dringend geraten, in ein Bad zu fahren oder doch wenigstens aus dem
luft- und lichtlosen Hinterstübchen auszuziehen. Aber in dem Kämmerchen
hatten schon die Urgroßeltern des Bauern geschlafen und waren als alte
Leute gestorben, warum sollte er so „nimodische Nücke“ mitmachen und
gar die Wohnstube mit dem Glasschrank voll alter Tassen und Kannen
und mit dem „Schäppeli“, dem Brautkranz aller Frauen des Hofes seit
Urgroßmutters Zeiten, zur Schlafstube herabsetzen. Und jetzt, mit den
ersten Herbstnebeln, lag er da und konnt es „schier nimme verschnufe“.
Wie er am Morgen gar so schwer atmete, war die Bäuerin zur Nachbarin,
zur Lickertsbrigitt, gesprungen, die hatte den Blick für Kranke,
die sah jedem gleich an, ob „Zit isch zum Versehe“ oder ob es mit
den Sterbesakramenten noch keine Eile hat. Auf deren Ausspruch hin
wurde sofort zum Pfarrer geschickt, und als der bald darauf, mit dem
klingelnden Küster vorneweg, das Allerheiligste zum Sterbenden trug,
folgte fast aus jedem Häuschen des kleinen Schwarzwalddörfchens der
eine oder der andere Bewohner zum „schterbe helfe“. Auf der Treppe
und im dunkeln Hausflur knieten die Leute nieder, während der Pfarrer
allein zum Sterbenden hineinging, seine letzte Beichte zu hören. Mit
lauter Stimme beten die draußen die Litanei zu allen Heiligen um
einen guten Tod, drin hört das leise Flüstern bald auf, der Pfarrer
spricht mit lauter Stimme die Absolutionsworte, und die ganze Schar
drängt nun in die Kammer. Wachsbleich und verfallen liegt der Kranke
in den buntgewürfelten Kissen. Die Bäuerin stellt sich ans Kopfende
des breiten Ehebettes und schluchzt nur leise in sich hinein, um
die heilige Handlung nicht zu stören. Ehrfürchtig richtet sie den
Sterbenden auf, als der Priester die Hostie ihm reicht. Mühselig
schluckt der Kranke, er wird blau im Gesicht vor Anstrengung; ängstlich
schaut die Bäuerin eine Weile zu, dann fragt sie leise: „Häsch
unseren Heiland scho g’schluckt oder wotsch no a weng Wasser?“ Die
Lickertsbrigitt hat ihr schon ein Glas gereicht, und mit einem Schluck
Wasser gelingt es dem Blasibauer, die Hostie hinunterzuschlucken. Ganz
erschöpft liegt er da, während der Pfarrer geschäftig Öl und Watte
richtet zur heiligen Ölung. „~Per istam sanctam unctionem~“, murmelt
er und betupft mit einem im heiligen Öl getränkten Wattebäuschchen
die Augen des Kranken, „~indulgeat tibi dominus, quidquid per visum
deliquisti~“, und er wechselt das Bäuschchen und betupft die Ohren
„~per auditum~“, die Nase „~per odoratum~“, die Zunge „~per loquelam~“,
die Hände „~per tactum~“, die Füße „~per gressum~“. Andächtig hören
die Nachbarn dem Murmeln zu und verfolgen die eiligen Bewegungen
des Priesters mit aufmerksamen Augen. Der Priester ist fertig, die
getränkten Wattebäuschchen werden an der geweihten Kerze verbrannt.
Noch einmal macht der Priester das Zeichen des Kreuzes über den
mühsam Atmenden, dann verabschiedet er sich mit dem Versprechen, am
Abend wiederzukommen. Mit ihm schlupfen zwei Bauern zur Tür hinaus,
und während die drei die Treppe hinuntergehen, hören sie schon das
Gebetmurmeln der Zurückbleibenden. „Der macht’s nimme lang, was
meinet Se, Herr Pfarrer?“ frägt der Burgerbeck. Der zuckt die Achseln,
ohne zu antworten; aber der Burgerbeck erwartet auch keine Antwort,
er fährt fort: „Ja, wisset, ’s isch wege der Lich; er isch doch üse
Füerwehrhauptmann gsi, da mün mer nen do mit der Musi bigrobe, und ’s
isch scho grusig lang, daß mer kai Lichemarsch meh gschpielt hän. I mei
alls, i go gli zum Lehrer un mer probe hit no.“ -- „Scho, scho,“ fiel
der andere Bauer ein, „aber der Blasibuer hät jo alliwil de Trompet
blose, die Signal un alls, un wenn mer nem Kamerode ’s letzschtmal
übers Grab blose hän, hät’s als kainer könnt als der Blasi. Wer soll
denn etzt blose? Un ohni Trompet isch’s do kai rechti Füerwehrmusi!“
-- „Do mün Er halt der Lehrer froge,“ meinte der Pfarrer und
verabschiedete sich von seinen Pfarrkindern. Die beiden Bauern gingen
vom Pfarrhof quer hinüber zum Schulhaus.
Auf dem Blasihof schleicht der Tag langsam hin, die Nachbarn wechseln
ab im Beten, das Rosenkranzmurmeln dringt den ganzen Tag über vom
Hinterstübchen in die kleine Dorfgasse hinaus. In der Kammer ist
eine dicke, heiße Luft, und dem sterbenden Bauern stehen die dicken
Schweißperlen auf der Stirn. Von Zeit zu Zeit wischt die Bäuerin ihm
das Gesicht ab oder gibt ihm einen Schluck Wasser oder Kirschwasser,
dann versinkt sie wieder in dumpfes Brüten oder betet ein paar Gesetzel
Rosenkranz mit. Der Bauer hat nicht mehr genug Atem zum Sprechen,
vielleicht hat er auch nichts mehr zu sagen, nur seine Augen streifen
unruhig von einem Winkel der Kammer in den anderen oder suchen die
Gebetsworte auf den Lippen der Betenden. Da klingen plötzlich falsch
und schrill die ersten Takte des Chopinschen Trauermarsches in die
kleine Kammer. Drüben im Wirtshaus, nur durch den Garten vom Blasihof
getrennt, üben die Kameraden die Musik ein fürs Begräbnis. Die Betenden
verstummen und lauschen andächtig. Der Sterbende winkt und bewegt
die Lippen, endlich versteht die Bäuerin: „Machet au ’s Fenschter
uf.“ Es geschieht, und in vollem Strom klingen jetzt die grellen Töne
ins Zimmer. Es ging mühsam vorwärts drüben im Wirtshaus, immer mußte
wieder abgebrochen und die einzelnen Takte von neuem probiert werden,
aber geduldig hörten hier in der Sterbekammer die Leute zu. Nur die
Bäuerin schluchzte laut auf, als die Musik anfing, und nun weint sie
ohne Unterlaß fast schreiend. Die Lickertsbrigitt möchte sie trösten,
aber ungeduldig wehrt die Bäuerin ab: „Nei, sag was de witt, des isch
emol it rächt, mi Ma hätt’s am End scho no emol überschtande, mit
Gottes Hilfe, aber des isch a bösi Vorbedütung, mer bigrobt doch d’Lüt
nit, wenn si no läbig sin ... Jessesmaria,“ schreit sie auf, als jetzt
polternde Schritte auf der Treppe laut wurden, „sie wänn en scho hole,
un er isch jo no läbig.“ Der eintretende Burgerkarl steht erst eine
Weile fast verlegen an der Tür, ehe er mit seinem Anliegen herausrückt:
„I soll a schöne Grus sage vo der Füerwehr, un wenn’s im Blasibur rächt
wär, so möcht er us doch si Trompet gä, mer bruchet se für d’Lich, he
jo -- un i tät mer scho traue z’blose druf.“ -- Der Blasibauer macht
eine Anstrengung, zu sprechen, aber ein verständliches Wort kommt nicht
mehr heraus, er winkt die Bäuerin, die den Burgerkarl gern barsch
abgefertigt hätte, heftig zu sich heran, und in altgewohntem Gehorsam
sucht sie nach dem Schlüssel zur Lade, wo die Trompete liegt, schließt
auf und zeigt dem Bauern die blanke, leuchtende Trompete; der nickt
und nickt noch einmal, als der Burgerkarl fast gierig danach greift und
mit einem „Grüß Gott mitenander!“ zur Tür hinauseilt.
Drüben im Wirtshaus haben sie endlich den Trauermarsch ohne
Unterbrechung in einem Stück heruntergespielt und stärken sich jetzt
nach der schweren Arbeit mit einem tüchtigen Trunk. Man hört laute
Rufe und Gläserklingen in der plötzlichen Stille. Der Bauer röchelt
schwer, und den Nachbarn fällt ihre Pflicht ein, ihm mit ihrem Beten
zu einem guten Tod zu verhelfen. „Wenn do der Pfarrer no emol komme
wollt, er hätt am End no ebbes uf em G’wisse, daß er au gar so schwer
schterbe will,“ meint die Lickertbrigitt. Ihre Nachbarin, die alte
Theres, stupft sie in die Seite und zwinkert nach der Bäuerin hin: „He
jo, weisch denn it -- d’Großmutter, die hätt sich doch verhängt, weil
er ihr’s so wüscht g’macht hätt, die laßt ihn etzt it in Ruah schterbe“
-- die Lickertbrigitt nickt nur, und eifrig und laut beten sie jetzt um
einen guten Tod.
Da klangen hell und laut die Feuerwehrsignale über die Straße.
Der Blasibauer griff hastig um sich: „Mi Trompet, gän mer mi
Trompet,“ stöhnte er. „O lasset etzt die Narresposse si,“ meinte die
Lickertbrigitt und machte das Fenster zu, „denket etzt an Euere Sünd
un ans ewig Himmelreich.“ Der Sterbende hörte sie wohl nicht mehr,
er griff mit den Händen noch ein paarmal in die Luft; die Brigitt
leuchtete ihm mit der rasch angezündeten Sterbekerze ins Gesicht,
drückte sie dem Bauer in die rechte Hand und murmelte, halb zur
Bäuerin: „I mein alls, etzt isch’s us.“ Drüben im Wirtshaus spielten
sie: „Jetzt woll’n wir lustig sein, lustig sein, tanzen und trinken.“
Denn das mußten sie auch noch einüben, für die Rückkehr vom Friedhof.
Wortverzeichnis
Die mundartlichen Formen sind nach dem Gehör niedergeschrieben, nicht
nach einem wissenschaftlichen System. Die Aussprache ist übrigens
nicht die gleiche bei allen Personen und wechselt auch im Munde der
einzelnen, weil die Nähe einer größeren Stadt die Individualsprachen
beeinflußt hat, je nach Beruf und Bildungsgrad, und weil die einzelnen
Menschen ihre Mundart mehr oder weniger unverfälscht sprechen, je
nachdem sie es mit Bauern oder mit Städtern zu tun haben. Folgende
Worte bedurften wohl einer besonderen Erklärung:
Anke = Butter
bigelt, bigöscht = beigott
Blust = Baumblüte
b’schraun = beschrien
bündeln = seine Sachen packen
buschber = munter
Chriesewasser = Kirschwasser
gaschplig = zornig, lebhaft
gell = gelt (wird so behandelt, als ob es ein Zeitwort „gellen“ gäbe,
z. B. „gellen Sie“)
Götte = Patin
Gschmak = Geruch
Hämpfle = Handvoll
hänn = habt, haben
Häs = Gewand
it, ite = nicht
kampeln = raufen
Kirwikram = Geschenk (Kram), das man von der Kirchweih mitbringt
letz = verkehrt
los = hör’
nint = nichts
Nüniesse = Neunuhrbrod, zweites Frühstück
pfetzen = kneifen, rupfen
Pfübel = Kopfkissen
rauen = bereuen
Sichelhenke = Erntefest
Strüweli, Sträuble = eine Art Spritzkrapfen
Tafel = Bild, Heiligenbild
Trippel = Holzveranda am schwarzwälder Bauernhaus
Tschole (armer) = armer Narr
unb’schraue = unbeschrien
verdlehnen = sich ausleihen
verzeigen, sich = als Gespenst erscheinen
Völker = Dienstboten
weggerle = wahrlich
wönn (wenn) = wollt, wollen