Dreizehnter Auftritt

Vorige. Flottwell.

Flottwell (froh). Heitern Tag, mein teures Mädchen, sei nicht

böse, daß ich selbst so spät erscheine, denn meine Sehnsucht

ist schon lang bei dir. Doch--sag! was ist dir? Du bist

traurig! Wer hat dir was zu Leid getan? Quält dich die

Eifersucht? Bist du erkrankt? Betrübt? Sprich! Oder willst

du mich betrüben?

Cheristane (steht bewegt auf). Dich? mein Julius, nein, das

will ich nicht! (Schlingt ihre Arme um seinen Hals und legt

ihr Haupt an seine Brust.)

Flottwell. So bist du halb nur die, die mich sonst ganz

beglückt. Die frohere Hälfte fehlt, und nur die trübe ruht

an meiner Brust. Komm, laß uns Frieden schließen, trautes

Kind. Du ahnest nicht, was mich so freudig stimmt. Du sollst

nicht länger hier in deiner Hütte weilen. Du mußt mir morgen

schon nach meinem Schlosse folgen. Zu lange schmückt der

Brautkranz deine seidnen Locken, er könnte sonst auf deiner

Stirne welken. Die Welt muß als mein treues Weib dich grüßen,

du darfst durchaus nicht länger widerstreben.

Cheristane. Oh, mehr' mein Leid nicht! Zieh mich nicht auf

diese Höhe, sie zeigt ein Paradies mir, das ich nie betreten

darf. Ich habe dich getäuscht! ich bin nicht das Geschöpf,

das du in diesem Augenblick noch in mir suchst.

Flottwell. Sei, was du willst. Hör nur nicht auf, die

Liebenswürdigkeit zu sein. Drei Jahre sind es, als ich auf

der Jagd mich bis hieher verirrt und dich zum erstenmal

erblickte. Befremdend glänzte deine Schönheit in der niedern

Hütte wie ein Edelstein in eines Bettlers Hand. Du weihtest

mir dein Herz. Doch durft ich niemals forschen, woher du kamst

und wer du seist. Und sieh! ich war so folgsam wie ein Kind,

nie hast du eine andre Frag gehört, als ob du mich auch immer

lieben wirst. Du hast die Gegend in ein Eden hier verwandelt

und pflanztest Blumen wie sie nur des Indiers Träume schmücken.

Ich hab dich nie befragt, woher dir solche Macht geworden ist,

mir wars genug, daß dus für mich getan.

Cheristane. Dir waren sie geweiht, doch blühten sie umsonst.

Sie sollten dein Gemüt in ihre duftgen Kreise ziehn und dich

den wahren Wert des Glückes lehren. Ich hab es nicht erreicht.

Zu wild ist deine Phantasie, zu hochbegehrend. Du willst, dein

Leben soll ein schimmernd Gastmahl sein, und ziehst die Welt

an deine goldne Tafel. Ach, möchte sie dirs einst mit Liebe

lohnen!

Flottwell. Sie wird es tun, zeig nicht so düstern Sinn. Komm,

folg mir gleich, du bist durch Einsamkeit erkrankt.

Cheristane. Umsonst. Zu spät! Du kannst mich länger nicht

besitzen, umarmst mich heut zum letztenmal.

Flottwell (wild und heftig). Es darf nicht sein. Wer wagt

den Raub an meinem liebsten Gut?--

Cheristane. Das Schicksal!

Flottwell. Glaub es nicht! Mein Glück hat Mut, so schnell läßt

es sich nicht besiegen. (Umschlingt sie.) Ich laß dich nicht

aus meinem Arm, selbst wenn du treulos bist, ich will dich

lieben, bis du zu mir wiederkehrst.

(Musik.--In diesem Augenblick fliegt ein roter Adler mit

einer goldnen Krone auf dem Haupte über den See.)

Cheristane. Hinweg von mir, (für sich) schon fühl ich meiner

Macht Vergehen. Siehst du den purpurroten Aar, der sein

befiedert Haupt mit einer Kron geschmückt?

Flottwell. Was sprichst du da? Kein Vogel regt sich hier!

(Musik.--Eine Gruppe von Nebelgestalten, deren Auge drohend

auf Cheristane gerichtet ist, fliegt über den See.)

Cheristane. Auch nicht die drohenden Gestalten, die mich an

meine Heimkehr mahnen? Zieht nur voraus, ich folge bald.

(Blickt starr nach.)

Flottwell. Mein teures Kind, wie bist du schwer erkrankt! Sag

an, was sind das für Gestalten? und wer ist der gekrönte Aar?

Cheristane (feierlich). Illmaha, die Feenkönigin. (Sie sinkt

nieder und beugt ihr Haupt. Dann fährt sie fort.) Wisse denn,

kein menschlich Wesen hast du an dein Herz gedrückt. Cheristane

ist mein Name, ich bin aus dem Feiengeschlechte, meine Heimat

sind die fernen Wolken, die in ewgen Zauberkreisen über Persien

und Arabien ziehen.

Flottwell. Ist in den Wolken Lieb Verbrechen, straft sie dort

des Schicksals Fluch? dann wär ja die Erd ein Himmel und die

Ewigkeit Exil?

Cheristane. Oh, höre mich, bevor du lästerst! Schon dreimal

sind es sieben Jahre, daß ich euren Stern betrat. Um Wohltat

auf der Erd zu üben, sandte mich die Königin. Sie drückte

eine Perlenkrone auf mein ewig junges Haupt und sprach: In

jeder dieser Perlen ist ein Zauber eingeschlossen, welchen

du benützen kannst in jeglicher Gestalt. Verwende sie mit

Weisheit zu der Menschen Heil. Wenn du die letzte Perle hast

geopfert, ist auch dein Reich zu Ende, und du kehrst zurück,

um Strafe oder Lohn vor meinem Throne zu empfangen. Weh dir,

wenn du Unwürdige beglückst und so den edlen Schatz dem

Dürftigen entziehst.--(Pause, in der sie Julius wehmütig und

bedeutungsvoll anblickt.) Ob ichs getan, wird mir die Zukunft

zeigen!--Ich hatte viele Perlen noch, als ich vor deines

Vaters Schloß den siebzehnjährgen Julius erblickte. Du warst

so hold wie Frühlingszeit, und ich vermochte nicht, mein

liebgereiztes Aug von dir zu wenden. Von diesem Augenblick

hatt ich dein Glück in mir beschlossen, und viele Perlen

löste ich von meiner Krone ab und streute sie auf dein und

deines Vaters Haupt. Daher der unermeßne Reichtum, den er

sich in kurzer Zeit erwarb. Oh, hätt ichs nie getan! Er starb.

Vom Undank nicht beweint, von dir allein. Du wardst der Güter

Herr, und nun erkannt ich erst, daß alles, was ich für dein Wohl

zu tun gedachte, durch deine Leidenschaft dir einst zum Unglück

werden kann. Ich konnte meinem Herzen länger nicht gebieten,

ich führte dich hieher und hab seit dieser Zeit mein höchstes

Glück in deiner Lieb gefunden. Nun ist der Traum vorüber.

Meine Perlen sind verschwendet, und die letzte mußt ich heut

noch deinem Wohle opfern. Einst hab ich nicht bedacht, daß

sie das Sinnbild bittrer Tränen werden könnte.

Flottwell. O Cheristane! was hast du getan? Ich laß dich nicht

und werfe alles hin, wenn du mir bleibst. Und ziehst du fort,

nimm auch mein Leben mit.

Cheristane. Oh, du bist freigebig gleich einem König, du

könntest eine Welt verschenken, um einer Mücke Dasein zu

erhalten. Doch ich will deine Großmut nicht mißbrauchen.

Schenk mir ein Jahr aus deinem Leben nur. Ein Jahr, das

ich mir wählen darf, auf das du nie mehr Anspruch machst.

Flottwell. Oh, nimm es hin! Nimm alles hin! Nimm dir das

glücklichste, das einzige, das die nichtswürdge Seligkeit

umfängt, die ich noch ohne dich genießen kann.

Cheristane. Ich danke dir, ich werde dich nicht hart berauben.

Und nun bin ich gefaßt, fall ab, du irdscher Tand! Nur dieser

Fels mag ein geheimnisvoller Zeuge sein, daß Cheristane einst

auf Erden hat geliebt. (Wehmütige Musik. Sie verwandelt sich

in die Gestalt einer reizenden Nymphe. Zugleich verwandelt

sich die Hütte in einen Fels, der mit Blumen umwunden ist,

von Palmen gleich Trauerweiden überschattet wird und in

welchem der Name Cheristane eingegraben ist. Die praktikablen

Blumen neigen sich, und aus den Gesträuchen heben sich zarte

Genien und sinken trauernd zu Cheristanens Füßen.) Die Sonne

sinkt, die Blumen neigen ihre Häupter, und meine Genien weinen

still, weil sie mit mir die schöne Erde meiden müssen. Die

Zeit ist da! Verbannung winkt!

(Musik.)

Flottwell (stürzt bewegt zu ihren Füßen). O Cheristane! Töte mich!

Cheristane. Hab Dank für deine süße Treu, mein teurer Erdenfreund!

Was mich betrübt, ich darf es dir nicht sagen, darf dir nicht

unser künftig Los enthüllen, doch könntest du des Donners

Sprache und des Sturms Geheul verstehen, du würdest Cheristane

um dich klagen hören. Oh, könnt ich meine Lieb zu dir in aller

Menschen Herzen gießen, ich würde reich getröstet von dir ziehn!

(Sie geht in die Kulisse. Die Genien folgen ihr. Musik beginnt.

Cheristane fliegt auf Rosenschleiern, die ein geschwelltes

Segel formen, von Genien, welche zart gemalt sind, umgeben,

so daß das Ganze eine schöne Gruppe bietet, langsam aus der

Kulisse über den See, in welchem sich plötzlich die ganze

Gruppe abspiegelt. In diesem Augenblick blickt sie noch

einmal wehmutsvoll auf Flottwell und ruft.) Julius, gedenke

mein! (Dann verhüllt sie sich schnell in den dunklen Schleier

ihres Hauptes, das sie trauernd beugt, und plötzlich verwandeln

sich die rosigen Segelschleier in Trauerflöre, sowie die

Gruppe der Genien nun in abendlicher Beleuchtung gemalt wie

durch einen Zauberschlag erscheint. Der rosige Himmel

umwölkt sich düster, und nur aus einem unbewölkten Feld

schimmern ihr noch bleiche Sterne nach. Indem Cheristane

in die entgegengesetzte Kulisse schwebt und)

Flottwell (auf den Fels sinkt und ausruft) O Gott, laß mich

in meinem Schmerz vergehn! (fällt der Vorhang langsam.)

Der Verschwender · 第 26 / 102 题