POSSENHAFTE, BURLESKE, GROTESKE KOMIK.

Die hier gemachten Unterscheidungen bringen wir endlich wiederum in

Zusammenhang mit gewissen herkömmlichen Begriffen, in denen Arten des

Komischen bezeichnet scheinen.

Nennen wir ein Komisches "_possenhaft_", so wollen wir es wohl zunächst

als ein Derbkomisches charakterisieren. Possenhafte Komik ist eine Komik,

bei der wir nicht lächeln, sondern über etwas, vor allem über Personen

herzlich lachen, sie, wenn auch gutmütig, belachen, verlachen, auslachen.

Aber wir nennen andererseits mit diesem Namen nicht dasjenige

Derbkomische, das jemandem natürlicherweise anhaftet oder geschieht.

Sondern, wie jeder fühlt: Das Possenhafte ist jederzeit ein

beabsichtigtes, gemachtes. Es ist eine gewollte Weise, jemanden komisch

erscheinen zu lassen.

Eine solche Weise liegt nun zunächst vor, wenn ich jemandem "einen Possen

spiele". Dabei spekuliere ich auf seine Dummheit, sein Ungeschick, seine

Feigheit, sein körperliches Unvermögen u. dgl. Die possenhafte Komik ist

die Komik der "Streiche", die dem Dummen, Ungeschickten, Feigen,

vielleicht aber sehr klug, geschickt, tapfer sich Dünkenden oder

Gebärdenden, auch dem mit einem Gebrechen Behafteten, gespielt werden und

diese Eigenschaften hervortreten lassen und dem Lachen preisgeben.

Es ist aber zum Possenhaften nicht erforderlich, dass der "Possenreisser"

anderen einen Possen spiele. Es ist auch possenhaft, wenn jemand sich

selbst in komischer Weise als Narren, Ungeschickten, Feigen oder

dergleichen darstellt, sein körperliches Gebrechen dem Lachen preisgiebt,

oder ein solches fingiert; wenn er den Narren, Tölpel, Feigling, den mit

einem Gebrechen Behafteten "spielt", um damit zu belustigen.

Bisher verstand ich unter der possenhaften Komik eine Komik des

Verhaltens, Thuns, Gebarens. Possenhafte Komik ist aber weiter auch die

Komik der Darstellung in Wort und Bild, die Verlachenswertes zum Inhalte

hat, sei es, dass sie lediglich ein der Wirklichkeit Angehöriges oder

fingiertes Verlachenswertes beschreibt, es erzählt, davon berichtet, sei

es, dass sie dasselbe erst durch die Weise der Darstellung als ein

Verlachenswertes erscheinen lässt oder dazu macht. Auch hier wird die

Dummheit, das Ungeschick, die Feigheit, das Gebrechen und dergleichen den

Inhalt der Komik ausmachen.

Indem ich das Possenhafte in diesem Sinne nehme, weiss ich mich

einigermassen in Übereinstimmung mit _Schneegans_, der in seiner

"Geschichte der grotesken Satire" das Possenhafte als die Komik, die aus

der angeschauten Dummheit sich ergiebt, bezeichnet. Diese Bestimmung ist

freilich zunächst enger als die unsrige, und zweifellos zu eng.

Andererseits unterlässt es _Schneegans_, ausdrücklich zu betonen, dass

nicht komische Dummheit, der wir irgendwo im Leben begegnen, possenhaft

ist, sondern nur die geflissentlich hervorgelockte oder komisch

beleuchtete; nicht die "angeschaute", sondern die zur Anschauung

gebrachte. Oder bestimmter und zugleich allgemeiner gesagt, dass

"Possenhaft" nicht ein Prädikat der _Komik_, oder des Komischen als

solchen ist, sondern vielmehr ein Prädikat, durch welches wir das auf

Hervorbringung des komischen Effektes abzielende und zur Erreichung

dieses Zieles bestimmte Mittel anwendende, bewusste menschliche _Thun_

bezeichnen. Possenhaft ist nicht das Opfer eines Streiches, sondern der

Streich; nicht die Dummheit, die der Clown fingiert, sondern dies sein

Spiel; nicht das in Wort oder Bild dargestellte Verlachenswerte, sondern

diese Darstellung; zugleich doch wiederum diese Darstellung nicht als

solche, sondern sofern sie diesen bestimmten Inhalt hat, oder mit diesem

Mittel diesen bestimmten komischen Effekt hervorbringt.

Dieser possenhaften Komik tritt dann zur Seite die "_burleske_". Auch

"Burlesk" ist nicht eine Bezeichnung für eine bestimmte Art des

Komischen, sondern für eine Weise etwas komisch erscheinen zu lassen oder

eine Weise der Darstellung mit komischem Inhalt oder Effekt. Und zwar

erscheint es historisch und durch den Sprachgebrauch genügend

gerechtfertigt, wenn wir mit _Schneegans_ als burlesk die parodierende

und travestierende komische Darstellung bezeichnen.

Endlich werden wir berechtigt sein, wiederum im Einklang mit

_Schneegans_, als "_grotesk_" die komische Darstellung zu bezeichnen, für

welche die Karikatur, die Übertreibung, die Verzerrung, das Unglaubliche,

das Ungeheuerliche, das Phantastische das Mittel zur Erzeugung der

komischen Wirkung ist.

Hiermit haben nicht alle Arten der geflissentlich ins Dasein gerufenen

objektiven Komik ihre besonderen Namen bekommen. Es bleiben daneben viele

Möglichkeiten der Hervorrufung oder Darstellung einer Komik, die vom

Possenhaften, Burlesken, Grotesken mehr oder weniger weit entfernt sind.

Es bleiben insbesondere vielerlei Arten, durch den Witz eine Person oder

einen Vorgang in komische Beleuchtung zu rücken. Soweit dabei eine

besondere Eigenart des Witzes vorausgesetzt ist, werden diese

Möglichkeiten nachher zu unterscheiden sein. Im übrigen hätte es nicht

viel Wert, wenn wir hier weitere Einteilungen und Unterscheidungen

versuchen wollten.

Alle die bezeichneten Möglichkeiten der objektiven Komik bleiben

ästhetisch wertlos, solange sie nichts sind als Möglichkeiten der Komik.

Es ist aber teilweise im Obigen schon angedeutet, wie sie ästhetischen

Wert gewinnen können. Die possenhafte Komik braucht als solche nicht,

aber sie kann gutmütig sein. Noch mehr, sie kann herzerfreuend sein. Dies

ist nur möglich, wenn etwas Gesundes, ursprünglich Menschliches, Wahres,

Ehrliches, Gutes in ihr ist, vielleicht gar eine besondere Stärke und

menschliche Grösse. Dergleichen kann in der possenhaften Komik nicht nur

nebenbei enthalten sein, sondern es kann eben durch dieselbe erst recht

zum Bewusstsein gebracht werden. Dann wird die possenhafte Komik zum

Humor; es entsteht das Kunstwerk der Posse, etwa der Volksposse, ein

Kunstwerk, das trotz der "niedrigeren" Sphäre und der drastischen Mittel

ästhetisch höher stehen, also im höherem Grade ein "Kunstwerk" sein kann,

als Dutzende von "feineren" Lustspielen, die vielleicht nur darum feiner

heissen, weil ihnen alle Kraft und Tiefe fehlt, weil sie unterhalten,

"interessieren", eine "Belustigung des Verstandes und Witzes"

hervorbringen, aber alles innerlich Erhebenden und Erwärmenden baar sind,

ebenso geistreich wie herzlos.

Noch weniger kann mir daran gelegen sein, in eingehenderer Weise, als ich

es oben schon that, Arten der naiven Komik zu unterscheiden.

Dagegen verlohnt es die Mühe, die unendliche Menge der Möglichkeiten

einer subjektiven Komik nach Gesichtspunkten, die in der Natur der Sache

liegen, zu ordnen. Dies soll im Folgenden versucht werden.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 82 / 117 题