Rjasaner Bauern, Zimmerleute, die nach ihrer Heimat gingen, fanden im
Wald, fern von jeder Wohnstätte, einen toten Menschen.
Die Leiche lag in einer Hütte, die aus dürren Zweigen zurechtgebaut war,
mit angezogenen Beinen und krampfverzerrten Fingern. Der Kopf auf dem
dünnen, langen Hals war halbverrenkt, so daß man das Gesicht nicht sehen
konnte. Der Tote trug eine schwarze Sutane; ein Fuß war aus irgend einem
Grunde entblößt. Von der Leiche ging ein schwerer, toter Geruch aus und
verband sich eigentümlich schrecklich mit dem feinen, süßlichen Geruch
welken Farnkrauts, das an dieser Stelle stand.
Einer der Zimmerleute, ein rotbärtiger, hochgewachsener Bauer, berührte
den Fuß der Leiche mit der Stiefelspitze. Der tote Fuß bewegte sich kaum
und wurde gleich wieder unbeweglich.
»Gestorben ...« meinte tiefsinnig der Bauer, kratzte sich im Nacken,
blieb eine Weile stehen und riß dann plötzlich, mit einem Gesicht, das
von Angst und ihm selbst unbegreiflicher Wut verzerrt war, an der Leiche
und schleppte sie am Fuß aus der Hütte heraus. Der Kopf schwankte und
sprang über den Boden, die Hände schlugen auf die Erde, klatschten
schwer nieder, und ließen sich, vom Staub bedeckt, nachschleifen. Doch
mit einem Mal schlug ein so entsetzlicher, penetranter Geruch hoch, daß
die Bauern zurücktaumelten.
»Oh, Teufel!« sagte verwundert der Rotbärtige, als hätte man das auf
keinen Fall erwarten dürfen.
Die Bauern standen und blickten auf die Leiche.
Bitter und einsam lag sie auf der Erde, schaute mit toten, wie von
schweren Tränen getrübten Augen geradeaus über sich in den fernen
Himmel. Kalt und stumm, mit für ewig zusammengepreßten Lippen, die ohne
Worte von einem schrecklichen Geheimnis berichteten, verbreitete sie
zusammen mit dem schweren Geruch ein gramvolles Schweigen um sich. Auf
der Brust war der schwarze Stoff zerrissen, die ausgetrocknete Haut
schimmerte lehmgelb hervor, welke Blätter und trockener Schmutz klebten
daran, als hielte die Erde schon den Toten mit ihren grauen Fangarmen
umschlungen und zöge ihn langsam aber unwiderstehlich zu sich hinab.
Lange standen die Bauern und sahen die Leiche an, als ob sie nicht
darauf kommen könnten, was zu tun sei. Endlich seufzte ein alter,
gravitätischer Bauer auf, nahm die Mütze ab und bekreuzigte sich. Er
bekreuzigte sich einmal, dachte eine Weile nach, sagte: »Sei dir das
Himmelreich beschieden!« und bekreuzigte sich dann noch zweimal. Und
alle Bauern rissen, eilig, als wälzten sie dadurch eine drückende Last
von sich ab, ihre Mützen herunter und fuhren mit Fingern durch die Luft.
Dann gingen sie davon, einer hinter dem andern, ohne sich umzuwenden.
Lange noch schien ihnen der goldene Wald und das Sonnenlicht, das Gras
und der hohe Himmel wie von einem unsichtbaren Schleier verhüllt, von
schwerem Schweigen gefesselt. Aber in Wirklichkeit quoll alles in Freude
über, strahlte und flimmerte im Sonnenglanz und leuchtete durch
ewig-lebendiges, selbst im Absterben noch fröhliches Grün.
Der Bauer, der zuletzt ging, blickte sich verstohlen um; nur ganz von
ferne sah er hinter einem goldbraunen, lichten Busch den blassen Umriß
eines ausgedörrten, unbeweglichen Fußes.
Es war an einer Stelle, wo jahraus, jahrein das Farnkraut besonders
üppig wächst.
Druck von Mänicke u. Jahn, Rudolstadt.