Damit ist zunächst von neuem, aber in ganz anderer Richtung, als es
früher geschah, der ästhetische Wert gegen den logischen oder
intellektuellen abgegrenzt. Zugleich ist die Stelle, die dem Werte des
Komischen zukommt, genauer bestimmt. Er gehört--von dem Gesichtspunkt
der "Wertbeziehungen" aus--in _eine_ Wertgattung mit dem logischen oder
Erkenntniswert. Er nimmt die mittlere Stellung ein, die allen Werten des
Gelingens eignet. Das Gelingen besteht allemal im Sicheinstellen eines
Objektes oder eines Objektiven. Insofern kann das _Objekt_ als Gegenstand
des Wertgefühles erscheinen. Zugleich ist doch das Gelingen ein sich
Einstellen eines Objektiven unter der Voraussetzung eines darauf
gerichteten Thuns oder inneren Geschehens. Insofern erscheint wiederum
_nicht_ das Objekt, d. h. nicht das Objekt an sich, als Gegenstand des
Wertgefühles, sondern die durch das Objekt ermöglichte Weise der
Vollführung oder Vollendung dieses Thuns, oder die Weise meiner
Bethätigung.--Damit ist der oben konstatierte scheinbare Widerspruch
gehoben.
Ich stellte eben die Komik neben die Erkenntnis. Unmittelbarer gehört
natürlich das komische Wertgefühl zusammen mit den anderweitigen
Wertgefühlen, in denen gleichfalls ein Gelingen einer Thätigkeit der
blossen _Betrachtung_ oder _Auffassung_, oder allgemeiner gesagt, in
denen gleichfalls die Beziehung eines lediglich _aufzufassenden_ Objektes
zu der vorhandenen psychischen Thätigkeitsrichtung das Wertgefühl
bedingt.
Solche Fälle haben wir bereits kennen gelernt. Ich erinnere an das Gefühl
des Erstaunens oder des Überraschtseins, weil wir ein weniger "Grosses"
erwarteten. Ebendahin gehört das Gefühl des Schrecks, das, wie man weiss,
auch entstehen kann, wenn objektiv gar nichts Schreckliches vorliegt oder
geschieht. Ich bin etwa, vermeintlich allein, in meinen Gedanken
versunken. Dann kann mich die leise Berührung meiner Schulter durch den
unerwartet und unbemerkt zu mir Hinzugetretenen aufs heftigste
erschrecken. Die Beziehung der Berührung zu meinem gegenwärtigen, in
völlig anderer Richtung gehenden Gedankengang ist es, die hier dies
Gefühl verschuldet. So wenig braucht schliesslich das Erschreckende ein
an sich Schreckliches zu sein, dass auch Hocherfreuliches das gleiche
Gefühl erzeugen kann.
"Künstler" machen wohl gelegentlich die Kunst zu einem Mittel der
Überraschung oder gar Verblüffung. Die Unfähigkeit durch das Kunstwerk
selbst zu wirken, veranlasst sie zu wirken, indem sie das Kunstwerk zu
den jetzt zufällig in uns bestehenden Vorstellungsgewohnheiten in
Gegensatz treten lassen. Hier ist der Gegensatz des ästhetischen Wertes,
und des Wertes, der an solcher Beziehung zwischen dem Objekt und den
jeweiligen Vorgängen im Subjekt haftet, besonders unmittelbar
einleuchtend.--Genau so einleuchtend ist der Gegensatz zwischen jedem
ästhetischen Werte und dem Wert der Komik.
Dennoch hat man der Komik als solcher einen ästhetischen Wert zuerkannt.
Dies war aber immer nur möglich, wenn man den Sinn des Komischen oder des
ästhetisch Wertvollen oder beider verkannte. Am nächsten liegt aus schon
angegebenen Grunde jener Irrtum für die vorhin von neuem erwähnte
ästhetische Theorie, für welche der ästhetische Wert Wert des "Spieles
der inneren Nachahmung" ist. Ich leugne nicht, dass hier die innere
"Nachahmung" eine Ahnung des Richtigen enthält. Ich werde darauf nachher
zurückkommen. Zunächst interessiert mich die Weise, wie die fragliche
Theorie das Richtige geistreich verschiebt und in Widersinn verkehrt.
Auch bei der Komik findet nach jener Theorie ein Nachahmen statt. An
Stelle des Nachahmens tritt dann wohl das sich "Hineinleben" in das
Objekt oder das sich "Hineinversetzen" in dasselbe. Soweit angesichts des
Komischen dies Nachahmen stattfindet, soll das Komische ästhetischen Wert
haben. Genauer gesagt, das Komische hat für die fragliche Theorie
ästhetischen Wert, sofern wir uns in das "Verkehrte" hineinversetzen, es
innerlich mitmachen. Damit geben wir dem Komischen den "brüderlichen
Versöhnungskuss." Dieser brüderliche Versöhnungskuss ist das die Komik
"Veredelnde". Soweit dies Moment an die Stelle der unbrüderlichen
Erhebung über das verkehrte Objekt oder an die Stelle unseres Gefühls der
Überlegenheit tritt, verwandelt sich die komische Betrachtung in die
humoristische.
Hierin liegt die richtige Einsicht, dass das Gefühl der Überlegenheit
über eine Verkehrtheit gewiss _keinen_ ästhetischen Wert begründen, also
auch nicht das Wesen des Humors bezeichnen kann. Im übrigen ist jener
"brüderliche Versöhnungskuss" zunächst ein schönes Wort.
Was heisst dies: ich mache die Verkehrtheit oder das Verkehrte innerlich
mit? Zweierlei kann damit gesagt sein. Einmal einfach dies: Ich nehme von
der Verkehrtheit Kenntnis, erfasse sie in ihrem Wesen oder in ihrer
Eigenart, gelte ihr in meinen Gedanken nach. "Wenn wir die Verkehrtheit
wirklich durchschauen wollen, so müssen wir für einen Augenblick den
verkehrten Gedankengang nachdenken." Damit scheint nichts anderes als
dies Kenntnisnehmen bezeichnet.
Die andere mögliche Auffassung ist die: Wir "machen" die Verkehrtheit
innerlich "mit", d. h. wir denken oder wollen, kurz verhalten uns
innerlich ebenso verkehrt. Wir denken den verkehrten Gedankengang nicht
nur nach, sondern wir glauben daran, stimmen ihm bei, ebenso wie es
derjenige thut, dem wir ihn nachdenken.
Diese beiden Möglichkeiten werden nun aber in jener Theorie nicht
ausdrücklich geschieden. Immerhin verstehen wir, dass die zweite gemeint
sein muss. Die erstere würde ja über das Gefühl der Überlegenheit nicht
hinausführen. Bei ihr fehlte der "brüderliche Versöhnungskuss". Ich kann
unmöglich das Gefühl der Überlegenheit haben über eine Verkehrtheit, wenn
ich sie nicht "durchschaue", also sie in Gedanken nachdenke.
Indessen, wenn ich auch das "Mitmachen" in jenem zweiten Sinne nehme, so
scheint mir wenig gebessert. Ich finde dann erstlich, dass ich in sehr
vielen Fällen der Komik gar nicht weiss, worin dies innerliche Mitmachen
bestehen sollte. So sehe ich beispielsweise nicht ein, was es heissen
soll, dass ich mit dem leeren Grosssprecher mich innerlich aufblähe, und
dann seine geringfügige Leistung mitmache. Da die geringfügige Leistung
nichts Innerliches ist, so kann hier das innerliche Mitmachen doch nur
bestehen in dem Kenntnisnehmen, dem Beachten, der Weise dem Vorgang mit
meinen Gedanken zu folgen.
Ebensowenig weiss ich, wie ich eine äussere Ungeschicklichkeit, das
Stolpern eines erwachsenen Menschen über ein kleines, nicht
wahrgenommenes Hindernis anders innerlich nachmachen soll, als so, dass
ich es konstatiere. Oder besteht hier das Mitmachen in dem Gedanken, dass
mir dergleichen unter gleichen Umständen ebensowohl begegnen könnte?
Nehmen wir das Letztere an. Oder besser: Nehmen wir einen Fall, in
welchem das "Mitmachen" in dem bezeichneten _prägnanten_ Sinne ohne
weiteres einen Sinn ergiebt. Ich frage: Wenn ich einer Dummheit innerlich
beistimme, wenn ich den Rechenfehler nicht nur "nachrechne", sondern im
Nachrechnen gleichfalls begehe, wenn ich in diesem Sinne mit der
komischen Verkehrtheit eine Zeitlang "Eines" bin,--liegt darin ohne
weiteres ein Grund zur ästhetischen Befriedigung? Gewiss werde ich die
Dummheit weniger von oben herab betrachten, oder mich ihr gegenüber
weniger "überlegen" fühlen, wenn ich so zum Mitschuldigen geworden bin.
Aber diese Minderung des Gefühles der Überlegenheit, dieser angebliche
"brüderliche Versöhnungskuss", ist doch nicht gleichbedeutend mit
ästhetischem Genuss. Es scheint mir, auch die schönsten Redewendungen
können nicht darüber täuschen, dass eine solche verminderte Überlegenheit
nicht veredelte, sondern eben verminderte Überlegenheit ist, also eine
relative Negation der komischen Lust, und weiter nichts.
Allerdings kann dazu noch ein Element hinzutreten. Nämlich ein Gefühl der
Beschämung über die Mitschuld. Aber die Vereinigung von vermindertem
Gefühl der komischen Lust und Gefühl der Beschämung ist doch auch nicht
Dasselbe wie ästhetischer Genuss. Mit einem Wort, wir kommen auf diese
Weise nicht weiter.