Trotz dem, was im Vorstehenden gegen die Bedeutung der Neuheit als
solcher für die Komik gesagt wurde, ist doch _Heymans_' Betonung dieses
Momentes in gewissem Sinne durchaus berechtigt. Nicht nur in den Fällen,
an die im Vorstehenden gedacht war, sondern in allen Fällen der Komik ist
in gewissem Sinne die Neuheit ein entscheidender Faktor. Und zwar
durchaus im _Heymans_'schen Sinne. Das heisst, nicht sofern das Neue ein
Inhaltleeres ist, sondern sofern das Neue die Aufmerksamkeit auf sich
zieht.
Die Hautfarbe, sagte ich, habe als menschliche Hautfarbe eine besondere
Würde. Aber diese Würde pflegt für gewöhnlich wirkungslos zu bleiben. Wir
sehen tausendfach Menschen mit der uns _gewohnten_ Hautfarbe, also
derjenigen, der die Würde menschliche Hautfarbe zu sein in unseren Augen
am sichersten zukommt, ohne dass wir doch davon einen besonderen Eindruck
erfahren. Die Eindrucksfähigkeit, oder die "Grösse" im psychologischen
Sinne, ist es aber, die allein für die Komik in Betracht kommt. Ihr
Zergehen bedingt die Komik. Wenn nun der Umstand, dass eine Farbe
menschliche Hautfarbe ist, so wenig Eindruck macht, wie kann dann gesagt
werden, dieser Umstand verleihe der schwarzen Hautfarbe
Eindrucksfähigkeit oder Grösse, und das Zergehen dieser Grösse bedinge
die Komik?
Auf diesen Einwand, den ich mir hier selbst mache, habe ich
andeutungsweise bereits früher geantwortet. Ich sagte: Nicht darauf komme
es an, ob die Hautfarbe überhaupt, sondern darauf, ob sie in dem
gegebenen Falle als ein Grosses erscheine oder als solches in uns wirke.
Und dies thut die schwarze Hautfarbe, eben weil sie schwarze Hautfarbe,
d. h. ungewohnte oder neue Hautfarbe ist. Ich könnte statt dessen auch
sagen, weil sie komische Hautfarbe ist.
Damit erscheint meine Theorie des Komischen in einem fast komischen
Lichte. Die schwarze Hautfarbe, so sagte ich vorhin, erscheine,
wenigstens dem Kinde und dem Naiven, bedeutsam als Hautfarbe, nichtig als
schwarze Hautfarbe. Jetzt sage ich, sie habe, abgesehen von ihrer
Schwärze, keine Eindrucksfähigkeit, gewinne dagegen Grösse als schwarze
Hautfarbe. Oder gar: Ich erklärte die Komik der schwarzen Hautfarbe
daraus, dass sie als Hautfarbe eine psychische Eindrucksfähigkeit
besitze. Jetzt sage ich, sie habe ihre Eindrucksfähigkeit eben als
komische Hautfarbe. Dort scheint ein Widerspruch, hier ein Zirkel
vorzuliegen.
Um diesen übeln Schein von mir abzuwälzen, muss ich mich etwas tiefer in
psychologische Thatsachen einlassen. Schliesslich führen psychologische
Einzelprobleme immer ziemlich tief in die Psychologie hinein, sodass im
Grunde kein psychologisches Problem isoliert sich behandeln lässt.
Es bleibt dabei, die menschliche Hautfarbe, oder, sagen wir lieber, die
menschliche Körperoberfläche, so wie, und soweit wir sie im allgemeinen
wahrzunehmen pflegen, ist uns eine recht gleichgültige Sache geworden.
Auf die Frage, wie dies zugehe, wird jeder antworten, das mache die
Gewohntheit dieses Anblickes oder die Häufigkeit der Wahrnehmung.
Aber wie kann diese eine solche Wirkung thun? Darauf sind zwei Antworten
möglich. Die eine ist ebenso üblich, wie psychologisch unmöglich: Unsere
Aufmerksamkeit werde auf das Gewohnte weniger hingelenkt. Diese
Behauptung muss in ihr Gegenteil verkehrt werden. Je gewohnter etwas ist,
d. h. je häufiger wir uns ihm innerlich zugewendet haben, um so leichter
müssen wir uns ihm innerlich zuwenden.
Aber diese Leichtigkeit der Zuwendung hat auch ihre Kehrseite. So oft
sich,--ich gebrauche hier geflissentlich einen anderen Ausdruck, als
soeben,--die psychische "Bewegung" einem Wahrnehmungsobjekte zugekehrt
hat, so oft hat sie sich auch wiederum von ihm abgewendet. Und wie aus
jener häufigen Zuwendung eine Leichtigkeit der Zuwendung, so ergiebt sich
aus dieser häufigen Abwendung oder diesem häufigen Fortgang zu anderen
psychischen Inhalten eine Leichtigkeit der Abwendung oder des Fortganges.
Es entsteht das, was ich als psychische "Abflusstendenz" zu bezeichnen
pflege. Je zahlreicher und tiefer die associativen Abflusskanäle werden,
um so weniger kann die fragliche Wahrnehmung als ein Halt- oder gar
Mittelpunkt der psychischen Bewegung sich darstellen, um so mehr sinkt
sie zu einem blossen Durchgangspunkt für den Strom des psychischen
Geschehens herab. Die Wahrnehmung gewinnt keine "psychische Höhe" mehr.
Der Wellenberg, den sie, abgesehen von der Abflusstendenz,
respräsentieren würde, hat sich geebbt. Oder ohne Bild gesprochen, die
Wahrnehmung ist nicht mehr Gegenstand der "Aufmerksamkeit", d. h. es wird
in ihr kein erhebliches Mass der allgemeinen psychischen Kraft mehr
lebendig oder aktuell. Eben damit büsst die Wahrnehmung auch ihre
psychische Wirkungsfähigkeit ein, vor allem auch ihre Gefühlswirkung. Mit
einem Worte, sie ist relativ gleichgültig geworden. Für das Genauere
verweise ich wiederum auf meine "Grundthatsachen des Seelenlebens." Ich
bemerke noch, dass diese Theorie der Abflusstendenz, und die Erklärung
der sogenannten abstumpfenden oder ermüdenden Wirkung der Gewohnheit auf
Grund derselben, bisher wenig Aufnahme gefunden hat. Um so mehr Aufnahme
wird sie finden müssen, wenn nicht mannigfache psychische Thatsachen
unverständlich bleiben sollen.
Aber auch das Gesetz der Abflusstendenz hat wiederum seine Kehrseite. Es
giebt ein Gesetz der "psychischen Stauung". Auch hierfür wiederum
verweise ich auf das eben citierte Werk. Ich begnüge mich hier das
fragliche Gesetz in folgender Weise zu formulieren: Ist ein Objekt ein
gewohntes, d. h. in das Gewebe unserer Vorstellungen so hineinverwebt,
dass die psychische Bewegung einerseits zwar zu ihm mit besonderer
Leichtigkeit hinfliesst, andererseits aber zugleich auch wiederum ebenso
leicht von ihm abfliesst, und wird nun dieser Fluss des Geschehens in
seinem gewohnten Ablaufe dadurch gestört, dass das fragliche Objekt, sei
es in seiner Beschaffenheit, sei es hinsichtlich seiner Beziehung zu
anderen Objekten eine Änderung erfährt, so entsteht an dem Objekt eine
psychische Stauung, d. h. die psychische Bewegung oder die aktuelle
psychische Kraft konzentriert sich auf das Objekt. Die Folge ist, dass
dies Objekt, das vorher nur Durchgangspunkt der psychischen Bewegung war,
jetzt von dieser Bewegung emporgehoben wird, oder in grösserem oder
geringerem Grade als Träger der ganzen aktuellen psychischen Kraft sich
darstellt, die es zu gewinnen seiner Natur nach geeignet ist. Damit
gewinnt es zugleich die entsprechende psychische Wirkungsfähigkeit,
insbesondere seine natürliche Gefühlswirkung wieder. Es hat aufgehört,
gleichgültig zu sein. Es ist hinsichtlich seiner psychischen Stellung und
Bedeutung kein Gewohntes mehr, sondern ist zu einem Neuen geworden.
Übertragen wir dies auf unseren Fall. Dann ist damit dies gesagt: Die
menschliche Körperoberfläche wird durch den Umstand, dass sie in neuer
Farbe erscheint, selbst, ihrer psychischen Wirkung nach, eine neue. Dass
heisst, sie übt wiederum die psychische Wirkung, die ihr an sich zukommt.
Sie ist nicht nur objektiv ein "Grosses", sondern sie ist auch wiederum
im psychologischen Sinne ein solches geworden. Damit wird zugleich die
Farbe dieser Körperoberfläche als Farbe dieses Grossen oder Bedeutsamen
zu etwas Grossem oder Bedeutsamen. Dass die "Grösse" der Körperoberfläche
in dem Leben besteht, was in ihr und hinter ihr waltet, und dass die
Farbe Grösse gewinnt, indem sie als Farbe der Körperoberfläche an dieser
Grösse teilnimmt, betone ich nicht noch einmal.
Damit löst sich der oben bezeichnete scheinbare Widerspruch: Wir könnten
freilich ihn zunächst noch in gewisser Weise verschärfen. Die Negerfarbe
gewinnt ihre Bedeutung, d. h. ihre psychische Wirkung als ungewohnte oder
neue. Und sie verliert ebenso diese Bedeutung als ungewohnte oder neue.
Aber dies "als ungewohnte oder neue" hat in beiden Fällen einen
verschiedenen Sinn. Nicht die neue oder ungewohnte _schwarze Farbe_
gewinnt die Bedeutung, sondern die in dieser neuen "Beleuchtung"
erscheinende _Körperoberfläche_ gewinnt dieselbe; und daran nimmt die
schwarze Farbe als Farbe dieser Körperoberfläche Teil. Dann aber verliert
die schwarze Farbe diese Bedeutung wiederum, weil sie eine neue oder
ungewohnte ist, d. h. weil wir noch nicht gewohnt sind, sie als Farbe des
Körpers zu betrachten und zu bewerten. Oder kürzer gesagt, die schwarze
Farbe erscheint bedeutsam als Farbe der _Körperoberfläche_, die
ihrerseits durch diese _neue_ Farbe ihre ursprüngliche Bedeutsamkeit
wiedergewonnen hat. Sie erscheint dann bedeutungslos oder nichtig als
_schwarze_ Farbe, sofern diese als neue Farbe an der Bedeutung der
Körperoberfläche Anteil zu nehmen kein Recht hat. Aus diesem Gegensatze
entspringt die Komik.
Analoges nun gilt mehr oder minder in allen Fällen der Komik; bei aller
Komik gilt in gewisser Weise unser Paradoxon: Alles Komische gewinnt und
verliert zugleich seine psychische Wirkung dadurch, dass es ein Neues,
Ungewohntes, Seltsames ist. Das heisst, bei allem Komischen gewinnt ein
an sich Bedeutsames die Fähigkeit seiner Bedeutsamkeit entsprechend uns
in Anspruch zu nehmen ganz oder teilweise dadurch, dass es in seltsamer
Beleuchtung erscheint. Und bei allem Komischen zergeht diese Wirkung in
uns, wenn wir auf dasjenige achten, was das Komische in diese seltsame
Beleuchtung rückt. Verspricht jemand viel und leistet wenig, so wird eben
durch die geringe Leistung unsere Aufmerksamkeit erst recht auf die
grossen Versprechungen hingelenkt. Sie sind jetzt mehr als sonst eine
anspruchsvolle, d. h. uns in Anspruch nehmende Sache. Eben damit ist auch
die geringfügige Leistung als scheinbare Erfüllung dieser Versprechungen
eine anspruchsvolle Sache geworden. Dieser Anspruch zergeht aber, wenn
uns die Leistung als das, was sie an sich ist, zum Bewusstsein kommt. In
diesem Sinne ist auch hier die Neuheit, d. h. die Seltsamkeit oder
Abnormität das die "Aufmerksamkeit" Spannende und zugleich das sie
Lösende.
"VERBLÜFFUNG" UND "VERSTÄNDNIS".
Hiermit gelange ich wiederum zu _Heymans_ zurück. Was ich hier oben
andeutete, ist auch _Heymans_ aufgefallen. Er drückt es nur in etwas
anderer Weise aus und kommt so zu einem neuen scheinbaren Einwand gegen
meine Theorie der Komik. Nicht in allen, aber in gewissen Fallen der
Komik, meint er, verhalte sich die Sache so, dass ein Rätselhaftes,
Unbegreifliches ein Gefühl der Verwunderung oder des Staunens wecke, die
Aufmerksamkeit fessle, während ein schnell aufleuchtendes, an sich kein
weiteres Interesse bietendes "Verständnis" die Entspannung zu wege
bringe. Hiermit tritt _Heymans_ scheinbar in unmittelbaren Widerspruch zu
meiner Theorie. Ich habe diese Theorie gelegentlich auch so formuliert,
dass ich sagte, die Komik entstehe, indem ein Sinnvolles sich für uns in
ein Sinnloses verwandelt. Das Sinnvolle nimmt uns in Anspruch oder spannt
die Aufmerksamkeit, die Sinnlosigkeit bringt die Lösung. Diesen
Sachverhalt scheint Heymans umzukehren. Das Unbegreifliche, also für uns
Sinnlose spannt die Aufmerksamkeit, die Lösung ist da, indem die
Sinnlosigkeit verschwindet und das Verständnis, also die Einsicht in den
Sinn der Sache sich einstellt.
In Wahrheit ist, was Heymans sagt, lediglich die besondere Hervorhebung
eines Momentes im Prozess der Komik, und zwar eines Momentes, das ich im
Obigen ausdrücklich anerkannt habe. Ein Unterschied zwischen _Heymans_
und mir besteht zunächst nur insofern, als ich, was _Heymans_ für
bestimmte Fälle der Komik vermeintlich gegen mich einwendet,
verallgemeinere, d. h. als für alle Komik mehr oder weniger zutreffend
anerkenne.
Dann freilich lässt sich _Heymans_ durch einseitige Hervorhebung jenes
Momentes zu Wendungen verleiten, die eine wirkliche Korrektur meiner
Theorie in sich zu schliessen scheinen. Auch hier aber löst sich der
scheinbare Gegensatz leicht, wenn wir _Heymans_' Aufstellungen genauer
analysieren oder eine darin liegende Zweideutigkeit beseitigen.
Das Rätselhafte, sagt _Heymans_, spannt die Aufmerksamkeit oder, mit
einem anderen, Andruck, es "verblüfft". Statt dessen sagte ich oben: Die
Neuheit, Ungewohntheit, Abnormität, das Seltsame des Komischen lässt erst
seine Bedeutsamkeit, sei es überhaupt, sei es vollständig, zur Wirkung
kommen. Auch damit ist eine Spannung der Aufmerksamkeit bezeichnet. Aber
diese Spannung der Aufmerksamkeit ist mit _Heymans_' "Verblüffung" nicht
ohne weiteres identisch.
Dies wird verständlich, wenn wir in jener Verblüffung zwei Momente
unterscheiden. Einmal die einfache Verblüffung, d. h. das erstaunte
Haltmachen bei der Seltsamkeit, etwa das erstaunte Haltmachen bei der
geringen Leistung des Grosssprechers; die Frage: Was soll das heissen.
Diese erste, völlig verständnislose Verblüffung ist nicht die Spannung
der Aufmerksamkeit, von der ich sage, ihr Zergehen erzeuge die Komik.
Und sie kann es nicht sein. Damit komme ich bereits auf den Punkt, in dem
ich _Heymans_ entgegentreten muss. _Heymans_ meint, er könne sich--gegen
mich--"einfach auf das Zeugnis der Selbstwahrnehmung berufen", nach
welchem in gewissen Fällen der Komik "sich deutlich die beiden Stadien
des verblüfften Erstaunens und des aufleuchtenden Verständnisses, mit
letzterem gleichzeitig aber die komische Gefühlserregung feststellen
lässt." Diese beiden Stadien leugne ich, nach Obigem, nicht, sondern
erkenne sie, und zwar für alle Fälle der Komik an. Aber ich leugne, dass
jede Verblüffung, der ein aufleuchtendes Verständnis folgt, ein Gefühl
der Komik ergiebt. Die Komik stellt in Wahrheit nur dann sich ein, wenn
jene Verblüffung zugleich ein Moment in sich schliesst, das mehr ist als
blosse Verblüffung, nämlich Sammlung, Spannung der Aufmerksamkeit durch
ein Bedeutsames oder scheinbar Sinnvolles; und die Komik ergiebt sich
nicht aus der Lösung der Verblüffung überhaupt, sondern aus der Lösung
dieses zweiten Momentes der Verblüffung oder dieser besonders gearteten
Spannung.
So wie die geringfügige Leistung des Grosssprechers mich verblüfft, so
verblüfft mich auch der Satz, der durch Ausfall eines Wortes sinnlos
geworden ist. Nehmen wir an, darauf folge sofort das aufleuchtende
Verständnis: Ich sehe, welches Wort ausgefallen ist. Ich ergänze es also,
und verstehe den Satz. Ich sage: Das also ist gemeint. Ein solches
Erlebnis ist nicht komisch.
Dagegen würde der Ausfall des Wortes komisch, wenn sich daraus ein neuer
Sinn ergäbe. Wir wollen annehmen, der neue Sinn leuchte unmittelbar ein,
werde aber auch sofort als unmöglich gemeint, also als Unsinn erkannt.
Hier ist auf das erste Stadium der Verblüffung ein zweites gefolgt, auf
die Verblüffung über den Unsinn die Verblüffung über den scheinbaren
Sinn, auf das einfache Stillestehen der psychischen Bewegung, ein sich
Konzentrieren derselben auf einen bestimmten Vorstellungszusammenhang,
nämlich denjenigen, dessen Vernichtung nachher die Komik ergiebt. So
gewiss aus der unmittelbaren Lösung des ersten Stadiums, der in jedem
Sinn verständnislosen Verblüffung, durch das aufleuchtende Verständnis
die Komik sich _nicht_ ergiebt, so gewiss folgt sie _hieraus_.
Ein solches zweites Stadium der Verblüffung, oder eine solche Sammlung
oder Konzentration der Aufmerksamkeit findet nun in aller Komik statt.
Wie gesagt: Die geringe Leistung nach grossen Versprechungen "verblüfft";
dann aber folgt die Spannung der Aufmerksamkeit durch die scheinbare
Erfüllung der Versprechungen. Auf die verblüffte Frage: Was soll das
heissen? folgt die verblüffte Antwort: Das also ist die Erfüllung der
grossen Versprechungen. Und daran erst schliesst sich die Einsicht. Ich
"verstehe", d. h. ich erkenne den Grosssprecher als leeren Grosssprecher.
Bei einem solchen ist die geringe Leistung ganz in der Ordnung. Was ich
erlebe ist gar nichts, d. h. nichts, das meiner Aufmerksamkeit wert wäre.
Ich habe hier in dem Stadium, das _Heymans_ als Stadium der _Verblüffung_
bezeichnet, zwei Stadien unterschieden. Man sieht aber, das zweite
Stadium der Verblüffung kann ebensowohl als erstes Stadium des
Verständnisses bezeichnet werden. Es ist das Stadium des verblüffenden
Verständnisses, des verblüffenden Sinnes oder scheinbaren Sinnes,
allgemeiner gesagt, der verblüffenden Grösse oder Scheingrösse eines
Objektes, das dann doch seiner Grösse in unseren Augen wieder verlustig
geht.
Damit ist der scheinbare Gegensatz zwischen Heymans und mir gelöst. Auch
er hat mich erst verblüfft, dann sah ich die Scheingrösse, die sich aus
der scheinbaren Identität der _Heymans_'schen "Verblüffung" mit meiner
"Spannung der Aufmerksamkeit durch ein Scheingrosses" ergab, d. h. die
Einsicht, dass Verblüffung und Verblüffung zweierlei sei, und demgemäß
_Heymans_' Einwand mich nicht treffe.
Die Beispiele, die _Heymans_ anführt, um seinem Einwand Kraft zu geben,
sind der Hauptsache nach dem Gebiete des Witzes entnommen. Insoweit
gehören sie nicht hierher. Schliesslich aber weist er auf einen Fall hin,
der dem Gebiete der objektiven Komik angehört. Auch dieser widerspricht
doch meiner Theorie keineswegs.
"Ein auf einer Zwischenstation ausgestiegener Reisender antwortet auf die
dringende Aufforderung des Schaffners einzusteigen immer nur mit der
flehentlichen Bitte ihm zu sagen, in welchem Jahre Amerika entdeckt
worden sei. Indessen fährt der Zug ab. Endlich stellt sich heraus, dass
das Kompartiment, in welchem der Reisende seine Sachen zurückgelassen
hat, die Nummer 1492 führt, und dass ein Mitreisender ihm gesagt hat, er
solle, um diese Nummer nicht zu vergessen, nur an die Jahreszahl der
Entdeckung Amerikas denken". Hier meint _Heymans_, ist die Handlungsweise
des Reisenden, dem man zu langen Erklärungen keine Zeit lässt, keineswegs
objektiv unzweckmäßig, aber sie scheint es in höchstem Grade zu sein, und
wird darum zuerst als unbegreiflich, dann nachdem die Sache sich
aufgeklärt hat, als komisch empfunden. Mir scheint, dass in diesem
komplizierten Falle verschiedene Momente der Komik unterschieden werden
müssen. Der Reisende wird schon vor der Aufklärung der Sache komisch,
weil er als ausgewachsener Mensch, von dem man ein zweckmässiges
Verhalten "erwartet", den Zug mit seinem Gepäck wegfahren lässt, und sich
statt um seine Reise, um die Entdeckung Amerikas Sorge macht. Dazu tritt
dann ein zweites Moment, das allerdings erst nach der Aufklärung zur
Wirkung gelangt. Man sieht jetzt, dass der Reisende Grund hatte nach dem
Jahre der Entdeckung Amerikas zu fragen. Oder vielmehr: es scheint für
einen Augenblick die Frage darnach sinnvoll. Dann aber erscheint das
ganze Verhalten des Menschen sinnlos. Sich eine Zahl nach der Jahreszahl
eines historischen Ereignisses zu merken hat natürlich nur Sinn, wenn man
diese Jahreszahl kennt.
Hiermit meine ich alle Punkte des Gegensatzes zwischen _Heymans_ und mir
aufgeklärt zu haben. Ich werde auf _Heymans_ noch einmal, nämlich bei der
Betrachtung des Witzes und der genaueren Darlegung der Art, wie bei ihm
das Gefühl der Komik zu stande kommt, zurückkommen müssen. Einstweilen
nehme ich von _Heymans_' wertvollen Winken Abschied.