Achter Auftritt

Vorige. Rosa, schlicht bürgerlich gekleidet, gealtert. Sie

trägt einen bedeckten Korb. Hans und Michael mit ihr.

Rosa (erzürnt zu Hans). Was dableiben? Erhalten ein fremden

Menschen? Wenn man so viel Kinder zu ernähren hat! Ist dein

Vater närrisch? Das ging' noch ab! (Erblickt Flottwell.) Da

ist er ja. (Für sich.) Nu, der sieht sauber aus!

Flottwell (der am Tische saß und auf Rosas Reden nicht horchte,

steht auf). Guten Tag, liebe Frau!

Rosa (boshaft grüßend). Guten Tag, Herr von Flottwell! Freut

uns, daß Sie Ihre alte Dienerschaft aufgesucht haben. So können

Sie sich doch wenigstens überzeugen, daß wir arme, aber

ehrliche Menschen sein. In unserm Haus hat nie ein Schmuck

existiert, wie Sie sehen. Wir haben uns auch in Ihrem Dienst

nicht so viel erwirtschaften können als wie gewisse Personen,

die sich ein Schloß davon gekauft haben. Ich glaub, Sie werden

mich verstanden haben.

Flottwell. Ich verstehe Sie nicht ganz, liebe Frau. Ich erinnere

mich nicht genau an alle Ereignisse meines Hauses. Nur das

weiß ich gewiß, daß keinem meiner Diener, mit meinem Willen,

eine Ungerechtigkeit widerfahren ist.

Rosa (fein). Ah was! Verhältnisse bestimmen die Äußerungen der

Menschen. Ich kann Ihnen gar nichts sagen, Herr von Flottwell,

als: Sehen Sie sich bei uns um! Können Sie von uns fordern,

daß wir in unserer eingeschränkten Lage noch einen Mann erhalten,

dem wir nichts zu danken haben als unsern richtigen Lohn, so

steht es Ihnen frei, bei uns zu bleiben. Mein Mann ist ein

guter Lappe, der läßt sich zu allen überreden. Der nähmet

die ganze Welt ins Haus, aber ich bin die Hausfrau, ich hab

zu entscheiden, ich kenn unsere Verhältnisse, unsere Ausgaben

und unsere Einnahmen. Ich muß für meine Kinder sorgen, wenn sie

nichts zu essen haben, und ich kann meine Einwilligung nicht

geben. Es wird uns freuen, wenn Sie uns heut auf Mittag beehren

wollen. Wir werden uns nicht spotten lassen. Aber für immer?

Verzeihen S'! das kann ich nicht zugeben! Heut in meinem Haus

und nimmer!

Flottwell (mit empörtem Erstaunen). Nein! Ich hab es nicht

gehört! Es war ein Traum! So sprach sie nicht zu Julius von

Flottwell, ihrem einstgen Herrn. Zu jenem Flottwell, der im

goldumstarrten Saale hundert Schmeichler an der Tafel sah!

Zu dem gepriesnen Vater seiner Diener! Zum edelsten der Freunde!

Zum besten, schönsten, geist- und goldbeglücktesten der Menschen,

und wie die Lügen alle heißen, die ihre Süßigkeit ans volle

Glas hinschrieb. So sprach sie nicht zu mir, den dieser

Blumenstrauß schon zu so heilger Dankbarkeit entflammen konnte,

als hätte ihn ein Engel in des Paradieses Schoß gepflückt?

O Weib! Könnt ich den zehnten Teil meines verlornen Glücks

zurückbeschwören und zehnfach Elend auf dein altes Haupt

hinschmettern, das dich zu meinen Füßen führen müßte, dann

sollte meine Großmut dich belehren: wie ungerecht du warst,

daß du in meinem Unglück mich so bitter hast gekränkt.

(Gebt ab.)

Liese (betrübt). Das hätt die Mutter aber doch nicht tun sollen.

Rosa (zornig). Still sei und marsch in die Kuchel hinaus!

(Liese geht ab. Zu den Buben.) Nu habt ihr nichts zu tun?

Hansel (schluchzt). Das sag ich den Vatern, wann er zu Haus

kommt. (Geht mit den andern ab.)

Rosa (allein). Das wär eine schöne Wirtschaft! Und wie der

Mensch schreit in einem fremden Zimmer! Und er hat ja was von

einem alten Haupt gsagt. Hab denn ich ein altes Haupt? Der

Mensch muß gar keine Augen im Kopf haben. Das nutzt einmal

alles nichts, reden muß man um seine Sach. Wer 's Maul nicht

aufmacht, muß den Beutel aufmachen. Ah, da kommt mein Mann

nach Haus, den werd ich meine Meinung sagen.

Der Verschwender · 第 90 / 102 题