Voriger. Baumeister Gründling.
Gründling. Guten Morgen, Herr Kammerdiener, kann ich die Ehre
haben, Herrn von Flottwell meine Aufwartung zu machen?
Wolf. Herr Baumeister, ich muß um Verzeihung bitten, aber Seiner
Gnaden haben mir soeben befohlen, Sie bei jedermann zu
entschuldigen, denn Sie machen heute eine Jagdpartie.
Gründling. Wissen Sie nicht, Herr Kammerdiener, ob Herr von
Flottwell meinen Plan zu dem Bau des neuen Schlosses für gut
befunden hat?
Wolf. Er hat ihm sehr gefallen. Nur hat sich der Umstand ereignet,
daß ihm auch ein anderer Baumeister einen ähnlichen Plan vorgelegt
hat und sich erbietet, das Schloß in derselben Größe um zehntausend
Gulden wohlfeiler zu bauen.
Gründling. Das tut mir leid, aber als ehrlicher Mann kann ich
es nach seinen Anforderungen nicht wohlfeiler bauen. Ich
übernehme diesen Bau überhaupt mehr aus Ehrgeiz als aus
Gewinnsucht, hat aber Herr von Flottwell einen Künstler
gefunden, von dem er sich Schöneres oder Besseres verspricht,
so werde ich mich zu bescheiden wissen.
Wolf. Das heißt, es ist Ihnen nichts daran gelegen.
Gründling. Im Gegenteil, es ist meiner Ehre sehr viel daran gelegen.
Wolf. Ja dann müssen Sie Ihrer Ehre auch ein kleines Opfer bringen.
Gründling. Es wäre sehr traurig für die Kunst, wenn es mit ihr
so weit gekommen wäre, daß die Künstler Opfer bringen müßten,
um Gelegenheit zu finden, ein Kunstwerk hervorzubringen. Die
Kunst zu unterstützen, ist ja der Stolz der Großen, und eine
ökonomische Äußerung wäre an dem geldberühmten Herrn von Flottwell
etwas Unerhörtes.
Wolf. Sie verstehen mich nicht, Herr Baumeister.
Gründling. Genug! Morgen will ich mit Herrn von Flottwell
selbst darüber sprechen. Glauben Sie aber nicht, Herr Kammerdiener,
daß ich ein Mann bin, der nicht zu leben versteht. Sollten Sie
sich für die Sache bei dem gnädgen Herrn glücklich verwenden, so
werde ich mich sehr geehrt fühlen, wenn Sie ein Geschenk von
hundert Dukaten nicht verschmähen wollen.
Wolf. Sie verkennen mich. Eigennutz ist nicht meine Sache, ich
spreche nur zum Vorteil meines gnädgen Herrn!
Gründling. Den werden Sie durch mich besser bezwecken, als wenn
das Schloß von einem andern wohlfeiler und schlechter gebaut wird.
Wolf. Nun gut. Ich will versuchen, was mein geringer Einfluß
zugunsten eines so großen Künstlers vermag, und gelingt es mir,
so werde ich Ihr Geschenk nur unter der Bedingung annehmen, daß
Sie mir erlauben, es auf eine wohltätige Weise für andere zu
verwenden.
Gründling. Ganz nach Ihrem Belieben. (Beiseite.) Die Kunst mag
mir diese Herabwürdigung verzeihen. (Laut.) Morgen erwarte ich
einen günstigen Bescheid. (Will ab.)
Wolf (blickt zum Fenster hinaus). Teufel! der andere. (Schnell.)
Wollen Sie nicht so gefällig sein, sich über die Nebentreppe zu
bemühen, weil die Bedienten auf der großen Möbel transportieren.
Ich empfehle mich ergebenste (Läßt ihn durch eine Seitentür
hinausgehen. Wolf allein.) Diese Zitrone gibt wenig Saft, jetzt
wollen wir die andere pressen.