SCHADENFREUDE UND GESTEIGERTES SELBSTGEFÜHL.

Nachdem _Hecker_ das Gefühl der Komik in der bezeichneten Weise bestimmt

hat, geht er dazu über, die Möglichkeiten der gleichzeitigen Entstehung

von Lust und Unlust festzustellen und daraus die möglichen Arten der

Komik abzuleiten. Das ist gut und konsequent gedacht. Die Ausführung des

Gedankens aber geschieht in denkbar unvollständigster Weise. Freilich,

wäre sie weniger unvollständig, so würde _Hecker_ selbst die

Unmöglichkeit seiner Theorie des komischen Gefühles sich aufgedrängt

haben. Die Fälle der Komik, die er anführt, sind wirklich komisch, wenn

auch nicht aus den angegebenen Gründen. Dagegen würden andere Fälle und

Klassen von Fällen, die er hätte anführen _müssen_, sich jeder Bemühung,

sie komisch zu finden, widersetzt haben.

Einige Bemerkungen genügen, um dies zu zeigen. Eine Hauptgattung der

Komik bezeichnen für _Hecker_ die Fälle, bei denen zwei Vorstellungen in

ihrer Vereinigung oder ihrem Zusammenhang unseren logischen, praktischen,

ideellen "Normen" oder den "Normen der Ideenassociation" entsprechen,

während zugleich die eine der Vorstellungen einer der Normen

widerstreitet. Nachher schrumpft die ganze Gattung zusammen zur Komik der

"gerechten Schadenfreude". Die rote Nase zum Beispiel missfällt, weil sie

unseren "ideellen Normen" widerspricht. Betrachten wir sie aber als

verdiente Strafe der Unmässigkeit, so befriedigt diese Ideenverbindung

unser Gerechtigkeitsgefühl. Und aus Beidem zusammen ergiebt sich das

Gefühl der Komik.

Diese Erklärung ist ohne Zweifel falsch. Die Schadenfreude hat, so oft

sie auch zur Erklärung der Komik verwandt worden ist, mit Komik nichts zu

thun. Die gerechteste und intensivste Schadenfreude ergiebt sich, wenn

wir über einen nichtswürdigen und gefährlichen Verbrecher die

wohlverdiente Strafe verhängt sehen. Je nichtswürdiger und gefährlicher

er ist, je gerechter und wirkungsvoller andrerseits die Strafe erscheint,

um so stärker ist das Gefühl der Unlust, das er selbst, und das Gefühl

der Befriedigung, das seine Bestrafung erweckt. Nun mag ein solcher

Verbrecher zwar, wie wir schon oben meinten, sich selbst in gewisser

Weise Gegenstand der Komik werden, uns wird er nie so erscheinen.

Dementsprechend kann die Schadenfreude auch die Komik der roten Nase

nicht begründen.

Andrerseits hätte _Hecker_ neben den Fällen der Schadenfreude mannigfache

andere Fälle berücksichtigen müssen, die ganz den gleichen Bedingungen

genügen. Ich höre etwa, jemand habe eine entehrende Handlung begangen aus

Freundschaft, um einen andern, vielleicht mich selbst, aus tödlicher

Verlegenheit zu retten. Oder ich lese in der Geschichte, L. Junius

_Brutus_ habe seine eigenen Söhne hinrichten lassen, um seiner Pflicht zu

genügen. In beiden Fällen missfällt die That an sich; sie gefällt

zugleich, wenn wir sie im Zusammenhang mit dem zu Grunde liegenden Motiv

betrachten. Sie befriedigt insofern nicht unser Gerechtigkeitsgefühl,

aber andere sittliche "Normen". Darum ist doch von Komik keine Rede.

Neben der Schadenfreude spielt bei _Heckers_ Erklärung der (objektiven)

Komik das gesteigerte "Selbstgefühl" die Hauptrolle. Freilich,

Schadenfreude ist am Ende eine Weise des gesteigerten Selbstgefühles,

oder kann es zum mindesten sein. Dann wäre mit dem gesteigerten

Selbstgefühl kein neues Moment eingeführt. Aber _Hecker_ sagt nicht, ob

und wie er die Schadenfreude auf das gesteigerte Selbstgefühl

zurückzuführen gedenkt.

Dies gesteigerte Selbstgefühl spielt in der Psychologie der Komik auch

sonst eine Rolle. Schon _Hobbes_ hat es zur Erklärung der Komik

herangezogen. Es ist aber fast der schlechteste Erklärungsgrund, den man

finden kann. Jede Unwissenheit, die ich nicht teile, jeder Irrtum, den

ich durchschaue, jede mangelhafte Leistung, der gegenüber ich das

Bewusstsein des Besserkönnens habe, müsste mich zum Lachen reizen, wenn

das Gefühl der Überlegenheit dem unangenehmen Gefühl, das Unwissenheit,

Irrtum, mangelhafte Leistung an sich erwecken, ungefähr die Wage hält.

Der Pharisäer müsste lachen über den Zöllner, dessen Verschuldungen

seiner Vortrefflichkeit zur Folie dienen, der Reiche über den Armen, der

vergeblich sich ein gleich behagliches Dasein zu verschaffen sucht, die

schöne Frau über die hässliche, deren Hässlichkeit sie an ihre Schönheit

erinnert, auch wenn der Charakter des Zöllners, die Not des Armen, die

Hässlichkeit der hässlichen Frau an sich nicht im mindesten komisch

erschiene. Aber eben das ist es, was _Hecker_ und was jeder, der den

Eindruck der Komik aus der Erhöhung des Selbstgefühles abzuleiten

versucht, im Grunde jedesmal voraussetzt. Man meint nicht den Irrtum,

sondern den lächerlichen Irrtum, nicht die Hässlichkeit, sondern die

lächerliche Hässlichkeit u. s. w. und diese allerdings sind komisch,

nicht wegen des hinzutretenden Selbstgefühles, wohl aber gelegentlich

trotz demselben.

Denn es ist offenbar, dass das Selbstgefühl geradezu die Komik

_zerstören_ kann. Ich sehe jemanden vergebens bemüht, eine Last zu heben,

zu der, wie ich mich sofort überzeuge, seine Kräfte nicht ausreichen. Der

Anblick ist mir peinlich, zugleich aber habe ich das befriedigende

Bewusstsein, dass ich die Last heben und dem Armen helfen kann. Hier ist

von Komik keine Rede, auch wenn das Bedauern und das Befriedigende des

Bewusstseins, zu können, was der Arme nicht kann, sich die Wage halten.

Ich lache nicht, eben weil ich die Kraft des Menschen mit der eigenen

vergleiche und die letztere als so viel grösser erkenne. Unterlasse ich

dagegen den Vergleich und fasse nur einfach die Situation ins Auge, so

kann mir diese recht wohl komisch erscheinen. Und ich habe allen Grund,

mir _selbst_ so zu erscheinen, wenn ich den Versuch mache, die Last

selbst zu heben, und dabei es erlebe, dass mein Selbstgefühl nicht

gesteigert, sondern schmählich zu _Schanden_ wird.

Der Begriff der Überlegenheit ist nach dem oben Gesagten, ebenso wie der

engere Begriff der Schadenfreude, nicht ein entscheidender Begriff der

_Hecker_'schen Theorie. Er soll nur besondere Fälle der Komik

charakterisieren. Sehen wir darum von diesem Begriffe hier ab, und

beachten den oben dargelegten allgemeinen Grundgedanken _Heckers_. Dann

scheint doch ein doppeltes Moment der Kritik standzuhalten. Einmal wird

es dabei bleiben, dass lust- und unlusterzeugende Elemente in die Komik

eingehen. Das Gefühl der Komik wird in gewissem Sinne beide Gefühle in

sich enthalten. Das andere Moment ist der Gegensatz oder Kontrast

zwischen Vorstellungen oder Gedankenelementen. Mag _Hecker_ diesen

Kontrast noch so unzutreffend bezeichnen, der Gedanke, dass ein solcher

Kontrast beim Komischen stattfinden müsse, wird seinen Wert behaupten.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 19 / 117 题