Vierter Auftritt

Voriger. Valentin, in bürgerlicher Tracht als Tischlermeister,

einen Hobel im Sack, kommt trillernd. Er hat schon dunkelgraues

Haar.

Valentin.

Wenn ein Tischler früh aufsteht,

Tralalala--

(Sieht Flottwell.)

Schau, schau, da ist ein armer Mann. Ich muß ihm doch was

schenken. (Er nimmt einen Groschen aus dem Sack und will

ihn Flottwell reichen, doch stutzt er, als er ihn erblickt.)

He Alter! (Flottwell kehrt sich gegen ihn.) Was ist--Ich

weiß nicht, dieses Gsicht--das Gsicht ist mir bekannt--

jetzt trau i ihm fast den Groschen gar nicht zu geben--

Flottwell. Was wollt Ihr denn?

Valentin (noch gereizter). Die Stimm--das wird doch nicht?

(Er zittert.) Sie, hören S'--das wär entsetzlich Bitt um

Verzeihung! Sie, kennen Sie das Schloß?

Flottwell (gerührt). Ob ich es kenne, Freund? Es war ja einst

mein Eigentum!

Valentin (schreit rasch). Mein gnädger Herr! (Eine Mischung

von Freude, Wehmut und Erstaunen macht ihn erzittern, er weiß

sich nicht zu fassen. Ruft noch einmal.) Mein gnädger Herr!

(Die Tränen treten ihm in die Augen, er küßt ihm stumm die

Hand.)

Flottwell. Wer bist du, Freund?

Valentin. Der Valentin. Kennen mich Euer Gnaden denn nimmermehr?

Der Tischlergsell, der einmal bei Ihnen gearbeitet hat und

den Sie als Bedienten aufgenommen haben, weil er Ihnen so gut

gfallen hat.

Flottwell (gutmütig). Valentin? der gute ehrliche Valentin.

Und du erinnerst dich noch meiner?

Valentin. Ob ich mich erinnere? O Gott! Euer Gnaden waren ja

so gut mit mir und haben mir ja so viel geschenkt. Einen

Dukaten hab ich mir noch aufgehoben, (gutmütig) aber die

andern hab ich alle ausgegeben.

Flottwell. Und geht es dir gut?

Valentin. Nu mein! Wies halt einen armen Tischler gehn kann.

Auf dem Land ist ja nicht viel zu machen. Ich bin zufrieden.

Flottwell. Dann bist du glücklich!

Valentin. Nu, man nimmts halt mit, solang als Gott will. Aber

Euer Gnaden scheinen mir gar nicht zufrieden zu sein.

Flottwell. Nicht wahr, ich hab mich sehr geändert?

Valentin (verlegen). Ah nein! nein! Euer Gnaden schauen gut aus--

gut--recht gut. A bissel strapaziert, aber--(Beiseite.) Das

kann man ja einen solchen Herrn nicht sagen.

Flottwell. Mein guter Valentin, nun kann ich dich nicht mehr

beschenken.

Valentin. Beschenken? Euer Gnaden werden mich doch jetzt nicht

mehr beschenken wollen. Da müßt ich Euer Gnaden richtig völlige

Grobheiten antun. (Faßt sich.) Bitt um Verzeihung! Ich red

manchmal, als wenn ich Hobelschatten im Kopf hätt. Seit ich

wieder Tischler bin, hab ich mein ganze Politur verloren.

Flottwell (für sich). Soll ich mich ihm entdecken?

Valentin (für sich). Ich trau mir ihn gar nicht zu fragen.

Mir scheint, er ist voll Hunger.

Flottwell. Gehst du nach Hause?

Valentin. Nein! Ich soll im Wirtshaus drüben die Tür zusammnageln,

weil s' gestern einen hinausgeworfen haben, und da ist er ihnen

a bissel angekommen an die Tür, und da hat s' einen Sprung

kriegt. Und dann hab ich der Schulmeisterin eine neue Linier

machen müssen. Sie hat s' an ihren Mann abgeschlagen, weil sie

ihn manchmal liniert.

Flottwell (kämpft mit sich, seufzt, greift sich an die Stirne

und sagt dann). Nun so leb wohl! (Will gehn.)

Valentin (hält ihn auf). Wo wollen denn Euer Gnaden hin? Euer

Gnaden werden mir doch nicht wieder davonlaufen? Jetzt hab ich

ja erst die Ehr gehabt zu sehen. (Beiseite.) Wann ich nur wüßte,

wie ich das Ding anstellen soll?

Flottwell (seufzt). Was willst du denn noch?

Valentin. Euer Gnaden verzeihen--Aber--Sagen mir Euer Gnaden

aufrichtig: Sein Euer Gnaden heut schon eingeladen?

Flottwell (lächelt). Nein, lieber Mann!

Valentin. Dürft ich wohl so frei sein und dürft mir die Ehr

ausbitten, auf eine alte Hausmannskost?

Flottwell (gerührt). Ich danke dir. Rechtschaffener Mensch!

Ich komme.

Valentin. Nichts kommen. Ah beleib. Ich laß Euer Gnaden nimmer

aus. Die sollen sich ihre Tür selbst zusammennageln. Ich muß

mit meinen gnädigen Herrn nach Haus gehn jetzt.

Flottwell. So komm!

Valentin. Aber das sag ich gleich, so gehts bei mir nicht zu,

wies einmal bei uns da (aufs Schloß deutend) zugegangen ist--

Ah--(Schlagt sich aufs Maul.) Schon wieder so ein

Hobelschattendiskurs.

Flottwell. Ich werde mit allem zufrieden sein.

Valentin. Nichts! Nein! Wird nicht so schlecht ausfallen,

ich koch ja selbst. Ah, wir werden uns schon zusammnehmen,

ich und meine Alte. Wird sich schon wo ein übertragens

Geflügelwerg finden. Solang der Valentin was hat, werden

Euer Gnaden nicht zugrund gehen. Jetzt werden wir unsern

Einzug halten. Ah, so kanns nicht ablaufen. Euer Gnaden

müssen eine Auszeichnung haben. Ich geh voraus, und Euer

Gnaden kommen nach; und alle meine Kinder müssen Spalier

machen, und wie Euer Gnaden eintreten, müssen s' schreien,

daß ihnen die Brust zerspringen möchte: Vivat! unsern Vatern

sein gnädiger Herr soll leben!

Flottwell. Guter Valentin.

Valentin. Das ist ein Leben auf der Welt!

(Flottwell geht Arm in Arm mit ihm ab.)

Der Verschwender · 第 84 / 102 题