Schließlich werfe ich auch hier, wie bei der objektiven Komik, noch einen
Blick auf solche frühere Theorien, die mit uns in der Hauptsache auf
gleichem Boden zu stehen scheinen. Schon von _Jean Paul_ könnten die
Autoren, deren ungenügende Anschauungen mir Gelegenheit gaben die
meinigen zu entwickeln, einiges lernen. Wenn freilich _Jean Paul_ den
Witz allgemein definiert als ein Vergleichen und Auffinden von
Gleichheiten bei grösserer Ungleichheit, so bemerkt dagegen _Vischer_ mit
Recht, dass es Witze gebe, bei denen von Vergleichung, also auch von
Auffindung von Ähnlichkeiten keine Rede sei; so z. B. wenn _Talleyrand_
sage, die Sprache sei erfunden, um die Gedanken zu verbergen. Wir
brauchen aber nur _Jean Paul_'s weiteren Ausführungen zu folgen, um zu
sehen, wie nahe er dem wahren Sachverhalt kommt. Der Witz entdecke
Gleichheiten, so sagt er erst; nachher erfahren wir, im Witz mache die
taschen- und wortspielerische Geschwindigkeit der Sprache halbe,
Drittels-, Viertelsähnlichkeiten zu Gleichheiten; es werden durch sie
Gattungen für Unterarten, Ganze für Teile, Ursachen für Wirkungen, oder
alles dieses umgekehrt, verkauft. Dadurch wird, so fährt er fort, der
ästhetische Lichtschein eines neuen Verhältnisses geworfen, indessen
unser Wahrheitsgefühl das alte fortbehauptet. Hiermit wird, wenn wir das
"Verhältnis", das nichts zur Sache thut, zur Seite lassen, wenigstens
eine Gattung des Witzes zutreffend bezeichnet. Der "Lichtschein", der dem
Wahrheitsgefühl entgegentritt, kann nur bestehen in irgend welcher
"Geltung", welche die witzige Aussage, beansprucht und in unseren Augen
thatsächlich gewinnt. Diese zerrinnt in Nichts, wenn wir unser
"Wahrheitsgefühl" zu Rat ziehen.
Gegen jene allgemeine Begriffsbestimmung _Jean Paul_'s wendet sich
_Vischer_, nicht ohne sie zugleich zu korrigieren. Zwischen ungleichen
Vorstellungen werden Gleichheiten entdeckt, statt dessen muss es ihm
zufolge heissen, einander fremde Vorstellungen werden zu scheinbarer
Einheit zusammengefasst. Dass damit viel gebessert sei, können wir nicht
zugeben, da unserer obigen Darlegung zufolge weder die Vorstellungen
einander fremd zu sein brauchen, noch die Zusammenfassung zur Einheit die
Leistung des Witzes genügend bestimmt bezeichnet, noch endlich diese
Leistung immer eine bloss scheinbare heissen darf. Dagegen trifft es die
Sache, wenn _Vischer_ nachher "Sinn im Unsinn, Unsinn im Sinn" als Inhalt
des Witzes bezeichnet.
Endlich wüsste ich im Grunde nichts einzuwenden gegen Kuno Fischer's
allgemeine Definition des Witzes als eines spielenden Urteils. Urteil ist
ihm nicht jede Aussage, sondern diejenige, die etwas sagt. Sofern auch
die witzige Handlung etwas sagt, kann auch sie Urteil heissen.
Andererseits ist das Mittel, wodurch der Witz sagt, was er sagen will,
immer im Widerspruch mit der gewöhnlichen Denk- und Ausdrucksweise, oder
wie _Fischer_ treffend sagt, mit der Hausordnung und den Hausgesetzen des
Geistes, und muss insofern jederzeit als Spiel bezeichnet werden.
Diese unsere Zustimmung scheinen wir freilich zurücknehmen zu müssen
gegenüber _Fischer_'s näherer Ausführung. Auch _Fischer_, ebenso wie
_Vischer_, lässt die Vereinigung einander fremder und widerstreitender
Vorstellungen als dem Witze wesentlich erscheinen: "Was noch nie
vereinigt war, ist mit einem Male verbunden, und in demselben Augenblick,
wo uns dieser Widerspruch noch frappiert, überrascht uns schon die
sinnvolle Erleuchtung." Es ist ein Punkt, worin jene einander fremden und
widerstreitenden Vorstellungen unmittelbar zusammentreffen. Hier hat der
Witz seine "Kraft und Wirkung" etc. _Fischer_ widerlegt aber diese
Anschauung gleich nachher selbst, indem er Bemerkungen, die eine
Allerweltsweisheit enthalten, also sicher keine Vorstellungen vereinigen,
die einander fremd sind, widerstreiten, noch nie vereinigt waren,
lediglich dadurch zu Witzen werden lässt, dass sie den Charakter des
Spieles gewinnen.
Dieser Widerspruch nun löst sich nur, wenn wir jene "einander fremden
Vorstellungen" so interpretieren, dass wir darunter jedesmal einerseits
das, was die Worte meinen, andererseits die Worte selbst verstehen. Denn
die Worte allerdings sind beim Witze jederzeit dem, was sie meinen, in
gewissem Sinne fremd, in dem eben bezeichneten Sinne nämlich, dass sie
nach gemeiner Denk- und Ausdrucksweise das Gemeinte eigentlich nicht
scheinen bezeichnen zu können. Dies gilt auch von der von _Fischer_
selbst angeführten witzigen Allerweltsweisheit, das Leben zerfalle in
zwei Hälften, in der ersten wünsche man die zweite herbei, in der zweiten
die erste zurück. Dieser Witz erscheint als ein Spiel mit Worten, und als
solches jeder ernsten Wahrheit, auch derjenigen, die es thatsächlich
verkündigt, fremd.
"VERBLÜFFUNG UND ERLEUCHTUNG" BEIM WITZ.
Die "Erleuchtung", von der hier _Fischer_ spricht, begegnet uns auch
sonst in mannigfachen Wendungen. Ich bleibe dabei noch einen Moment.
Gewiss hat diese Erleuchtung ihr Recht. Es fragt sich nur, was wir unter
der Erleuchtung verstehen, bzw. was darunter verstanden wird, und in
welcher Weise diese Erleuchtung für die Komik verantwortlich gemacht
wird.
Auch für _Groos_ ist, wie wir schon sahen, die Erleuchtung oder die
Erkenntnis der Verkehrtheit, nachdem sie uns verblüfft hat, für die Komik
überhaupt, also auch für die Komik des Witzes wesentlich. Diese
Erkenntnis soll aber wirken, indem sie uns das Gefühl der Überlegenheit
schafft. Zu dieser "Überlegenheit" kehren wir nicht noch einmal zurück.
Sie ist, wie wir gesehen haben, nichts anderes, als der eigentliche
Todfeind aller Komik. Ich erinnere noch einmal daran: Das vollste Gefühl
der Überlegenheit über den Widersinn der witzigen Wendung hat der Pedant.
Und diesem fehlt eben deswegen der Sinn für den Witz.
Dagegen interessiert uns der Gegensatz der Verblüffung und Erleuchtung
bei _Heymans_. Was ich dazu zu bemerken habe, ist in gewisser Weise schon
gesagt. Aber es liegt mir daran, dies schon Gesagte speciell auf den Witz
anzuwenden.
_Heymans_ wählt, um seine Meinung zu illustrieren, unter anderen das
Beispiel des _Heine_'schen "famillionär". Er meint, dasselbe erscheine
zunächst einfach als eine fehlerhafte Wortbildung, als etwas
Unverständliches, Unbegreifliches, Rätselhaftes. Dadurch verblüffe es.
Die Komik ergebe sich aus der Lösung der Verblüffung. Diese bestehe im
Verständnis. Der Prozess der Komik stelle sich also hier nicht, wie es
meiner Theorie zufolge sein müsste, dar als ein Übergang vom Verstehen
zum Nichtmehrverstehen, oder zum Eindruck der Sinnlosigkeit, sondern
vollziehe sich auf dem umgekehrten Weg.
Hier leuchtet in besonderer Weise die Wichtigkeit der auf S. 75[*]
geforderten Unterscheidung ein, nämlich der Unterscheidung zwischen
Verblüffung und Verblüffung oder zwischen Verständnis und Verständnis.
Auch hier wiederum hat _Heymans_ recht mit dem, was er sagt. Aber
wichtiger ist, was er nicht sagt.
[* Im Unterkapitel "VERBLÜFFUNG" UND "VERSTÄNDNIS". Transkriptor.]
Das in einen sinnvollen Zusammenhang hineintretende sprachwidrige Wort
verblüfft als solches. Zugestanden. Aber das Wort "famillionär" verblüfft
ausserdem als dies scheinbar oder in dem Zusammenhang, in dem es
auftritt, wirklich sinnvolle, sogar ausserordentlich sinnvolle Wort. Dies
zweite Stadium der Verblüffung hebt _Heymans_ nicht heraus. Statt dessen
können wir ebensowohl sagen, _Heymans_ hebe das _erste_ Stadium des
_Verständnisses_ oder Erleuchtung nicht heraus. Ich vereinige beides,
indem ich sage, bei _Heymans_ bleibe das mittlere Stadium des ganzen
Prozesses, das verblüffende Verständnis oder die Verblüffung auf Grund
eines Verständnisses unbeachtet oder werde nicht in seiner Bedeutung
gewürdigt.
Dies ist aber eben der für die Komik entscheidende Punkt. Das Wort
"famillionär" bezeichnet, und zwar _vermöge_ seiner Fehlerhaftigkeit in
besonders eindrucksvoller Weise, die Familiärität des "famillionären"
Börsenbarons als die eines aufgeblasenen Millionärs. Niemand kann
zweifeln, dass _Heine_'s Witz witzig ist, nur darum, weil wir einsehen,
oder "verstehen", das Wort solle diese Bedeutung haben, oder genauer,
weil es diese Bedeutung in unseren Augen für einen Moment thatsächlich
hat. Und ebenso gewiss ist _Heine_'s Witz nur witzig, weil dies
Verständnis verblüffend ist, d. h. weil das fehlerhafte Wort, vermöge
dieser seiner einschneidenden Bedeutung, die Aufmerksamkeit zu spannen
vermag.
Dann erst folgt die Lösung. Auch sie besteht in einem Verständnis. Aber,
in einem Verständnis zweiter Stufe. Es ist ein Verständnis, das über
dieses verblüffende Verständnis kommt, oder ein Verständnis, mit dem wir
_hinter_ dieses verblüffende Verständnis kommen; d. h. das Verständnis,
wie dies Verständnis _zu stande_ gekommen ist. Das erste Verständnis ist
ein Verständnis eines Rätsels, nämlich ein Verständnis, worin das Rätsel,
d. h. der _Gegenstand_ des ersten Staunens _besteht_. Es ist die Lösung
eines rätselhaften Staunens, nämlich des ursprünglichen Staunens ohne
jedes Verständnis, worum es sich handle, oder ohne Wahrnehmung der
Pointe. Ebenso ist dies zweite Verständnis das Verständnis eines Rätsels,
nämlich das Verständnis der _Mittel_, wodurch das rätselhafte Verständnis
oder der rätselhafte oder seltsame, aber von uns verstandene Sinn
_entsteht_. Es ist die Lösung eines rätselhaften Staunens, nämlich des
Staunens über diesen _Sinn_ oder des Staunens infolge dieses ersten
_Verständnisses_. Wir fragen nicht mehr: was _will_ das? Wir antworten
auch nicht mehr: Das ist _gemeint_, sondern wir wissen: So ist es
_gemacht_; dies sinnlose Wort hat uns verblüfft und dann den seltsamen
Sinn ergeben. Diese _völlige_ Erleuchtung, d. h. diese Erleuchtung, wie
es _gemacht_ ist, die Einsicht, dass ein nach gemeinem Sprachgebrauch
sinnloses Wort das Ganze verschuldet hat, diese _völlige_ Lösung, d. h.
die _Auflösung_ in _nichts_, erzeugt die Komik.
Diese drei Stadien können, wie bei aller Komik überhaupt, so insbesondere
bei jeder witzigen Komik unterschieden werden. Ich habe sie früher auch
schon als die Stadien der völlig verständnislosen Verblüffung, der
"Sammlung" und der Lösung bezeichnet. Die Sammlung ist nichts Geringeres
als das Finden der "Pointe". Man kann im ersten Stadium stecken bleiben.
Man _hört_ den Witz, aber man _merkt_ ihn nicht; d. h. man hört etwas,
das man nicht versteht, und--staunt. Man kann dann weiterhin auch wohl
bis zur Pointe gelangen, also den Witz merken und doch die Komik nicht
verspüren: Dieser Fall wird immer eintreten, wenn man das Mittel, wodurch
die Pointe, oder das erste Verständnis bewirkt wird, nicht als nichtig,
d. h. als an sich bedeutungslos _anerkennen_ kann. Es ist etwa
verletzend, taktlos, geschmacklos. Hier bleibt die Spannung, die das
Verständnis der Pointe erzeugte, bestehen, nicht als Spannung durch dies
Verständnis, aber als Spannung durch den Eindruck des Verletzenden,
Taktlosen, Geschmacklosen. Nur wenn zur Auflösung des unverstandenen
Rätsels durch das Verständnis der Pointe diese völlige Lösung tritt,
entsteht die Komik oder wirkt der Witz witzig.
Ich erinnere auch noch an andere Beispiele, die _Heymans_ anführt, etwa
das Menschensuchen des _Diogenes_ oder den Druckfehlerteufel, der mir
vorspiegelt, ein Autor wolle statt der Richtigkeit die Nichtigkeit seiner
Behauptung beweisen. Auch _Diogenes_' Verhalten ist zunächst einfach
verblüffend, es ist aber dann vor allein durch seinen _Sinn_
"verblüffend", oder wir sind durch das "Verständnis" desselben,
"verblüfft". Endlich "verstehen" wir, dass eine logisch widersinnige
Handlung diese Verblüffung oder diesen von uns wohl "verstandenen" Sinn
hervorgebracht hat. Ebenso sind wir dem Druckfehler gegenüber zunächst
einfach verblüfft, dann sehen wir, welche merkwürdige Absicht der Autor
den schwarz auf weiss vor uns stehenden Worten zufolge hat, schliesslich
wissen wir, dass ein einfacher Druckfehler, also die bedeutungsloseste
Sache von der Welt, uns diese verblüffende Absicht vorspiegelt.
Speciell von einem Witze _Saphirs_ meint _Heyman_ schliesslich, es werde
bei ihm keineswegs eine witzige Äusserung oder Handlung nachher als
nichtig erkannt. Damit hat _Heymans_ wiederum in gewisser Weise recht.
Aber _Heymans_ übersieht, das ich deutlich die beiden Fälle unterschieden
habe: Dass die witzige Äusserung oder Handlung bedeutungsvoll _scheine_
und als nichtig _erkannt_ werde, und dass sie als bedeutungsvoll
_erkannt_ werde und nichtig _scheine_. Auch im letzteren Falle ist sie
für uns, d. h. für unseren Eindruck oder hinsichtlich ihrer
psychologischen Wirkung nichtig. Und auf diese psychologische Nichtigkeit
kommt es ja einzig an.
"Wenn _Saphir_," so sagt _Heymans_, "einem reichen Gläubiger, dem er
einen Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl um die 300 Gulden,
antwortet: Nein, _Sie_ kommen um die 300 Gulden, so ist eben dasjenige,
was er meint, in einer sprachlich vollkommen korrekten und auch
keineswegs ungewöhnlichen Form ausgedrückt." In der That ist es so: Die
Antwort _Saphirs_ ist _an sich betrachtet_ in schönster Ordnung. Wir
verstehen auch, was er sagen will, nämlich dass er seine Schuld nicht zu
bezahlen beabsichtige. Aber _Saphir_ gebraucht dieselben Worte, die
vorher von seinem Gläubiger gebraucht wurden. Wir können also nicht umhin
sie auch in dem _Sinne_ zu nehmen, in welchem sie von jenem gebraucht
wurden. Und dann hat _Saphirs_ Antwort gar keinen Sinn mehr. Der
Gläubiger "kommt" ja überhaupt nicht. Er kann also auch nicht um die 300
Gulden kommen, d. h. er kann nicht kommen, um 300 Gulden zu bringen.
Zudem hat er als Gläubiger nicht zu bringen sondern zu fordern. Indem die
Worte _Saphirs_ in solcher Weise zugleich als Sinn und als Unsinn erkannt
worden, entsteht die Komik.
Ich meine hiermit, auch was den Witz betrifft, die Gegnerschaft
_Heymans_' zu mir beseitigt zu haben.