DIE THEORIEN.

Objektive und subjektive Komik haben wir bisher unterschieden. Zwischen

beiden steht das Naive als eine Gattung der Komik, die objektiv und

subjektiv zugleich und eben darum von beiden verschieden ist.

Über das Wesen des Naiven ist viel Zutreffendes aber auch mancherlei

Unzutreffendes gesagt worden. Ich erwähne diesmal zunächst _Kräpelin_.

Nach _Kräpelin_ entsteht die Komik des Naiven aus dem Kontrast "zwischen

den natürlichen Regungen und Neigungen einerseits und der Schablone

andrerseits in welche jene durch Erziehung und sociale Reibung gepresst

werden". Das unverkümmerte Hervortreten jener natürlichen Regungen und

Neigungen erzeugt Lust, und diese Lust zusammen mit der Unlust, die aus

der Verletzung der Schablone erwächst, ergiebt die Komik.

Wäre diese Bestimmung genügend, so müsste gar mancherlei naiv-komisch

erscheinen, was es keineswegs ist. So die wohlverdiente und von jedermann

als wohlverdient anerkannte Zurechtweisung, die ich in einer Gesellschaft

in berechtigtem Zorn, zugleich mit bewusster Verletzung der

gesellschaftlichen Form, einem der Anwesenden angedeihen liesse.--Es

fehlt eben bei jener Bestimmung wiederum das eigentlich Wesentliche. Wie

bei der objektiven und subjektiven, so thut auch bei der naiven Komik der

Kontrast nichts zur Sache, es sei denn, dass er sich als Kontrast der

Bedeutsamkeit und Nichtigkeit eines und desselben Vorstellungsinhaltes

darstellt; und wie dort, so ist auch hier das Gefühl der Komik nicht das

Resultat des Zusammentreffens von Lust und Unlust, sondern ein

eigenartiges Gefühl, das eben in diesem Bedeutungskontrast seinen Grund

hat.

Näher als _Kräpelin_ kommt, was das Wesen des Naiven angeht, _Hecker_ dem

wahren Sachverhalt. Er unterscheidet das Pseudonaive und das Naive. Bei

jenem werden "unsere praktischen Ideen von Klugheit und die logischen

Normen beleidigt"; andrerseits ist doch "in der pseudonaiven Äusserung

oder Handlung etwas relativ Wahres, Kluges, Verständiges enthalten,

namentlich, wenn wir uns auf den Standpunkt der beim Redenden naturgemäss

vorhandenen, und daher verzeihlich scheinenden Unkenntnis stellen". Bei

dem Naiven dagegen geht das unangenehme Gefühl "aus der Verletzung irgend

einer praktischen, logischen, oder ideellen Norm" hervor oder es leitet

sich her "aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von konventionellem

gesellschaftlichem Anstand". "Immer aber ist es nötig, dass uns in der

naiven Äusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von

der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die Etikette

um uns gezogen, nicht kennt, und daher auch nicht zu respektieren

braucht, indem sie einer freieren und höheren Sittlichkeit folgt."

Von diesen beiden Bestimmungen kommt die erstere der Wahrheit sehr nahe,

wenn wir das "_namentlich_" streichen. Nicht nur das "Pseudonaive",

sondern alle echte naive Komik schliesst dies in sich, dass eine

Äusserung oder Handlung wahr, klug, vernünftig, kurz irgendwie positiv

bedeutsam erscheine vom Standpunkte des naiven Subjektes aus, und dann

doch wiederum nicht so erscheine von unserem Standpunkte aus. Die

naiv-komische Handlung oder Äusserung ist also für uns klug und unklug,

oder allgemein gesagt, bedeutungsvoll und nichtig zugleich je nach dem

Standpunkte unserer Betrachtung. Und daraus kann das Gefühl der Komik

sich ergeben. Dagegen müsste es nach dem Wortlaut der _Hecker_'schen

Bestimmung auch naiv-komisch erscheinen, wenn ein Kind ein Rechenexempel

teilweise richtig rechnete, dann aber aus verzeihlicher Unkenntnis einer

Rechenregel einen Fehler beginge.

Ebenso sind in der _Hecker_'schen Erklärung des "_Naiven_" gewisse naive

Momente richtig bezeichnet, wenn wir annehmen, dass die "Unschuld und

Reinheit", die uns in der naiven Äusserung entgegentritt, zugleich die

unlogische, unzweckmäßige, unschickliche Äusserung für den Standpunkt der

naiven Persönlichkeit _rechtfertigt_, d. h. von diesem Standpunkte aus

als eine logische, zweckmäßige, schickliche erscheinen lässt.--Aber

freilich diese Annahme bezeichnet, ebenso wie die obige Korrektur der

Bestimmung des Pseudonaiven das eigentlich Wesentliche der Sache.--Dass

ausserdem die _Hecker_'sche, wie die _Kröpelin_'sche Bestimmung nicht

alle Arten des Naiven umfasst, lasse ich hier noch ausser Betracht.

Dagegen ist mir schon hier der Umstand von Wichtigkeit, dass keiner der

beiden die naive Komik der objektiven und subjektiven Komik als eine neue

Art entgegenstellt. Dies darf aber, wie ich schon angedeutet habe, nicht

unterlassen werden.

Unserer Anschauung zufolge schliesst die naive Komik den Ring der

verschiedenen Möglichkeiten des Komischen. Es fragt sich, welche

Möglichkeit es noch geben könne. Da wir von vornherein wissen, dass naiv

nur menschliche Äusserungen oder Handlungen genannt zu werden pflegen, so

können wir die Frage auch gleich bestimmter stellen und sagen: Wie können

Äusserungen oder Handlungen dazu kommen, Träger einer Komik zu werden,

die nicht objektive Komik noch auch Komik des Witzes ist. Die

Beantwortung dieser Frage wollen wir hier zunächst versuchen. Dabei

müssen wir zuerst das Wesen und den Gegensatz des objektiv Komischen und

des Witzes noch in anderer Weise bezeichnen, als dies schon geschehen

ist. Das Folgende wird also zugleich die früheren Erörterungen über

objektive Komik und Witz noch einen Schritt weiter führen.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 51 / 117 题