Es bleibt uns jetzt noch die Frage, worin diese psychologische
Wirksamkeit, dem an die Stelle des Erwarteten tretenden relativen Nichts
gegenüber, bestehe. Diese Frage versuche ich hier wenigstens
vorbereitungsweise und mit dem Vorbehalt späterer genauerer Bestimmung zu
beantworten. Ein wichtiger Besuch ist mir angekündigt. In dem
Augenblicke, in dem der Besuch kommen soll, höre ich draussen Schritte;
die Thüre öffnet sich; es tritt jemand ein. Mit jedem dieser Momente
steigert sich die Erwartung. Die Erwartung ist aber als solche zugleich
eine der thatsächlichen Verwirklichung vorauseilende _Anticipation_ des
Erwarteten. Die Person, die eintritt, _ist_ für mich, ehe ich sie sehe,
die angekündigte; insbesondere die Wichtigkeit oder Bedeutung, welche die
erwartete Person für mich hat, weise ich ihr im voraus zu, und ich thue
dies um so sicherer, je bestimmter die Erwartung ist.
Nun tritt in Wirklichkeit ein Bettler ein. Dieser besitzt also im Momente
seines Eintretens für mich jene Bedeutung; er _ist_ die wichtige Person.
Thatsächlich freilich kommt ihm die Bedeutung nicht zu. Aber diesen
Gedanken muss ich erst vollziehen; ich muss den Bettler als solchen
erkennen und anerkennen; ich muss ihm auf Grund dessen die Bedeutung
wieder absprechen. Mit diesem letzteren ist eine psychologische
_Leistung_ bezeichnet, eine um so erheblichere, je sesshafter der Gedanke
an die Bedeutung der eintretenden Person vorher in mir geworden ist. Ehe
ich diese Leistung vollzogen habe, im ersten Momente also, bleibt die
vorher vollzogene Vorstellungsverbindung in Kraft. Dann freilich löst sie
sich unmittelbar. Der Bettler sinkt unvermittelt in sein Nichts zurück.
Völlig analog verhält es sich in zahllosen andern, und der Hauptsache
nach gleichartig in allen Fällen der Komik überhaupt. Der Bettler, so
können wir allgemeiner sagen, spielt die "Rolle" des wichtigen Besuches,
nicht in Wirklichkeit, sondern für mein Vorstellen; er beansprucht die
Bedeutung desselben, gebärdet sich so, für mein Bewusstsein nämlich. Dann
stellt er sich unvermittelt dar als das, was er ist. Ebenso spielt das
Kinderhäubchen auf dem Kopf des Erwachsenen die "Rolle" der männlichen
Kopfbedeckung, der kleine Knabe unter dem männlichen Hute die Rolle des
Mannes. Das kleine Häuschen in der Reibe von Palästen "gebärdet" sich wie
einer der Paläste; die Hautfarbe des Negers "erhebt den Anspruch", ebenso
als Träger und Verkündiger eines hinter ihr pulsirenden menschlichen
Lebens zu gelten, wie die unsrige. Sie spielen die Rolle und erheben den
Anspruch, um dann doch sofort wieder die Rolle fallen zu lassen und des
Anspruchs beraubt zu erscheinen.
Ob das komische Objekt den Anspruch zu erheben objektiv berechtigt ist
oder nicht, thut dabei nichts zur Sache. Hinter der Hautfarbe des Negers
pulsiert thatsächlich dasselbe Leben, wie hinter der unsrigen; sie hat
für ihn dieselbe Bedeutung wie für uns die unsrige. Nur darauf kommt es
an, ob das Objekt erst für uns den Anspruch erhebt, dann ihn _für uns_
wieder fallen lassen muss, oder anders gesagt, ob wir ihm auf Grund
irgend welcher Vorstellungsassociation die Bedeutung erst zugestehen,
dann sie ihm auf Grund einer thatsächlich in uns bestehenden, wenn auch
ungerechtfertigten Betrachtungsweise wiederum absprechen müssen. Immerhin
hat es Wert, diese beiden Möglichkeiten ausdrücklich zu unterscheiden.
Zugleich dürfen wir auch das andere niemals vergessen, dass--wiederum für
uns oder für unsere Betrachtung--der Ausspruch einer "_Grösse_" erst
_entstehen_, dann _vergehen_ muss. Ich erwähne hier noch einmal ein
Beispiel der Komik, das _Herkenrath_ anführt und das wir schon oben
kennen gelernt haben. In diesem Beispiel meint _Herkenrath_, sei jener
Sachverhalt umgekehrt. Es trete in ihm nicht ein Kleines an die Stelle
eines Grossen, sondern ein Grosses an die Stelle eines erwarteten
Kleinen. Ich meine das Beispiel der in den Schrank eingeschlossenen
würdevollen Tante. _Herkenrath_ legt Gewicht darauf, dass die Tante an
der Stelle der Katze, die man vorzufinden erwartete, dem Blicke sich
darbietet. Aber die Komik beruht darauf, dass man von der Tante eine
würdevolle Situation erwartete, und eine würdelose findet.
Trotz dieses Einwandes meint _Herkenrath_, ich erkläre die objektive
Komik assez ingénieusement. Nur hätte ich nachher Mühe, die anderen Arten
der Komik in die einmal gewonnene Theorie einzufügen. Darauf antworte ich
schon hier, dass ich solche Mühe unmöglich haben kann, da für mich alle
Arten der Komik auf demselben, hier bezeichneten Prinzip beruhen.