1868. Nº. 1. Januar.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
=Ein Kelch und ein Reliquienbehälter in der Sammlung kirchlicher
Geräthe im germanischen Museum.=
Unter den Erwerbungen, welche das germanische Museum in jüngster Zeit
für die Abtheilung der kirchlichen Geräthe gemacht hat, befindet
sich ein Kelch, welcher aus dem 14. Jahrh. herrührt und aus einer
protestantischen Kirche in Franken angekauft wurde, wo er bis heute als
Abendmahlskelch in Gebrauch stand und nur wegen Schadhaftigkeit gegen
einen neuen vertauscht wurde.
Der Kelch (Fig. 1, s. Sp. 3) ist von Silber und vergoldet, mit
getriebenem Fuß und Knaufe und an beiden Theilen mit emaillierten
Silberplättchen belegt. Er hat eine Höhe von 17 Centim. Der Fuß ist
rund, hat einen untern Durchmesser von 12,5 Centim. und zeigt einen
niederen Anlauf, auf welchem sich getriebene Vierpässe in einer
Reihe kleiner viereckiger Felder befinden. Am Fuße, der sich in
elegant geschwungener Linie nach oben verengt, sind vier spitzbogige
Wulste getrieben, unter denen je ein zweiter Wulst die Nasen zu den
Spitzbogen bildet. Die Enden der Spitzbogen stoßen gegen vier abwärts
gekehrte, stark hervorgetriebene Lilien. Unter jedem Spitzbogen ist
ein Rundmedaillon hervorgetrieben und in demselben ein aufgelegtes
Silberplättchen, das, ganz flach modelliert, je drei Figuren zeigt.
Diese Medaillons waren ehemals gänzlich mit durchsichtigem Schmelz
überzogen, der jedoch jetzt sehr stark beschädigt ist, so daß sich
die Art der flachen Modellierung, die nicht durch Treiben, sondern
durch Gravierung entstanden ist, sehr deutlich zeigt. Die Scene eines
Medaillons stellt den sitzenden und segnenden Heiland dar, zu dessen
Seiten Mann und Frau (die Donatoren) knieen. Der Grund des Medaillons
war blau, der Mantel des Heilandes grün, das Untergewand violett.
Das folgende Medaillon zeigt Maria mit dem Kinde sitzend; zu beiden
Seiten dieselben Donatoren. Die Farben der Maria sind die gleichen,
wie bei Christus; das Kleid der Donatorin ist gelb. Die zwei andern
Medaillons zeigen den heiligen Nicolaus und die heilige Katharina
stehend; zur Seite wiederum dieselben Donatoren, die sich also viermal
finden. Die Farben sind auch die nämlichen. Je drei stark perlenartig
hervorgetriebene Punkte füllen die Räume zwischen Medaillons und
Maßwerk aus. Der Grund ist durch eingeschlagene Bunzen aufgerauht.
Ein horizontal gegliederter Ring leitet in den etwas engeren
cylindrischen Ständer über, der in der Mitte durch einen Knauf
unterbrochen ist. Die zwei Cylindertheile des Stieles sind graviert
und tragen in Majuskelbuchstaben die Inschriften oben: ✠ AVE MA.
unten: RIA GRA. Der Knauf ist glatt und besteht aus zwei flachen,
aufeinander gelegten Kugelabschnitten. Aus dem Rande treten sechs
vierpaßförmige Cylinder heraus, die an der Stirnseite sechs gravierte,
mit durchsichtigem Schmelz überzogene Plättchen zeigen, auf denen sich
ein Christuskopf, ein in Halbprofil gestellter bärtiger Kopf und die
Zeichen der vier Evangelisten befinden. Die Thierfiguren sind zwar
ihrer Kleinheit wegen nur eben angedeutet, aber in wenigen Linien sehr
charakteristisch stilisiert, während sowohl die Köpfe am Knaufe, als
die Figuren der Medaillons am Fuße ziemlich handwerksmäßig graviert
sind.
Die Cuppa ist ganz glatt, hat eine obere Weite von 9,8 Centim. bei 6
Centim. Höhe, zeichnet sich aber durch die stramme Linie, in der sie
aufsteigt, aus, und die sich am obersten Rande um eine leise Andeutung
nach außen biegt. Die Form des ganzen Kelches ist bei aller Einfachheit
sehr edel und nachahmenswerth. Sie verbindet Eleganz und strengen
Ernst auf so schöne Weise, daß der Kelch als Muster für ähnliche neue
Kirchengeräthe bezeichnet werden kann.
[Illustration: Fig. 1.]
Die Sammlung von Reliquienbehältern des Museums enthält neben
manchem Schönen ein nicht uninteressantes Stück, dem wir eine
nähere Betrachtung widmen möchten. Bekanntlich sind die Formen der
Reliquienbehälter so verschiedenartig, daß man gerade hier kaum
erstaunt sein wird, eine neue Form zu finden. Das Gefäß, welches in
Fig. 2 abgebildet ist, stammt aus der Jacobskirche zu Nürnberg. Es
ist eine hölzerne, unten etwas abgeplattete Kugel, von etwas über 1
Decimet. Durchmesser, die ungefähr die Form eines Schädels hat, so
daß sie stets als eine falsche Reliquie, nämlich als ein aus Holz
gefertigter Schädel galt. Die Kugel ist mit einem alten Seidenstoffe
überzogen, der an der Vorderseite durch eine längliche, schlitzartige
Oeffnung, die mit Goldborten gesäumt ist, das hier mit weißem Lacke
überzogene Holz zum Vorschein kommen läßt. Das weißlackierte Holz hat
das Ansehen eines stark gebleichten Schädels, ist jedoch von vielem
Küssen nicht nur sehr beschmutzt, sondern der Lack ist auch in der
Mitte fast bis auf das Holz durchgeküßt. Jedenfalls schien der Betrug
ein ziemlich plumper, indem die Verehrenden doch einen Knochen von
lackiertem Holze unterscheiden mußten; auch ist ja ein Schädel nicht
absolut kugelrund.
Der Stoff, womit die Kugel überzogen ist, erschien als so interessant,
daß es wünschenswerth war, ihn, um das Muster vollständig zeichnen
zu können, vom Holze abzulösen, da große Theile durch Falten verdeckt
wurden. Dies wurde unlängst vorgenommen, und es zeigte sich nicht nur
der Stoff, der hier abgebildet ist, in seinem schönen Muster, sondern
auch, daß die daran geknüpfte Voraussetzung unrichtig war, und daß man,
wenigstens bei Anfertigung des Gefäßes, dasselbe nicht als falschen
Schädel anbringen wollte. Es fand sich, daß das Gefäß hohl gedreht ist
und oben eine runde, durch einen passenden Deckel geschlossene Oeffnung
hat. Das Innere ist nicht vollständig glatt, sondern zeigt die vom
Ausdrehen entstandenen Ringe. An all diesen Ringen hafteten Spuren
eines gelblichen, sandartigen Gegenstandes. Es zeigte sich auch, daß
die Kapsel schon früher geöffnet war; denn der genau schließende Deckel
war durch Ansetzen eines scharfen Instrumentes behufs, der Oeffnung
etwas verletzt worden. Es dürfte also die Annahme gerechtfertigt sein,
daß das Gefäß ehemals Erde von heiliger Stelle in sich barg, entweder
aus dem heiligen Lande, oder von der Stätte, wo ein Märtyrer gelitten;
möglich auch, daß sie auf den heiligen Jacobus Bezug hatte, in dessen
Kirche die Kapsel, der, wie der Augenschein zeigt, viele Verehrung
erwiesen worden war, sich befand.
[Illustration: Fig. 2.]
Für die Zeitbestimmung der Entstehung fand sich an der hölzernen
Kapsel, an der übrigens nur die vordere Oeffnung gefärbt ist, nichts
vor; auch die unmittelbar darüber gespannte glatte, grobe Leinwand,
welche das rohe Holz bedeckt, gab keinen Anhaltspunkt dafür. Nur der
Stoff, womit die Kapsel überzogen ist, könnte einen solchen bieten;
allein es läßt sich nicht nachweisen, daß er unmittelbar nach seiner
Anfertigung und nicht erst später auf die Kapsel gezogen wurde. Wir
müssen denselben also für sich betrachten.
Vergleichen wir ihn mit einer Anzahl von Stoffmustern, wie sie Bock
veröffentlicht hat, so zeigt sich, daß derselbe wol im Stil am meisten
Aehnlichkeit mit einigen italienischen Mustern hat (Gesch. d. liturg.
Gewänder, I. Taf., XIV. Musterzeichner des Mittelalters, Taf. I und VI,
Fig. 10 u. 11). Der Grund ist rosa, das Muster darauf gelblichgrün,
die Blumen sind weiß. Eine Beschreibung des Musters ist durch die
Abbildung erspart. Bock setzt diese Muster in’s 13.-14. Jahrh. Wir
wollen einer solchen Autorität in diesem Fache gegenüber unsere Meinung
nur schüchtern dahin aussprechen, daß der Naturalismus, die Schärfe
und Energie der Zeichnung uns nur auf das 14. Jahrh. leiten würde. Es
scheint uns indessen der Vergleich der von Bock publicierten Muster
allein nicht ausreichend, um spanische, maurische, sicilianische und
norditalienische Fabrikate streng von einander zu unterscheiden. Wir
dürfen deshalb nicht geradezu die Frage nach dem Ursprunge dieses
Stoffes dadurch als erledigt betrachten.
+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.
Ein unbekanntes Werk Sebastian Franck’s.
+Ein Beitrag oder Zusatz zur Geschichte seines Lebens und Wirkens.+
Die Schrift, die ich mit voller Ueberzeugung S. Franck zuzusprechen
wage und in ihrer eigenthümlichen Bedeutung als ein Produkt seines
Geistes zu erweisen hoffe, ist keine andere, als die sogen. erste
Egenolffische Sprichwörter-Sammlung vom Jahre 1532. Dieselbe kann
bis zur Stunde fast als unbekannt gelten. Wenigstens findet sich
meines Wissens an keiner Stelle eine eingehendere oder ausführlichere
Mittheilung, als die dürftige Notiz, die ich selbst gelegentlich in
meiner Schrift über Agricola’s Sprichwörter (Schwerin, 1862), S. 76,
gegeben habe. Nicht wesentlich mehr bietet eine neuere Bemerkung
im Serapeum 1866, S. 332, insofern sie ohne nähere Begründung nur
mittheilt, daß diese Sammlung von 1532 in durchaus keiner Beziehung zu
den späteren, umfangreicheren Drucken Egenolff’s von 1548 ff. stehe,
daß sie sogar neben vielfachen, selbst principiellen Abweichungen eine
ganze Anzahl selbständiger, theilweise sonst unbezeugter Sprichwörter
enthalte.
Gerade der Wunsch aber, dieses selbständige Material unmittelbar
und vollständig für das wissenschaftliche Bedürfniß der Gegenwart
auszubeuten, insbesondere auch, soweit es etwa in den Erläuterungen der
Sprichwörter sich verbergen sollte, veranlaßte mich, die wohlwollende
Vermittlung eines durch wissenschaftliche Liberalität mir bewährten
Mannes, J. Franck’s in Annweiler, nachzusuchen, ob ich vielleicht das
ehemals der Landshuter Universitäts-Bibliothek gehörige Exemplar
einsehen und benutzen dürfte.
Seiner keine Mühe scheuenden Fürbitte und der Güte des Münchener
Bibliothek-Vorstandes, Dr. Halm, verdanke ich es in der That, daß ich
das aus Landshut nach München übergesiedelte Kleinod zu Gesicht und
Händen empfangen konnte.
Da ich nun bereits seit Jahren eine vollständige Abschrift sämmtlicher,
mit dem Titel zu reden, 650 Sprichwörter des Werkes nach dem Exemplar
der königl. Bibliothek zu Hannover besaß: so war der proverbielle
Gewinn aus dem Texte und seinen Erläuterungen bald genug gehoben.
Aber für diese im Grunde mechanische Thätigkeit und die so gewonnene
handwerksmäßige Ausbeute würde ich den Raum dieser Blätter kaum
beanspruchen; lieber lege ich hier die schon oben angekündigte
Entdeckung nieder, daß
+Sebastian Franck aus äußeren wie inneren Gründen als Veranstalter
dieser Sammlung heraustritt.+
Ich beginne mit dem Aeußerlichsten.
Die Sammlung ist ihrem wesentlichen Theile, etwa sechs Siebenteln
ihres Inhaltes nach nichts weiter als ein Auszug aus Agricola’s 750
Sprichwörtern. Der Text ist fast überall und, soweit eine Erklärung
beigegeben ist, auch diese großentheils wörtlich aus Agricola
entnommen; eine Entlehnung, die der Sammler am Schluß seiner Vorrede
unbefangen mit den Worten einräumt:
„Seind nun ein mercklich theyl hieuor in Teutscher spraach
vßgangen, soliche zum teyl sampt etzlichen andern also in kürtze
zuuerfassen, hat gůter leut anlangen vermoͤgt. Du woͤllests (leser)
im̄ besten also annemen. Gott geb alles gůt.“
Diese Benutzung des Agricola aber -- Plagiat darf es im Sinne des
16. Jahrhunderts nicht heißen, -- ist weit von der mechanischen Art
entfernt, mit der z. B. Egenolff 1548 und Campen 1550[1] sich an den
Gang Agricola’s angeschlossen haben. S. Franck, oder sage ich zunächst
richtiger: der Veranstalter des Auszugs von 1532, hat erstlich trotz
seines geringen Umfanges mehr sprichwörtlichen Gehalt entlehnt, als die
beiden späteren Compilatoren (Franck circa 600, Campen 500 und Egenolff
1548 nicht ganz 400 Sprüche) und bietet denselben in einer wesentlich
freieren Anordnung; seinen Nr. 110-120 entsprechen z. B. bei Agricola
204, 207, 210, 246, 247, 248, 250, 209, 170, 171, 189.
Seine Erklärung, die in der Regel kleine Gruppen von Sprichwörtern
unter +einem+ Gesichtspunkt zusammenfaßt, hat ferner mit sicherem Takte
alles Unwesentliche ausgeschieden und ist somit in ihrer gedrungenen
Klarheit oft reicher und schlagender als ihre Quelle, Agricola selbst.
Einen noch höheren Grad von Selbständigkeit beurkunden die an Zahl
nicht eben seltenen, anscheinend geringfügigen Abweichungen in
einzelnen Wörtern des Textes und der Erklärung. Sie enthalten theils
geradezu Verbesserungen, theils üblichere oder auch solche Wörter, die
mehr einem jenseits des Mains beheimateten Deutschen geläufig sind.
+Scheidet+ doch, mit Franck, Geschichtbibel 1531, Bl. xx^a, zu reden,
+der Meyn allein hohe vnd nidere Teütschen+.
Rechnet man nun noch hinzu, was ich, wie alles hier blos Angedeutete,
an einem anderen Orte mit ausreichender Vollständigkeit begründen
werde: daß die Sammlung von 1532 einseitige Erklärungen Agricola’s
vervollständigt, sowie mißlungene Deutungen beseitigt und treffendere
an ihre Stelle gesetzt hat, daß sie ferner etwa 70 neue und
willkommene Sprichwörter bietet -- so wird man nicht umhin können,
dem vermeinten Plagiator, der seine südliche Heimat nicht verleugnet,
eine Art proverbiellen Berufes beizulegen. -- Um aber weiter S.
Franck in demselben zu erkennen, sei auf zwei Eigenthümlichkeiten
hingewiesen, die auch seine größere Sammlung von 1541 auf den
ersten Blick kennzeichnen. Es ist dies erstlich das Streben,
gleichartigen Stoff zusammenzudrängen, wofür hier nur auf Nr. 355
hingedeutet sein mag, das in +einer+ Gruppe auf geringem Raume (keine
volle Druckseite) sämmtliche bei Agricola unter Nr. 599 bis 619
verzeichneten Sprichwörter mit alleiniger Ausnahme von 610, 612, 614
zusammenfaßt. Noch mehr aber stimmt zu Franck’s Eigenthümlichkeit, noch
+Franckischer+, möchte ich sagen, ist sodann die relativ häufige und
eigenthümlich gemüthvolle Hinweisung auf die heilige Schrift.
Auch die Sprache S. Franck’s würde wie in ihrem Material, so in ihrem
Satzbau manche Analogieen an die Hand geben; hier stehe nur noch, was
die Sache vollends entscheidet: Anfang und Schluß der Sammlung.
Die Vorrede lautet vollständig:
„Das bei den Alten, die red der menschen, ein spiegel des gemuͤts
genent, wie war das sei, ist jederman vnleugbar, dieweil keyner, so
eins verborgnen gmuͤts, so mann jn reden hoͤret, würt allweg zum teyl
sein natur vnnd eygentschafft auß der red erlernet. Vnnd aber zu wenig
gleich wol als zuuil reden ein mangel, dann wie jhenem die lügen, also
ist disem gemeynlich ein verseumnüs dessen so geredt worden sein solt,
anhengig. Haben daher die alten Philosophi (als Pythagoras, +der seinen
jüngern ettlich jar anfenglich den brauch des redens gar abschlůg vnd
verbot, darmit sie schweigen lernten, vnnd weil jedermann ee reden denn
schweigen wil, sie eh hoͤreten vnd lerneten, dann redten+) vnnütz vnd
uberflüssige red zu meiden, nit on sondere frucht, geleret, das aber,
so sie geredt, gar inn kürtze, das mann Sprichwoͤrter nennet, verfaßt.“
Damit vergleiche man die Schlußworte des schönen Abschnitts über
Pythagoras in Franck’s Geschichtbibel 1531, Bl. xxviii (28)^a: „seinen
schůlern war vor fünff jaren von philosophischen dingen zů reden nicht
gestatt, es wer dann einer eins dings so wol bericht, darzů seine
jünger etlich jar +den brauch des redens gar abgeschlagen vnd verpoten,
damit sy schweigen lerten [ita], vnd weil yederman ehe reden dan̄
hoͤren will, sy ehe hoͤreten vnd lerten dan̄ redten+.“
Aus demselben Abschnitt sind auch die „Pythagore Sprichwoͤrter“
herübergenommen im Text wie in der Erklärung mit fast gleichem
Wortlaute[2], die unter Nr. 645-664 den Schluß der vorliegenden
Sammlung bilden. Ich hebe Anfang und Ende und zwei Sprüche aus der
Mitte heraus. Die geringfügigen Abweichungen der Geschichtbibel setze
ich gleich in Parenthese hinzu:
Nr. 645. Spring nit uͤber die wag. [das ist] tritt nit über das zil
[oder wie wir sprechen] Haw nitt über die stang [schnůr], überfar
die gerechtigkeyt nit.
Nr. 664. In deinem ring trag nit Gottes bild [bildnus]. [das ist]
Mißbrauch den namen Gottes nicht zů jeder sachen [Mißbrauch dich
gottes namens nit leichtfertig zů all dein sachen.]
Nr. 652. Brich nit das brodt. [das ist] Trenn [zertren] keyn
freundtschaft, dann rechte freund sein ein brodt. 1. Cor. 10.
Nr. 653. Setz saltz vff [auff]. In allen hendlen, laß [das ist laß
in all dein worten vnd wercken] einn ernst vnd scherpffe neben der
freundtlicheyt sehen etc. [ita.] [dann saltz můß ymmer neben der
speiß sein, sawr neben sieß].
So weit meine Beweisführung, deren für mich zwingende Kraft ich gerne
auch an Andern sich bewahrheiten sähe.
Sollte aber S. Franck vor dem wissenschaftlichen Urtheil fortan
als Veranstalter dieser Sammlung von 1532 gelten, so ergibt sich
unmittelbar für sein Leben und schriftstellerisches Wirken noch ein und
das andere anziehende Resultat.
Nach dem Druck seiner Geschichtbibel, „vollendet am Fünfften Tag des
Herbstmonats 1531“, wurde Franck bekanntlich aus Straßburg vertrieben.
Er begab sich aber nicht, wie Bischof, S. Franck und deutsche
Geschichtschreibung, S. 14, annimmt, nach Justenfelden; die von dorther
datierte Schrift über das Laster der Trunkenheit erschien bereits 1528,
nicht erst 1531; sein nächster Aufenthaltsort wird vielmehr Frankfurt
gewesen sein, wo die hier besprochene Sammlung „Im Hewmon 1532“
erschien. An demselben Orte wurden gleichzeitig einzelne Abschnitte
aus seiner Geschichtbibel als selbständige Werke gedruckt, muthmaßlich
auch bei Egenolf; so nach Gödeke, Grundriß, S. 112: +Belagerung und
Zerstörung Jerusalem+; vielleicht auch die Ausgabe der +Sieben weisen
auß Grecia+. o. O. u. J. 4.
Eine spätere Ausgabe dieses Schriftchens besorgte jedenfalls Egenolff
im Jahre 1540; s. Bischof, a. a. O., S. 34.
Da nun das große Werk S. Franck’s über die Sprichwörter in demselben
Verlage 1541 erschien, so hätten wir hier die an S. Franck nicht
seltene Erscheinung wiederum zu beobachten, daß er die hervorragenden
Leistungen seiner schriftstellerischen Thätigkeit im Keime Jahre
lang mit sich herumgetragen und für dieselben gedacht und gesorgt
hat. S. Franck verräth sich überdies als Freund der sprichwörtlichen
Rede in jeder seiner Schriften; auch seine große Sammlung von 1541
hat im Wesentlichen denselben Charakter, wie diese an Agricola sich
anlehnende. Was ihm hier der Mansfelder war, das sind ihm für das
Hauptwerk zunächst die Sammlungen aus dem Alterthum von Erasmus u.
a., Neulateiner wie Valentin Vives, Murmelius, H. Bebel und die
niederdeutschen Landsleute Tappius und Tunionis.
Nur zeigt sich darin die größere Reife und Gediegenheit, daß,
während Franck 1532 sein Büchlein noch zum größten Theil mit dem aus
Agricola entlehnten Stoff anfüllt, er 1541 weit über seine Vorgänger
herausgewachsen ist. Ihre dürftigen Vorlagen dienen ihm nur als
Anknüpfungspunkt, um den Stoff mehr als zu verzehnfachen und durch
eingehende Erörterung zu vertiefen.
Vielleicht aber erklärt sich auch hieraus, wie wenig oder vielleicht
gar nicht Franck im Jahre 1541 auf Agricola Rücksicht genommen hat.
Siehe C. Schulze in Herrig’s Archiv 1862, S. 156 und seine treffende
Widerlegung meines bezüglichen Irrthums ebendaselbst, 1863, S. 115 ff.
S. Franck scheint zuweilen Wiederholungen grundsätzlich gescheut zu
haben; die Sprüche der sieben Weisen in seinem Sprichwörterbuche
haben keine oder nur eine äußerliche Namensgemeinschaft mit dem
entsprechenden Abschnitt der Geschichtbibel.
Ich stelle es jedem anheim, diese Thatsache als Argument dafür
zu benutzen, daß S. Franck’s Geschichtbibel die Quelle für die
Egenolffische Sammlung von 1532 gewesen ist, daß er sich selbst nicht
so unmittelbar könne ausgeschrieben haben. Dann können nur subjective
Momente entscheiden, Stil und Gesinnung des Verfassers; die dafür
beizubringenden Einzelheiten scheinen mir immerhin zahlreich genug,
um durch ihre Fülle den Charakter eines objectiven Beweismaterials
anzunehmen.
+Schwerin.+ +Friedr. Latendorf.+
Geistliche Scherze des Mittelalters.