Achten wir auf die Geschichte der Psychologie und Ästhetik des Komischen
in unseren Tagen, so sehen wir den ersten jener beiden Wege am
entschiedensten eingeschlagen von _Hecker_ in seiner "Physiologie und
Psychologie des Lachens und des Komischen", Berlin 1873. Dagegen tritt
die andere Weise deutlicher hervor bei _Kräpelin_, dem Verfasser des
Aufsatzes "Zur Psychologie der Komik" im zweiten Bande von _Wundts_
"Philosophischen Studien". Hiermit habe ich zugleich diejenigen Arbeiten
bezeichnet, die bisher--abgesehen von den Aufsätzen, als deren
Umarbeitung und Erweiterung diese Schrift sich darstellt--, mit der
Psychologie der Komik am eingehendsten sich befasst haben.
Wie leicht der Versuch, das Gefühl der Komik in seiner Eigenart zu
begreifen, ohne dass man von vornherein an den Gegenständen der Komik
einen festen Halt sucht, in die Irre führen kann, zeigt _Hecker_
deutlich. Er meint das Gefühl der Komik zu analysieren. Statt dessen
dekretiert er es.
Für Hecker ist das Gefühl der Komik ein "beschleunigter Wettstreit der
Gefühle" d. h. ein "schnelles Hin- und Herschwanken zwischen Lust und
Unlust". "Von einem Punkte aus sehen wir plötzlich und gleichzeitig zwei
verschiedene unvereinbare Gefühlsqualitäten (Lust und Unlust) in uns
erzeugt werden." Dass sie von einem Punkte aus und darum gleichzeitig
erzeugt werden und doch unvereinbar sind, dies bedingt nach _Hecker_ den
Wettstreit. In diesem Wettstreit würde die schwächere der beiden
Qualitäten unterdrückt werden, wenn eine erhebliche Verschiedenheit der
Gefühle hinsichtlich ihrer Stärke bestände. Eine solche besteht aber nach
_Hecker_ nicht. Die konträren Gefühle sind von "annähernd gleicher
Stärke". Daraus ergiebt sich die Notwendigkeit des Hin- und Hergehens.
Dasselbe wird zum schnellen Hin- und Hergehen, zum beschleunigten
Wettstreit in diesem Sinne, wegen der Plötzlichkeit der Wirkung. Das
Gefühl der Lust, das ursprünglich dem der Unlust nur die Wage hielt,
erscheint in diesem plötzlich erzeugten Wettstreit durch Kontrast
gehoben, so dass in der schliesslichen Gesamtwirkung die Lust überwiegt.
Den Inhalt dieser Erklärung sucht _Hecker_ zu stützen, indem er auf das
Phänomen des Glanzes verweist. Wenn dem einen Auge eine schwarze, dem
andern an derselben Stelle des gemeinsamen Sehfeldes eine weisse Fläche
dargeboten wird, so ergiebt sich unter Umständen das Gesamtbild einer
glänzenden schwärzlichen Fläche. Die beiden monokularen Bilder können, so
wie sie sind, nicht an derselben Raumstelle gleichzeitig gesehen werden.
Sie können wegen der Selbständigkeit, welche sie besitzen, auch nicht
einfach zu einem Mittleren, also zum Bilde einer grauen Fläche
verschmelzen. Sind keine Bedingungen vorhanden, welche das eine der
Bilder vor dem andern bevorzugt sein lassen, so fehlt endlich auch die
Möglichkeit, dass das eine durch das andere auf längere Zeit verdrängt
werde. So bleibt nach _Hecker_ nur übrig, dass die Wahrnehmung zwischen
beiden mit grosser Schnelligkeit hin- und herzittert; und dies Hin- und
Herzittern, meint _Hecker_, sei der Glanz.
In gleicher Weise nun sollen auch annähernd gleich starke Gefühle der
Lust und Unlust, die gleichzeitig gegeben sind, nicht nebeneinander
bestehen, noch zu einem mittleren Gefühle verschmelzen können, sondern zu
schnellem Wechsel genötigt sein. Und in diesem Wechsel soll das Gefühl
der Komik bestehen.
Scharfsinnig ausgedacht mag diese Theorie erscheinen. Schade nur, dass
sie gar keinen Boden unter den Füssen hat. Dem Physiologen _Hecker_
erscheint die Analogie zwischen Gefühl der Komik und Wahrnehmung des
Glanzes als eine vollständige. Ich sehe in _Heckers_ Meinung nur ein
Beispiel dafür, wie leicht es demjenigen, der mit der Eigenart eines
Gebietes wenig vertraut ist, begegnet, dass er Erscheinungen, die diesem
Gebiete angehören, mit Erscheinungen von völlig heterogener Natur in
Analogie setzt und aus dieser Analogie zu erklären meint. Dass auch
_Heckers_ Erklärung des _Glanzes_ keineswegs einwandfrei ist, soll dabei
nicht besonders betont werden.
Thatsächlich ist freilich auch nach _Heckers_ Darstellung die Analogie
zwischen Glanz und Komik keine vollständige. Der beschleunigte Wettstreit
wird beim Glänze einfach daraus abgeleitet, dass die entgegengesetzten
Qualitäten sich die Wage halten, während beim Gefühl der Komik das
plötzliche Auftreten des Kontrastes als wesentlich erscheint.
Aber davon wollen wir absehen. Wichtiger ist, dass die Grundvoraussetzung
der ganzen Theorie irrig ist. Das Gefühl der Komik gehört der Linie
zwischen reiner Lust und reiner Unlust an. Aber es erfüllt in seinen
möglichen Abstufungen die ganze Linie, so dass es stetig einerseits in
reine Lust, andererseits in reine Unlust übergeht. Wenn jemand eine
anerkannte Wahrheit in witziger Form ausspricht, so spielend und doch so
unmittelbar einleuchtend, wie es der gute Witz zu thun pflegt; wenn durch
einen solchen Witz niemand verletzt oder abgefertigt wird; dann ist das
Gefühl der Komik, das sich daran heftet, zwar durchaus eigenartig,
hinsichtlich seines Verhältnisses zu Lust und Unlust aber mit den
reinsten Lustgefühlen, die uns beschieden sind, vergleichbar. Wenn
andererseits ein Mann sich wie ein Kind beträgt, jemand, der wichtige
Verpflichtungen mit viel Selbstbewußtsein übernommen hat, im letzten
Momente sich feige zurückzieht, so kann ein Gefühl der Komik entstehen,
das von reiner _Unlust_ sich beliebig wenig unterscheidet.
Auch hier darf freilich das Moment der Erheiterung nicht fehlen, wenn wir
das Gebahren noch komisch oder "lächerlich" nennen sollen. Aber eine
bestimmte Stärke desselben ist dazu nicht erforderlich. Denken wir uns
dies Moment schwächer und schwächer, so geht das Lächerliche nicht
sprungweise, sondern allmählich in das Verächtliche oder Erbärmliche
über.
Das Gleiche gilt von dem "Hohnlachen", mit dem der Verbrecher, der am
Ende seiner nichtswürdigen Laufbahn angekommen ist und alle seine Pläne
hat scheitern sehen, sich gegen sich selbst und seine Vergangenheit
wendet. Auch hierin steckt noch jenes Moment der Erheiterung. Zunächst
aber spricht aus diesem verzweiflungsvollen Lachen eben das Gefühl der
Verzweiflung, also des höchsten seelischen Schmerzes. Und dieser Schmerz
kann sich steigern und die Fähigkeit sich darüber zu erheben und der
Sache eine heitere Seite abzugewinnen, sich mindern. So lange dies
letztere Moment nicht völlig verschwindet, ist der Verbrecher sich selbst
lächerlich, also Gegenstand einer, wenn auch noch so schmerzlichen Komik.