GEFÜHL UND "GEFÜHLSSWETTSTREIT".

Das Gefühl der Komik, das steht uns fest, ist nicht durch ein bestimmtes

quantitatives Verhältnis von Lust und Unlust gekennzeichnet. Darüber

hätte _Hecker_ schon der einfache Sprachgebrauch belehren können, der ein

Lachen bald als lustig, fröhlich, herzlich, bald als ärgerlich,

schmerzlich, bitter bezeichnet.

Es können aber auch umgekehrt Lust und Unlust, die "aus einem Punkte

erzeugt" sind, recht wohl sich annähernd die Wage halten, ohne dass doch,

sei es das Gefühl der Komik, sei es der Wettstreit entsteht, der nach

_Hecker_ die Komik machen soll.

Lust und Unlust sollen nicht nebeneinander bestehen und sich zu einem

Gesamtgefühl vereinigen können. Und warum nicht? Wegen der Analogie des

Glanzes? Aber diese Analogie wird Lust und Unlust schwerlich verhindern,

ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen.

Sagen wir es kurz: Der ganze _Hecker_'sche Wettstreit der Gefühle ist ein

psychologisches Unding. Es giebt in uns gar keine "_Gefühle_", die mit

einander in Wettstreit geraten könnten, sondern von vornherein immer nur

ein _Gefühl_, genauer: eine so oder so beschaffene Weise, wie uns zu Mute

ist, oder wie wir "_uns_" fühlen. Fühlen heisst _sich_ fühlen. Alles

Gefühl ist Selbstgefühl. Dies ist eben das Besondere des Gefühls im

Gegensatz zur Empfindung, die jederzeit Empfindung von Etwas, d. h.

Empfindung eines von mir unterschiedenen Objektes ist. Ich fühle mich

lust- oder unlustgestimmt, ernst oder heiter, strebend oder

widerstrebend.

So gewiss nun ich in meinem Selbstgefühl mir nicht als eine Mehrheit

erscheine, so gewiss giebt es für mich nicht in einem und demselben

Momente nebeneinander mehrere Gefühle. Dies hindert nicht, dass ich an

dem Gefühl oder Selbstgefühl eines Momentes mehrere _Seiten_

unterscheide, so etwa, wie ich auch an einem Klange, diesem einfachen

Inhalte meines Bewusstseins, verschiedene Seiten, nämlich die Höhe, die

Lautheit und die Klangfarbe unterscheide. Aber diese verschiedenen Seiten

sind eben doch nur verschiedene Seiten eines und desselben an sich

_Einfachen_.

Ich fühle mich etwa in einem Momente lustgestimmt. In der Lust aber liegt

zugleich ein gewisser Ernst. Andererseits ist damit ein Streben oder

Sehnen "verbunden". Dann habe ich doch nicht drei Gefühle, so wenig ich

drei Töne höre, wenn mein Ohr eine Tonhöhe und mit ihr "verbunden" eine

bestimmte Lautheit und eine bestimmte Klangfarbe vernimmt. Sondern ich

fühle Lust, aber die Lust ist nicht Lust überhaupt, sondern Lust von

eigentümlich ernster Art. Und wiederum ist diese ernste Lust nicht ernste

Lust überhaupt, sondern zugleich Lust mit einem Charakter des Sehnens.

Oder umgekehrt gesagt, das Sehnen oder Streben ist ein lustgestimmtes und

ernstes.

Dem entspricht auch der eigentliche psychologische Sinn der Lust. In dem

einen Gefühl giebt sich mir jedesmal der _Gesamtzustand_ meines

psychischen Lebens, der immer nur einer sein kann, in gewisser Art

unmittelbar kund. Oder genauer gesagt: Es giebt sich mir darin eben

die--freie oder gehemmte--_Weise_ kund, _wie_ sich die mannigfachen

Vorgänge und Regungen in mir zu einem psychischen Gesamtzustande

vereinigen. Nichts ist unrichtiger als die Vorstellung, dass jemals ein

Gefühl, so wie Gefühle in uns thatsächlich vorzukommen pflegen, an einer

einzelnen Empfindung oder Vorstellung oder auch an einem einzelnen

Komplex von solchen, hafte. Nichts ist unzutreffender als die Lehre vom

"Gefühlston" einer Empfindung oder Vorstellung, wenn damit eine solche

Meinung sich verbindet.

Dies schliesst nicht aus, dass dennoch ein Gefühl an bestimmten einzelnen

Empfindungsinhalten oder Komplexen von solchen in gewissem Sinne "haften"

könne und als an ihnen haftend sich uns darstelle. Wir müssen nur wissen,

was wir damit meinen und einzig meinen können. In dem gesamten

psychischen Leben eines Momentes sind nicht alle Elemente psychisch

gleichwertig. Sondern die einen treten beherrschend hervor, die anderen

treten zurück. Und es treten in aufeinanderfolgenden Momenten bald diese

bald jene Elemente hervor oder zurück. Damit ändert sich auch das Gefühl.

Es gewinnt jetzt diesen, jetzt jenen Charakter. Es wandelt sich etwa,

indem ein bestimmter psychischer Inhalt, eine bestimmte Empfindung oder

Vorstellung, hervortritt, ein Gefühl, das Lustcharakter besass, in ein

unlustgefärbtes, und diese Färbung wird immer deutlicher, jemehr jener

bestimmte Inhalt hervortritt. Dann kann ich sagen, es hafte diese

Unlustfärbung meines Gefühles, oder auch: es hafte ein Gefühl der Unlust

an diesem Inhalte. Das einheitliche oder einfache Gesamtgefühl bleibt

dann doch durch den psychischen Gesamtzustand bedingt. Nur ist zugleich

eben dieser psychische Gesamtzustand vorzugsweise durch jenen bestimmten,

in ihm hervorstrebenden _Inhalt_ bedingt.

Darnach giebt es auch keinen Wettstreit der Gefühle. Man muss in Wahrheit

etwas anderes meinen, wenn man diesen Ausdruck gebraucht. Und was man

einzig meinen kann, das ist der Wettstreit der _Vorstellungen_, an denen

verschiedene Gefühle im oben bezeichneten Sinne des Wortes "_haften_".

Ein solcher Vorstellungswettstreit besteht ja thatsächlich. Es geschieht

nicht nur, wie oben gesagt, dass Vorstellungen hervortreten, andere

zurücktreten, sondern das Hervortreten einer Vorstellung bedingt das

Zurücktreten anderer. Und damit vollzieht sich zugleich, wie gleichfalls

bereits bemerkt, ein Wechsel der Gefühle, genauer ein Wechsel in der

"Färbung" _des_ Gefühls.

Nehmen wir aber jetzt versuchsweise an, auch _Hecker_ wolle eigentlich

von einem Wettstreit der _Vorstellungen_ reden. Dann erscheint doch der

Irrtum, in dem _Hecker_ sich befindet, nicht geringer. Nach _Hecker_

müssten Vorstellungen, die "von einem Punkte aus", also gleichzeitig

erzeugt werden, in Wettstreit geraten, also sich wechselseitig

verdrängen, wenn oder weil sie eine entgegengesetzte Färbung des Gefühles

bedingen. Aber dies trifft nicht zu. Der Vorstellungswettstreit hat an

sich mit dem Gegensatz der Gefühle gar nichts zu thun.

Vorstellungen geraten in Wettstreit einmal, weil sie einander fremd sind,

d. h. in keinem Zusammenhang miteinander stehen; zum anderen, zugleich in

anderer Weise, weil sie miteinander unverträglich sind, also sich

wechselseitig ausschliessen. Vorstellungen nun, die von einem Punkte aus

erzeugt sind, können, eben weil sie von einem Punkte aus erzeugt sind,

einander niemals völlig fremd sein. Sie sind es um so weniger, je mehr

sie von einem Punkte aus erzeugt sind. Und ob Vorstellungen sich

ausschliessen oder nicht, dies hängt keineswegs von den an ihnen

haftenden Gefühlen ab. Die Vorstellungen, dass ein Objekt jetzt hier, und

dass dasselbe Objekt jetzt dort sich befinde, schliessen sich aus. Dies

heisst doch nicht, dass die eine Vorstellung von Lust, die andere von

Unlust begleitet sei. Und umgekehrt: Die Vorstellung, dass ein Objekt

eine schöne Form und zugleich eine hässliche Farbe habe, vertragen sich

vortrefflich miteinander, obgleich die schöne Form Gegenstand der Lust,

die hässliche Farbe Gegenstand der Unlust ist.

Geraten aber Vorstellungen, die von einem Punkte aus erzeugt und

einerseits von Lust, andererseits von Unlust begleitet sind, nicht

miteinander in Wettstreit, so ist auch kein Grund zum Wechsel des

Gefühles. Sondern es entsteht ein einziges in sich gleichartiges Gefühl,

in dem beide zu ihrem Rechte kommen.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 15 / 117 题