Mit dem Eselstestament ist Anton Husemann’s Schatzkästlein noch lange
nicht erschöpft. Er war ein Freund jener lateinischen Reimverse,
welchen in neuerer Zeit so lebhafte Aufmerksamkeit zugewandt ist,
und die sich in klösterlichen Kreisen sehr lange erhielten, wie das
namentlich aus den Mittheilungen von H. Palm hervorgeht. Schriftlich
und mündlich pflanzten sich die Schwänke und auch, wenn gleich
seltener, Dichtungen ernsteren Inhalts fort, in vielfach wechselnder,
oft veränderter Gestalt. Schon unter den Sprüchen, die den ersten Theil
unserer Handschrift füllen, findet sich f. 5 der Vers:
Quid facis ô Primas? Ligo stramen et obstruo rimas.
Derselbe steht auch von einer Hand des 15. Jhdt. auf der letzten Seite
des Heidelberger Cod. Salem. 7, CIV (früher 500), gleich nach der
Sequentia vini, welche Mone 1833 hieraus bekannt machte (Anz. 2, 190)
mit der Variante: Quid facis hic primas lego stramina obstruo rimas.
Der an sich unverständliche Vers muß zu einer Geschichte gehört haben;
vermuthlich entdeckt Jemand den fahrenden Sänger auf dem Dach seiner
Scheuer, und dieser entschuldigt sich damit, daß er das Strohdach
auszubessern vorgibt. Bei Husemann folgt, doch mit der Bezeichnung
eines neuen Spruches: Haec domus est alta, si non vis credere salta.
Ein Zusammenhang beider ist wol nicht anzunehmen. Weiterhin finden wir
f. 61 die Verse:
Fertur in conviviis Vinus Vina Vinum.
Masculinum displicet atque femininum,
Sed in neutro genere vinum, bonum vinum,
Loqui facit clericum optime latinum.
Dieselbe Strophe hat Wright, The Latin Poems commonly attributed to
Walter Mapes, p. XLV, als Schluß eines Trinkliedes. Auf der folgenden
Seite steht die Strophe:
In cratere meo Thetis est coniuncta Lyaeo.
Est dea iuncta deo, sed dea maior eo.
Nil valet hic vel ea, nisi sint ambo pharizea,
Amodo praeterea (l. propterea) sit deus absque dea.
Dieselbe geben E. du Méril (1847), p. 203, Carmina Burana p. 233, und
die drei ersten Zeilen Zeibig im Notizenblatt der Wiener Akademie 1852,
S. 26, aus einer Klosterneuburger Handschrift.
Neu waren mir f. 41 folgende Verse:
Fuge coetus feminarum,
Namque omnis status harum
Prava dat stipendia.
Si sit virgo quam tu gliscis,
Damna rerum concupiscis,
Cordis et incendia.
Maritatam si tu amas,
Mox per eam te diffamas,
Incidis periculum.
Vidua: haec est elata,
Fraude plena, dilatata,
Eris ei ridiculum.
Monialis: haec si placet,
Semper petit, nunquam tacet,
Radit ut novacula.
Si beguinae sociaris,
Mox per eam diffamaris,
Linguam fert ut facula.
Doch will ich deshalb nicht behaupten, daß sie ungedruckt wären.
Weiterhin kommen f. 46 die Verse auf verschiedene Länder und Völker,
welche Mone, doch mit Weglassung der beiden ersten, im Anz. 7, 507
abgedruckt hat, und die sich mit vielen Varianten in meinen Monum. Lub.
p. 33 und jetzt in Zingerle’s Bericht von der Sterzinger Handschrift,
S. 317, wiederfinden.
Von Versen dieser Art führe ich endlich noch f. 238 an:
Filium offendere Talus facit patrem
Et rigare lacrimis genas facit matrem.
Talus consanguineos facit discordare,
Caros reddit fratres mutuo pugnare.
Raro prius visum quod Talus quem ditavit,
Sed saepe hoc vidimus quod plures pauperavit.
Ergo nisi fugero ludos taxillorum,
Scio (quod) efficiar consors riballorum.
Doch ich gehe zu den größeren Gedichten ernsten Inhalts über, welche
zu den so häufigen rhythmischen Bußpredigten gehören. Wright a. a. O.,
p. XXVII, beklagt, daß durch den Brand der Cotton’schen Bibliothek die
Handschrift Vitellius D VIII zu Grunde gieng und in ihr verschiedene
Gedichte, darunter eines Ad utrumque statum, dessen Anfangsworte
bekannt sind. Aus diesen erhellt, daß es dasselbe ist, welches der
vortreffliche Husemann uns f. 145 erhalten hat. Des Reimes wegen habe
ich überall das einfache e hergestellt, wie es ursprünglich gewesen
sein muß. Es lautet:
Suscitavit dominus simplicem et br}
Ut peccatum arguat subiugale m } utum
Jam se mundus erigit contra dei n }
Jam Johannem video mollibus ind }
Jam pusille fidei Petrus naufrag }
Inter fluctus ambulaus fluctibus grav} atur
A legis doctoribus lex evacu }
Nec in cruce domini quisquam glori }
Vitam claudit hominum paucitas di }
Nec est inter homines qui discernat v } erum
Jam plebs juste murmurat contra dei cl }
Facta est confusio, perit ordo r }
Jam in mundi vespere mala conval }
In senili corpore sordes iuven } escunt
Suis in stercoribus pecora putr }
Et languenti capiti membra conlangu}
Ve pastores Israel gregem non pasc }
Et a grege domini lupos non arc } entes
Erratis pro precio Christum non sequ }
Qui se dedit precium ad salvandas g }
Ve qui in sudariis ponitis tal }
Qui nec unum spargitis ut metatis c} entum
Male concupiscitis aurum et arg }
Hoc in cardinalibus vetus est ferm }
Ve vobis hypocrite filii mer }
Qualis quisque lateat iam apparet f } oris
Qui lux esse debuit vite meli }
Per exemplum factus est laqueus err }
Ve qui super cathedram Moisi sed }
Lex a vobis legitur quam vos non impl } etis
Eius in ecclesia speciem ten }
Cuius sine dubio vitam non hab }
Ve qui mundum iudicas sub humano d }
Sub te pugna geritur David et Gol } ie
Post vite periculum, post laborem v }
Nosti dare miseris litteras Ur }
Ve qui donis hominum faves et pers}
Et ad voces pauperum aures non app} onis
Hic eclipsim patitur lumen rati }
Ubi causa geritur precibus et do }
Ve qui per sententiam impium non f }
Et cum pereuntibus per consensum p } eris
Cum offendas precium tangere ver }
Turpis lucri gratiam pro labore qu }
Ve qui male spolias Grecum et Lat }
Ut in auro studeas coronare v } inum
Christus non sic habuit pondus metall }
Manum cum discipulis mittens in cat }
Veniamus igitur ad agonem Chr }
Qui pro nobis voluit ad tribunal s } isti
Qui si bene novimus corpus Antichr }
Ad Christum non pertinent seductores}
Christus semet obtulit hostiam pro m }
Et qui cedrus fuerat factus est ar } undo
Sub Herode passus est mundus ab imm }
Ut suos reduceret lacu de prof }
Christus morti datus est patris ex decr }
Cuius Jonas meminit positus in c } eto
Christus fellis poculum bibens cum ac }
Dixit Consummatum est, ordine compl }
Christus mori voluit nova rati }
Preda factus eripit predam a pred } one
Sub Pilato mutus est potens in serm}
Et qui Salomonior erat Salom }
Christus pro Bersabee celos inclin }
Quam de patris solio solus adam } avit
Liber inter mortuos mortem non exp }
Propter quod et dominus ilium exalt }
Christus inter scandala melius prof }
Peccatori similis peccatum non f } ecit
Cum humani corporis speciem obi }
Non in fortitudine fortem interf }
Christus patientie tribuit doctr }
Nostre carnis induit vestem cilic} inam
Illis hoc in tempore factus in ru}
Qui tenere nesciunt eius discipl }
Christus dedit animam mundi pro sal }
Et pro mundo moritur mundus absol } ute
Sed iam pro vocalibus successerunt m}
Rosa cessit lilio, lilium cic }
Ecce dicat aliquis: Factus es ut D }
Qui relictis propriis tractas peregr } ina
Jam cortinas arguunt saga cilic }
Locis dignioribus detrahit sent }
Super greges igitur vigilent past }
Et paulatim transeant ad honestos m} ores
Ut honestis moribus congruant hon }
Nec maiorum meritis pereant min }
Aber ist denn diese lange Klage und Predigt wirklich ungedruckt?
In demselben Buche von Wright steht p. 43, aus der Sammlung des
Flacius Illyricus entnommen, ein Sermo Goliae ad Praelatos, der
sieben derselben Strophen wörtlich enthält nebst drei neuen. In so
wechselnder Gestaltung finden wir überall diese Art der Dichtung, und
die unsprüngliche Gestalt läßt sich nur selten feststellen.
+Heidelberg.+
+Wattenbach.+
Ueber Leitschiffe.
In Frankfurter Urkunden werden zuweilen +Leitschiffe+ erwähnt.
So z. B. erkennen 1484 die Schöffen nach Verhörung Etlicher des
Fischer-Handwerks, daß die Leiteschiffe in dem Main eine fahrende
Habe seien, wofür sie auch in dem Handwerk gehalten würden (Thomas,
Oberhof zu Frankfurt, S. 366). Es ist ersichtlich, daß diese Schiffe
von den Fischern bei Ausübung ihres Geschäftes gebraucht wurden; aber
in welcher Weise dies geschah, wird nicht angegeben. In den Beiträgen
zur Geschichte der Fischerei in Deutschland von +Landau+ (Gesch.
der Fischerei in beiden Hessen. Kassel, 1865) wurden S. 21 f. die
Vorrichtungen zum Fischfang und die dabei benützten Geräthschaften
(Vennen, Fache, Reusen u. s. w.) ausführlich besprochen, aber die
Leitschiffe nicht genannt. Nach den Aussagen alter Fischer waren es
an einer Seite offene Kästen (häufig nahm man dazu in die Hälfte
getheilte Nachen), welche, am Boden mit Steinen beschwert, das
offene Ende stromabwärts gerichtet, im Frühjahre an bestimmten
Orten, namentlich neben solchen Leien (Felsen), die ein der Länge
des Flusses nach gehendes Riff bilden, in den Main versenkt wurden.
Zweimal im Jahre wurden sie gehoben, zuerst auf Jacobi (25. Juli) und
dann im Herbste; bei der ersten Hebung wurden nicht selten Aale, bei
der zweiten zumeist Barben gefunden, die sich zu ihrer Winterruhe
in die Kästen zurückgezogen hatten. Der Besitz solcher Leitschiffe
war sehr einträglich, und es wurde einzelnen Fischern das Recht,
sie ausschließlich an bestimmten Orten, z. B. in der Mitte des Mains
nahe am Gutleuthof, zu legen, durch besondere Urkunden bewilligt.
Bei Frankfurt ist diese Art der Fischerei schon längst nicht mehr
im Gebrauch; bei Freudenberg und Gemünden soll sie aber noch im
Gange sein. Woher der Name Leitschiff kommt, ist mir nicht bekannt;
vielleicht bedeutet er so viel als Legschiff, weil es in den Main
gelegt wurde, oder es hängt mit Leite zusammen, worunter Frisch
(Wörterbuch S. 605) ein langes, nicht gar weites Faß mit einer großen
Oeffnung anstatt des Spundes versteht, welches zur Verführung der
lebendigen Fische über Land gebraucht wird[60].
+Frankfurt a. M.+
+Dr. Euler.+
Hannsen Pfeil’s Kriegsmaschine.
Es ist immer die alte Geschichte, und es gibt nichts Neues unter der
Sonne. Prahlt die neue Zeit mit Kugelspritzen, Hinterladern und andern
Mordwerkzeugen, durch die die Humanität des 19. Jahrhunderts Tausende
von armen Menschenkindern mit einem Schlag, mit einem Schuß aus diesem
Jammerthale ins Jenseits zu befördern im Stande sei, so fehlte es
doch auch den Alten und zunächst dem Mittelalter nicht an dergleichen
Erfindungen. Namentlich in den Geschichtsquellen der Reichsstadt
Nürnberg begegnen dem Forscher zu öftern Malen sogenannte „Muster“ oder
Kriegsmaschinen, die der dortige Rath machen ließ, oder die ihm zum
Kaufe angeboten wurden. Als eine der merkwürdigsten bezeichnen wir das
„muster“, welches Hanns Pfeil um das Jahr 1530 den Herrn Aelteren oder
dem geheimen Rathe anbot. Er rühmte sich, mittelst desselben und mit
Hilfe von 300 Mann wenigstens 1000 Mann zu fangen, zu schlagen oder
zu erwürgen, und den Feind allenthalben aufzuspüren und anzugreifen.
Leider beschreibt er sein „muster“ nicht näher[61], und wir müssen uns
begnügen mit einer zuversichtsvollen Anpreisung desselben, die nach
einem gleichzeitigen Dokument also lautet:
„Hanns Pfeil hat bewilligt vnd zugesagt, das er wöll ain muster
zurichten vnd machen vnd darzu drewhundert mann geprauchen, vnd verr
oder nahendt perg vnd tale, v̈ber stock vnd stain mit solhem seinem
muster vnd anzal folck ainem treffenlichen großen hauffen auff das
wenigst tausent mannen, sy sein zu roß oder zu fuß, wo die im veld oder
holtz seien, widerstand thun, sie fahen, schlahen oder erwürgen, vnd
sie gantz vergweltigen, verjagen oder zu seinem willen pringen, vnd das
sy sich vor ime nicht verpergen können, sonnder er ainen freyen zugang
zu inen haben, vnd dasselbig meinen herrn den eltern scheinparlich vnd
glauplich anzaigen, das solchs gerecht vnd war sey. Vnd so die eltern
herrn dasselbig also gerecht vnd bewert erfinden vnd erkennen, so
sollen sie ime darumb vnd für solhe kunst vnd muster geben vierhundert
guldin Reinisch vnd ime deßhalben weytter nichtzit schuldig sein. Wo
aber mein Herrn die eltern solh kunst oder muster nicht für gerecht,
bewerlich oder inen gefellig erkandten, so sollen sie ime dem gemelten
Hannsen Pfeil gar nichtzit zethun noch schuldig sein vnd er sein mühe,
arbait vnd costen, ob er des ainichen erlitten hett, verloren haben,
sie wöllen ime dann von guttem willen aine zimliche vererung thun.“
+Nürnberg.+
+Jos. Baader.+