Was hier über das Zusammentreffen und Zusammenwirken von Schicksals- und
Charakterskomödie gesagt wurde, gilt nun ebensowohl auch für die anderen
Gattungen der Komödie, d. h. für die des ungelösten und die des gelösten
Konfliktes, die ich nach Obigem auch als satirische und ironische Komödie
oder als Komödie des entzweiten und des wiederversöhnten Humors
bezeichnen kann. Mit beiden stehen wir auf dramatischem Boden, ohne dass
doch die epische Gestaltung ausgeschlossen wäre.
Wenn ich hier von einem Konflikte spreche, so meine ich nicht
irgendwelchen Konflikt, sondern denjenigen zwischen dem Nichtigen, der
Thorheit, dem Lächerlichen in irgend einer Sphäre einerseits, und dem
Erhabenen, der Vernunft, dem Seinsollenden andererseits. Und der Konflikt
ist ungelöst, dies heisst, dieser Gegensatz bleibt bestehen; das
Lächerliche, sei es nun ein Lächerliches an einer Person, oder das
Lächerliche einer Situation, oder beides zugleich, hört nicht auf zu
existieren. Es wird nicht thatsächlich aus der Welt geschafft, macht
nicht einem Erhabenen Platz, schlägt nicht in ein solches um. Es wird
freilich Überwunden, aber nur innerlich, d. h. im Bewusstsein. Diese
Überwindung kann nur darin bestehen, dass sein Anspruch als ein Erhabenes
oder Seinsollendes betrachtet zu werden, als ein Zurechtbestehendes,
Überlegenes, Vornehmes, Grosses zu gelten, oder auch sein Anspruch ein
Mächtiges zu sein, zu nichte wird.
Dies Zunichtewerden muss nun irgendwie sich vollziehen. Es muss im
humoristischen Kunstwerke etwas geben, dass solchen Anspruch aufhebt.
Dies erscheint dann als Träger des Seinsollenden oder der "Idee"; und
zwar als Träger der siegreichen Idee. Auch dieser Sieg ist beim
objektiven satirischen Humor oder in der satirischen "Komödie" nicht ein
thatsächlicher, sondern ein solcher im Bewusstsein.
Hier erhebt sich nun die Frage: In wessen Bewusstsein? Die Antwort
lautet: In jedem Falle in dem unsrigen. Vielleicht aber auch im
Bewusstsein dargestellter Personen.
Und dazu tritt die andere Frage: Wo findet sich die Idee, oder was ist
der Träger derselben? Auch darauf sind verschiedene Antworten möglich.
Das Nichtige, Unvernünftige, Lächerliche, aber mit Anmassung, d. h. mit
Anspruch auf Würde Auftretende kann zunächst sich in seiner Nichtigkeit
offenbaren im natürlichen Verlauf der Dinge, im einfachen sich Auswirken,
in irgend einem Konflikt mit den Umständen. Dabei nehmen wir an, der
Träger des Lächerlichen sei sich seiner Lächerlichkeit nicht bewusst. Er
verlacht, so setzen wir voraus, nicht sich selbst, sondern geht fröhlich
seinen Weg. Er erreicht sein Ziel, behält also äusserlich betrachtet
Recht. Er steigt nur eben notgedrungen von seiner angemassten Höhe herab,
muss sich ohne Maske zeigen, muss mit dem von ihm Verachteten, dass seine
Nichtigkeit und vielleicht Nichtswürdigkeit offen zur Schau trägt, sich
auf eine Linie stellen, mit ihm paktieren, ihm den "brüderlichen
Versöhnungskuss" reichen.
Dass dies geschieht, ist das Verdienst jenes natürlichen Verlaufs der
Dinge. Der Zusammenhang des Geschehens, die innere Logik desselben, die
in ihm waltende sittliche Notwendigkeit will es so. Mit diesem
Zusammenhang, dieser Logik, dieser sittlichen Notwendigkeit
sympathisieren wir. Sie erscheint als das Erhabene. In dem hieraus
entspringenden Gefühl sind wir versöhnt.
Man kann dies Versöhntsein als Schadenfreude bezeichnen. Aber es ist
Schadenfreude besonderer Art, nämlich sittliche Schadenfreude. Jede
Schadenfreude ist--nicht Freude am Schaden Anderer als solchem, sondern
Freude an der Aufhebung eines auf der eigenen Persönlichkeit liegenden
Druckes, Freude am einer Befreiung und damit Steigerung des
Selbstbewusstseins. Und sittliche Schadenfreude ist Freude an einer
Befreiung und damit einer Steigerung des sittlichen Selbstbewusstseins.
Solche Schadenfreude oder solche sittliche Befreiung kommt in uns auch zu
stande angesichts der satirischen Darstellung, von der ich oben sagte,
dass ihr wohl zunächst der Name der Satire zukomme. Davon unterscheidet
sich die satirische "Komödie", von der wir hier reden, dadurch, dass bei
ihr das Befreiende nicht nur in der Darstellung, sondern objektiv als
Gegenstand der Darstellung uns entgegentritt. Die Befreiung besteht im
Miterleben der durch den Zusammenhang des Geschehens bewirkten
Vernichtung des Erhabenheitsanspruches des Nichtigen.
Dieser Zusammenhang des Geschehens ist hier der eigentliche Held, oder
tritt an die Stelle desselben. Wo wir eine _Person_ in einem poetischen
Kunstwerk als Helden bezeichnen, meinen wir damit die Person, auf welche
schliesslich der ganze mannigfache Inhalt des Kunstwerkes sich bezieht,
nicht irgendwie äusserlich, sondern ästhetisch, d. h. in der Art, dass
unser ästhetisches Interesse an diesem Inhalt in dem Interesse am Helden
mündet oder zur Einheit sich zusammenfasst. Dies Interesse ist aber
positives Miterleben, d. h. ein solches, in welchem wir eine eigene
Lebenssteigerung erfahren. Wir können also auch sagen: Der "Held"
bezeichnet den Punkt, in dem dasjenige, was wir angesichts des ganzen
Kunstwerkes miterleben sollen, oder was uns durch das ganze Kunstwerk
Positives gegeben werden soll, in Eines sich zusammenfasst.
Dieser Punkt nun ist in unserem Falle bezeichnet durch den Zusammenhang
des Geschehens. Er ist also der "Held". Oder: die "Idee" ist der Held,
sofern sie in diesem Zusammenhang sich als übermächtg ausweist, nämlich
übermächtig über den Erhabenheitsanspruch des Nichtigen. Dagegen können
die Träger des Nichtigen nicht Helden sein. Ihnen fehlt das Positive. Es
wird darum auch kein Einzelner in einem solchen Kunstwerk alles
beherrschend heraustreten. Was uns entgegentritt, wird eine Gruppe von
Menschen sein, eine Gesellschaftsklasse, Vertreter eines Standes oder
mehrerer Stände.
Damit ist zugleich gesagt, dass der _Humor_ der Sache hier--nicht in den
Entlarvten oder ihres Erhabenheitsanspruches Beraubten, sondern in diesem
Zusammenhang des Geschehens, oder dieser "Idee" seinen Träger hat. Der
Humor liegt in der aus der Verschleierung oder versuchten Vernichtung
emportauchenden Wahrheit. Dieser Humor ist nicht Schicksalshumor und
nicht Charakterhumor, oder er ist beides. Der Gegensatz zwischen beiden
kann eben hier, weil der Held nicht persönlich ist, noch nicht
hervortreten. Der Zusammenhang des Geschehens ist komisch. Und sofern die
Idee, das Seinsollende, die Wahrheit, nur in diesem Geschehen, oder in
Gestalt desselben für uns gegenwärtig ist, erscheint auch sie mit der
Komik _behaftet_. Andererseits ist doch jener Zusammenhang ein
Zusammenhang des _Geschehens_; die Komik ist also Schicksal; die komische
Verschleierung oder versuchte Vernichtung _widerfährt_ der Idee.
Ist die Idee oder das Positive bei dieser satirischen Komödie nicht
persönlich, so ist es doch quasi-persönlich. Wir beleben, beseelen, also
personifizieren schliesslich auch einen solchen abstrakten Zusammenhang
des Geschehens. Wir reden von treibenden Kräften, die in einem solchem
Zusammenhang wirken. Solche "Kräfte" sind, wie alle "Kräfte",
Persönlichkeitsanaloga.
Immerhin steht ein derart abstrakter Zusammenhang uns persönlich umso
ferner und ist unserem Mitleben umso weniger unmittelbar zugänglich, je
abstrakter er ist. Er wird aber in der That so abstrakt, wie wir ihn
bisher gedacht haben, niemals bleiben.
Verschiedene Möglichkeiten bestehen zunächst, wie konkret Persönliches in
ihn eingehen kann. Immer wird es in dieser satirischen Komödie geschehen,
dass Lächerliches und Lächerliches _wechselseitig_ sich blosstellt, noch
nicht mit Bewusstsein von der Lächerlichkeit oder Jämmerlichkeit des
Blossgestellten, sondern nur einfach thatsächlich. Es ist dann die Macht
der Wahrheit in dem Lächerlichen selbst wirksam. Dass diese Wirksamkeit
unbewusst, ja gegen den Willen des Lächerlichen geschieht, mindert nicht,
sondern steigert den Eindruck dieser Macht.
Es können aber auch die Träger des Lächerlichen mehr oder minder bewusst
einer dem anderen das Recht auf Erhabenheit streitig machen, und einer
den anderen in seiner Nacktheit zeigen. Ebenso können andererseits
diejenigen, denen dies widerfährt, von ihrer Nacktheit ein mehr oder
minder deutliches Bewusstsein haben. Vielleicht auch ist unter den
Verkehrten ein Cyniker, der das Kind beim rechten Namen nennt und damit
der sich vornehm dünkenden Niedrigkeit ihren Spiegel vorhält. In allen
solchen Fällen ist es von Wichtigkeit, dass der _selbst_ in die
Verkehrtheit _Verstrickte_ die Verkehrtheit in ihr Nichts verweist oder
zurückschleudert. Es zeigt sich darin die Macht der Wahrheit doppelt
deutlich. Der Cyniker, der die Wahrheit eingestellt, thut der Wahrheit
einen grösseren Dienst, als der Tugendhafte, der sie verkündigt, oder gar
der Moralist, der sie predigt. Hier ist die Wahrheit einfach da. Dort
siegt sie über das Schlechte, dessen natürlicher Schutz die _Lüge_ ist.
Andererseits kann zu denjenigen, um deren Verkehrtheit eigentlich es sich
handelt, eine Gestalt _hinzutreten_, die irgendwie in positiver Weise die
Idee, und damit den Standpunkt des Beschauers vertritt. Mit ihr ist ein
Zuwachs des Humors gegeben, schon wenn sie lediglich lachend und
verlachend in die Komik eingeht oder sich _einlässt_. Einen weiteren
Zuwachs erfährt die Komik, wenn diese Gestalt gleichfalls in ihrem
_Wesen_ komisch und schliesslich lächerlich ist, aber eben in ihrem
komischen Gebaren oder in ihrer lächerlichen Erscheinung das Bewusstsein
von jener Verkehrtheit erst recht machtvoll zu Tage tritt.
Ein Verkommener etwa, ein mauvais sujet, sagt den Heuchlern derbe
Wahrheiten; und wir verspüren die Wirkung viel eindrucksvoller, als wenn
sie aus anderem Munde käme. Vielleicht hat er das Recht der Wahrheiten an
seinem eigenen Leibe erfahren. Ehe er so verachtet war, wie er es jetzt
ist, war er so verächtlich, wie diejenigen sind, die ihn jetzt verachten.
Oder eine niedrige Gesinnung von der Art, die hier vor ihm sich brüstet,
und als edel oder menschenfreundlich sich ausgiebt, hat ihn zu dem
gemacht, was er jetzt ist. Er wird von den Heuchlern ausgestossen. Aber
sie sind die Gerichteten.
Oder ein komischer Polterer, aber gesund und ehrlich, nicht ohne
moralische Grösse, vertritt seinen Standpunkt gegenüber dem Unwahren,
Verschrobenen oder innerlich Verrotteten. Die sich erhaben Dünkenden
gehen aber über ihn hinweg. Er ist in ihren Augen ein Narr. Um so mehr
übt seine Gesundheit und Ehrlichkeit ihre herzerfreuende Wirkung.
Hierbei ist nicht vorausgesetzt, dass solche Gestalten Helden seien. Sie
können Nebenpersonen sein, die auftreten und wieder verschwinden. Dann
bleibt der "Held" noch immer der Zusammenhang des Geschehens, nur dass
zugleich die in diesem Zusammenhang waltende Idee in solchen Gestalten
verdichtet, uns anschaulich gemacht und dadurch näher gerückt ist. Sie
sind noch nicht _die_ Träger, aber sie sind doch Träger der Idee, das
heisst des Positiven, das uns nahe gebracht werden soll.
Von da geht die "Verdichtung" der Idee weiter. Zugleich scheidet sich
schärfer und schärfer der Humor der Schicksals- und der Humor der
Charakterkomik. Eine Persönlichkeit wird nicht nur verlacht, sondern sie
ist der eigentliche Gegenstand des Lachens. Sie ist es um des
Vernünftigen oder Guten willen, das in ihr ist, das aber in eine
verschrobene oder heuchlerische Umgebung nicht hineinpasst. Sie hält dem
Lachen stand und bethätigt damit die Sicherheit ihres vernünftigen oder
sittlichen Bewusstseins. Dies ist satirischer Schicksalshumor. Das
Kunstwerk, das uns dergleichen zeigt, ist satirische Schicksalskomödie.
In ihr ist jener Verlachte der Held. Ein Beispiel ist _Molière_'s
"Menschenfeind", dessen Titelheld uns in seiner eigensinnigen Ehrlichkeit
um so lieber wird, jemehr alle ihn verspotten und im Stiche lassen. Dass
zugleich auch sein Wesen nicht von Komik frei ist, macht uns dies
Schicksal begreiflicher und lässt es uns milder erscheinen.
Diesem ausgeprägten satirischen Schicksalshumor steht entgegen der
satirische Charakterhumor, bei welchem in der verkehrten Persönlichkeit
selbst der Gegensatz des Erhabenen und des Närrischen zu einem äusserlich
ungelösten Konflikte sich zuspitzt. Das verkehrte Wollen zeigt sich
machtlos. Die Persönlichkeit erlebt es an sich selbst, dass die Vernunft
oder das Gute dem verkehrten Wollen überlegen ist. Sie giebt, wenn auch
widerwillig der Vernunft oder dem Guten Recht. Der Konflikt ist ungelöst,
sofern wir hier voraussetzen, dass der Verkehrte nicht etwa vernünftig
wird. Es wird ihm nur eben die Unvernunft seines Gebarens zum Bewusstsein
gebracht. Er steht beschämt. So steht _Mephisto_ "beschämt", indem er
"gestehen muss", der "dunkle Drang" im Menschen sei mächtiger als er. Er
höhnt über sich und seine Mitteufel, weil die Liebe sich ihnen überlegen
erwiesen hat. Darin liegt solcher satirischer Charakterhumor.
Was _Mephisto_ dazu bringt, die Nichtigkeit seines verkehrten Wollens zu
erkennen, ist das komische Scheitern seiner Pläne, also die Komik seines
Schicksals. So wird überhaupt dieser satirische Charakterhumor oder
dieser Humor "des in sich komisch entzweiten Charakters" überall durch
die Komik des Schicksals, die ihrerseits durch die Verkehrtheit des
Charakters bedingt ist, vermittelt sein.
Nicht nur die Schicksalskomik, sondern der Humor des dem komischen
Geschick sich entgegenstellenden und standhaltenden Charakters, verbindet
sich mit solchem Charakterhumor bei _Hamlet_, _Lear_ u. a. Auch _Lear_
ist beschämt in der Erkenntnis der Thorheit, durch die er sich sein
lächerliches Schicksal zugezogen. Zugleich zeigt er sich als "jeder Zoll
ein König" in dem Geschick, das ihn durch seine Schuld und doch so
unverdient trifft. Beides zusammen macht ihn erst so gross und
liebenswert.
Der Humor im _Lear_ schlägt in furchtbare Tragik um. Aber, wie schon
gesagt, Humor und Tragik sind Geschwister. Und es sind Geschwister, die
sich oft schwer unterscheiden lassen.
Zunächst ist leicht zu sehen, welche _speciellere Parallele_ hier
zwischen Humor und Tragik sich ergiebt: Der Schicksals- und
Charakterkomödie, speciell der soeben besprochenen Art, entspricht eine
Schicksals- und Charaktertragödie, und der Vereinigung jener beiden die
Vereinigung dieser. Dem Humor im Misanthrop steht gegenüber die
Schicksalstragik in Antigone, Maria Stuart, die nicht dem komischen,
sondern dem in brutaler Härte auftretenden Schicksal äusserlich
unterliegen, um es innerlich zu überwinden. Ebenso dem Humor des
Mephistopheles die Tragik des Macbeth, der nicht seine Thorheit, sondern
das Furchtbare seines Thuns erkennt, dadurch aber ebenso wie
Mephistopheles der Idee Recht giebt und ihre Macht an sich erweist.
Endlich sind beide Arten der Tragik vereinigt im Wallenstein, Coriolan
etc. Dass die Schicksalstragödie, von der ich hier rede, nicht
zusammenfällt mit der Karikatur derselben, die in der Literaturgeschichte
speciell diesen Namen trägt, brauche ich nicht besonders zu betonen.
Andererseits berühren sich Humor und Tragik unmittelbar. Es braucht nur
der komische Konflikt ein gewisses Mass der Schärfe zu überschreiten, um
ohne weiteres zum tragischen zu werden. Umgekehrt sehen wir den Räuber
Moor seine Auflehnung gegen die sittliche Weltordnung humoristisch
fassen, wenn auch verzweiflungsvoll humoristisch, nachdem er die ganze
Widersinnigkeit seines Beginnens eingesehen hat.