1868. Nº 3. März.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Markgraf Friedrich’s von Brandenburg Besuch der Stadt Nürnberg im Jahr
1496.
(Schluß.)
Am Sonntag Estomihi, 14. Febr., kam von Ansbach her, zum Spittlerthor
herein Markgraf Friedrich mit Gemahlin, Söhnen und zahlreichem Gefolge,
bestehend aus 6 Herren und Grafen, 6 gelehrten Räthen und Doctoren,
wobei der Kanzler Hanns Völcker oder Volkert, und aus 72 Adeligen,
von denen 22 die Ritterwürde besaßen, ungerechnet die noch weit
zahlreichere Dienerschaft, und nahm -- in Folge einer, wie es scheint,
nachträglich gemachten Aenderung -- bei Lienhard von Ploben seinen
Absteig, wohin die beiden Losunger sich mit den Geschenken begaben und
ihn im Namen des Raths und der Stadt willkommen hießen. Einige Stunden
später kam von Neustadt über Fürth zum Neuenthor herein die alte
Markgräfin nebst ihren Kindern und Gefolge, das aus 18 Grafen, Herren,
Rittern und gemeinen Adeligen bestand; unter ihnen befand sich Dietrich
von Harras selbst, der verdienstvolle Urheber des nach ihm genannten
Vertrags. Sie kehrte in Hanns Thumer’s Hause ein, wobei übrigens, wie
bei dem Markgrafen, zu beachten ist, daß zwar beide Häuser (S. 823 und
S. 880) sehr geräumig sind, aber diese Räume doch nur zur Aufnahme
der fürstlichen Familie und ihres allerengsten Gefolges ausreichen
konnten, die übrigen das Gefolge bildenden Personen daher in andern in
der Nähe gelegenen Häusern untergebracht werden mußten. Daß also S.
808 ebenfalls in Anspruch genommen wurde, ist außer Frage; nur geschah
es in veränderter Weise, indem der Markgraf seine Harnischkammer und,
wie sich versteht, die dazu gehörenden Personen daselbst untergebracht
hatte. Müllner hat übrigens von dieser Aenderung nichts bemerkt und
eben so wenig, daß noch an demselben Tage, nachdem auch die Markgräfin
Anna angekommen und in ähnlicher Weise, wie ihr Sohn, bewillkommt und
beschenkt worden war, sämmtliche Gäste sich mit ihren Wirthen auf dem
Rathhause zu Tanz und Spiel und fröhlicher Unterhaltung beim Genuß
des Bechers zusammengefunden hätten. Es ist nicht wahrscheinlich,
daß gleich nach der Ankunft solche Lustbarkeiten seien vorgenommen
worden; und es ist wol eine von dem Ueberarbeiter der älteren Erzählung
beliebte Ausschmückung, die das, was hätte sein können, an die Stelle
desjenigen, was wirklich war, gesetzt hat.
Wesentlicher aber ist ein anderer Punkt, worin Müllner’s Bericht
von der neueren Ueberarbeitung abweicht. Diese erzählt nämlich, wie
am Montag, dem Tag nach der Ankunft der fürstlichen Gäste, Markgraf
Friedrich mit seinem Hofe und Gefolge die Kirche zum heiligen Geist
besucht habe, wo die Reichskleinode und die dazu gehörenden Reliquien
aufbewahrt wurden, und wie die Priesterschaft diese Schätze, die
bekanntlich seit ihrer Ueberbringung nach Nürnberg (1424) alljährlich
in der Woche nach Quasimodogeniti öffentlich gewiesen wurden -- daher
Heiligthumsweisung --, damals gezeigt habe. Mittags habe er mehrere
Herren des Raths zur Tafel gezogen, und nach derselben seien die
ehrbaren Frauen und Jungfrauen der Stadt erschienen, um der Markgräfin
Sophie ein künstlich zusammengefügtes Geschenk von Citronat, Confekt
und Datteln zu überreichen, wobei Anton Tetzel und Conz Imhof das Wort
zu thun, d. h. eine Anrede zu halten, ausersehen waren. Abends habe in
gleicher Weise, wie der Markgraf am Mittag, die verwittwete Markgräfin
mehrere Herren des Raths bei sich zu Tische gehabt, und hierauf sei,
wie Tags zuvor, Tanz und gesellige Unterhaltung auf dem Rathhause
gewesen. Man muß anerkennen, daß nicht ohne Geschick auf diese Weise
versucht worden ist, den Montag auszufüllen, obgleich spätere Sitten
unverkennbar auf frühere Zeiten übertragen wurden, und zwar der Besuch
der Kirche und des Heiligthums recht wohl bemessen ist, dagegen das
Ziehen zur Tafel und die abendliche Belustigung auf dem Rathhause
gleich unwahrscheinlich und dem Kostüm zuwiderlaufend.
Müllner dagegen sagt, daß gleich am Montag nach Estomihi das Rennen
stattgefunden habe, womit also alle eben erwähnten Ausfüllungen des
Tages von selbst wegfallen würden. Allerdings möchte man gern den
Montag retten, so daß nicht gleich, nachdem Abends vorher die Gäste
angelangt waren, sondern erst, nachdem man einen Tag, um sich zu
sammeln, um noch Eins und das Andere zu besprechen und zu ordnen,
verstreichen ließ, die Hauptfestlichkeit vor sich gegangen sei; und
wenn der Markgraf, wie die Ueberarbeitung will, am Donnerstag abreiste,
so mußte das Rennen erst am Dienstag abgehalten werden. Aber es ist im
genauen Einklang mit dem früheren, wohlbekannten Gesellenstechen an der
Löffelholz-Paumgärtnerischen Hochzeit im J. 1446, daß der Montag vor
Fastnacht dazu ausersehen wurde, und es ist nicht wahrscheinlich, daß
man die herkömmliche Lust am eigentlichen Faschingstag, dem Dienstag,
durch eine solche exclusive Lustbarkeit auf die Seite schieben ließ.
So lange daher nicht aus amtlichen Quellen, wozu nach angestellter
Forschung vorläufig keine Aussicht ist, eine bestimmte Angabe über den
Tag gegeben wird, dürfte nach Abwägung der beiderseitigen Ansprüche die
Entscheidung für den Montag ausfallen.
Wie immer, wurde der Marktplatz für das Kampfspiel bestimmt, und es
war, ungeachtet er ein völlig gleichseitiges Viereck bildet, doch
ganz in der Oertlichkeit begründet, daß die Stechbahn von Norden nach
Süden gerichtet, auf die Ost- und Westseite hin aber durch Schranken
abgesperrt war, hinter denen die Zuschauer sich verhielten. Die Bahn
war mehr lang als breit; wenn aber die „Ueberarbeitung“ 400 Schuh für
die Länge und nur 50 Schuh für die Breite annimmt, so ist das letztere
Maß ganz gewiß zu knapp gegriffen. Die von dem Rath geordneten Herren,
so zu sagen die Turniervögte, Ulman Stromer, Martin Geuder und Marquard
Mendel, hatten sie mit Sand überschütten und dann dicht mit Stroh
belegen lassen; sie selbst hielten an der Bahn, begleitet von Knechten
mit Stangen und anderem Gezeug, um theils die Fallenden, Männer wie
Pferde, wieder aufzurichten, theils dem Andrang der Zuschauer und
Neugierigen zu steuern. Um Mittag erschienen die Stecher in der Bahn;
am südlichen Ende, beim Rieterischen Hause (S. 808) Markgraf Friedrich
mit neun Begleitern: Caspar von Waldenfels, Wolf von Gültlingen,
Ritter, Raphael Bolleck, Heinrich Beheim (keiner des nürnbergischen
rathsfähigen Geschlechts, sondern wahrscheinlich ein Böhme, der auch
im Verzeichniß der markgräflichen Edelleute kurzweg als „der Beheym“
vorgetragen ist), Philipp von Feilitzsch, Philipp von Achselfingen,
Lienhard von Ehenheim, Wolf von Hürnheim, Hanns von der Gron; am
nördlichen Ende, an den Salzern (Salzkrämern), dem jetzt Solgerischen
Haus und Verkaufslokal (S. 877), stellten sich die nürnbergischen
Stecher auf, voran Herr Dietrich von Harras, Ritter, dann Georg von
Harras, sein Sohn, Martin Tucher, Martin Löffelholz -- nach Müllner
war er des Dietrich von Harras Stiefbruder, wofür sich jedoch in dem
bekannten Stammbaum der Löffelholze kein Beweis und keine Erklärung
findet -- Wolf Haller, Ludwig Groß, Marx Pfister, Anton Herwart von
Augsburg, Stephan Paumgärtner, Wolf Pömer. Wie -- nach Müllner -- die
Markgräfischen alle schwarz und weiß quartiert, -- nach dem Ungenannten
-- mit schwarz und weißen Fähnlein ausgezeichnet waren, so seien --
sagt Müllner -- die Nürnbergischen alle in Schwarz und Gelb gekleidet
gewesen. „Es war aber -- fährt er fort -- ein seltsam Gestech, denn
auf beiden Seiten der Schranken, unten und oben, waren Seiler (Seile)
an hohen Stangen überzwerch aufgehangen und an den Stangen Fähnlein,
schwarz und weiß und schwarz und gelb; welcher nun in den Schranken
hinter solche aufgespannte Seiler kam, der war sicher, sobald aber
einer herfürrückte, rannten oft zwen, oft drei auf ihn, je der nächste
der beste, doch geschah keinem Menschen kein Leid, allein [nur] ein Roß
blieb auf der Bahn todt liegen.“ Aus den Berichten des Ungenannten,
der, wie es bei Turnieren und Gesellenstechen der Brauch ist, alle
einzelne Fälle angibt, sieht man, daß es Raphael Bolleck war, der
nur einen einzigen Ritt that, bei dem er selbst fiel und sein Pferd
todt blieb. Die Zahl der Gewinnste auf markgräflicher Seite beträgt
58, auf nürnbergischer 42, der Fälle auf markgräflicher Seite 25, auf
nürnbergischer Seite 58. Es scheint aber in der Aufzeichnung eine
Irrung vorhanden zu sein, denn es müßte die Summe der Fälle der der
Gewinnste gleich sein; diese übertrifft jedoch jene um 17. Jedenfalls
leisteten die Nürnberger weniger als die Markgräfischen, und wenn es
in der Aufzeichnung des Ungenannten heißt, daß sie sich mit so hoher
Tapferkeit ausgezeichnet hatten, so geben, obgleich hier überhaupt
nicht von Tapferkeit, sondern nur von körperlicher Kraft und Fertigkeit
die Rede sein kann, die Zahlen den schlagendsten Gegenbeweis. Am
stärksten aufgetragen ist diese Ruhmredigkeit in folgender, allerdings
schon von Müllner und ohne den mindesten Zweifel an der Echtheit
mitgetheilten Anekdote: „Es hatte aber Markgraf Friedrich unter
anderm seinem Hofgesind einen Ritter, der an der Person dem Fürsten
gleichförmig war, mit aller Rüstung auch seines Helms Bezierung, des
Fürsten Zier ganz ähnlich, gerüstet, also daß der Fürst nit eigentlich
hat mögen erkannt werden, außer daß die Seinigen wußten, daß er einen
weißen Mutzen[27] ritt, aber an Stechdecken und Anderm war kein
Unterschied, So war der Markgraf für seine Person ein berühmter Renner
und Stecher, wollte auch seine fürstliche Mannheit alda in Freuden
erzeigen, und als das Gestech eine gute Weile gewähret und viel Treffen
und Ritt gegen einander geschehen und sich die Nürnbergischen gegen
den Adel tapfer erzeiget, unter denen Martin Löffelholz seinem Pferd
an die Stirn einen Schembart mit einem langen Bart vorgehangen, hat
Markgraf mit demselben ein Treffen zu thun begehrt; darauf rannte
der Fürst unten von der Rieter’schen Behausung herauf, was der Gaul
vermochte, aber der Löffelholz oben von den Salzern herab, mit seinem
halb zeltenden[28] Gaul, ein wenig gemacher, trafen hart zusammen,
aber der Fürst räumte schnell den Sattel, saß wiederum auf, überritt
die Bahn einmal oder drei, und hielt oben bei den Salzern, da wurde
dem Löffelholz wiederum angelegt und zur Stund auch dem Fürsten, der
abermals mit starkem Lauf den Löffelholz wohl anstieß, räumten doch
beede die Sättel, dem Fürsten ward dann aufgeholfen, der sprang auf
der Bahn um, nahm des Löffelholz Hand und schlug ihm seine darein,
mit den Worten: Wir haben uns ein Stecher zu sein vermeint, aber du
bist wahrlich auch einer; wir bitten, komm zu uns, wir wollen ganze
Freundschaft machen. Der Löffelholz antwortet: Gnädiger Herr, Euer
fürstliche Gnaden sein mir unbekannt. Der Markgraf fiel ihm in die Red
und sagt: Schweig, Löffelholz, du hast dich gegen uns ritterlich und
wohl gehalten. Wir wollens also nach unserm Willen haben. Gleich des
nächsten Ritts darauf traf der Ritter, so dem Fürsten ähnlich war, mit
dem Herwart von Augsburg, räumten bede Sättel, und der Ritter behieng
im Abfallen mit seinem Sporn in der Stechdecken und riß dieselbe an
der einen Seite gar entzwei, daß das Pferd auf derselben Seite bloß
und unbedeckt blieb, dabei wurde der Fürst erkannt, wollte niemand
mehr mit ihm treffen, darüber er unwillig ward und forderte selbst
etliche Bürger, mit ihm zu treffen, aber sobald der Fürst sattelräumig
wurde, blieb keiner mehr sitzen, sondern fielen alle ab, welches den
Fürsten noch mehr unwillig machte, daß er wenig Treffen mehr thät, doch
zuletzt traf er noch einmal mit dem Löffelholz, der räumte den Sattel,
aber Männiglich vermeinte, er hätte das willig dem Fürsten zu Ehre
gethan, wiewohl sich der Löffelholz eines starken empfangenen Stoßes
halben beklagte, denn der Fürst von Person grad und stark und noch jung
war, darum er im Anklopfen nit gefehlet hatte. Damit endete sich dies
Gestech glücklich und mit Freude.“
Müllner erzählt diese Geschichte mit solcher Gläubigkeit, daß man fast
Unrecht thut, einiges Bedenken darüber zu äußern. Er lebte nur kaum
hundert Jahre nach jener Zeit; es mag ihm ein Bericht vorgelegen haben,
der alle äußern Zeichen der Zuverlässigkeit trug; auch im Charakter
des warmblütigen Markgrafen Friedrich lag nichts Dawidersprechendes,
und die der Gegenwart ohne Zweifel gar zu lächerlich vorkommende
Gefälligkeit der Nürnberger gegen den siegsdurstigen Fürsten mag ihm
und seinen Zeitgenossen gar nicht so lächerlich, sondern als schuldige
Pflicht gegen den hohen Gast vorgekommen sein. Daß aber bei längerer
Betrachtung doch einige Zweifel an dieser Geschichte aufsteigen, wird
nicht zu vermeiden sein. Man hat ein sehr genaues Verzeichniß der
Stecher mit Angabe ihrer besondern Helmzierden. Nun war der Markgraf
bezeichnet durch einen auf dem Helm angebrachten Frauenschuh und einen
goldenen Buchstaben in dem schwarz und weißen Helmfähnlein, den, wie
ausdrücklich gesagt, nur er führte, während seine Begleiter zwar auch
das Fähnlein, aber ohne den Buchstaben hatten. Von diesen seinen
Gefährten allen war nur Heinrich Beheim etwa mit ihm zu verwechseln,
insofern er einen schwarzen Schuh auf dem Helm führte, der aber von
dem Frauenschuh jedenfalls unterscheidbar war. Sodann wird von ihm
nur ein einziger Gewinnst oder „lediger Fall“ vorgemerkt, überhaupt
nur ein einziges Rennen. Der dem Markgrafen ähnliche Ritter wurde
sattelräumig, wobei er mit dem Sporn die Stechdecke zerriß und so die
Farbe des Pferdes verrathen wurde. Das Incognito, in welches sich der
Markgraf hüllen wollte, war jedenfalls sehr durchsichtig, und wenn
Löffelholz sagt: „Euer fürstliche Gnaden sind mir unbekannt“, so klingt
diese Rede, da der Markgraf gar nicht unerkannt sein wollte, und außer
ihm ein anderer Fürst gar nicht zugegen war, ziemlich ungeschickt.
Der Markgraf that übrigens 13 Rennen, in deren 9 er gewann, viermal
unterlag. Martin Löffelholz that zwar 16 Rennen, gewann sechsmal,
fiel zehnmal, woraus ebenfalls nichts hervorgeht, um ihn zu einem so
famosen Stecher zu stempeln. Wolf Haller dagegen that 20 Ritte, in
deren 9 er obsiegte, jedenfalls also mehr Anspruch auf den Dank hatte,
den er auch bekam. Auch wird in der verhältnißmäßig sehr weitläuftigen
Lebensbeschreibung, welche in den gedruckten Geschlechtsregistern des
Nürnberger Patriciats dem Namen dieses Martin Löffelholz beigegeben
ist, zwar ziemlich umständlich seiner Gefangennehmung, als er Pfleger
von Lichtenau war, gedacht, obgleich gerade die wichtigsten Fragen:
Wer? Wann? Wo? übergangen sind, aber sein mannhaftes Gebaren im Stechen
mit dem Markgrafen einfach mit den Worten „rennete 1496 bei dem
Privatturnier oder Gesellenstechen mit“ abgethan. Es liegt nicht in der
Art dieser Geschlechtsregister, etwas Rühmliches, falls der Schreiber
es wissen konnte, zu verschweigen; und wenn auch die in dem Journal von
und für Franken gegebene erweiterte und modernisierte Erzählung erst
1790 erschien und also bei jenem Bericht im Geschlechtsregister nicht
berücksichtigt werden konnte, so war doch Müllner’s Chronik in dem
Archiv oder der Familienbibliothek jedes patriciatischen Geschlechts
zu finden, und wenn Anderes, wie es gerade bei dieser Familie der
Löffelholz der Fall ist, so ausführlich erzählt wird, warum gieng man
über diese -- wenn sie sich wirklich so verhielt -- wichtige Geschichte
so stillschweigend hinweg und begnügte sich mit der bloßen Erwähnung
seiner Anwesenheit? Es ist nicht anzunehmen, daß eine Familie, wenn sie
anders guten Grund hatte, die Vorzüge ihrer Vorfahren in’s Licht zu
setzen, sie mit einer Bescheidenheit ohne Gleichen sollte übergangen
haben, sie müßte denn ganz und gar unwissend in diesem Betreff gewesen
sein, was allerdings, wie in vielen Beispielen zu ersehen, nicht
unmöglich ist. Sind übrigens in der ganzen Erzählung die Verdienste
der Nürnberger nebenbei auch hervorgehoben, so muß ebenfalls erwähnt
werden, daß von den zehn bei dem Stechen betheiligten Personen nur
sechs eigentliche Nürnberger waren, indem weder die beiden von Harras,
die nur vorübergehend in Nürnberg sich befanden, noch Marx Pfister,
der zwar eine Nürnbergerin geheiratet hatte und hier seßhaft geworden,
aber ebenso wie Anton Herwart von Augsburg gebürtig war, im engeren
Sinn so bezeichnet werden konnten. Gerade diese beide aber hatten sich
nächst Wolf Haller und Martin Löffelholz am stattlichsten gehalten:
Herwart hatte bei 11 Ritten siebenmal, Pfister bei zehn Ritten sechsmal
gewonnen. Daß am Ende ein Nürnberger doch auch mit einem Dank bedacht
werden mußte, war im Grunde eine ausgemachte Sache; es fragte sich nur
welcher? Es ist merkwürdig, daß die Berichte hierüber von einander
abweichen. Müllner fährt nämlich also fort:
„Nachdem wurde auf den Abend auf dem Rathhaus ein köstlicher Tanz
gehalten, in Beisein der zweier jungen Fürsten, des Frauenzimmers und
aller erbaren Frauen und Jungfrauen zu Nürnberg. Daselbst hat man
hochermeltem Fürsten Markgrafen Friedrich den Fürstendank und einen
Tanz und das beste Kleinod Martin Löffelholzen gegeben, der Solches
mit vielen ledigen Fällen erhalten. Die andern Kleinoder und Dänk sein
alle den Markgräfischen Stechern, als Fremden, die man billig verehrt,
gegeben worden. Des andern Tags ist ein großer Hof von oftgedachtem
Markgrafen und andern anwesenden fürstlichen Personen gehalten worden,
und ist nach solchem hochermelter Fürst mit all seinem Hofgesind von
solcher gehaltener Freud und Kurzweil mit sonderm gnädigen Wohlgefallen
abgeschieden und mit Erbieten, Solches mit nachbarlichem gnädigen
Willen in alleweg zu erkennen und im Besten zu gedenken.“
Mit dieser Angabe, daß Martin Löffelholz einen Dank erhalten habe,
steht nun der andere, die vollständige Austheilung der Preise
enthaltende Bericht in Widerspruch. Wenn es nämlich nach dem
Müllner’schen oberflächlichen Bericht aussieht, als habe der Markgraf
den ersten, Löffelholz den zweiten und die andern Stecher gleichsam
nur das Uebergebliebene bekommen, so verhält es sich, und wie nicht
zu zweifeln in voller Wahrheit, ganz anders. Den ersten Dank erhielt
Wolf von Gültlingen, Ritter, der dreizehnmal gewonnen hatte und
nur sechsmal gefallen war; ihn ertheilte Kunigund, Hannsen Grafen
von Schwarzenberg’s Gemahlin. Den zweiten Dank erhielt Philipp von
Achselfingen, der 10 ledige Fälle gehabt und dreimal gefallen war;
ihn ertheilte Anhalds von Wildenfels Gemahlin, eine geborne Pflugin.
Den dritten Dank erhielt der Markgraf, der, wie schon gesagt,
neunmal gewonnen hatte und viermal gefallen war, aus der Hand von
des Schultheißen Wolff von Parsberg, Ritters, Gemahlin Margaretha,
Albrechts von Wildenstein und Amalie von Seckendorff Tochter; den
vierten endlich Wolfgang Haller, der neunmal gewonnen und elfmal
gefallen war, aus der Hand von Apollonia, gebornen Hallerin, der erst
seit 1493 mit dem Losunger Paulus Volckamer verheirateten zweiten
Gemahlin desselben. Zu den vier Preisen kamen vier goldene Ringe,
die zu 17 fl. und die dazu gehörenden Schnüre für 3 fl. in Rechnung
gebracht waren. Von Martin Löffelholz ist hierin keine Rede.
Ueber den am Abend gehaltenen Fackeltanz auf dem Rathhause gebricht
es ebenso an näheren Nachrichten, wie über den von dem Markgrafen am
andern Tag gehaltenen Hof. Nur sind in der sehr in’s Einzelne gehenden
Rechnung über die Kosten der markgräflichen Anwesenheit, welche im
Ganzen die Summe von 2000 fl. rh. damaligen Geldes erreicht, wo
nicht überstiegen haben, die Ausgaben für den Fackeltanz besonders
vorgetragen; sie bestanden in 6 fl. 4 Pfd. 6 Pfg. für ein Legel
(kleines Faß) Malvasier, 16 fl. für 8 Eimer Frankenwein, 11¼ fl. für
90 Pfd. Konfekt und 2 fl. 4 Pfd. für Datteln. Der außerdem in Rechnung
gebrachte Weinverbrauch war 218 Eimer Frankenwein, die 429 fl. 4 Pfd.
14 Pfg. rh. kosteten und 5 Legel Reinfal (süßer norditalienischer
Wein) à 13 fl. Beim Fackeltanz wurden außerdem noch 104 Windkerzen,
wahrscheinlich Wachslichter, für 4 fl. Unschlitt- oder Talglichter,
und 29 Stück Fackeln gebraucht. Dazu kamen 12 Stück Kartenspiele. Die
Beschaffung der Speisen und Getränke muß für jene Zeit, welche sich
der neueren Zufuhrerleichterung nicht erfreuen konnte, eine ziemliche
Aufgabe gewesen sein, da 3272 Pfd. Rindfleisch à 4 Pfg., 2666 Pfd.
Kalbfleisch à 3 Pfg., 375 Pfd. Lammfleisch à 5 Pfg., 344 Pfd. altes
und 841 Pfd. junges Schweinfleisch à 5 Pfg. in Rechnung gebracht
wurden. Dazu kamen 109 Kapaunen à 41 Pfg., 826 Hühner à 22 Pfg., 856
große Vögel à 5 Pfg., 7 Enten à 20 Pfg., 44 Haasen à 48 Pfg., 47 Stück
Eichhorne à 11 Pfg., 36 Rebhühner à 27 Pfg.; ferner 74 Forellen, 625
Pfd. Hechte, 1392 Pfd. Karpfen, 60 Pfd. Orfen, 200 Stück Neunaugen.
Der Centner Karpfen wurde zu 27 Pfd. angesetzt; für die andern Fische
mangelt die Preisangabe. Außerdem kamen noch in Verbrauch 2471 Heringe,
das Hundert zu 5 Pfd., 68 Stück ganze Stockfische, 8 Stück für 1 fl.,
67 Stück gewässerte Stockfische à 10 Pfg., 107 Pfd. gesalzene Hechte à
14 Pfg., 57 Pfd. gesalzene Lachse 13 Pfg., 27 Pfund gesalzene Störe à
24 Pfg., 14 Pfd. gesalzene Sandel à 8 Pfg., 7¾ Pfd. gesalzenen Aal à
16 Pfg. An den Zuthaten zu den Speisen fehlte es natürlich auch nicht;
Hausenblase, Safran, Ingwer, Pfeffer, Nägelein, Zimmt, Muskatnuß,
Muskatenblüthe, grüner Ingwer, Zucker, Reiß, Mandeln, Weinbeeren,
Rosinen, Feigen, Trisenet, Pomeranzen, Kapern, Senf, Weichsellatwerge
werden notiert, und daß die Lebkuchen, als eigenthümliches Produkt der
Stadt Nürnberg, nicht fehlten, läßt sich nicht anders erwarten. Bier
findet man jedoch nicht erwähnt, eben so wenig Meth, obgleich es an
Bierbrauereien und Methsiedereien damals in Nürnberg nicht fehlte.
Auch wird Schmalz, Käse, Eier und Milch in großen Quantitäten erwähnt,
Butter aber nicht; von Obst kommen Kochbirnen und Aepfel vor, dazu 80
Maß Honig.
Während der Anwesenheit der fürstlichen Gäste fand auch der Umzug oder
Umlauf des Schembarts statt; es waren 42 halb rosenfarb, halb leibfarb
gekleidete junge Leute; ihre Hauptleute waren Caspar Paumgärtner und
Georg Kötzel; sie liefen aus beim Milla, einem Wirth am Obstmarkt; den
Metzgern hatten sie 20 fl. bezahlt. Den Fremden mochte das Schauspiel
immerhin neu und anziehend sein; doch dürfte die Stattlichkeit des
fürstlichen Hofes und die Menge des ihm angeschlossenen Adels leicht
ansehnlicher und für die schaulustigen Blicke fesselnder gewesen
sein. Der Markgraf war jedenfalls mit dem ihm gewordenen Empfang sehr
zufrieden; er schenkte seinem Hauswirth Lienhart von Ploben 20 fl.,
der Frau desselben, Barbara Harsdörfferin, deren mit ihrem Manne
verbundenes Wappen noch jetzt an dem Hause S. 823 angebracht ist, einen
Ring, jedem ihrer fünf Kinder einen Gulden, dem Gesinde 3 fl., seinem
Küchenmeister Ulrich Haller und dessen Frau Magdalena Imhof gab er zwei
Ringe zum Andenken. Auch die alte Markgräfin verehrte ihrem Hauswirth
Hanns Thumer 15 fl., seiner Frau, Ursula Meichßnerin, einen Ring, dem
Gesinde 5 fl. und ihrem Küchenmeister Sebald Schreyer einen Ring mit
einem kostbaren Diamanten.
Als der Markgraf am Donnerstag unter Versicherungen
freund-nachbarlicher Gesinnung von dannen schied, mochte man sich der
Hoffnung, eine bessere, friedlichere Zeit werde beginnen, hingeben
zu dürfen glauben; aber es dauerte nur kurze Zeit, so drängte das
Plackerwesen von Seite des Adels alle solche Hoffnungen weit in den
Hintergrund, und daß auch der Harrasische Vertrag selbst nur eine, nie
in Wirklichkeit übergehende Täuschung sei, erfuhr die Stadt schon nach
wenigen Jahren.
+Nürnberg.+
+Lochner.+
Multiplicationsornamente in den Fußbodenfliesen des Mittelalters.
(Nebst einer Tafel mit 4 Abbildungen.)
Je mehr sich das Studium der alten Kunst erweitert, je mehr auch
die Aeußerungen derselben in den Kreis der Studien gezogen werden,
welche auf untergeordneteren Gebieten der menschlichen Thätigkeit
erwachsen sind, um so mehr werden neue Gesichtspunkte gefunden und
längst gefundene befestigt und näher präcisiert, die zur richtigen
Beurtheilung der Kunstthätigkeit im Großen und Ganzen, zur Beurtheilung
der Aeußerung des künstlerischen Gefühles im Volke in seiner
Gesammtheit führen.
Zum großen Theile hängt die weitere Vertiefung in den Gegenstand mit
den Bemühungen zusammen, die Kunsttraditionen der Vorzeit nicht
nur zu erkennen, sondern sie auch für unsere Kunst, für unsere
Gewerbsthätigkeit nutzbringend zu machen. Es sind vorzugsweise
gewisse allgemeine Gesichtspunkte, die hauptsächlich erst durch
diese Bemühungen aufgeschlossen worden sind, und die jetzt weiter
verfolgt werden. Dahin gehört, wie die Formen auf allen Gebieten der
menschlichen Kunst- und Gewerbsthätigkeit einer jeden bestimmten Zeit
einen solch innerlichen Zusammenhang tragen, daß eine Harmonie nicht
denkbar ist, wenn man Formen aus einer andern Zeitperiode hineinmengt,
ohne dieselben gänzlich umgebildet, ohne sie aus dem Geiste und der
Sprache einer Zeit in den Geist und die Sprache der andern Zeit
übersetzt zu haben, der das Gesammte angehört, in welches sich die
einzelne Form einfügen soll. Und so ist denn ein genaues Studium der
Chronologie für jedes einzelne Specialgebiet der Kunstthätigkeit in’s
Leben gerufen worden.
[Illustration: Fig. 1.]
[Illustration: Fig. 2.]
Anderseits zeigt sich aber auch, daß bei aller Gemeinsamkeit des
Geistes doch die Formen auf jedem besonderen Gebiete zu jeder gleichen
Zeit andere sind, daß ein anderes Gesetz hier vorgewaltet, nämlich
das, daß Bestimmung, Material und Arbeitstechnik einen solch mächtigen
Einfluß ausüben, daß man nicht ungestraft Formen eines Gebietes auf
ein anderes ohne eine ähnliche Uebersetzung übertragen darf; ja, daß
gewisse und sogar sehr viele Formen geradezu unübersetzbar, daß sie
ausschließlich an ein bestimmtes Kunstgebiet geknüpft sind. Wenn
uns das Studium der Vorzeit zeigt, daß nicht immer die allervollste
Consequenz hier gewaltet hat, so zeigt es uns aber gerade durch
die vereinzelte Ausnahme in -- sit venia verbo -- abschreckenden
Beispielen, wie unbeugsam das Gesetz selbst ist.
[Illustration: Fig. 3.]
[Illustration: Fig. 4.]
[Illustration: Fig. 5.]
Die Praxis allerdings hat diesen durch sie und in ihrem Interesse
vorzugsweise hervorgerufenen Studien noch immer nicht so allgemeine
Beachtung geschenkt, als wünschenswerth; die Wissenschaft, die
Erkenntniß hat sicher durch sie gewonnen.
[Illustration: Fig. 6.]
[Illustration: Fig. 7.]
Es geht so in der hohen Kunst und ist einer der vielen Gegensätze, die
im Geiste unserer Zeit liegen. Längst hat Lessing in seinem Laokoon
darauf hingewiesen, daß nicht jede Aufgabe für jedes Kunstgebiet
passend sei, und daß nicht eine Kunst der andern den ihr allein
zugehörenden Boden streitig machen, sich nicht Aufgaben usurpieren
soll, die der Schwester ausschließlich zugewiesen sind. Man hat Lessing
Denkmale errichtet, aber seinen Ausspruch haben unsere Künstler nicht
berücksichtigt, ja, fast wäre zu sagen, je höher sie stehen, um so
weniger haben sie sich daran gehalten. So geht es denn auch auf
andern Gebieten; man wirkt und webt Stoffe, deren Muster nicht dem
naturgemäßen Formenkreis der Wirkerei angehören; man malt Fenster, ohne
zu bedenken, welche Aufgaben die Glasmalerei hat u. s. w. Man sucht
das höchste auf jedem Gebiete in den Seiltänzerkunststückchen, indem
man gerade mit vielen Mitteln und vieler Mühe das macht, was einem
andern Kunstgebiete angehört und dort sich mit wenig Umständen geben
läßt. Wir haben oben gesagt, daß eben die Absicht der Nutzbarmachung
der Vergangenheit das Studium gefördert habe, und müssen so auch
in einem rein wissenschaftlichen Blatte für diese praktische Frage
eine nähere Prüfung in Anspruch nehmen, da eben sie uns hinleiten
soll zur Erforschung eines auf einem Specialgebiete von den Alten
befolgten Gesetzes. Man gestatte uns deshalb noch einige Worte. Eine
Verkennung, die lange auf unsere Industrie ihren Einfluß geltend
machte, liegt in der verschiedenen Aufgabe einer Flächendekoration und
der plastischen Behandlung. Die Aesthetiker haben sich lange vergebens
bemüht, diese Unterschiede darzulegen, und es scheint, daß erst die
Wirkung der massenhaften Vorführung der Erzeugnisse des Orients,
der dem richtigen Gesetze stets treu geblieben ist, auf der Pariser
Ausstellung des vorigen Jahres einen mächtigen Einfluß ausgeübt hat.
Zeigt sich ein großes Gesetz für alle Dekoration der Fläche, welcher
Art sie auch sei, wonach sie eben durch einfache, klare Linien und
einfache Nebeneinanderstellung der Farbentöne ihre größte und ihre
vollberechtigte Wirkung erzielen muß, so ist doch wieder auf jedem
Einzelgebiete eine großer Unterschied. Man bemüht sich deshalb stets
mehr, diese einzelnen, in der Natur der Sache begründeten Formenkreise
zu erkennen, und sucht in Schriften, wie in Museen dem Publikum durch
größere Serien die einzelnen Formen darzulegen.
[Illustration: Fig. 8.]
[Illustration: Fig. 9.]
Ein solches Gebiet der Flachornamentik, das seine eigenen
Bildungsgesetze hat, liegt für die Fußbodenfliesen vor, und man hat
gerade diesen in neuester Zeit so viel Aufmerksamkeit zugewendet,
daß die Sammlung solcher Fliesen, welche das germanische Museum in
Original und Abgüssen besitzt, eine beträchtliche Wichtigkeit um so
mehr erhalten hat, als auch die Wiederanwendung von dergleichen jetzt
häufiger geworden ist[29].
[Illustration: Fig. 10.]
[Illustration: Fig. 11.]
Die Fliese muß so hart als möglich gebrannt und, da sie eine Ebene
bilden soll, möglichst wenig im Brennen verzogen, ferner, da sie ein
Beleg des Fußbodens ist, nicht zu dick sein. Es ist also naturgemäß,
den Fußboden, um dies alles zu erreichen, aus möglichst kleinen
Stücken herzustellen. Diese können eine von einander verschiedene
Farbe haben und nach allerlei linearen Mustern geschnitten sein; sie
werden so in bloßer Zusammensetzung, ohne jede weitere Verzierung,
einen angenehm aussehenden Fußboden bilden. Beispiele der Art sind
auch in der Sammlung des germanischen Museums. Da jedoch die Belegung
des Fußbodens mit verschieden geformten Einzelstückchen große Sorgfalt
erfordert, langsam vor sich geht und vor Allem dabei nöthig ist, daß
die einzelnen Stücke möglichst genau passen, so hat man complicierte
Zusammensetzungen nur seltener gemacht; man hat sich in der weitaus
größten Zahl von Fällen daran gehalten, einfach quadratische Plättchen
von gleicher Größe nebeneinander zu stellen. Diese Plättchen sind in
der Regel zwischen ein und zwei Decimeter im Quadrat angefertigt. Sehr
viele zeigen nun ein in sich geschlossenes Muster als Verzierung. Ein
Thier, eine Rosette oder Aehnliches schmückt jedes einzelne Plättchen.
[Illustration: Fig. 12.]
[Illustration: Fig. 13.]
Das Handwerk, welches diese Fliesen zu liefern hatte, ist jedoch
ein ziemlich ordinäres. Die kleinen Thiergestalten, theilweise
unvollkommen, theilweise, um sie eben sichtbar zu machen, nur mit
rohen Linien angedeutet, konnten die Ebene des Fußbodens nur unruhig
machen, keineswegs aber sie schmücken. Es bedurfte zu diesem Zwecke
einer einfacheren, größeren Zeichnung, und man kam somit darauf,
die einzelnen Fliesen so zu ornamentieren, daß mehrere zusammen ein
größeres Muster darstellten. Auch hier war wieder eine compliciertere
Anordnung nur selten. In der Regel haben alle einzelnen Plättchen das
gleiche Ornament, und aus der mehrfachen Zusammensetzung der einzelnen
Plättchen entsteht durch die Multiplication das größere Ornament. Die
Anordnung mußte so getroffen werden, daß sodann die Conturlinien der
einzelnen Plättchen das Ornament nicht störend durchschnitten.
Um den starren geraden Linien der Plättchenquadrate einen angemessenen
Gegensatz zu geben, spielt gerade der Kreis eine Hauptrolle in
diesen Multiplicationsornamenten. So findet sich eine ganze Reihe,
bei denen der Viertelkreis, aus dem einen Ecke des Plättchens als
Mittelpunkt beschrieben, eine Quadratseite als Radius hat, so daß
je vier aneinander stoßende Plättchen einen gemeinsam geschlossenen
Kreis zeigen, in welchem das Ornament eingeschlossen liegt, wobei das
freibleibende Dreieck entweder durch einen den Kreis überschreitenden
Ornamenttheil eingenommen ist, oder wieder je vier aneinander stoßende
solche Dreiecke ein gemeinsames Ornament bilden. Der Kreis besteht
selten blos aus einer einzigen Linie, sondern meist aus einem breiten
Bande, das zwischen zwei Kreislinien eingeschlossen ist. (Fig. 1. 2. 3.
4. 5.)
Oft sind, wie in Fig. 1. 2. 3. die Conturlinien der Plättchen geradezu
in das Ornament hereingezogen, so daß sich kreuzende Bänder die
kreisförmigen durchschneiden. Das Bild des ganzen Ornaments entwickelt
sich oft überraschend aus der Zusammenstellung. Es ist nicht möglich,
jedes einzelne Muster zusammengestellt hier zu geben; wir haben jedoch
unter A auf beiliegender Tafel die Fig. 5 in der Zusammensetzung vor
Augen geführt. Bei einer andern Reihe von Mustern ist der Kreis kleiner
und hat nur etwa die Hälfte einer Quadratseite zum Radius (Fig. 6);
wieder andere haben eine Reihe von concentrischen Kreisen (Fig. 7 u.
8). Man kann hierher auch Fig. 4 rechnen. Bei der Composition dieser
Muster ist die größte Aufmerksamkeit nöthig. Die Fig. 8, schon der
Renaissance angehörig, sieht sehr unscheinbar aus, während sie in der
Zusammenstellung bei B unserer Tafel sehr befriedigt, dagegen z. B. Fig.
4. in der Zusammenstellung ziemlich unbefriedigend aussieht.
[Illustration: Fig. 14.]
[Illustration: Fig. 15.]
Wir kommen nun an eine Reihe von Mustern, bei denen zu dem ersten, aus
dem Ecke beschriebenen Kreis ein zweiter, aus dem gegenüberliegenden
Ecke geschlagener hinzukommt (Fig. 9. 10. 11.). Die Wirkung dieser
Muster ist wieder eine total verschiedene. Es bilden nämlich die
Spitzwecken eine Art Netz, in dessen einzelnen Maschen sodann die
größeren oder kleineren Rosettchen in der Mitte sitzen, die durch das
an den Ecken, die als Mittelpunkt gedient haben, befindliche Ornament
gebildet werden.
Fig. 12 zeigt abermals ein daraus weiter entwickeltes Motiv: dort
ist durch eine Diagonale des Quadrates die Hälfte des Spitzwecken
abgeschnitten; im Ornament ist jedoch die Form beibehalten. Das Muster
(C) wirkt sehr reich. Daß die einzelnen Theile nicht vollständig an
einander passen, hat in der rohen Handhabung des ganzen Handwerks seine
Ursache, läßt aber doch den Grundgedanken des Ornaments unberührt.
Bei Fig. 13 sind Kreise aus allen vier Ecken, die sich kreuzen,
beschrieben. Die Zusammensetzung (D) ist gerade hier am
überraschendsten. Das unscheinbare Einzelmuster entwickelt sich zu
einer interessanten und hübschen geometrischen Zeichnung. Wie bei B
(Fig. 8), so haben die Conturlinien der Plättchen für die Zeichnung
allen Werth verloren, ja sie sind gewissermassen eine störende
Erinnerung an die Technik.
Ebenso ist es bei Fig. 14, wo durch zwei Diagonalen eine Anzahl
Kreise durchschnitten sind, die nicht aus den Ecken, sondern aus dem
Mittelpunkt der Platte und aus dem Mittel der Quadratseiten geschlagen
sind. Die Absicht, ein größeres Muster aus gleichen, kleineren
Elementen zu erhalten, fällt bei Fig. 13 und 14 vollständig weg. Es ist
im Gegentheil das Muster verkleinert. Aehnlich ist der Fall bei Fig.
15, nur mit dem Unterschied, daß das im Einzelnen ganz ansprechende
Muster in der Multiplikation ein kleinliches, nichtssagendes Bild
hervorbringt.
Es führt uns das schließlich zu der Lehre, daß diese Muster mit
Vorsicht zu componieren und daß die einfachsten, naturgemäßesten in der
Regel die schönsten sind. Man muß sich an die Eigenthümlichkeiten der
Sache selbst anschließen und diese künstlerisch zur Geltung bringen,
nicht aber darauf ausgehen, unbekümmert um die Technik, ein sonst an
sich schönes Ornament herzustellen. Die Mannigfaltigkeit in der Einheit
tritt nie besser hervor, als wenn jedes Einzelne das, was ihm eigen
ist, charakteristisch hervorkehrt. Darin, daß alle +Charakter+
haben, liegt ein so mächtiges Einheitsband, daß alle noch so
divergierenden Formen zusammengebunden werden.
Wir wollten hier nur über ein Ornamentationsprinzip sprechen. Die
chronologische Entwicklung, die Verschiedenheit der Durchführung in
der Glasur, der eingeritzten oder flach plastischen oder eingetieften
Zeichnung werden wir bei anderer Gelegenheit hervorheben, wenn wir auf
die ganze Sammlung eingehen und auch die Muster besprechen werden, die
nicht aus dem Prinzip der Multiplication hervorgegangen sind. Für die
Selbsterfindung dieses Wortes bitten wir um Entschuldigung. Das so
erfundene Wort schien das Gestaltungsprinzip am besten zu bezeichnen.
+Nürnberg.+
+A. Essenwein.+
Graf Friedrich Christoph von Schlippenbach auf dem Sandrart’schen Bilde
des Friedensmahles zu Nürnberg.
(Schluß.)
In Lievland, wo kein einheimischer Adel existierte, aber zur Zeit des
Ordens zahlreich aus Niederdeutschland einwanderte, so namentlich 1434
aus Geldern und Westfalen, finden wir schon 1428 Heinrich II. von
Schlippenbach auf Bornhusen bei Vernau. Von hier gieng der Nebenzweig
auf Salingen bei Golding aus. -- Lievland wurde 1620 durch Gustav
Adolf erobert und für Schweden erworben; Curland, seit 1561 Herzogthum
unter polnischer Hoheit, blieb bestehen. Seit den Schwedenkriegen
traten, um ihr Glück zu machen, vier später sehr namhaft gewordene
Männer in schwedische Kriegsdienste: die beiden Brandenburger Arnim
und Königsmark und die beiden curländischen Vettern Wrangel und
Schlippenbach, sämmtlich bald schwedische Grafen.
Christoph Freiherr von Schlippenbach, Herr auf Salingen und Wiltzing,
dessen Schwester Dorothea mit Georg von Wrangel auf Cronen in Curland
vermählt war, hatte mit seiner Gemahlin Anna Maria von Manteufel auf
Zögen den Sohn +Friedrich Christoph+. Geboren am 1. Januar 1624,
trat er sehr jung unter des Kanzlers Oxenstjerna Regentschaft in
Kriegsdienste, machte den dänischen und den deutschen Krieg mit, stieg
rasch von Grad zu Grad und war im fünfundzwanzigsten Altersjahre
Oberst eines Infanterie-Regiments, sowie Kammerherr. Als Pfalzgraf
Karl Gustav von Zweibrücken, der Königin Christine Vetter, Verlobter
und späterer Nachfolger, 1648 als schwedischer Generalissimus nach
Deutschland gieng, fungierte Oberst Schlippenbach als Hofmarschall in
seinem Hauptquartier. Als solcher hatte er auch das große Friedensmahl
zu veranstalten, das Karl Gustav nach Abschluß der Tractate zwischen
Kaiser und Reich und der Krone Schweden am 25. Sept. 1649 im
Rathhaussaale zu Nürnberg gab. Sandrart’s große Darstellung desselben
soll in Karl Gustav’s Wohnung, im Winkler-Waldstromer’schen Hause bei
St. Lorenz, gemalt worden sein. General von Wrangel übergab es später
dem Rathe der Stadt.
Nach Stockholm zurückgekehrt, wurde der junge Oberst -- durch männliche
Schönheit hervorragend -- ein Liebling der Königin Christine,
Obermundschenk, Oberkämmerer und Oberst der Leibgarde. Sodann mit
Führung der Thronwechsel-Verhandlungen und Abschluß der Verträge
darüber beauftragt, die er nach vielen Sendungen zur Zufriedenheit der
stets schwankenden Königin vollbrachte, wurde er -- wie Wrangel schon
1651 -- von Christine vor Unterzeichnung ihrer Entsagungsurkunde, den
1. Juni 1654 zu Upsala in den Grafenstand erhoben und mit den Städten
Sköfde und Falkjöping in Westergotland und Linsala in Finland dotiert.
Des Grafen Wappen, in welchem das Stammwappen auf vier neue Felder
gelegt wurde, ist in der Auswahl der Bilder zu bezeichnend, als daß
wir nicht darin die unmittelbare Mitwirkung der jugendlichen Königin
erblicken sollten. Es enthält in den Feldern: einen Arm, der aus
Wolken eine Krone reicht, ein springendes weißes Roß, einen Merkurstab
und einen lorbeerumkränzten Speer; auf den Helmen: eine Jungfrau mit
Wagschaale und Krone in den Händen, einen Januskopf und einen jungen
geharnischten Mann.
Der neue König Karl X. Gustav schickte den Grafen Schlippenbach sofort
nach Deutschland, namentlich an den Kurfürsten Friedrich Wilhelm von
Brandenburg, mit dem Spannung bestand, um ihn zum Kriege gegen Polen
zu gewinnen. Seitdem blieb er der ständige Specialgesandte Schwedens
für Friedrich Wilhelm, bei dem er sehr beliebt war. Doch finden
wir ihn auch in Dresden, Mainz, München u. s. w. Auch im polnischen
Kriege zeichnete Schlippenbach sich aus, bewirkte u. a. die Uebergabe
Krakaus an General Grafen Wittenberg und schloß den 10. Nov. 1656
den wichtigen Vertrag von Labiau, der dem Hause Hohenzollern die
Souveränität über das Herzogthum Preußen zugestand. Im J. 1657 wurde er
zum Kriegsrathspräsidenten und Reichsrath ernannt; 1658 machte er den
dänischen Krieg mit und schloß 1660, nach des Königs Tode, als erster
schwedischer Friedensgesandter bevollmächtigt, den Vertrag von Oliva.
Er wurde im selben Jahre Tribunalspräsident zu Wismar, besaß das Amt
Stegnitz bei Golnow und Nöblin bei Stargard, sowie die Pfandschaft der
Insel Wollin. Auf dem nächsten Stockholmer Reichstage nochmals zum
Gesandten in Polen bestimmt, bestieg er im December ein Kronschiff,
litt aber am Vorgebirge Landsort Schiffbruch und beschloß in den
Wogen des Meeres seine so glänzende wie kurze Laufbahn. Ueber diesen
Unglücksfall, sowie über die ehrenvolle Beisetzung der Leiche gibt das
Theatrum europaeum nähere Nachricht. Letztere wurde später nach Stettin
übergeführt.
Christoph Friedrich war vermählt mit Helene Elise Freiin von Praunfalk
zu Neuhaus und Weiher in Steyermark und hinterließ als Sohn den
zweijährigen +Karl Friedrich+, der mit dem jungen Karl XI. zusammen
erzogen wurde, 16 Jahre alt in den Krieg gegen Brandenburg zog, die
Schlacht bei Fehrbellin und die Belagerung von Stralsund mitmachte,
unter Commando des Königs selbst auf Schonen focht, mit 22 Jahren
Major, mit 23 Obristlieutenant und Commandant von Anklam wurde, aber,
als die schwedischen Reductionskammern 1684 die Dotationen cassierten,
seinen Abschied nahm und nach Berlin gieng. Der große Kurfürst ernannte
ihn zum Obersten und Kammerherren, 1696 zum Generalmajor und 1702
zum Gesandten beim König Karl XII., dessen Kriegszüge er bis Pultawa
mitmachte. Er starb 1723 als General der Cavallerie an aufgebrochenen
Wunden. Seine Nachkommenschaft blieb seitdem im Preußischen.
Zu unserm Ausgangspunkt zurückkehrend, bemerken wir, daß durch jene
oben angeführten Handzeichnungen noch eine Anzahl der interessantesten
Porträte auf dem Sandrart’schen Gemälde bestimmt werden, die bis dahin
als unbekannt galten. Die stehende Figur am äußersten Rande links
stellt den bekannten schwedischen General Horn dar. Sein aus dem
Hintergrunde hervorschauender Nebenmann ist der Nürnberger Rathsherr
Georg Philipp Harsdörfer und der vor diesem stehende wohlbeleibte
Herr mit schwarzem Lockenhaar der Obrist Moser. Neben diesem befinden
sich, wiederum etwas in den Hintergrund gedrängt, die Rathsherren
Jost Christoph Kreß und Burkhard Löffelholz. Unter den fünf sehr
hervorragenden Figuren rechts vom Marschall Schlippenbach, unmittelbar
über dem Haupte des sitzenden Künstlers, sind wenigstens die drei
mittleren näher zu bezeichnen, und zwar als Georg Imhof, Duumvir und
Friedensgesandter der Reichsstadt Nürnberg, Joh. Wilh. Kreß, Losunger
und Schultheiß, sowie Georg Abraham Pömer, Duumvir daselbst. Die
Bezeichnung der Namen kann nicht angezweifelt werden, da die auf sonst
bekannte Personen gehenden Angaben sämmtlich zutreffen.
+Nürnberg.+
Dr. +A. v. Eye+.
Der problematische Wappenschild auf zwei Erzdenkmälern in der
Stiftskirche zu Aschaffenburg.
In der Stiftskirche zu Aschaffenburg befinden sich zwei vom Kurfürsten,
Cardinal Albrecht von Mainz in den Jahren 1525 und 1530 gestiftete
Erzdenkmäler. Dieselben enthalten bekanntlich einen seltsam gebildeten
Wappenschild, dessen Bedeutung zur Zeit noch nicht genügend enträthselt
ist. Ich versuche es daher, den bereits darüber aufgestellten
Vermuthungen eine neue hinzuzufügen und deren Prüfung der Kritik
Sachkundigerer zu unterstellen.
Das an der Nordwand des Chors der Stiftskirche zu Aschaffenburg
angebrachte Madonnenbild von Johannes Vischer aus dem Jahre 1530
enthält auf dem Rahmen, der die in einer Strahlenglorie stehende
Figur der Maria mit dem Christuskinde umgibt, zwölf Wappenschilder,
sämmtlich von gleicher Form, aber auf ihrem Felde mit verschiedenen
Emblemen geziert. In der von dem Kreissegment, welches den Rahmen auf
der obern Schmalseite bekrönt, gebildeten Lünette sind drei Schilder,
im Dreieck stehend, angebracht. Auf dem höchsten, die Spitze des
Dreiecks bildenden, ist das Schweißtuch der heiligen Veronika mit
dem Christuskopf, auf dem rechten, an der Basis des Dreiecks, ein
durchbohrtes Herz, auf dem linken der Speer und der Ysop, mit dem
Schwamm sich kreuzend, in den Winkeln der Kreuzung die drei Nägel
dargestellt.
Die beiden verticalen Rahmschenkel sind mit je drei Schildern besetzt:
die beiden obersten enthalten die durchbohrten Hände, die beiden
folgenden die durchbohrten Füße des Heilandes, mit dem in der Lünette
befindlichen durchbohrten Herzen die fünf Wunden darstellend; in der
dritten Reihe befindet sich im Schilde rechts die Säule, daneben die
verschlungenen Stricke, womit Christus an die Säule gebunden war, links
ein Schild mit Kreuz, Geisel und Ruthe, also die Marterwerkzeuge.
Weiter befinden sich auf den unteren Ecken des Rahmschenkels, zu
beiden Seiten gleich, die fraglichen räthselhaften Wappenschilde, in
vier Felder getheilt, auf der Kreuzung der brandenburgische Adler,
in den Feldern links oben und rechts unten je drei Krüge, rechts
oben und links unten je drei Körbe. Endlich ist in der Mitte des
Rahmensockels ein brandenburgisches Wappen mit den erzbischöflichen
Insignien angebracht, dessen Mitte die Schilde von Mainz, Magdeburg und
Halberstadt, die Felder der brandenburgische Adler, der pommerische
Greif, der vierfach getheilte Hohenzollernschild und der burggräflich
nürnbergische Löwe einnehmen.
Den vorbeschriebenen, ihrer Bedeutung nach räthselhaften Wappen
sehr ähnlich, und jedenfalls gleichbedeutend, ist der in der Mitte
des untern Rahmschenkels von dem Monumente des Cardinals Albrecht
(das sich dem Madonnenbilde gegenüber an der Südwand vom Chore der
Stiftskirche zu Aschaffenburg befindet) angebrachte Wappenschild, der
sich von den oben beschriebenen lediglich dadurch unterscheidet, daß
die Viertheilung nicht durch bloße Linien, sondern durch ein wirkliches
Kreuz gebildet wird.
Der fragliche Wappenschild mit seinen sechs Krügen und sechs Körben
wurde zur Zeit sonst nirgends gefunden und kein Wappenbuch gibt
darüber irgendwelche Auskunft. Es ist kein Orts-, Geschlechts- oder
Familienwappen, kein Stifts-, Kirchen- oder Corporationswappen, kein
geistliches noch weltliches Wappen; es muß daher ein redendes, ein
allegorisches, für einen besonderen Zweck erdachtes sein. Darauf
deutet ganz besonders die Gesellschaft, in welcher sich die beiden
Wappenschilde am Madonnenbilde befinden, hin, die sämmtlich als redende
Wappen sich darstellen und neben denen, schon um der Einheit der
Gesammtdarstellung willen, an ein anderes als ein ähnlich redendes
Wappen kaum wird gedacht werden können. Das Wappen des Stifters allein
dürfte eine Ausnahme gestatten. Die heraldische Darstellung beginnt
unten mit dem Leben und geht durch die Leiden, um an der höchsten Höhe
mit dem Tod zu enden.
Da Cardinal Albrecht sein eigenes Denkmal sowohl, wie das Madonnenbild
bei Lebzeiten fertigen ließ und selbst Kunstliebhaber war, so
unterliegt es wol keinem Zweifel, daß er bei der Conception der
beiden Erzgüsse influierte und dem Künstler wol die Aufgabe stellte,
in den Randverzierungen des Madonnenbildes Christi +Leben+, +Leiden+
und +Sterben+ anzudeuten, wie dies bei Gemälden sehr häufig in den
Predellen geschieht. Dabei sollte das Madonnenbild das Pendant des
kurfürstlichen Monumentes sein, dessen Rahmen mit den Geschlechtswappen
des Stifters geschmückt war. Es führte dies mit Nothwendigkeit
darauf, jene Andeutungen ebenfalls in Wappenschildform, den gegenüber
angebrachten Geschlechtswappen entsprechend, darzustellen. Nun
boten zwar die Marterwerkzeuge, die fünf Wunden und das Schweißtuch
geeignete, auf das +Leiden+ und +Sterben+ Christi bezügliche
Embleme für heraldische Darstellung dar; welcherlei Embleme sollten
aber gewählt werden, um Christi specifische +Lebens+thätigkeit in
Wappenschildform anzudeuten und +heraldisch+ darzustellen? Es war
dies ohne Zweifel eine schwierige Aufgabe. Sei es nun, daß der Stifter
oder der Künstler auf die Idee verfiel, die Geschichte von Christi
Wundern dafür auszubeuten, und zwar die Stelle im Ev. Marci VI, 34-44,
wo Christus mit fünf Broden und zween Fischen 5000 Mann gesättigt hat
und die Jünger noch „+zwölf Körbe+ voll von Brocken und von den Fischen
aufhoben“, dann die Stelle im Ev. Johannis II, 6, wo Christus auf der
Hochzeit zu Cana das Wasser in Wein verwandelte, und wo es heißt:
„Es waren aber allda +sechs steinerne Wasserkrüge+ gesetzt, nach der
Weise der jüdischen Reinigung; und giengen je in einen zwei oder drei
Maß. Jesus spricht zu ihnen (den Dienern): Füllet die Wasserkrüge mit
Wasser, und sie fülleten sie bis oben an. Und er spricht zu ihnen:
Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister. Und sie brachten es. Als
aber der Speisemeister kostete den Wein, der Wasser gewesen war, und
wusste nicht, von wannen er kam (die Diener aber wußten es, die das
Wasser geschöpft hatten), rufet der Speisemeister den Bräutigam und
spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten den guten Wein, und wenn sie
trunken geworden sind, alsdann den geringeren; du hast den guten Wein
bisher behalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus that, geschehen
zu Cana in Galiläa und offenbarete seine Herrlichkeit; +und seine
Jünger glaubten an ihn+.“
Körbe und Wasserkrüge eigneten sich aber vortrefflich zu heraldischen
Emblemen; und so möchten sie denn in die Reihe der Wappenschilde
eingereiht worden sein, um auf Christi wunderthätiges +Leben+, wie er
fröhlich mit den Fröhlichen gewesen, und wie er mit dem geringsten
Speisevorrath Tausende von Menschen zu sättigen vermochte, hinzuweisen,
wie die fünf Wunden und die Marterwerkzeuge auf sein +Leiden+ und
+Sterben+ Bezug haben.
Es ist noch übrig, die Bedeutung des Adlerschildes im Centrum der
fraglichen Wappenschilde zu erklären. Ich erkläre mir diese, auf den
Cardinal Albrecht, den Brandenburger, speciell bezügliche Zuthat in
folgender Weise:
„Jesus offenbarete in seinen Wundern seine Herrlichkeit, und seine
Jünger glaubten an ihn.“ Der brandenburgische Adler war das Siegel,
wodurch sich auch Cardinal Albrecht als Christi Jünger bekennt, also
das heraldisch dargestellte Bekenntniss, dass auch er an Christus
glaube, wie die Jünger thaten, nachdem sie die zwölf Körbe aufgehoben
und die sechs Krüge Wasser in Wein verwandelt gesehen. „Ich und
mein Haus wollen dem Herrn dienen“ ist ja noch heute die Devise des
brandenburgischen Herrscherhauses.
Es könnte gegen diese meine Erklärung des problematischen
Wappenschildes vielleicht eingewendet werden, daß sich +der gleiche+
schon an dem 1525, also fünf Jahre früher, als das Madonnenbild,
gefertigten Denkmal des Cardinals Albrecht vorfinde, an welchem sich
nicht, wie bei jenem durch die Darstellung der auf das +Leiden+ und
+Sterben+ bezüglichen Embleme, Veranlassung geboten habe, auch auf das
wunderthätige +Leben+ bezügliche Embleme anzubringen. Ich entgegne
darauf:
1) daß der in der Mitte des untern Rahmschenkels am Albrechtsmonument
angebrachte Wappenschild, der sich nur durch das die Viertheilung
bildende wirkliche Kreuz von den ähnlichen Schilden am Madonnenbilde
unterscheidet, gleichsam in nuce dieselbe Bedeutung heraldisch
darstellt, die an jenem in ausführlicherer Darstellung zur Anschauung
gebracht ist. Körbe und Krüge deuten auf das wunderthätige Leben,
das Kreuz auf Leiden und Sterben Christi, der Adler auf das
Glaubensbekenntniß des Stifters.
2) Ich entgegne ferner, daß, wenn der Gedanke dieser allegorischen
Darstellung wirklich erst bei Fertigung des Madonnenbildes erwacht sein
sollte, es auch nicht außer dem Bereich der Möglichkeit liegt, daß
das fragliche Wappen am Fuße des Albrechtsmonumentes +nachträglich+
eingesetzt und gegen das dort vorhanden gewesene ausgewechselt
worden sei, zumal der mittlere Theil des untern Rahmschenkels
mit dem fraglichen Wappen, wie die vorhandenen Nähte zeigen,
augenscheinlich besonders eingesetzt ist und überdies in der Reihe
der Geschlechtswappen mehrere fehlen, wie das Wappen des Fürstenthums
Rügen, das Wappen von Cassuben, die man beide an dem Denkmal von
Albrecht’s Vater im Dom zu Berlin angebracht findet.
Dies ist die muthmaßliche Erklärung, die ich von dem problematischen
Wappenschilde geben möchte, womit ich jedoch Sachkundigeren in keiner
Weise vorgreifen will, die vielmehr ihrem Zweck entsprechen würde, wenn
sich eine weitere Discussion daran knüpfen sollte.
+Meiningen.+
+Döbner.+
Inventar der Kirche zu Wörthsee (Kärnten) vom Beginn des 11. Jahrh.[30].
Noticia æcclesiasticarum qua in æcclesia sancti Primi et Feliciani
continentur, quas Abraham uenerabilis episcopus illuc perpetrauit.
Cappe ii, planete vi, humeralia v, stole vi cum fanoribus (!) vi,
dalmatica i, subtile i, coccinea uelamina altarium vi, calices argentei
ii cum patenis, plenarium i, bibliotheca, in duo uolumina diuisa, item
genesis regum, parabole Salamonis, actus apostolorum, apocalipsis
dialogorum ii, missales libri iii, epistolare i, lectionari(um) i,
antiphonari(um) i, psalterium i, expositio super genesim, liber
Vvolfhardi, vita Samsonis, turibulum argenteum i, officiale i.
Absque his sunt ibi alie planete iiii, albe iiii, stole iiii, fanones
iiii, humeralia iiii, calices argentei iii, patene ii, turibulum
cuprinum i, plenarium i, missales libri ii, antiphonarium i, gradale i,
actus apostolorum, psalterium i, omelie iii, dialogorum i, pancalia ii,
velum iii, tapecia ii +cum ipso quem uos dedistis+.
Preter ceteros libros supradictos adhuc gradale i, psalterium i, liber
Mathei, sequentia ii, passionari(um) i, expositio super epistolas ii,
liber Samsonis, passio sanctorum Primi et Feliciani, versari(um) i,
missale i, liber Geronimi presbiteri scriptus Scotigene, ordo ad missam
celebrandam.
Cappe ii, planete ii, subtile i, albe, humeralia v, stole vi, fanones
vi,
turibulos (!) iiii +cum ipso quem uos dedistis+, gerule ii,
Per totum libri..... etis xlii, calices iiii, patene iiii per totum,
Petros (!) cristallinos xv, alios xii.
+Graz.+
+J. Zahn.+
Zur Bischofswahl[31].
Quando episcopus eligitur, quid præparandum et quomodo pulsandum sit,
sicuti factum est cum episcopo Tuelpechio.
Pulsa ad matutinum hora II et ad vespertinum hora VI, postea pulsentur
omnes campanæ, aperiuntur tabulæ[32] non exponuntur sacrae reliquiæ. Da
paramenta rubra et officium cantatur de spiritu sancto et domini[33]
communicant se omnes[34] et postea eligunt, et cum electus est
(episcopus) et si decanus mandat, accendantur duæ candelæ super altari
et tapes extenditur ante illud et tunc sedens ponitur electus episcopus
super altare et cantatur Te deum laudamus, et non ducitur in aulam
episcopalem sed in suæ habitationis domum, donec confirmatio veniat de
Roma.
Wie man ein bischof erwelt, was man richten oder lewtten sol als man
getan hat mit bischoff Tuelwegken.
Lewtt metten vmb ij vnd dy preim vmb vj vnd lewt zwsamen mit allen
glocken vnd thue dy tafel auff, man tregt kein heyltumb heraus vnd gib
rot ornat vnd das ambt singt man von dem heyligen geist vnd dy herrn
speysen sich all vnd darnach erwellen sy vnd so er nu erwelt ist vnd
wenn der techant schafft so zinnt man ij kertzen auff den altar vnd
(leit) ein tebich dafur. So sez man den erwelten bischoff auff den
altar vnnd singt Te deum laudamus vnd man furt in nit gen hof sondern
in des +Tatzen+ hawß biß dy bestattung kumbt von Rom.
+Graz.+
+J. Zahn.+
(Mit einer Beilage.)
Verantwortliche Redaction: A. +Essenwein+. Dr. G. K. +Frommann+. Dr. A.
v. +Eye+.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in
Nürnberg.
Sebald’sche Buchdruckerei in Nürnberg.