Flottwell. Der Bettler, welcher immer mit unbedecktem Haupt
erscheint.
Flottwell. Ein altes Möbel aus des Vaters Nachlaß. Der Mann
ist immer unzufrieden mit allem, was ich tue. Die alten Leute
sind doch gar zu wunderlich. Ich bin so schlecht gelaunt. Heut
wird ein heißer Tag auf Flottwells Schloß, ein groß
entscheidender. Ich kann Amalie nicht verlieren, sie nicht in
eines andern Arm erblicken, ich hab es ihr geschworen; und
gelingt es mir nicht, ihren Vater zu gewinnen, läßt er nicht
ab, sein Kind dem Starrsinn aufzuopfern, so müßte ich zu einem
bösen Mittel greifen. Schon gestern hab ich einen Brief
erwartet. Gott! wenn sie wanken könnte. (Erblickt den Bettler,
der nachdenkend mit seinem Stabe in den Sand schreibt.) Was
macht der Bettler dort! Ich hab ihn heut vom Fenster schon
bemerkt, und sein Gesang hat mich ganz sonderbar ergriffen.
Mir wars, als hätt ich ihn schon irgendwo gesehn und als
wollt er meiner Lust ein Grablied singen. Mich wunderts,
daß ihn meine Dienerschaft hier sitzen läßt. Was schreibst
du in den Sand mit deinem Bettelstab?
Bettler. Die Summen Goldes, die ich einst besaß.
Flottwell. So warst du reich?
Bettler (seufzend). Ich wars.
Flottwell. Daß du Verlust betrauerst, zeigt die Trän in
deinem Auge.
Bettler. Was ich betraure, spiegelt sich in meiner Träne!--
Ein Palast.
Flottwell (betroffen). Oho!--Was warst du, und wie heißest du?
Bettler. Es ist die letzte Aufgabe meines Lebens, beides zu
vergessen. Das einzge Mittel, das mich vor Verzweiflung retten
kann.
Flottwell. Sonderbar. (Wirft ihm ein Goldstück in den Hut.)
Hier nimm dies Goldstück! (Will nach dem Garten gehen.)
Bettler (springt auf und stürzt zu seinen Füßen, ohne ihn je
zu berühren). O gnädger Herr, schenken Sie mir mehr, schenken
Sie mir eine Summe, welche Ihrer weltberühmten Großmut
angemessen ist.
Flottwell. Bist du beweibt, hast du so viele Kinder?
Bettler. Ich bin allein, nur Gram begleitet mich.
Flottwell (wirft ihm noch ein Goldstück hin). So sättge dich
und jag ihn fort.
Bettler. Er läßt sich nicht so leicht verjagen als das Glück.
Flottwell. Er ist nur Wirkung, heb die Ursach auf.
Bettler. Vermögen Sie die Ursach Ihrer Lieb zu tilgen?
Flottwell. Wer sagt dir, daß ich liebe?
Bettler. Wer denket groß und liebet nicht?
Flottwell. Willst du mir schmeicheln, Bettler? Schäme dich!
Bettler. Soll Schmeichelei denn nur ein Vorrecht reicher
Menschen sein? Sie stammt von Bettlern ab, weil sie von
Geistesarmut zeigt.
Flottwell. Ich frag dich nicht, um deines Mißmuts Spott zu
hören. (Beiseite.) Mir ist so bang in dieses Mannes Nähe. Du
kannst mit dem Geschenk zufrieden sein. (Will gehn.)
Bettler (flehend). Nein, gnädger Herr! ich bin es nicht, ich
darfs nicht sein. Erbarmen Sie sich meiner Not. Nicht Habgier
ists. Nicht Bettlerlist. Beschenken Sie mich reich, ich werde
dankbar sein!
Flottwell. So nenn mir deinen frühern Stand.
Bettler. Ich nenn ihn nicht. Der Armut Rost hat meinen Schild
zernagt, wer frägt darnach, was ihn einst für ein Sinnbild
zierte. Ich weiß es, ich begehre viel, und meine Forderung
kann mich in Verdacht des Wahnsinns bringen. Doch ist er fern
von meinem Geist, und werd ich noch so reich bedacht, so hab
ich einst viel größere Summen selbst gegeben.
Flottwell. Oh, schäm dich, so um Geld zu jammern, es ist das
Niedrigste, was wir beweinen können. Du hast genug für heut,
ein andermal komm wieder.
Bettler. Ich bin ein Bettler und gehorche. (Verbeugt sich und
geht langsam fort.)
(Ein Diener eilig mit einem Brief.)
Diener. Gnädger Herr! ein Brief. (Übergibt ihn und geht wieder
fort.)
Flottwell (sieht die Aufschrift). Von Amalie, von meiner
himmlischen Amalie. (Liest.) "Mein teurer Julius! Verzeih,
daß ich Dir gestern nicht geschrieben habe, allein der große
Kampf in meinem Herzen mußte erst entschieden sein. Doch nun
gelob ich Dir, Dich niemals zu verlassen. Ich willge nicht in
meines Vaters strenge Forderung, und kann kein Flehen sein sonst
so edles Herz erweichen, so mag geschehen, was wir beschlossen
haben."--Amalie mein! oh, könnt ich doch die Welt umarmen! He
du! (Der Diener kommt.) Ruf mir den Bettler dort zurück, der
eben sich in jene Laube setzt. (Zeigt in die Kulisse.)
Diener. Ich sehe keinen Bettler, gnädger Herr!
Flottwell. Bist du denn blind! Geh fort! (Bedienter ab. Ruft.)
He Alter, komm!
Bettler. Was befehlen Sie, mein gnädiger Herr!
Flottwell. Ich habe eine frohe Botschaft hier erhalten, und
Flottwell kann sich nicht allein erfreun. Verzeih, ich habe
dich zu karg behandelt. Nimm diesen Beutel hier, auch diesen
noch. (Wirft sie ihm in den Hut.) Nimm alles, was ich bei mir
habe. Was ich verschenken kann, hat eines Sandkorns Wert gen
den unendlichen Gewinn, der mir durch diesen Brief geworden
ist. (Nach dem Garten ab.)
Bettler (allein). O Mitleid in des Menschen Brust! Wie bist
du oft so kränkelnder Natur, als hätte dich ein weinend Kind
gezeugt. Begeistrung ists, die alles Edle schnell gebiert, sie
hat mit des Verschwenders Gold des Bettlers Hut gefüllt.
(Geht ab.)