1868. Nº. 6. Juni.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Der ursprüngliche Entwurf zum St. Sebaldusgrabmal in Nürnberg.
Der von Heideloff in seiner Ornamentik (VI, 3; IX, 5. 6; X, 2-4)
theilweise abgebildete erste Entwurf zu dem später von Peter Vischer
ausgeführten Grabdenkmale des St. Sebaldus in der diesem Heiligen
gewidmeten Kirche zu Nürnberg, der zur Zeit seiner Veröffentlichung
Anlaß zu lang fortgesetzter Polemik gab, dann verschwand, ohne daß
er von einem kritischen Auge wäre in nähere Untersuchung gezogen
worden, und bereits als verloren oder niemals vorhanden angenommen
wurde, ist plötzlich wieder aufgetaucht und in den Besitz der Tochter
des verstorbenen Professors zurückgelangt. -- Als Thatsache ist
dadurch festgestellt, daß eine alte Zeichnung von 1488 und ein erster
Entwurf des Sebaldusgrabes vorliegt, als dessen Verfertiger durch das
beigefügte Monogramm ein Anderer als Peter Vischer angegeben wird.
Im Allgemeinen ist der Plan aus der Mittheilung im genannten Werke
bekannt, doch nur im Allgemeinen. Der Kupferstecher, welcher
ersichtlich mit der Absicht umgegangen ist, sein Original zu
verbessern, hat dasselbe doch in keiner Weise erreicht. Die Zeichnung
ist in der Wiedergabe durchaus abgeschwächt und flau behandelt. Dabei
hat man sich die größten Willkürlichkeiten erlaubt, weggelassen und
zugefügt, detailiert und verallgemeinert, wo es keineswegs erlaubt war.
-- Das Original ist aus mehreren Pergamentblättern zusammengesetzt,
die nach oben hin sich verjüngen, 5′ 3″ hoch und unten 1′ 5″ breit.
Der Aufriß ist für den architektonischen Theil nur in Umrissen, mit
feinen, außerordentlich präcis gezogenen Linien gegeben; die Figuren,
mit weit weniger sicherer Hand umzogen, sind ohne Rücksicht auf die
plastische Gestaltung, an einer Seite mit einer schwachen Strichlage
bedeckt. In den oberen Stockwerken ist ihr Vorhandensein nur durch
Anbringung von Tragsteinen angedeutet. Was die „Ornamentik“ davon an
diesen Stellen gibt, ist rein erfunden, wie man überhaupt aus ihr sich
von dem figürlichen Theile dieser merkwürdigen Zeichnung keinen Begriff
machen kann. Im Allgemeinen ist zu sagen, daß die Figuren, sämmtlich
von markiger, gedrungener Gestalt, in Haltung und Geberde wie in ihrer
Gruppierung unter den beschränkten Horizont fallen, der die fränkische
Kunst gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts überhaupt charakterisiert.
Ihre getreue Wiedergabe war übrigens schwierig, da die Zeichnung im
Orginal, wie gesagt, sehr unsicher und vielfach verwischt ist. Bemerkt
sei hier noch, daß das von Heideloff nicht abgebildete linke Feld am
Unterbau des Sarkophages die Begegnung des heil. Sebald auf seiner
Pilgerschaft mit den h. Willibald und Wunibald darstellt.
Daß man bereits im Jahre 1488 in Nürnberg daran dachte, dem Patron
der einen Stadtseite ein hervorragendes Denkmal zu setzen, ist durch
die vorliegende Zeichnung außer Zweifel gestellt. Es fragt sich, wem
man anfänglich die Arbeit übertrug und wer der Verfertiger des ersten
Entwurfes ist. Er hat sich durch sein Zeichen angegeben. Doch ist
dieses in der Ornamentik ebenfalls nicht richtig nachgebildet und hat
folgende Gestalt: 14 [Kreuzsymbol] 88. Mit dem bekannten Monogramme
des Veit Stoß, welchem Heideloff die Arbeit zuschreibt, hat dasselbe
keine Aehnlichkeit und kann deshalb von diesem weiter keine Rede
sein. Für die Erklärung des wirklich in Frage stehenden Zeichens
sind sehr geringe Anhaltspunkte gegeben. Auf dem Johanniskirchhofe
bei Nürnberg kommt unter Nr. 991 dasselbe als Hausmarke, von einer
Sichel gekreuzt, vor (s. Anz. f. K. d. d. V., 1863, Sp. 249). Der
Grabstein gehörte einem +Kunrat Schnel+, der 1538 dort bestattet
wurde. Einen +Hanns Schnell+ von 1499 führt +J. Baader+ in seinen
+Beiträgen zur Kunstgeschichte Nürnbergs+ auf, doch unter den Malern.
Aber unser Plan rührt wahrscheinlich von einem Baumeister her, und
das darauf befindliche Monogramm ist als Steinmetzzeichen anzusehen.
Der große Unterschied, der im Entwurfe zwischen der Zeichnung des
architektonischen und des figürlichen Theiles zu Gunsten des ersteren
stattfindet, rechtfertigt diese Annahme. Ohne Zweifel hegte man
anfänglich die Absicht, das Werk in Stein herstellen zu lassen, wie
später das berühmte Sakramenthaus in der Lorenzkirche von A. Kraft, mit
dessen Ausführung der vorliegende Plan auch einige Aehnlichkeit hat.
Ein Wort erübrigt noch über den Antheil und das Verdienst, welche
Peter Vischer an der späteren Gestaltung des Denkmals hatte, die man
bekanntlich viel zu tief herunterzusetzen bemüht gewesen ist. Daß
derselbe den ersten Entwurf gekannt und benutzt habe, kann nicht
bestritten werden. Die ganze Anordnung, den mit Reliefs verzierten
Unterbau des Sarkophags, den Baldachin mit Anordnung der Apostelfiguren
u. s. w. hat er -- wahrscheinlich als Bedingung des Auftrags --
beibehalten. Sogar für Anbringung der abenteuerlichen Thier- und
komischen Kinderfiguren war in jenem Aufriß die erste Anregung gegeben.
Aber alle Durchführung des Einzelnen und die überaus reiche Erweiterung
des Planes in seinen ornamentalen Teilen gehören ohne Zweifel ihm
und begründen seinen wohlverdienten Ruhm. -- Es wird sich schwerlich
mehr feststellen lassen, ob Vischer in den vorgenommenen Aenderungen,
namentlich in der Abstumpfung des Ueberbaues und der Vertauschung des
gothischen gegen den italienischen Stil, ganz eigenmächtig verfuhr,
oder ob dieselben nicht auch schon von seinen Auftraggebern beliebt
worden. Vielleicht kamen auch diese auf den Gedanken, daß ein großer
steinerner Bau fast im Mittelpunkte der Kirche, so nahe vor dem Chor
störend wirken müsse. War die Nothwendigkeit aber einmal gegeben, das
Monument einzuschränken, so entledigte sich Vischer seiner Aufgabe
sehr sinnreich und gewiß in besserer Weise, als Veit Stoß in dem ganz
ähnlichen Vorwurf beim Grabmale des Königs Casimir zu Krakau. -- Die
Apostelfiguren, die Scenen aus dem Leben des Heiligen hat Vischer
ebenfalls von dem ersten Entwurf entlehnt; aber in welch ganz anderem
Geiste sind sie behandelt! Der spießbürgerliche Sinn, der dort in
allen Stücken der Zeit und dem Orte Rechnung trägt, geht hier als
echte, durchgebildete Künstlerschaft hervor, die in Schöpfung der
bedeutendsten plastischen Arbeit ihrer Epoche gradezu ein Jahrhundert
überspringt und die deutsche Kunst fast ohne Vermittlung auf den
Höhepunkt stellt, den sie im Allgemeinen erreicht haben würde, wenn es
ihr vergönnt gewesen wäre, sich unverkümmert aus dem 14. Jahrhundert
weiterzuentwickeln. Der Vorwurf, den man den Figuren Vischers wegen
ihres italienischen Charakters gemacht hat, fällt durchaus auf das
mangelnde tiefere Verständniß der Urtheilgeber zurück, die in der
Verzerrung den Charakter, im Mangel die Eigenthümlichkeit erblicken,
vom Wesen aber keine Einsicht haben. Daß Italien, namentlich Venedig --
um diesen Punkt mit einem Satze weiter zu führen -- von Vischer gekannt
war, daß er Eindrücke von daher empfieng, kann wol kaum bezweifelt
werden. Aber dieser Einfluß gieng nicht weiter als bei Dürer: er
öffnete dem Künstler die Augen, erweiterte seinen Horizont. Doch
dieser hatte aus seinen eigenen geistigen Mitteln jenem ein viel zu
bedeutendes Gewicht entgegenzusetzen, als daß er sich hätte zur Manier
fortziehen lassen. Die Figuren Vischers sind so frei von italienischer,
wie von damaliger deutscher Manier, in ihrem Wesen aber so echt
germanisch, daß wir bei vollständiger Würdigung nicht umhin können, sie
zur Charakterisierung unserer Nationalität als Beleg mit heranzuziehen.
Dr. A. +von Eye+.
Schleifung des Schlosses Neuhaus an der Eger.
Kämpfe gegen übermüthige Raubnester bilden die gewöhnlichen Episoden
der Städtegeschichten im Mittelalter, und man ist daran so sehr
gewöhnt, daß man dergleichen gern zu überschlagen pflegt. Gleichwohl
scheint mir die nachstehende Fehde, welche die Stadt +Eger+ mit den
Forstern auf Neuhaus zu bestehen hatte, einiger Beachtung werth, weil
da Umstände hinzutreten, die einen interessanten Ausblick auf die
verworrenen Verhältnisse des ausgehenden Mittelalters gewähren und
zugleich die letzten Regierungsjahre König +Wenzels+, sowie auch die
Politik des Burggrafen +Johann+ von Nürnberg in ganz eigenthümlicher
Weise kennzeichnen.