig kam er ganz vertraulich zu mir und bat, weil die anderen
so sehr drängten, um ein wenig Nachsicht. Ich blieb aber diesmal
ganz kalt. »Bettel die anderen,« sagte ich ihm, »ich bin nicht
gewohnt nach ihnen zu kommen.« »Dich kenne ich besser, zu dir habe
ich mehr Vertrauen«, versuchte er. »Mein letztes Wort: Du bringst mir
morgen das Geld oder ich lege dir meine Bedingungen auf.« »Was für
Bedingungen?« erkundigte er sich. Das hättet ihr hören sollen! Als ob
er bereit wäre, seine Seele zu verkaufen. »Was für Bedingungen? Oho!
Du mußt mir in allem, was ich unternehme, Gefolgschaft leisten.« »Wenn
es weiter nichts ist? Das tue ich gewiß, ich halte von selbst gerne
zu dir«. »Oh, nicht nur, wenn es _dir_ Vergnügen macht; Du mußt
ausführen, was immer ich will, -- in blindem Gehorsam!« Jetzt sah
er mich so schief, halb grinsend und halb verlegen an. Er wußte nicht,
wieweit er sich einlassen könne, wie weit es mir Ernst sei. Er
hätte mir wahrscheinlich gerne alles versprochen, aber er mußte
wohl fürchten, daß ich ihn nur auf die Probe stelle. Schließlich sagte
er daher und wurde rot: »Ich werde dir das Geld bringen.« Mir
machte er Spaß, das war so ein Mensch, den ich bisher unter den
fünfzig anderen gar nicht beachtet hatte. Er zählte doch nie mit,
nicht? Und nun war er mir plötzlich so ganz nahe getreten, daß ich
ihn bis ins kleinste sah. Ich wußte gewiß, daß der bereit sei, sich
zu verkaufen; ohne viel Aufhebens, wenn nur niemand darum wußte. Es
war wirklich eine Überraschung, und es gibt gar nichts Schöneres, als
wenn einem ein Mensch plötzlich auf solche Weise offenbar wird, seine
bisher unbeachtete Art zu leben plötzlich vor einem liegt, wie die
Gänge eines Wurms, wenn das Holz entzwei springt....
Am nächsten Tage brachte er mir richtig das Geld. Ja mehr als das,
er lud mich ein, mit ihm im Kasino etwas zu trinken. Er bestellte
Wein, Torte, Zigaretten und bat mich, mir aufwarten zu dürfen --
aus »Dankbarkeit,« weil ich so geduldig gewesen sei. Mir war nur
unangenehm, daß er dabei so furchtbar harmlos tat. So als ob nie
zwischen uns ein verletzendes Wort gefallen wäre. Ich deutete darauf
hin; er wurde nur noch herzlicher. Es war so, als ob er sich mir
entwinden, sich mir wieder gleichsetzen wollte. Er machte sich von
nichts mehr wissen, mit jedem zweiten Worte drängte er mir eine
Beteuerung seiner Freundschaft auf; nur in seinen Augen war etwas,
das sich an mich klammerte, als ob er sich fürchte, das künstlich
geschaffene Gefühl der Nähe wieder zu verlieren. Schließlich wurde
er mir zuwider. Ich dachte: »glaubt er denn, ich müsse mir das gefallen
lassen?« und sann nach, wie ich ihm eins moralisch vor den Kopf geben
könnte. Nach etwas recht Verletzendem suchte ich. Dabei fiel mir ein,
daß mir Beineberg am Morgen erzählt hatte, ihm sei Geld gestohlen
worden. Ganz nebenbei fiel es mir ein. Aber es kehrte wieder. Und es
schnürte mir förmlich den Hals zusammen. »Es käme doch wunderbar
gelegen«, dachte ich mir und fragte ihn beiläufig, wieviel Geld er
denn noch besitze. Die Rechnung, die ich daraufhin anstellte, stimmte.
»Wer war denn so dumm, dir trotz allem noch Geld zu borgen?« fragte
ich lachend. »Hofmeier.«
Ich glaube, ich zitterte vor Freude. Hofmeier war nämlich zwei Stunden
vorher bei mir gewesen, um sich selbst etwas Geld zu entleihen. So
war das, was mir vor ein paar Minuten durch den Kopf gefahren war,
plötzlich Wirklichkeit geworden. Nicht anders, als wenn du zufällig,
scherzend denkst: Dieses Haus sollte jetzt brennen, und im nächsten
Augenblick schießt das Feuer schon meterhoch empor....
Ich überschlug rasch noch einmal alle Möglichkeiten; freilich,
Gewißheit war ja nicht zu gewinnen, aber mein Gefühl genügte mir. So
neigte ich mich denn zu ihm hin und sagte in wirklich liebenswürdigster
Weise, so als ob ich ihm ganz sanft ein schlankes, spitzes Stäbchen ins
Gehirn hineintriebe: »Schau doch, lieber Basini, warum willst du
mich anlügen?« Wie ich das sagte, schienen seine Augen ängstlich im
Kopfe zu schwimmen, ich aber fuhr fort: »Du kannst ja vielleicht bald
jemandem etwas vormachen, aber gerade ich bin nicht der Richtige. Du
weißt doch, Beineberg....« Er wurde nicht rot und nicht bleich, es
schien, als warte er auf Lösung eines Mißverständnisses. »Na, um
es kurz zu machen«, sagte ich da, »das Geld, wovon du mir deine
Schuld bezahltest, hast du heute nacht aus Beinebergs Schublade
genommen!«
Ich lehnte mich wieder zurück, um den Eindruck zu beobachten. Er war
kirschrot geworden; die Worte, an denen er würgte, trieben ihm den
Speichel auf die Lippen; endlich vermochte er zu sprechen. Es war ein
ganzer Guß von Beschuldigungen gegen mich: wie ich mich unterstehen
könne, so etwas zu behaupten; was denn eine solche schimpfliche
Vermutung auch nur im entferntesten rechtfertige; daß ich nur Streit
mit ihm suche, weil er der Schwächere sei; daß ich es nur aus Ärger
tue, weil er nach Zahlung seiner Schulden von mir erlöst sei; daß er
aber die Klasse anrufen werde, ... den Präfekten, ... den Direktor;
daß Gott seine Unschuld bezeugen möge, und so weiter ins Unendliche.
Mir wurde wirklich schon bange, daß ich ihm unrecht getan und ihn
unnötig verletzt habe, so hübsch stand ihm die Röte im Gesicht; .. wie
ein gequältes, wehrloses, kleines Tierchen sah er aus. Aber es litt
mich doch nicht, so ohneweiters beizugeben. So hielt ich denn ein
spöttisches Lächeln fest -- eigentlich fast nur aus Verlegenheit --
mit dem ich alle seine Reden anhörte. Hie und da nickte ich dazu
und sagte ruhig: »Aber ich weiß es doch.«
Nach einer Weile wurde auch er ruhig. Ich lächelte weiter. Ich hatte
ein Gefühl, als ob ich ihn durch dieses Lächeln allein zum Diebe machen
könnte, selbst wenn er es noch nicht gewesen wäre. »Und zum Gutmachen«,
dachte ich mir, »ist auch später immer noch Zeit.«
Wieder nach einer Weile, während deren er mich von Zeit zu Zeit
heimlich angesehen hatte, wurde er plötzlich bleich. Eine merkwürdige
Veränderung ging mit seinem Gesichte vor. Die förmlich unschuldige
Anmut, die es vorher verschönt hatte, schwand; wie es schien, mit der
Farbe. Es sah nun grünlich aus, käsig, verquollen. Ich hatte so etwas
vorher nur ein einzigesmal gesehen -- als ich auf der Straße hinzukam,
wie man einen Mörder arretierte. Der war auch unter den anderen
Leuten umhergegangen, ohne daß man ihm das geringste hätte anmerken
können. Als ihm aber der Schutzmann die Hand auf die Schulter legte,
war er plötzlich ein anderer Mensch geworden. Sein Gesicht hatte
sich verwandelt und seine Augen starrten erschrocken und nach einem
Ausweg suchend aus einer wahren Galgenphysiognomie.
Daran wurde ich durch den Wechsel in Basinis Ausdruck erinnert; ich
wußte nun alles und wartete nur noch....
Und es kam auch so. Ohne daß ich etwas gesagt hätte, fing Basini --
von dem Schweigen erschöpft -- zu weinen an und bat mich um Gnade.
Er habe das Geld ja nur in der Not genommen; wenn ich nicht darauf
gekommen wäre, hätte er es so bald wieder zurückgegeben, daß niemand
darum gewußt hätte. Ich solle doch nicht sagen, er habe gestohlen;
er habe es sich ja nur heimlich ausgeliehen ...; weiter kam er nicht
vor Tränen.
Danach aber bettelte er mich von neuem. Er wolle mir gehorsam sein,
alles tun, was überhaupt ich wünsche, nur solle ich niemandem davon
erzählen. Um diesen Preis bot er sich mir förmlich zum Sklaven an
und die Mischung von List und gieriger Angst, die sich dabei in seinen
Augen krümmte, war widerwärtig. Ich versprach ihm daher auch nur kurz,
mir noch überlegen zu wollen, was mit ihm geschehen werde, sagte aber,
daß dies in erster Linie Beinebergs Sache sei. Was sollen wir nun
eurer Meinung nach mit ihm anfangen?«
Während Reiting erzählte, hatte Törleß wortlos, mit geschlossenen
Augen zugehört. Von Zeit zu Zeit war ihm ein Frösteln bis in die
Fingerspitzen gelaufen und in seinem Kopfe stießen die Gedanken wild
und ungeordnet in die Höhe, wie Blasen in siedendem Wasser. Man
sagt, daß es so demjenigen gehe, der zum ersten Male das Weib sehe,
welches bestimmt ist, ihn in eine vernichtende Leidenschaft zu
verwickeln. Man behauptet, daß es einen solchen Augenblick des Sich
bückens, Kräfte heraufholens, Atem anhaltens, einen Augenblick äußeren
Schweigens über gespanntester Innerlichkeit zwischen zwei Menschen
gebe. Keinesfalls ist zu sagen, was in diesem Augenblicke vorgeht.
Er ist gleichsam der Schatten, den die Leidenschaft vorauswirft.
Ein organischer Schatten; eine Lockerung aller bisherigen Spannungen
und zugleich ein Zustand plötzlicher, neuer Gebundenheit, in dem schon
die ganze Zukunft enthalten ist; eine auf die Schärfe eines Nadelstichs
konzentrierte Inkubation.... Und er ist andrerseits ein Nichts,
ein dumpfes, unbestimmtes Gefühl, eine Schwäche, eine Angst....
So fühlte es Törleß. Was Reiting von sich und Basini erzählte,
schien ihm, wenn er sich darüber befragte, ohne Belang zu sein. Ein
leichtsinniges Vergehen und eine feige Schlechtigkeit von seiten
Basinis, worauf nun sicher irgendeine grausame Laune Reitings folgen
werde. Andrerseits aber fühlte er wie in einer bangen Ahnung, daß
die Ereignisse nun eine ganz persönliche Wendung gegen ihn genommen
hatten, und in dem Zwischenfalle lag etwas, das ihn wie mit einer
scharfen Spitze bedrohte.
Er mußte sich Basini bei Bozena vorstellen und er sah in der Kammer
umher. Ihre Wände schienen ihm zu drohen, sich auf ihn zu senken, wie
mit blutigen Händen nach ihm zu greifen, der Revolver rückte auf seinem
Platze hin und her....
Da war nun etwas zum ersten Male wie ein Stein in die unbestimmte
Einsamkeit seiner Träumereien gefallen; es war da; da ließ sich
nichts machen; es war Wirklichkeit. Gestern war Basini noch genau so
wie er selbst gewesen; eine Falltüre hatte sich geöffnet, und Basini
war gestürzt. Genau so, wie es Reiting schilderte: eine plötzliche
Veränderung, und der Mensch hat gewechselt....
Und wieder verknüpfte sich das irgendwie mit Bozena. Seine Gedanken
hatten Blasphemie getrieben. Ein fauler, süßer Geruch, der aus ihnen
aufgestiegen war, hatte ihn verwirrt. Und diese tiefe Erniedrigung,
diese Selbstaufgabe, dieses von den schweren, blassen, giftigen
Blättern der Schande Bedecktwerden, das wie ein unkörperliches, fernes
Spiegelbild durch seine Träume gezogen war, war nun plötzlich mit
Basini -- geschehen.
Es war also etwas, womit man wirklich rechnen muß, vor dem man sich
hüten muß, das plötzlich aus den schweigsamen Spiegeln der Gedanken
hervorspringen kann?...
Dann war aber auch alles andere möglich. Dann waren Reiting und
Beineberg möglich. War diese Kammer möglich ... Dann war es auch
möglich, daß von der hellen, täglichen Welt, die er bisher allein
gekannt hatte, ein Tor zu einer anderen, dumpfen, brandenden,
leidenschaftlichen, nackten, vernichtenden führe. Daß zwischen
jenen Menschen, deren Leben sich wie in einem durchsichtigen und
festen Bau von Glas und Eisen geregelt zwischen Bureau und Familie
bewegt, und anderen, Herabgestoßenen, Blutigen, ausschweifend
Schmutzigen, in verwirrten Gängen voll brüllender Stimmen Irrenden,
nicht nur ein Übergang besteht, sondern ihre Grenzen heimlich und
nahe und jeden Augenblick überschreitbar aneinanderstoßen ...
Und die Frage bliebe nur: wie ist es möglich? Was geschieht in solchem
Augenblicke? Was schießt da schreiend in die Höhe und was verlischt
plötzlich?...
Das waren die Fragen, die für Törleß mit diesem Ereignisse
heraufstiegen. Sie stiegen undeutlich herauf, mit verschlossenen
Lippen, von einem dumpfen, unbestimmten Gefühl ... einer Schwäche,
einer Angst verhüllt.
Aber doch klang wie von ferne, abgerissen und vereinzelt, manches ihrer
Worte in Törleß auf und erfüllte ihn mit banger Erwartung.
In diesen Augenblick fiel Reitings Anfrage.
Törleß begann sofort zu sprechen. Er gehorchte dabei einem plötzlichen
Antriebe, einer Bestürzung. Es schien ihm, daß irgend etwas
Entscheidendes bevorstehe, und er erschrak vor diesem Heranrückenden,
wollte ausweichen, eine Frist gewinnen ... Er sprach, aber im
selben Augenblicke fühlte er, daß er nur Uneigentliches vorzubringen
habe, daß seine Worte ohne inneren Rückhalt seien und gar nicht seine
wirkliche Meinung ...
Er sagte: »Basini ist ein Dieb.« Und der bestimmte, harte Klang dieses
Wortes tat ihm so wohl, daß er es zweimal wiederholte. »... ein Dieb.
Und einen solchen bestraft man -- überall, in der ganzen Welt. Er muß
angezeigt, aus dem Institute entfernt werden! Mag er sich draußen
bessern, zu uns paßt er nicht mehr!«
Aber Reiting sagte mit einem Ausdrucke unangenehmen Betroffenseins:
»Nein, wozu es gleich zum Äußersten treiben?«
»Wozu? Ja, findest du denn das nicht selbstverständlich?«
»Durchaus nicht. Du machst ja gerade so, als ob der Schwefelregen
schon vor der Tür stünde, um uns alle zu vernichten, wenn wir Basini
noch länger unter uns behielten. Dabei ist die Sache doch nicht gar so
fürchterlich.«
»Wie kannst du das sagen! Du willst also mit einem Menschen, der
gestohlen hat, der sich dir dann zur Magd, zum Sklaven angeboten
hat, tagtäglich weiter zusammen sitzen, zusammen essen, zusammen
schlafen?! Ich verstehe das gar nicht. Wir werden doch gemeinsam
erzogen, weil wir gemeinsam zur selben Gesellschaft gehören. Wird es
dir gleich sein, wenn du seinerzeit vielleicht im selben Regiment mit
ihm stehst, oder im selben Ministerium arbeitest, wenn er in denselben
Familien verkehrt wie du -- vielleicht deiner eigenen Schwester den
Hof macht ...?«
»Nun seh einer, ob du nicht übertreibst?!« lachte Reiting, »du tust,
als ob wir einer Brüderschaft fürs Leben angehörten! Glaubst du denn,
daß wir immer ein Siegel an uns herumtragen werden: Stammt aus dem
Konvikte zu W. Ist mit besonderen Vorrechten und Verpflichtungen
behaftet? Später geht ja doch jeder von uns seinen eigenen Weg, und
jeder wird das, wozu er berechtigt ist, denn es gibt nicht nur eine
Gesellschaft. Ich meine daher, wir brauchen uns nicht über die Zukunft
den Kopf zu zerbrechen. Und was das Gegenwärtige betrifft, habe ich ja
nicht gesagt, daß wir mit Basini Kameradschaft halten sollen. Es wird
sich schon irgendwie so finden lassen, daß die Distanz gewahrt bleibt.
Basini ist in unserer Hand, wir können mit ihm machen, was wir wollen,
meinetwegen kannst du ihn zweimal täglich anspucken: wo bleibt da,
solange er es sich gefallen läßt, die Gemeinsamkeit? Und lehnt er sich
auf, können wir ihm immer noch den Herrn zeigen ... Du mußt nur die
Idee fallen lassen, daß zwischen uns und Basini irgendeine andere
Zusammengehörigkeit bestehe, außer der, daß uns seine Gemeinheit
Vergnügen bereitet!«
Trotzdem Törleß gar nicht von seiner Sache überzeugt war, ereiferte er
sich weiter: »Höre, Reiting, warum nimmst du dich Basinis so warm an?«
»Nehme ich mich seiner an? Das weiß ich gar nicht. Überhaupt habe ich
gewiß keinen besonderen Grund; mir ist die ganze Geschichte grenzenlos
gleichgültig. Mich ärgert ja nur, daß du übertreibst. Was steckt dir
im Kopfe? So eine Art Idealismus, meine ich. Heilige Begeisterung
für das Institut oder für die Gerechtigkeit. Du hast keine Ahnung,
wie fad und musterhaft das klingt. Oder hast du am Ende«, und Reiting
blinzelte verdächtigend zu Törleß hinüber, »irgendeinen anderen Grund,
weswegen Basini hinausfliegen soll, und willst bloß nicht Farbe
bekennen? Irgendeine alte Rache? Dann sag es doch! Denn, wenn es
dafür steht, können wir ja wirklich die günstige Gelegenheit benützen.«
Törleß wandte sich an Beineberg. Aber dieser grinste nur. Er sog
zwischen dem Sprechen an einem langen Tschibuk, saß mit orientalisch
gekreuzten Beinen und sah mit seinen abstehenden Ohren in der
zweifelhaften Beleuchtung wie ein groteskes Götzenbild aus.
»Meinetwegen könnt ihr machen, was ihr wollt; mir ist es nicht um das
Geld zu tun und um die Gerechtigkeit auch nicht. In Indien würde
man ihm einen gespitzten Bambus durch den Darm treiben; das wäre
wenigstens ein Vergnügen. Er ist dumm und feig, da ist weiter nicht
schade um ihn, und es war mir wirklich Zeit meines Lebens höchst
egal, was mit solchen Leuten geschieht. Sie selbst sind nichts, und
was aus ihrer Seele noch werden mag, wissen wir nicht. Allah schenke
eurem Urteil seine Gnade!«
Törleß erwiderte nichts. Nachdem ihm Reiting widersprochen und
Beineberg die Entscheidung zwischen ihnen unbeeinflußt gelassen hatte,
war er am Ende. Er vermochte keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen;
er fühlte, daß er gar kein Verlangen mehr habe, das Ungewisse, Kommende
aufzuhalten.
Also wurde ein Vorschlag angenommen, den Reiting nun machte. Es wurde
beschlossen, Basini vorderhand unter Aufsicht, gewissermaßen unter
Kuratel zu stellen und ihm so Gelegenheit zu bieten, daß er sich wieder
herausarbeiten könne. Seine Einnahmen und Ausgaben sollten von nun an
strenge geprüft werden und seine Beziehungen zu den übrigen von der
Erlaubnis der drei abhängen.
Dieser Beschluß war scheinbar sehr korrekt und wohlwollend. »Musterhaft
fad«, wie Reiting diesmal _nicht_ sagte. Denn, ohne daß sie es sich
eingestanden, fühlte jeder, daß hier nur eine Art Zwischenzustand
geschaffen werden sollte. Reiting hätte ungerne auf eine Fortsetzung
dieser Angelegenheit verzichtet, da sie ihm Vergnügen bereitete, aber
andererseits war er sich noch nicht klar, welche Wendung er ihr weiter
geben sollte. Und Törleß war durch den bloßen Gedanken, daß er nun
täglich mit Basini zu tun haben werde, wie gelähmt.
Als er vorhin das Wort »Dieb« ausgesprochen hatte, war ihm für
einen Augenblick leichter geworden. Es war wie ein Hinausstellen,
Vonsichwegschieben der Dinge gewesen, die in ihm wühlten.
Aber die Fragen, die gleich darauf wieder auftauchten, vermochte dieses
einfache Wort nicht zu lösen. Sie waren jetzt deutlicher geworden, wo
es nicht mehr galt ihnen auszuweichen.
Törleß sah von Reiting zu Beineberg, schloß die Augen, wiederholte
sich den gefaßten Beschluß, sah wieder auf ... Er wußte ja selbst
nicht mehr, war es nur seine Phantasie, die sich wie ein riesiges
Zerrglas über die Dinge legte, oder war es wahr, war alles so, wie
es unheimlich vor ihm aufdämmerte? Und wußten nur Beineberg und
Reiting nichts von diesen Fragen? Obwohl gerade sie sich von Anfang
an heimisch in dieser Welt bewegt hatten, die ihm nun auf einmal erst
so fremd erschien?
Törleß fürchtete sich vor ihnen. Aber er fürchtete sich nur so, wie
man sich vor einem Riesen fürchtet, den man blind und dumm weiß ...
Eines aber war entschieden: Er war jetzt viel weiter als vor einer
Viertelstunde noch. Die Möglichkeit einer Umkehr war vorüber. Eine
leise Neugierde stieg auf, wie es nun wohl kommen werde, da er gegen
seinen Willen festgehalten sei. Alles, was sich in ihm regte, lag
noch im Dunkeln, aber doch spürte er schon eine Lust, in die Gebilde
dieser Finsternis hineinzustarren, welche die anderen nicht bemerkten.
Ein feines Frösteln war in diese Lust gemengt. Als ob über seinem
Leben nun beständig ein grauer, verhängter Himmel stehen werde --
mit großen Wolken, ungeheuren, wechselnden Gestalten und der immer
neuen Frage: Sind es Ungeheuer? Sind es nur Wolken?
Und diese Frage nur für ihn! Als Geheimes, den anderen Fremdes,
Verbotenes ...
So begann Basini sich zum ersten Male jener Bedeutung zu nähern, die
er späterhin in Törleß' Leben einnehmen sollte.
* * * * *
Am nächsten Tage wurde Basini unter Kuratel gesetzt.
Nicht ganz ohne einige Feierlichkeit. Man benützte eine Morgenstunde,
während welcher man sich den Freiübungen, die auf einer großen Wiese im
Parke stattfanden, entzogen hatte.
Reiting hielt eine Art Ansprache. Nicht gerade kurz. Er wies Basini
darauf hin, daß er seine Existenz verscherzt habe, eigentlich angezeigt
werden müßte und es nur einer besonderen Gnade zu danken habe, daß man
ihm vorläufig die Schande einer strafweisen Entfernung noch erlasse.
Dann wurden ihm die besonderen Bedingungen mitgeteilt. Die Überwachung
ihrer Einhaltung übernahm Reiting.
Basini war während des ganzen Auftrittes sehr bleich gewesen, hatte
jedoch kein Wort erwidert und aus seinem Gesichte war nicht zu
entnehmen gewesen, was währenddem in ihm vorgegangen war.
Törleß war die Szene abwechselnd sehr geschmacklos und sehr bedeutend
vorgekommen.
Beineberg hatte mehr auf Reiting als auf Basini geachtet.
* * * * *
Während der nächsten Tage schien die Angelegenheit beinahe vergessen zu
sein.
Reiting war außer im Unterrichte und beim Speisen kaum zu sehen,
Beineberg war schweigsamer denn je und Törleß schob es immer wieder
hinaus, über die Geschichte nachzudenken.
Basini bewegte sich unter den Kameraden, als wäre niemals etwas
vorgefallen.
* * * * *
Er war etwas größer als Törleß, jedoch sehr schwächlich gebaut, hatte
weiche, träge Bewegungen und weibische Gesichtszüge. Sein Verstand war
gering, im Fechten und Turnen war er einer der letzten, doch war ihm
eine angenehme Art koketter Liebenswürdigkeit eigen.
Zu Bozena war er seinerzeit nur gekommen, um den Mann zu spielen. Eine
wirkliche Begierde dürfte ihm bei seiner zurückgebliebenen Entwicklung
durchaus noch fremd gewesen sein. Er empfand es vielmehr bloß als
Nötigung, als Angemessenheit oder Verpflichtung, daß man den Duft
galanter Erlebnisse an ihm nicht vermisse. Sein schönster Augenblick
war der, wenn er von Bozena wegging und es hinter sich hatte, denn
es war ihm nur um den Besitz der Erinnerung zu tun.
Mitunter log er auch aus Eitelkeit. So kam er nach jedem Urlaube mit
Andenken an kleine Abenteuer zurück -- Bändern, Locken, schmalen
Briefchen. Als er aber einmal ein Strumpfband in seinem Koffer
mitgebracht hatte, ein liebes, kleines, duftendes, himmelblaues, und
nachträglich sich herausstellte, daß es von niemand anderem als
seiner eigenen zwölfjährigen Schwester war, wurde er wegen dieses
lächerlichen Großtuns viel verlacht.
Die moralische Minderwertigkeit, die sich an ihm herausstellte, und
seine Dummheit wuchsen auf einem Stamm. Er vermochte keiner Eingebung
Widerstand entgegenzusetzen und wurde von den Folgen stets überrascht.
Er war darin wie jene Frauen mit niedlichen Löckchen über der Stirne,
die ihrem Gatten in mahlzeitweisen Dosen Gift beibringen und sich dann
voller Schrecken über die fremden, harten Worte des Staatsanwaltes
wundern und über ihr Todesurteil.
* * * * *
Törleß wich ihm aus. Dadurch verlor sich allmählig auch jenes
tiefinnerliche Erschrecken, das ihn im ersten Augenblicke gleichsam
unter den Wurzeln seiner Gedanken gepackt und erschüttert hatte. Es
wurde wieder vernünftig um Törleß; das Befremden wich und wurde Tag
um Tag unwirklicher, wie Spuren eines Traumes, die sich in der
realen, festen, sonnenbeschienenen Welt nicht behaupten können.
Um sich dieses Zustandes noch mehr zu versichern, teilte er alles in
einem Briefe seinen Eltern mit. Nur das, was er selbst dabei empfunden
hatte, verschwieg er.
Er war nun wieder auf den Standpunkt gelangt, daß es doch am besten
sei, bei nächster Gelegenheit Basinis Entfernung aus dem Institute
durchzusetzen. Er vermochte sich gar nicht vorzustellen, daß seine
Eltern anders darüber denken könnten. Er erwartete von ihnen eine
strenge, angewiderte Beurteilung Basinis, eine Art, denselben mit den
Fingerspitzen wegzuschnellen wie ein unsauberes Insekt, das man in
der Nähe ihres Sohne nicht dulden dürfe.
Nichts von alledem stand in dem Briefe, den er als Antwort erhielt.
Seine Eltern hatten sich rechtschaffene Mühe gegeben und wie
vernünftige Leute alle Umstände erwogen, soweit sie sich eben nach
den abgerissenen, lückenhaften Mitteilungen jenes hastigen Briefes
eine Vorstellung davon machen konnten. Es folgte daraus, daß sie
die nachsichtigste und zurückhaltendste Beurteilung bevorzugten, um so
mehr als sie in der Darstellung ihres Sohnes möglicherweise mit
mancher aus jugendlicher Empörung hervorgegangenen Übertreibung zu
rechnen hatten. Sie billigten also den Entschluß, Basini Gelegenheit
zur Besserung zu geben, und meinten, daß man nicht gleich wegen
eines kleinen Fehltrittes ein Menschenschicksal aus seiner Bahn
stoßen dürfe. Um so mehr -- und das betonten sie wie billig ganz
besonders -- als man es hier noch nicht mit fertigen Menschen zu
tun habe, sondern erst mit weichen, in der Entwicklung begriffenen
Charakteren. Man müsse Basini gegenüber wohl für jeden Fall Ernst
und Strenge herauskehren, stets aber auch ihm mit Wohlwollen
entgegentreten und ihn zu bessern suchen.
Dies erhärteten sie durch eine ganze Reihe von Beispielen, die
Törleß wohlbekannt waren. Denn er erinnerte sich genau, daß viele in
den ersten Jahrgängen, wo es die Direktion noch liebte, drakonische
Sitten herauszukehren und dem Taschengelde enge Grenzen zog, sich oft
nicht enthalten konnten, Glücklichere von den gefräßigen Kleinen,
die sie alle miteinander nun einmal waren, um einen Teil ihres
Schinkenbrotes oder dergleichen zu betteln. Auch er selbst war nicht
immer frei davon geblieben, wenn er auch seine Scham dahinter
versteckte, daß er auf die boshafte, übelwollende Direktion schimpfte.
Und nicht nur den Jahren, sondern auch den sowohl ernsten als gütigen
Ermahnungen seiner Eltern dankte er es, daß er allmählig gelernt
hatte, solche Schwächen mit Stolz zu vermeiden.
Aber all das verfehlte heute seine Wirkung.
Er mußte ja einsehen, daß seine Eltern in vieler Beziehung recht
hatten, auch wußte er, daß es kaum möglich sei, so von fernher ganz
richtig zu urteilen; ihrem Briefe schien jedoch etwas viel Wichtigeres
zu fehlen.
Das war das Verständnis dafür, daß da etwas Unwiderrufliches
geschehen sei, etwas, das unter Menschen eines gewissen Kreises nie
geschehen dürfe. Das Staunen und die Betroffenheit fehlten. Sie
sprachen, als ob es eine gewohnte Sache wäre, die man mit Takt, aber
ohne viel Aufhebens erledigen müsse. Ein Makel, der so wenig schön,
aber so unausweichlich ist wie die tägliche Notdurft. Von einer
persönlicheren, beunruhigten Auffassung so wenig eine Spur wie bei
Beineberg und Reiting.
Törleß hätte sich auch dies gesagt sein lassen können. Statt dessen
zerriß er aber den Brief in kleine Stückchen und verbrannte ihn. Es war
zum erstenmal in seinem Leben, daß er sich eine solche Pietätlosigkeit
zuschulden kommen ließ.
In ihm war eine der beabsichtigten entgegengesetzte Wirkung ausgelöst
worden. Im Gegensatze zu der schlichten Auffassung, die man ihm
vortrug, war ihm mit einem Male wieder das Problematische, Fragwürdige
von Basinis Vergehen eingefallen. Er sagte sich kopfschüttelnd, daß
man darüber noch nachdenken müsse, obwohl er sich über das Warum keine
genaue Rechenschaft geben konnte ...
Am merkwürdigsten war es, wenn er mehr mit Träumen als mit Überlegungen
dem nachging. Dann erschien ihm Basini verständlich, alltäglich, mit
klaren Konturen, so wie ihn seine Eltern und seine Freunde sehen
mochten: und im nächsten Augenblicke verschwand er und kam wieder,
immer wieder, als eine kleine, ganz kleine Figur, die zeitweilig
vor einem tiefen, sehr tiefen Hintergrunde aufleuchtete .........
* * * * *
Da wurde Törleß einmal während der Nacht -- es war sehr spät und alle
schliefen schon -- wachgerüttelt.
An seinem Bette saß Beineberg. Das war so ungewöhnlich, daß er sofort
ahnte, es müsse sich um etwas Besonderes handeln.
»Steh auf. Aber mach keinen Lärm, damit uns niemand bemerkt; wir wollen
hinaufgehen, ich muß dir etwas erzählen.«
Törleß kleidete sich flüchtig an, nahm seinen Mantel um und schlüpfte
in die Hausschuhe ...
Oben stellte Beineberg mit besonderer Sorgfalt alle Hindernisse wieder
her, dann bereitete er Thee.
Törleß, welchem der Schlaf noch in den Gliedern lag, ließ sich von der
goldgelben, duftenden Wärme mit Behagen durchströmen. Er lehnte sich
in eine Ecke und machte sich klein; er erwartete eine Überraschung.