Vorige. Flottwell.
Flottwell (froh). Heitern Tag, mein teures Mädchen, sei nicht
böse, daß ich selbst so spät erscheine, denn meine Sehnsucht
ist schon lang bei dir. Doch--sag! was ist dir? Du bist
traurig! Wer hat dir was zu Leid getan? Quält dich die
Eifersucht? Bist du erkrankt? Betrübt? Sprich! Oder willst
du mich betrüben?
Cheristane (steht bewegt auf). Dich? mein Julius, nein, das
will ich nicht! (Schlingt ihre Arme um seinen Hals und legt
ihr Haupt an seine Brust.)
Flottwell. So bist du halb nur die, die mich sonst ganz
beglückt. Die frohere Hälfte fehlt, und nur die trübe ruht
an meiner Brust. Komm, laß uns Frieden schließen, trautes
Kind. Du ahnest nicht, was mich so freudig stimmt. Du sollst
nicht länger hier in deiner Hütte weilen. Du mußt mir morgen
schon nach meinem Schlosse folgen. Zu lange schmückt der
Brautkranz deine seidnen Locken, er könnte sonst auf deiner
Stirne welken. Die Welt muß als mein treues Weib dich grüßen,
du darfst durchaus nicht länger widerstreben.
Cheristane. Oh, mehr' mein Leid nicht! Zieh mich nicht auf
diese Höhe, sie zeigt ein Paradies mir, das ich nie betreten
darf. Ich habe dich getäuscht! ich bin nicht das Geschöpf,
das du in diesem Augenblick noch in mir suchst.
Flottwell. Sei, was du willst. Hör nur nicht auf, die
Liebenswürdigkeit zu sein. Drei Jahre sind es, als ich auf
der Jagd mich bis hieher verirrt und dich zum erstenmal
erblickte. Befremdend glänzte deine Schönheit in der niedern
Hütte wie ein Edelstein in eines Bettlers Hand. Du weihtest
mir dein Herz. Doch durft ich niemals forschen, woher du kamst
und wer du seist. Und sieh! ich war so folgsam wie ein Kind,
nie hast du eine andre Frag gehört, als ob du mich auch immer
lieben wirst. Du hast die Gegend in ein Eden hier verwandelt
und pflanztest Blumen wie sie nur des Indiers Träume schmücken.
Ich hab dich nie befragt, woher dir solche Macht geworden ist,
mir wars genug, daß dus für mich getan.
Cheristane. Dir waren sie geweiht, doch blühten sie umsonst.
Sie sollten dein Gemüt in ihre duftgen Kreise ziehn und dich
den wahren Wert des Glückes lehren. Ich hab es nicht erreicht.
Zu wild ist deine Phantasie, zu hochbegehrend. Du willst, dein
Leben soll ein schimmernd Gastmahl sein, und ziehst die Welt
an deine goldne Tafel. Ach, möchte sie dirs einst mit Liebe
lohnen!
Flottwell. Sie wird es tun, zeig nicht so düstern Sinn. Komm,
folg mir gleich, du bist durch Einsamkeit erkrankt.
Cheristane. Umsonst. Zu spät! Du kannst mich länger nicht
besitzen, umarmst mich heut zum letztenmal.
Flottwell (wild und heftig). Es darf nicht sein. Wer wagt
den Raub an meinem liebsten Gut?--
Cheristane. Das Schicksal!
Flottwell. Glaub es nicht! Mein Glück hat Mut, so schnell läßt
es sich nicht besiegen. (Umschlingt sie.) Ich laß dich nicht
aus meinem Arm, selbst wenn du treulos bist, ich will dich
lieben, bis du zu mir wiederkehrst.
(Musik.--In diesem Augenblick fliegt ein roter Adler mit
einer goldnen Krone auf dem Haupte über den See.)
Cheristane. Hinweg von mir, (für sich) schon fühl ich meiner
Macht Vergehen. Siehst du den purpurroten Aar, der sein
befiedert Haupt mit einer Kron geschmückt?
Flottwell. Was sprichst du da? Kein Vogel regt sich hier!
(Musik.--Eine Gruppe von Nebelgestalten, deren Auge drohend
auf Cheristane gerichtet ist, fliegt über den See.)
Cheristane. Auch nicht die drohenden Gestalten, die mich an
meine Heimkehr mahnen? Zieht nur voraus, ich folge bald.
(Blickt starr nach.)
Flottwell. Mein teures Kind, wie bist du schwer erkrankt! Sag
an, was sind das für Gestalten? und wer ist der gekrönte Aar?
Cheristane (feierlich). Illmaha, die Feenkönigin. (Sie sinkt
nieder und beugt ihr Haupt. Dann fährt sie fort.) Wisse denn,
kein menschlich Wesen hast du an dein Herz gedrückt. Cheristane
ist mein Name, ich bin aus dem Feiengeschlechte, meine Heimat
sind die fernen Wolken, die in ewgen Zauberkreisen über Persien
und Arabien ziehen.
Flottwell. Ist in den Wolken Lieb Verbrechen, straft sie dort
des Schicksals Fluch? dann wär ja die Erd ein Himmel und die
Ewigkeit Exil?
Cheristane. Oh, höre mich, bevor du lästerst! Schon dreimal
sind es sieben Jahre, daß ich euren Stern betrat. Um Wohltat
auf der Erd zu üben, sandte mich die Königin. Sie drückte
eine Perlenkrone auf mein ewig junges Haupt und sprach: In
jeder dieser Perlen ist ein Zauber eingeschlossen, welchen
du benützen kannst in jeglicher Gestalt. Verwende sie mit
Weisheit zu der Menschen Heil. Wenn du die letzte Perle hast
geopfert, ist auch dein Reich zu Ende, und du kehrst zurück,
um Strafe oder Lohn vor meinem Throne zu empfangen. Weh dir,
wenn du Unwürdige beglückst und so den edlen Schatz dem
Dürftigen entziehst.--(Pause, in der sie Julius wehmütig und
bedeutungsvoll anblickt.) Ob ichs getan, wird mir die Zukunft
zeigen!--Ich hatte viele Perlen noch, als ich vor deines
Vaters Schloß den siebzehnjährgen Julius erblickte. Du warst
so hold wie Frühlingszeit, und ich vermochte nicht, mein
liebgereiztes Aug von dir zu wenden. Von diesem Augenblick
hatt ich dein Glück in mir beschlossen, und viele Perlen
löste ich von meiner Krone ab und streute sie auf dein und
deines Vaters Haupt. Daher der unermeßne Reichtum, den er
sich in kurzer Zeit erwarb. Oh, hätt ichs nie getan! Er starb.
Vom Undank nicht beweint, von dir allein. Du wardst der Güter
Herr, und nun erkannt ich erst, daß alles, was ich für dein Wohl
zu tun gedachte, durch deine Leidenschaft dir einst zum Unglück
werden kann. Ich konnte meinem Herzen länger nicht gebieten,
ich führte dich hieher und hab seit dieser Zeit mein höchstes
Glück in deiner Lieb gefunden. Nun ist der Traum vorüber.
Meine Perlen sind verschwendet, und die letzte mußt ich heut
noch deinem Wohle opfern. Einst hab ich nicht bedacht, daß
sie das Sinnbild bittrer Tränen werden könnte.
Flottwell. O Cheristane! was hast du getan? Ich laß dich nicht
und werfe alles hin, wenn du mir bleibst. Und ziehst du fort,
nimm auch mein Leben mit.
Cheristane. Oh, du bist freigebig gleich einem König, du
könntest eine Welt verschenken, um einer Mücke Dasein zu
erhalten. Doch ich will deine Großmut nicht mißbrauchen.
Schenk mir ein Jahr aus deinem Leben nur. Ein Jahr, das
ich mir wählen darf, auf das du nie mehr Anspruch machst.
Flottwell. Oh, nimm es hin! Nimm alles hin! Nimm dir das
glücklichste, das einzige, das die nichtswürdge Seligkeit
umfängt, die ich noch ohne dich genießen kann.
Cheristane. Ich danke dir, ich werde dich nicht hart berauben.
Und nun bin ich gefaßt, fall ab, du irdscher Tand! Nur dieser
Fels mag ein geheimnisvoller Zeuge sein, daß Cheristane einst
auf Erden hat geliebt. (Wehmütige Musik. Sie verwandelt sich
in die Gestalt einer reizenden Nymphe. Zugleich verwandelt
sich die Hütte in einen Fels, der mit Blumen umwunden ist,
von Palmen gleich Trauerweiden überschattet wird und in
welchem der Name Cheristane eingegraben ist. Die praktikablen
Blumen neigen sich, und aus den Gesträuchen heben sich zarte
Genien und sinken trauernd zu Cheristanens Füßen.) Die Sonne
sinkt, die Blumen neigen ihre Häupter, und meine Genien weinen
still, weil sie mit mir die schöne Erde meiden müssen. Die
Zeit ist da! Verbannung winkt!
(Musik.)
Flottwell (stürzt bewegt zu ihren Füßen). O Cheristane! Töte mich!
Cheristane. Hab Dank für deine süße Treu, mein teurer Erdenfreund!
Was mich betrübt, ich darf es dir nicht sagen, darf dir nicht
unser künftig Los enthüllen, doch könntest du des Donners
Sprache und des Sturms Geheul verstehen, du würdest Cheristane
um dich klagen hören. Oh, könnt ich meine Lieb zu dir in aller
Menschen Herzen gießen, ich würde reich getröstet von dir ziehn!
(Sie geht in die Kulisse. Die Genien folgen ihr. Musik beginnt.
Cheristane fliegt auf Rosenschleiern, die ein geschwelltes
Segel formen, von Genien, welche zart gemalt sind, umgeben,
so daß das Ganze eine schöne Gruppe bietet, langsam aus der
Kulisse über den See, in welchem sich plötzlich die ganze
Gruppe abspiegelt. In diesem Augenblick blickt sie noch
einmal wehmutsvoll auf Flottwell und ruft.) Julius, gedenke
mein! (Dann verhüllt sie sich schnell in den dunklen Schleier
ihres Hauptes, das sie trauernd beugt, und plötzlich verwandeln
sich die rosigen Segelschleier in Trauerflöre, sowie die
Gruppe der Genien nun in abendlicher Beleuchtung gemalt wie
durch einen Zauberschlag erscheint. Der rosige Himmel
umwölkt sich düster, und nur aus einem unbewölkten Feld
schimmern ihr noch bleiche Sterne nach. Indem Cheristane
in die entgegengesetzte Kulisse schwebt und)
Flottwell (auf den Fels sinkt und ausruft) O Gott, laß mich
in meinem Schmerz vergehn! (fällt der Vorhang langsam.)