1868. Nº. 5. Mai.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Die Sammlung von Crucifixen im germanischen Museum.
Das germanische Museum besitzt in seiner Sammlung kirchlicher
Alterthümer eine Reihe von Vortragkreuzen, welche vielleicht vom
10. bis in das 16. Jahrhundert reicht und, wichtig von Seiten
ihres Gebrauches zu Kultuszwecken, wie für die an ihrer Her- und
Darstellung sich bethätigende Entwicklung der Kunst, eine Betrachtung
im Zusammenhang um so mehr verdienen dürfte, als die hervorzuhebenden
Rücksichten, weil an +einen+ Gegenstand sich knüpfend, um so
prägnanter hervortreten und unsere Reihenfolge immerhin vollständig
genug ist, um die hauptsächlichsten jener Rücksichten daraus
abzuleiten. Was zunächst die kirchliche Bedeutung dieser Kreuze
betrifft, so ist das Thatsächliche ihres Gebrauches zu bekannt, als daß
wir die unsrigen als neue Belege dafür heranzuziehen brauchten; eine
bisher kaum erörterte Frage ist indeß, wie man sie ihrem Zwecke und
der dadurch hervorzubringenden Wirkung zubildete. Da aber tritt uns
die Wahrnehmung entgegen, daß diese Kreuze und mit ihnen, worauf es
hauptsächlich ankam, der Leib des Gekreuzigten anfangs sehr klein sind,
nach und nach größer werden und endlich eine Ausdehnung erreichen,
wie die Bedingung ihres Gebrauches, d. h. die Tragkraft eines Mannes,
sie nur erlaubte. Man sieht, anfangs genügte die Gewißheit ihres
Vorhandenseins, der abstrakte Gedanke. Die Theilnahme des Auges,
welche man von Seite der Gemeinde in steigendem Grade begehrte,
brauchte als Uebergang eine im selben Maße sich mehrende kostbare
Ausstattung, bis endlich durch jenen ein ästhetisches Interesse diese
durchbrach, das statt der Kleinodien Kunstwerke, freilich ganz im
Sinne der jedesmaligen Zeitperiode, verlangte. Der im Anfang sich
geltend machende Gedanke erheischte nichts desto weniger im Bedürfniß
der Andächtigen eine recht nachdrückliche Verkörperung, welcher nicht
besser, als durch das Metall, das man als Stoff der Herstellung
verwandte, genügt werden konnte. Die ältesten Crucifixe, wenigstens
der Leib Christi an denselben, sind wol ohne Ausnahme von Bronze; --
vielleicht waren die Kreuze selbst nur von Holz, worauf der Umstand zu
deuten scheint, daß eben bei den ältesten Denkmälern dieser Art das
Kreuz selbst meistens fehlt. Eine Vergoldung der bloßen Bronzegüsse
war der erste Schritt zu deren weiterer Ausstattung. In welch reichem
Maß bald auch Emailierung, die Zuthat von Perlen, Edelsteinen, später
die Anwendung getriebenen, gravierten u. a. Schmuckes jene zu Pracht
und Kostbarkeit erhob, wollen wir hier nur andeuten. Dem erwähnten
ästhetischen Interesse genügten endlich Holz und Malerei, wodurch die
Herstellung der Crucifixe aus der Hand der Goldschmiede -- nicht gerade
zu ihrem Vortheil -- in die der Bildschnitzer und Maler übergieng.
Zur Würdigung der in Rede stehenden Kirchengeräthe als Kunstwerke
lassen wir eine Beschreibung der unsrigen mit Hinzufügung einiger
Abbildungen folgen. Die ältesten sind so roh, daß sie selbst der
Merkmale ermangeln, um eine genaue Zeitbestimmung für ihre Entstehung
zu ermitteln. Man erkennt ihre handwerksmäßige Herstellung. Obwohl
Rundbilder, sind sie nur in einseitigen Formen gegossen, im Rücken
hohl, was geschehen konnte, da sie hier am Kreuze anlagen. Die Formen
geben nothdürftig die Figur eines Menschen mit ausgebreiteten Armen und
zusammengelegten Beinen. Mit der Feile ist oberflächlich nachgeholfen.
Der Guß erinnert unwillkürlich an manche Gräberfunde der heidnischen
Zeit; doch zeigt die Behandlung der Christusbilder, daß, wenn in der
Zusammensetzung des Metalles vielleicht auch ein Zusammenhang sich
erhalten hatte, viel spätere, namentlich byzantinische Vorbilder ihnen
zum Muster gedient. So sind die Brustmuskeln, die Rippen, die Falten
des Lendenschurzes in derselben Weise behandelt, wie bei Figuren,
die wir nach anderweitigen Merkmalen in das 11. und 12. Jahrhundert
versetzen müssen. Im Museum befinden sich zwei solcher Bilder; wir
geben statt weiterer Beschreibung eines derselben in Abbildung und
bemerken nur noch, dass es 12 Centim. hoch ist (Fig. 1). Ein drittes
von derselben Größe zeigt, bei immerhin noch mechanischer Bearbeitung,
doch bereits mehr künstlerische Durchbildung. Das Haupt ist gekrönt, im
Uebrigen ist die Behandlung des Körpers wie die Legung der Falten denen
der vorigen Figur gleich (Fig. 2). Mit Vergoldung tritt ein viertes
größeres auf, an dessen Gestaltung bereits ein durchbrechender Sinn
für Körper- und Gewandformen mitgearbeitet hat, wenn er auch noch im
Bereiche des strengen byzantinischen Stils sich gehalten (Figur 3). Das
geschlossene Auge, der verzogene Mund, dessen Oberlippe freilich allzu
lang gerathen, erstreben ersichtlich schon einen Ausdruck.
[Illustration: Fig. 1.]
[Illustration: Fig. 2.]
[Illustration: Fig. 3.]
[Illustration: Fig. 4.]
[Illustration: Fig. 5.]
Zwischen diesem und den folgenden liegt ein Crucifix, in welchem Leib
und Kreuz scheinbar aus einer Kupferplatte geschnitten sind, und
zwar der erstere so, daß er nebst einigen verzierenden Rosetten in
der Ebene des Metalls aus dem vertieften und mit Email ausgefüllten
Grunde blos durch die Vergoldung erkennbar hervortritt. Zu vermuthen
ist aber, daß hier, wie es auch bei andern Denkmälern der Zeit
vorkommt, ein plastisch gebildeter Leib der blos umrissenen Fläche
vorlag, und diese Vermuthung wird zur Wahrscheinlichkeit, wenn wir in
Betracht ziehen, daß ohne einen solchen die am Platze der Nägelmale
für Hände und Füße befindlichen, ziemlich großen Nietlöcher ohne
Bedeutung sein würden, in der Vergoldung selbst sicher auch durch
Gravierung eine Zeichnung angegeben wäre, die an anderen Stellen, wie
in der Schrifttafel, im Nimbus u. s. w. nicht fehlt. Der emailierte
Grund ist lasurblau mit gleichfarbiger, aber schattierter Einfassung.
Der Nimbus ist von denselben Farben, doch mit einem rothen Kreuze
belegt. Die Mitte der Rosetten ist zum Theil hellgrün mit gelbem Rande
eingelassen. Die Schrifttafel am Kopfende, ebenfalls blau mit goldenen
Buchstaben, enthält als Inschrift die Initialen IHS und darunter
XPS. Dieses Crucifix, bei welchem Nietlöcher an den Rändern zeigen,
daß es noch auf eine andere Unterlage, wahrscheinlich die Wand eines
Reliquienbehälters, befestigt war, dürfte in das 12. Jahrhundert zu
versetzen sein, wie auch ein anderes, welches den Gekreuzigten in
einer Figur von halber Rundung vor der bronzenen Platte trägt (Fig.
4). Die letztere mißt mit der Spitze zum Einstecken in den Stab 41
Centim. in der Höhe, 25 Centim. in der Breite. Die vier Enden sind
quadratförmig erweitert und mit gefaßten Steinen oder Glasflüssen
besetzt, von welchen nur noch zwei übrig. Eine Vertiefung der ganzen
Platte, die einen erhöhten Rand stehen läßt, scheint nur des letzteren
wegen, nicht, wie man annehmen könnte, zur Aufnahme von Email da zu
sein. Von letzterem ist wenigstens keine Spur zu sehen, wohl aber von
der Vergoldung, die ehemals das Ganze überzog und auch vom Rande in
die Vertiefung hinabreicht. Den Charakter der Figur vergegenwärtigt
eine naturgroße Darstellung des Obertheiles (Fig. 5) in ihrer wohl
durchgebildeten, aber noch streng byzantinischen Stilisierung. Fig.
6 zeigt die gravierte Rückseite mit dem Lamm in der Mitte und den
Zeichen der Evangelisten auf den Endflächen. Das Kreuz war gebrochen
und ist mit einer Kupferstange geflickt, wodurch das Gesicht des
Engels gelitten hat. Der unter Fig. 7 abgebildete Leib Christi,
ebenfalls ein vergoldeter Bronzeguß, 13 Centim. hoch, zeigt in
seiner bewegten Haltung bei immerhin noch conventionellen Formen eine
Uebergangsperiode; ebenso Fig. 8, bei welchem, um das ausgesprochene
Urtheil sogleich zu begründen, unter Aufrechthaltung aller Formen der
romanischen Periode, namentlich der Krone, doch schon die gekreuzten
Füße vorkommen. Das Crucifix, seinem Grundbestandtheile nach
dunkelfarbige Bronze, mißt 51 Centim. in der Höhe und 27 Centim. in der
Breite. Es war vergoldet, wovon noch einige Spuren Zeugniß ablegen,
auf den Flächen graviert, vorn mit zwei rothen und zwei blauen,
ziemlich roh gefaßten Glasflüssen und auf der Vorder- und Rückseite
mit wahrscheinlich emailierten Bildern verschiedener Art besetzt.
Die Zeichnung des Ganzen gibt die beigefügte Abbildung. Leider sind
manche Stücke abgerissen. Vier offene Stellen trugen wol die Bilder
der Maria und dreier Engel. Die Schrifttafel enthält die Buchstaben
IKS Ιησους Κυριος Σωτηρ wenn nicht vielleicht der Verfertiger sie aus
JnrJ verdorben hat). Auf der Rückseite, die das romanische Ornament
in größerer Ausbildung zeigt (Fig. 9), sind vier Platten in Form von
Vierpässen abgerissen; die mittlere zeigt den segnenden Heiland mit
einem Buche. Der Kreuznimbus des letzteren ist hellblau, sonst alles
Email lasurfarben und roth.
[Illustration: Fig. 6.]
[Illustration: Fig. 7.]
[Illustration: Fig. 8.]
[Illustration: Fig. 9.]
Das folgende Crucifix versetzt uns bereits in die gothische Zeit. Es
hat einen Kern von Holz, den vorn und im Rücken getriebene Platten von
vergoldetem Kupferblech bekleiden, während die Seiten ein schmaler,
ähnlich verzierter Silberstreifen umgibt. Die Enden schließen vier
auf ein Quadrat gelegte Vierpässe, deren Mitte eine runde Scheibe
von dunkelblauem Glase einnimmt, während je vier farbige, gefaßte
Glasflüsse im einschließenden Maßwerk angebracht sind. Den Grund des
Heiligenscheins füllt eine Rosette. Die Figur des Gekreuzigten ist
hohl, doch fast rund gegossen; das Haupt noch ohne Dornenkrone, doch
der Leib bereits ganz naturalistisch mit magern Formen behandelt.
Das Gewand ist punktiert. Die Schrifttafel, bereits ein fliegendes
Band, enthält silberne Buchstaben, die Rückseite einfache, getriebene
Ornamente, aus symmetrisch verschlungenem Ranken- und Blattwerk
zusammengesetzt. Die Höhe des Crucifixes ist 55 Centim., die Breite
38 Centim. -- Die Dornenkrone haben wir bereits bei einem Crucifix,
welches im Uebrigen ähnlich zusammengesetzt ist, wie das vorige (Fig.
10 u. 11). Nur hat es gravierte Ornamente innerhalb eines getriebenen
Randes, vier Medaillons auf den Kreuzenden mit emailiertem Grunde und
einen Eisenzapfen zum Einstecken auf den Stab. Die Medaillons enthalten
oben das Lamm Gottes, zu den Seiten Pelikan und Löwe und unten die
trauernde Magdalena, ersteres auf blauem, letztere drei auf schwarzem
Grunde, sämmtliche Figuren bis auf den Pelikan mit größeren und
kleineren Rosetten umgeben, die wie jene selbst durch das vergoldete
und erhöht stehen gebliebene Metall gebildet werden. Auf den Enden der
Rückseite sind die Zeichen der vier Evangelisten eingraviert, in der
Mitte ist unter weißem Crystall eine Reliquie angebracht. Die Höhe ist
ohne Zapfen 33 Centim., die Breite 25 Centim.
[Illustration: Fig. 10.]
In dieselbe Reihe gehört ein drittes, gleicher Weise zusammengesetztes
Crucifix, dessen Balken durchaus profiliert sind und dessen Fläche
auf Vorder- und Rückseite hochausgetriebene Halbfiguren enthält, auf
jener oben und unten einen Engel, links Maria, rechts St. Johannes; auf
dieser in Mitten den Erlöser thronend und segnend, umher die Zeichen
der Evangelisten. Der Nimbus auf der Vorderseite ist länglich gezogen,
einer Glorie ähnlich und mit Strahlen erfüllt, welche letztere,
verlängert, sich auch durch die Ornamentation der ganzen Fläche
hinziehen. Eine Kugel mit zwei auslaufenden Cylindern von vergoldetem
Kupferblech diente zur Verbindung des Stabes und des Kreuzes. Die Höhe
des letzteren ist 36 Centim., die Breite 26 Centim.
[Illustration: Fig. 11.]
Wir besprechen hier zugleich ein kleines silbernes Kreuz vom Ende des
15. Jhdts., wenn dessen am unteren Ende befindliche Schraube auch nicht
mit völliger Gewißheit bestätigt, daß es als Vortragkreuz gebraucht
worden. Die Balken desselben sind gerade und laufen in die gewöhnliche
spätere Form des Dreipasses aus. Die Figur des Heilandes ist nur
aufgraviert, ebenso die Jungfrau Maria auf dem Halbmonde am oberen
Ende, St. Barbara und St. Erasmus an den Seiten und ein heil. Papst
zu unterst. Auf der Rückseite sehen wir vier fliegende Bänder mit den
Namen der vier Evangelisten, zugleich aber auch, und zwar in der Mitte,
ein Medaillon mit hohem Rande und eingelegter Glasscheibe, die früher
ohne Zweifel eine Reliquie sichtbar machte. Auch das ganze Kreuz ist
hohl, so daß die Rückplatte sich abheben und verschließen läßt, was
dasselbe wol mehr als Reliquiar charakterisiert. Besonders interessant
ist es wegen der Gravierungen, die zu den Anfängen des Kupferstiches
gerechnet werden können. Bei einer Breite von 11 Centim. mißt es 15
Centim. Höhe.
Hölzerne Vortragkreuze in der gewöhnlichen Form des 15. und 16.
Jahrhunderts mit Enden in Gestalt des Dreipasses und darauf gemalten
Evangelistenzeichen u. s. w. sind im Museum vorhanden, doch von zu wenig
künstlerischem Werth, als daß sie verdienten, besonders hervorgehoben
zu werden. -- Gypsabgüsse, Photographieen u. a. Abbildungen ergänzen
übrigens in reichem Maße die Originale zum Zweck des Studiums.
+Nürnberg.+
v. +Eye.+
Geistliche Scherze des Mittelalters.