I.

Erste Jugend.

Dort, wo immer der Wind weht, ein zärtlicher Sommerwind, der den

Thymian berührt und heiße Luftwellen über das reifende Korn streifen

läßt, dort, wo Herbst- und Frühlingsstürme die Melodie von Fernweh und

Heimweh singen und die einzigen Töne des Lebens zu bringen scheinen

-- in der weiten Flurhochebene alten weimarischen Landes liegt die

Wasserburg Kapellendorf.

Ein früher Barockbau von fürstlicher Größe steht geborgen hinter

dem Wassergraben. Noch über dem hohen Hause erhebt sich in gerader

Einfachheit die Kemenate. Auf der andern Seite schaut der Normannenturm

ins Dorf. Vor dem Tor beschatten Pappeln den Weg. Im Burghof schmiegen

sich Linden an die Schloßmauern.

In dem kleinen verfallenen Mauergärtlein vor der Kemenate saßen an

einem Vorfrühlingsabend zwei Kinder. Man ließ der Fünfzehnjährigen und

dem Burschen Klemens dies glückliche Vorrecht gern. Niemand war daran

gelegen, ihre Entwicklung zu beschleunigen. Ihnen beiden schien in

ihren innersten Gedanken das Erwachsensein für sie selbst wie eine Art

von Erniedrigung. Sie hatten es im Instinkt, daß junge Unmittelbarkeit

besser ist als die Weisheit derer, die sie verloren.

Klemens rauchte. Nicht, weil es männlich war, sondern weil es ihm so

gut schmeckte wie Äpfel und Birnen. Die gab es noch nicht. Er bot

Leonore eine Zigarette an -- das Dutzend kostete einen Groschen und die

Frühlingsluft verwehte ihre Bitterkeit bald.

„So vor der Konfirmation, es ist ja dumm, das weiß ich. Aber die

Großeltern fänden es gewiß ungut.“

„Du bist doch kein Fräulein, Leonore, und der Pastor pafft den ganzen

Tag. Als ob es was anderes wäre, Zigaretten zu rauchen als Kaffee zu

trinken. Borniert einfach.“

Leonore nahm eine Zigarette. Erstens liebte sie sie ebenso wie Äpfel

und Birnen, zweitens konnte sie nicht wohl ihrem Freunde sagen, daß sie

nicht immer der Konfirmation und der Religion so überlegen war wie in

den Gesprächen mit ihm.

„Dankmar ist wirklich nett, daß er mit dem Vetter nach Weimar ging. Er

langweilt sich doch zum Sterben dabei.“

„Ach, Dankmar. Den haben wir doch gern. Der ist viel ritterlicher als

du, Klemens. Da geht er mit diesem unsäglichen Menschen, mit diesem

Frauenzimmer von einem Gymnasiasten. Es hätte doch viel besser gepaßt,

wenn der statt meiner ein Mädchen geworden wäre.“

„Ja, Leonore, es ist schade, daß du ein Mädchen bist. Mußt einmal

heiraten und so -- das ist wirklich schade um dich.“

„Zum Heiraten werden doch nur die Prinzessinnen gezwungen, Klemens.“

„Aber weißt du, wenn die Mädchen ein gewisses Alter haben, dann ist

es nicht hübsch, sie bleiben ohne Mann. Weil man ihnen doch die

Beweggründe dafür nicht ansieht. Viele mögen das mit den kleinen

Kindern nicht, das ist begreiflich, völlig begreiflich. Ich möchte es

auch nicht.“

„Meinst du vielleicht, alte Junggesellen sind netter als alte Jungfern?“

„Darüber habe ich mich noch nicht besonnen; wenn ich einmal alt bin,

möchte ich wohl Söhne haben.“

„Wenn nur die Konfirmation vorbei wäre; weißt du, der hiesige Pastor,

der sagt immer in seiner Rede: ‚Und ihr, meine Teuern, denen sich nun

die Pforten der Jugend geschlossen haben, meine lieben Jungfrauen,

denkt nicht, der Reichtum und die Ehe seien das wahre Glück.‘ Das muß

man sich so stillschweigend sagen lassen. Als ob man das vom Leben

wollte -- Geld -- Geld -- einen Mann -- na.“

„Er sagt es zu den Landmädchen. Vielleicht ist es da nötig, obwohl sie

doch tun, was sie mögen. Aber ich finde es gänzlich inopportun, daß

man dich von so einem Pfarrer konfirmieren läßt.“ Der junge Landwirt

war noch nicht lange vom Gymnasium fort und liebte Worte der Bildung.

„Ja, weißt du, wir müssen Rücksichten auf die andern Leute nehmen. Doch

sag mal, Klemens, wenn du schon heiraten müßtest, würdest du da mich

heiraten? Ich meine, sehe ich aus wie eine, die mal geheiratet sein

will?“

„Aber behüte, nein. Kein bißchen. Und das ist doch sehr einfach:

Wir würden einander doch nie heiraten. Ich denke es mir entsetzlich

zwangvoll, jemand zu heiraten. Dann schon eine ganz Fremde vor der man

sich sowieso geniert. Da geht es dann in einem. Nun stell dir bloß vor,

ich gehe weg, wenn du konfirmiert wirst; nein das halt ich nicht aus,

wenn du zur Beichte gehen sollst und so. Denk bloß, all das Feierliche.

Nein, das könnten wir doch unmöglich miteinander haben. Wir könnten nie

mehr einander gern haben, wenn wir so eine Komödie aufgeführt hätten.“

„Du bist auch verpflichtet, jemand zu heiraten, der es gern will.“

„Wieso?“

„Nun, als Kavalier verpflichtet. Das gehört sich. Wenn ich ein Mann

wäre, ich würde allen den Hof machen, allen, die beiseite stehen. Weißt

du, die Frauen sind so, die wünschen sich das. Sie sind meist so arm.

Ich kann mir doch noch eine Zigarette nehmen -- ja, die Frauen müssen

das haben, sonst kommen sie sich häßlich und armselig vor. Das tut

einem doch leid. Das verstehst du noch gar nicht. Du müßtest viel mehr

Kavalier gegen Charlottchen sein.“

„Gegen die Tante?“

„Die Tante -- die Tante. Sag doch lieber gleich die Muhme, die Ahne.

Sobald ich konfirmiert bin, nenne ich sie Cousine.“

„Und die Großmutter nennst du dann wohl dein Enkelein?“

„Du tust so unwissend. ‚Großmama‘ klingt sehr schön. Das ist wie -- nun

ja, unsere Wasserburg würden wir auch nicht eine Villa heißen. Eine

Großmutter ist eine Königin. Aber eine Tante? Das scheint mir gerade,

als nennte ich sie eine Kammerjungfer. Es ist würdelos. Frauen müssen

Jugend oder Würde haben ...“

Klemens fragte ein wenig ängstlich: „Leonore, müssen wir nun hinein zu

dem Onkel?“

„Ach, der fragt glücklicherweise nicht viel nach uns, und bald reist er

wieder. Sag mal, Klemens, wie kommen denn wir zu solchen Verwandten?

Der Onkel, der färbt seinen Bart und sein Haar. Das sieht man, so

pechschwarze Haare gibt es gar nicht.“

„Er ist Ire, da gibt es das vielleicht.“

„Nein, er färbt sie. Mir graut es vor dem, ich mag gar nicht essen,

wenn er mit am Tisch sitzt. Die Großeltern, die sehen nicht so, wie das

ist. Wie den nur eine Tante von uns heiraten mochte?“

„Ja -- und besonders, da sie zuerst einen andern lieb gehabt hat.“

„Woher weißt du denn das?“

„Von Papa. Der andere war ein Findelkind, das haben die Großeltern

erzogen. Als der Findling Student war, hat er die Tante lieb gehabt.

Sie kam aber in eine englische Pension, und da hat sie, glaube ich, auf

dem Schiff den Onkel Warren kennen gelernt, den sie dann heiratete.

Da war der Student sehr böse und hat sich recht undankbar gegen die

Großeltern benommen, und dann ist er fort.“

„Hat dir das dein Papa so ohne weiteres erzählt?“

„Bewahre. Einmal, da sang Papa ein paar Verse.“

„Dein Vater singt?“ fragte Leonore erschrocken.

„Du meinst wohl Choräle und Psalmen?

Mein Vater singt schöne, leise Lieder und spielt auf der Gitarre dazu.

Nun, da war einmal ein fremdes Lied -- ich habe es wieder vergessen,

obwohl es mir so gefiel. Ich fragte, von wem das Lied sei, und da sagte

Papa, ein Pflegebruder von ihm hätte es gemacht. Es war ein ganzes Buch

voll Verse da, als er fort in die Welt ging. Sie haben nie mehr von

ihm gehört; aber das Buch müsse wohl noch hier irgendwo liegen, meinte

Papa.“

„Dann werden wir es auch finden. Ich suche morgen. Vielleicht haben

wir der unbekannten und verstorbenen Tante ihren schlechten Geschmack

zu entschuldigen. -- Was sagen wir nun, wenn dieser Enterich von einem

Vetter uns fragt, wo wir gewesen sind. Er dachte doch, ich hätte

Stunden.“

„Wir mußten uns von dem geistreichen Umgang erholen,“ sprach der

Ökonomiepraktikant. „Weißt du, womit mich heute der Vetter George

unterhalten hat? Von den Schönheiten der griechischen Sprache. Er ist

witzig, auf Ehre. Denn die Schönheiten der griechischen Sprache haben

mich von dem Gymnasium erlöst. Hätte ich sie begriffen, so müßte ich

heute noch Pennäler sein ...“

„Kinder, wo findet man euch denn?“

„Hier, Dankmar.“ -- Ein junger Mensch kam raschen Schritts. Er hatte

den Kopf voll brauner Locken wie ein Lützowjäger. -- „Wie war es denn,

Dankmar?“

Dankmar Kurtzen setzte sich auf einen Mauerstein. „Euer Vetter hat

mich gefragt, ob ich ein wirklicher Graf sei. Ob ich im ~Almanach de

Gotha~ stünde. Sonst haben wir nichts geredet. Meint ihr vielleicht,

ich gebe mein schüchternes Verhältnis zur englischen Sprache preis? Und

noch eine Neuigkeit, Kinder -- nächstens kommt eure Cousine Clemence.

Für mehrere Monate. Nun müssen wir alle repräsentieren lernen.“

Sie wurden eifrig. O, die englische Cousine kam -- und alle sollten

wohl nun tun, als seien sie erwachsen! Was sollte man da machen, wie?

Doch Leonore wurde abgerufen. Die Trägerinnen der beliebtesten

Thüringer Namen: Linda und Lydia Wolgezogen, die Töchter des

Kohlenhändlers Wolgezogen, Hildegard Fernkäse, die Tochter des

Kaufmanns Fernkäse, und Alieze Schulze, die Tochter des Herrn Lehrers,

waren zwecks Erledigung einiger Äußerlichkeiten um eine abendliche

Unterredung eingekommen.

Diese Freundinnen ihrer Jugend hatten sich unter den Linden im

Schloßhof eingefunden; um diesen Beratungsplatz baten sie ausdrücklich,

da es ihnen unter den Augen der Frau Oberförster und Großmutter nicht

wohl war. Sie fühlten sich Leonore etwas entfremdet; seit diese nicht

mehr in die Schule ging, sondern beim Pfarrer und bei ihrer Tante

Unterricht hatte, war das Band innigen Verstehens zwar nicht gerissen,

aber doch gelockert.

Linda, Lydia, Hildegard und Alieze unterbreiteten das Anliegen: ob man

künstliche oder natürliche Kränze zur Konfirmation tragen sollte, ob

die Zopfschleifen schwarz oder weiß zu sein hätten, und ob Leonore etwa

einen Umhang anziehen würde, weil der Palmsonntag doch so früh fiele.

Leonore gähnte. Sie sagte, ihre Tante mache ihr das alles, sie nähe

ihr auch das Kleid -- nein, es sei noch nicht fertig, sie hätten ja

diese Woche Besuch gehabt, ach, aber das wäre doch so einerlei mit den

Zopfschleifen und so, sie nähme eine rote.

Linda, Lydia, Hildegard und Alieze lächelten ungläubig. „Im Ernst“

möchte Leonore sprechen.

„Nun ja, im Ernst, es ist doch keine Trauerfeier, wenn wir konfirmiert

werden, ich nehme eine rote Schleife.“

Hildegard, Lydia, Linda und Alieze lächelten wieder. Aber diesmal

glitzerte das Lächeln nur in ihren Augen, geheimnisvoll wie ein

Freimaurerzeichen. Und wie es mit den Kränzen sei.

„Ich setze keinen Kranz auf.“

„Was?“ rief Lydia. „Keinen Kranz? Du willst keinen Kranz aufsetzen?

Nee, so grad wie e Hund willst du gehn?“

Die Genossinnen erschraken. Drei Augensignale lichterten über Lydia hin.

„Ein Hund ist ein schönes Tier,“ sprach Leonore, „aber ich setze keinen

Kranz auf, weil der Pfarrer schon sowieso immer von Brautkränzen redet.

Eigentlich könnte mir eine von euch einen Gefallen tun.“

„Gern sind wir dazu bereit.“

„Nun also: Ihr wißt doch, wenn ein Waisenkind dabei ist, so sagt der

Pfarrer jedesmal, daß es zu beklagen sei und denen, die sich seiner

erbarmt, zu Dank verpflichtet. Ich mag das nicht hören -- und selbst

darum bitten mag ich auch nicht. Wer tut’s?“

Die Freundinnen blickten einander fassungslos an. Dann erhielt Linda,

welche die Klügste war, einen Puff von ihrer Nachbarin. Linda faßte

sich: „Die Pfarrer müss’ spreche was in ihren Büchern steht. Da kann ma

nichts ändern. Das sind so Bräuche --“

„Gott, doch nicht jedes Wort ist ein Brauch. Das an das Waisenkind soll

doch eine Freundlichkeit sein. Ich mag sie aber nicht, denn dann heulen

alle, als ob ich ein Verdammtes wäre. Seht ihr denn nicht ein, daß ich

das nicht mag?“

Nein, weder Linda noch Lydia noch Alieze, von Hildegard gänzlich zu

schweigen, sahen es ein. „Da kann ma sich nicht einmischen.“

„Na, dann tut es mein Vetter.“

Die Freundinnen gaben sich das Freimaurerzeichen. „Ooch -- dein Vetter?

Der ist wohl dei Bräutgam?“ sagte Alieze, „steckst ja immer mit ihm

zusammen.“

„Mein Vetter ist er,“ sagte Leonore hochmütig und kalt.

Dieser Ton veränderte den Ton der Freundinnen. Lydia sagte: „Dein Onkel

aus England das ist ein feiner Herr, sprech’ch. Und so freindlich.“

„Woher kennst du denn meinen Onkel?“

„Gelle Linda, er hat unserer Milda eine Brosche geschenkt. Fein,

sprech’ch.“

„Der Milda? Mein Onkel?“

„Ich höre schon, du hast’s nich neet’g so zu schreien; zu meiner Milda

hat dein Onkel gesprochen, sie därf nach England kumme, wenn sie will.

Das Reisegeld, das schickt er ihr. Weil die Milda so anstell’g is, so

ein feines Mädchen. Joe, in seinem Hause, da gäbe es wohl eine Stelle

fir meine Milda.“

Linda unterbrach die Schwester. „Dein Onkel hat gesprochen, was die

deitschen Mädchen sin, das sin die besten.“

Leonore wurde das Lob des Onkels langweilig. „Na, wißt ihr sonst

nichts?“

„Ob du weiße oder schwarze Handschuhe anziehst, möchten wir wissen.“

„Nun ja, an die Rechte einen schwarzen und an die Linke einen weißen,

denn sie weiß nicht, was die Rechte tut.“

Hatte die rote Zopfmasche Lydia und Hildegard abgestoßen, der mangelnde

Kranz Linda entfremdet, so raubte diese Blasphemie von dem schwarzen

und weißen Handschuh Aliezens letztes sympathisches Verstehen. Vier

Augenpaare gaben sich das Freimaurerzeichen. -- --

* * * * *

Gott sei Dank, sie sollte in kein Pensionat kommen. Der Großvater

wollte es nicht. Sie könne ja beim Pastor Stunden nehmen und bei der

erwarteten Cousine besser Englisch lernen. Und auch, nun müsse sie

sich nicht gleich mit Wirtschaften abgeben. Das hätte noch Zeit.

O, was war der Großvater für ein Mann. Drei Tage voll Entsetzen

lagen hinter Leonore. Charlottchen hatte sie wieder Tante genannt,

die Großmutter alles weniger als verehrt. Denn diesen beiden war es

eingefallen, sie in eine Pension tun zu wollen. O was war der Großvater

für ein Mann. Und was war Dankmar Kurtzen für ein Freund. Er hatte der

Tante und der Großmutter gesagt: Meine Damen, ich könnte Ihnen nie

wieder die Hand küssen, wenn Sie Leonore fortschickten. Da mußte die

Großmama sehr lachen.

Leonore ging mit gehobenen Empfindungen. Wie erbärmlich fielen doch

die Aliezen, Lindas und Hildegards aus dem Dorf ab neben Dankmar. Auch

neben Klemens. Der hatte erklärt, er würde in jedes Pensionat einen

Warnbrief vor Leonore schreiben, so daß man sie einfach nicht nehme.

Ja, Leonore hatte Ursache, mit gehobenen Gefühlen zu gehen, und sie

wanderte hinaus vors Dorf, zu einem kleinen Hause, das ein gebrochenes

Dach hatte und das noch einen Freund umschloß: den alten Einwaldt.

Er war früher Lehrer gewesen, und Leonore schätzte seine Bildung

sehr hoch. Jetzt beschäftigte er sich mit der Bienenzucht und las

freigesinnte Zeitschriften, woran er Leonore teilnehmen ließ. Er hatte

einen Sohn, doch der war zu Leonores Freude nicht da, sondern gehörte

in Berlin einer Gemeinschaft an, die neue Moralen erfand und verfaßte,

wie der Lehrer sagte.

Diesem alten Einwaldt mußte die Gefahr, der Leonore entronnen war,

mitgeteilt werden. Er war in seinem Garten und trippelte um das

Bienenhaus.

„Ach Sie sind’s, Lenorchen, ma hat Sie ja garnich mehr gesehen.“

Leonore erzählte die Gründe. Eifrig, ja geradezu dramatisch trug sie

die Gefahr vor, der sie entronnen war.

Der Alte nahm teil. „Was hätte mich das geschmerzt, wenn Sie

fortgemacht wären, Lenorchen.“

„In so dummen Mädchenschulen, was lernt man denn da? Ein Aff’ wird man.

Erzählen Sie mir doch weiter, Herr Einwaldt, von neulich, wissen Sie.

Wir sind gerade bei dem Archäopteryx stehen geblieben. Ich weiß noch

alles. Kommen wir jetzt nicht bald zu den Menschenaffen?“

„Ach du liebe Zeit, Sie haben zu große Eile. Mit den Vögeln hört doch

eine Entwicklung auf. Itze müssen wir schon langsam wieder zurückgehn

und mit einer andern Familiche anfangen.“

„Sie haben gut reden von Eile. Sie wissen alles, und ich weiß so wenig.

Wie heißt das Äfflein, das Tonleitern singen kann und auf zwei Beinen

laufen und das aussieht wie ein mageres Seiltänzerkind?“

„Das ist der Gibbon.“

„Nun ja, also, von dem will ich hören, und von den Schimpansen. Die

sind fein, die haben so treuherzige Gesichter. Mancher Mensch könnte

froh sein, wenn er so aussähe.“

Indessen, der alte Einwaldt war heute nicht auf Schimpansen gestimmt.

Die Tageszeitung, die er hielt, hatte ihm einen großen Ärger durch eine

okkulte Geschichte gemacht, die in gläubigem Ton erzählt war. Er schob

sein Käppchen hin und her, spuckte verächtlich aus und sagte: „Die

Menschen wollen oder sollen mit Gewalt wieder dumm werden. Nun fängt

man gar von neuem an, an Gespenster und Halluzinationen zu glauben. Ich

bin froh, daß ich nicht mehr lang mittun muß.“

„Aber, Herr Einwaldt, es ist doch etwas sehr Interessantes, daß ein

Mensch solche Erscheinungen haben kann.“

„Noch keiner hat aber damit etwas anderes gesehen, als was sowieso zu

sehen möglich ist. Du liebe Zeit, Goethe hat ja einmal ein hibsches

Frauenzimmerchen vor seinem Gartenhause den Weg kehren sehen. Ja, mein

liebes Lenorchen, das wird wohl öfter passiert sein, daß ein hibsches

Frauenzimmerchen sein Wesen da draußen trieb und seine Bossen mit ihm

hatte.“

Das Gespräch ging noch eine Weile. Dann sagte Leonore: „Wissen Sie,

Herr Einwaldt, wir machen uns jetzt eine Sternwarte. Graf Kurtzen hat

es uns gesagt, wir können im Normannenturm so etwas einrichten, wie

der alte Weigel einmal in Jena, so daß man am Tage die Sterne sieht.

Das wird fein.“

„Zerbrecht Euch nur nicht Arm und Bein dabei.“

„Wir können alle klettern. Aber nun muß ich heim. Ja. Guten Abend --“

Nach Tisch traf Leonore die Freunde auf dem Mauergärtlein. Klemens war

sehr aufgeregt -- er hatte das Buch des Studenten gefunden. In der

Bibliothek war es in einem Schrank gewesen. Klemens brannte darauf, die

Sachen den Freunden mitzuteilen.

Sie sahen das alte Schreibheft an, als wäre es ein Mysterienbuch. In

Kapellendorf, hier an dieser Stelle hatte jemand die aufregendsten

Dinge erlebt. Eine geheimnisvolle Geburt -- eine unglückliche Liebe.

Und nun wußte niemand mehr, wohin der Träger dieser Geschehnisse

gegangen war. Nur dieses schwarze Heft zeugte noch von seiner Existenz.

Sie blätterten darin: Zigaretten 1,80 Mark, eine Krawatte 2,50 Mark,

Bücher 0,50 Mark. -- O -- es war ein Ausgabebuch? Ja, wirklich, außer

solchen Notizen fand sich nur ein schwulstiges Gedicht. Und einige

Briefmarken. Eine Thurn und Taxis von gelber Farbe, eine grüne Bayern

zu zwölf Kreuzern und ein Wertstück des Kirchenstaates, zweifarbig und

so neu, daß es niemand über seine Unechtheit zu täuschen vermochte.

„Ich nehme den Kirchenstaat, wenn wir teilen,“ erbot sich Graf Kurtzen

großmütig. Denn er hatte Freude an dem Gedicht. Er nahm das Buch,

lehnte sich an die Mauer und sagte: „Meine Herrschaften, ich gestatte

mir, Ihnen etwas zu deklamieren.“ Und mit grollender Knabenstimme

begann er zu lesen:

Wie rot diese Mitternacht ist.

Dein Schloß erglüht wie der heilige Gral,

Mein Wille fliegt über brennende Täler,

Mein Herz ist ein einziges Wundenmal,

Der Weltenbrand unser Vermähler.

Wie rot ist die Mitternacht,

Die letzte Mitternacht, Jolanthe.

Siehst du das Flammenmeer sich dehnen,

Ein Brautbett so rubinenrot und warm

Zur Hochzeit, die wir lang ersehnen,

Halt ich dich, Liebste, bald im Arm.

Warum kommst du nicht, ich warte so sehr,

Hast du mich nicht vom Tode errettet?

Hast du mich nicht so liebesschwer

In deinem Schoße gebettet?

Willst du den Weg nicht wagen?

Du weißt, ich darf nicht in das Schloß vom heil’gen Gral,

Ich kann die Not nicht mehr ertragen,

Erlöse mich doch aus des Wartens Qual.

Komm doch zu mir, Jolanthe,

Es ist die letzte, rote Mitternacht.

Meinen Hilferuf verlöscht die Glut,

Die Glut verbrennt meinen sehnenden Mund.

Gib mir dein Blut, trink du mein Blut,

Dann werden wir beide gesund.

Die Arme streck’ ich über den Weltenbrand

Die Arme, die sehnenden Arme,

Über Not und Tod gib mir die Hand,

Du Liebeswarme.

Wie rot die Mitternacht ist,

Die letzte Mitternacht, Jolanthe.

Die Götter sind tot,

Nur unsere Not,

Unsere Liebesnot glüht über Berg und Tal

Als unerlöstes Wundenmal.

Kommst du noch nicht, Jolanthe?

Es ist die letzte, rote Mitternacht.

Mein Herz verbrennt,

Mein Herz zerbricht,

Hörst du mich immer nicht,

Die meine Seele kennt?

Vom roten Himmel fällt das rote Blut

Mein rotes Blut,

Mein letztes Gut.

Wie rot ist die Mitternacht,

wie rot -- --

-- -- die Mitternacht.

Die beiden Jungen konnten sich gar nicht fassen vor Lachen: „Er

war schon wieder getröstet, der Kaspar Mühlfund -- er hat alle

Weltenbrände überlebt. Herrgott, hat der Mensch einen Dusel gehabt.“

Doch Leonore wurde nachdenklich. Wie war das alles wunderlich und

seltsam. Was hatte dieser Mensch gewußt, das ihn schreien ließ vor Qual

und Glück? Denn, so widerspruchsvoll es ihr schien, sie dachte, dieser

Student muß glücklich gewesen sein -- er muß etwas gewußt und gekannt

haben, das verbrannte ihn, und er lächelte dabei und rotes Blut fiel

vom Himmel.

„Leonore, willst du die Bayern oder die Thurn und Taxis?“

Das rief sie in die Wirklichkeit zurück. Sie hatte beide alte Marken

nicht -- und die Wahl mußte überlegt werden.

* * * * *

Die Cousine Clemence war gekommen. Leonores staunende Augen hingen an

ihrem Gesicht. -- Leonores staunendes Herz dachte: ich begreife, warum

der Student schrie vor Glück und Verlangen, wenn ihre Mutter dieser

Tochter einst glich.

Es war nicht die Wahrnehmung, daß die Cousine Clemence die Kleider

einer Königstochter trug; daß aus den Koffern der Cousine Clemence

Seide und Juchten die Fülle kam; daß die Cousine bläulich schwarzes

Haar hatte, eine silberne ~Louis quinze~-Toilettegarnitur, und

viele andere bewunderungswürdige Dinge; auch nicht, daß sie jeden

Morgen und Abend kalt baden mußte und daß der Parfüm von Schirasrosen

sie umgab. Das war es nicht -- obwohl es immerhin etwas war. Obwohl es

immerhin etwas war, daß die Woche sieben Hemden von Spinnwebdünne von

Clemences Zimmer in den Waschhof getragen wurden. Das war es nicht.

Aber die Cousine Clemence hatte einen Mund und Augen, die sahen aus,

als läge in und auf ihnen das Herzeleid der Welt. Die Cousine Clemence

ging, als wandelte sie zwischen Zypressen und steinernen Malen über

ein heiliges Feld. Die Cousine Clemence sprach nicht viel. Wenn sie

etwas sagte, so klang es wohl im Augenblick fremdartig und seltsam,

wiederholte man es sich aber, so blieben es sehr einfache Worte.

Leonore wußte: die Cousine Clemence +wollte+ nicht sprechen. Sie

+wollte+ nicht so sprechen, wie sie gekonnt hätte.

Die Cousine Clemence saß bei Großmama und Charlottchen. Sie sprach

nicht viel, sie stickte an einer Pointlace-Arbeit. Sie lächelte nie und

sie redete nicht viel mit Leonore. Die wußte auch nichts zu antworten

-- sie spielte nicht Tennis, nicht Golf, sie war noch nicht im Ausland

gewesen und hielt keinen Kindergottesdienst. Alles, was Clemence

fragte, mußte mit nein beantwortet werden. Die Cousine Clemence ging

früh am Abend in ihr Zimmer. Von der Kemenate aus konnte man dann wohl

ein Licht bei ihr brennen sehen. Im Mauergärtlein wurde dann von der

Cousine gesprochen. Jeden Abend.

Leonore liebte die schweigsame schöne Cousine. Leonore wußte, sie trug

ein großes Herzeleid. Was für ein Herzeleid? O Gott, nein, niemand

konnte es geben, der sie nicht liebte. Auch war sie fromm, was die

einsam aus langen Tagen ragende Frage nach dem Kindergottesdienst

bewies. Nein, sie konnte nicht um einen verlorenen Gott trauern. Aber

was hat man sonst für Herzeleid?

„Dort, wo die grauen Nebelberge ragen,

Fängt meines Heimatlandes Grenze an --

Und jene Wolken, die nach Mittag jagen,

Sie grüßen Frankreichs fernen Ozean.

Eilende Wolken -- Segler der Lüfte,

Wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte,

Grüßet mir freundlich mein Jugendland.“

Rührend und schrecklich schön umgab das Lied die Cousine, die in

Seidenkleidern von seltsam verblaßten Farben durch die Gärten und den

Schloßhof von Kapellendorf ging, als wandelte sie zwischen Zypressen

und steinernen Malen über ein heiliges Feld --

Da stand der Normannenturm. Leonore hatte sich unterrichtet. Die

Kelten, dieses Volk, dessen Heidenaltäre noch heute aus der Erde ragen,

dieses Volk, dem die Mistel heilig war und das seltsame Formeln für

eine große Trauer hatte, war von der Normandie und der Bretagne aus

herüber nach England gekommen, hatte die dänische Herrschaft zerbrochen

und seine Wahrzeichen aufgerichtet: die Normannentürme. Leonore war

glücklich, so fühlte sich die Cousine doch nicht ganz einsam hier.

Leonore wagte kaum ein Wort an die Cousine. Ein Lindenblatt, das sie

einmal hatte fallen lassen, lag in Leonores Tabernakel, nebst einem

Bleistift von grüner Farbe, den ihr die Cousine erst geliehen, sodann

geschenkt hatte.

„Warum ist denn Eure Cousine so still und traurig?“ fragte Dankmar

Kurtzen.

Klemens antwortete, sie sei wohl zu stolz, um mit Unerwachsenen zu

reden.

O, machte Leonore, und das drückte aus: Ihr könnt sie nie verstehen --

ich allein weiß -- --

„Heimweh kann es nicht sein,“ meinte Kurtzen, „sie war ja ein Jahr in

Leipzig mit dem Herrn Warren. Da hat sie sich sehr gut amüsiert.“

Wie -- die Cousine -- die Cousine, durch deren Herz die Melancholie

einer sozusagen historischen Trauer zog, hatte sich in Leipzig

a--a--müsiert? -- „Wer sagt denn das, Dankmar?“

„Sie selbst.“

Wohl, sie hatte sich amüsiert. Sie wußte nicht, was das Wort hieß --

sie wollte sagen, Leipzig ist eine ganz nette Stadt, sie wollte niemand

kränken. -- „Du, Dankmar, du könntest ihr doch ein wenig den Hof

machen. So -- so wie ein Page, das ist doch -- das muß doch eigentlich

sein.“

Kurtzen lachte laut. „Herrgott, was hast du doch für ein Stilgefühl,

Leonore. Du hast übrigens recht, das gehört sich. Ich will’s mal tun.“

„Ja,“ sagte Leonore langsam, „sie kommt aus einem Land, in dem auf den

Burgen --“

Leonore konnte nicht ausdrücken, wie sie sich das Leben der Clemence

vorstellte -- denn das nie Erlebte geschah, die Cousine kam in das

Mauergärtlein um die Kemenate.

Leonore errötete, als die Cousine erschien. Kurtzen sprang auf. Nur

Klemens behielt einen schönen Gleichmut.

„O mein gnädigstes Fräulein, welche Freude --“

„Ich wußte nicht, daß Sie hier Ihren geheimen Platz haben!“ sagte

Clemence und lächelte ein wenig.

Das Lächeln entflammte Leonore. Sie sagte: „Hier sieht man weit über

das Land, und dort steht der Normannenturm. Wir sind oft des Abends da

--“

„Ja, man sieht weit,“ fand Clemence, und sie setzte sich auf einen

Mauerrand. „Man sagt immer, in Deutschland wird so viel gesungen. Hier

höre ich nie jemand singen, warum tun Sie es nicht?“

„Weil wir darauf warten, daß Sie es tun möchten, gnädiges Fräulein.“

Was Dankmar sich traute. Leonore hätte es nie über die Lippen

gebracht, und er sagte es in aller Ruhe.

„O, ich habe nur eine kleine Stimme. Verstehen Sie ein englisches Lied?“

„Nein, gnädiges Fräulein. Aber hören, mitempfinden kann ich es wohl.“

„Dann will ich lieber ein deutsches Lied singen, das ich von meiner

Mutter weiß. Sie kennen es wohl, denn es ist von hier.“

Nein, niemand kannte, was Clemence sang:

Mein Land liegt still, und hinter den Eichen,

Die unsere Liebe sah’n, versinkt im Schweigen

Mein letzter Tag.

Führe mich du,

Führe mich du, die ich einst gekannt

Mit sanfter Hand

Zur letzten Ruh.

Führe mich du

Durch Nacht und Traum

In unserer Jugend Land zurück.

Gib mir den letzten, letzten Blick,

Gib mir die Hände,

Wir wissen’s kaum,

Was einst uns trennte.

Führe mich du,

Führe mich du, die ich einst geliebt,

Zu jener Ruhe, die kein Schmerz mehr trübt.

Führe mich du,

Führe mich du.

Es war eine leise, klagende Melodie, die sich hinzog wie ein

Volkslied, das weit und schwermütig sich dehnt wie die weiten Wiesen

im Abendscheine -- eine kunstlose Melodie, die sich bei dem letzten

„Führe mich du“ erhob und in Sehnsucht stehen zu bleiben schien, und

die Wiederholung wie ein vertieftes, verklingendes Echo gab.

Nie hätte Leonore vor halbfremden Menschen so gesungen. Nie hätte

Leonore ihre Stimme vor Menschen weinen lassen. Aber sie liebte die

Cousine. Sie dachte sich nichts dabei, daß die Cousine den Grafen

Kurtzen aufforderte, mit ihr ins Zimmer zu gehen und sie auf dem

Klavier zu begleiten.

Für Leonore und Klemens war keine Aufforderung erlassen. Leonore saß

still und dachte an ferne Dinge. Klemens aber plauderte: „Das Lied ist

natürlich von dem Studenten. Wenn ich doch seinen Namen wüßte. Er war

ein Findelkind -- sie nannten ihn Mühlfund, weil man ihn droben neben

der alten Windmühle ausgesetzt fand. Der Vater meinte, er wird seinen

Namen später geändert haben.“

Was kümmerte das Leonore. Sie dachte nur: die Cousine ist unglücklich

-- sie hat etwas Schweres erlebt -- ein Schicksal. Und sie ist so schön.

* * * * *

Leonore hatte gerade mit dem alten Einwaldt eine wichtige Unterredung

über Tod und Unsterblichkeit gehabt und kam angeregt und ein wenig

eilig über die Gemüsegärten nach dem Schlosse zu. Man brauchte nicht zu

wissen, wo sie gewesen war -- es könnte die Großeltern kränken, denn

sie hielten den alten Einwaldt für einen Spötter. Diese Meinung wollte

Leonore gewiß bald berichtigen, aber vorerst ging sie doch zu dem alten

Einwaldt wie Nikodemus zum Herrn.

Sie kam an der Gartenfrau vorüber, die raufte das Unkraut auf den

Gemüsebeeten aus. Dabei seufzte sie so vernehmlich, daß Leonore stehen

blieb und sagte: „Ja, Frau Zeine, was haben Sie denn?“

Frau Zeine war eine echte Thüringerin, darum hatte sie das Bedürfnis,

es mit Gesten und Seufzen kundzutun, daß sie ein Kummer drücke.

Das kannte Leonore an den Leuten. Aber Frau Zeine war sonst eine

freundliche Frau, die den Kopf oben behielt, und so fragte Leonore noch

einmal.

Frau Zeine rang sichtlich mit Entschlüssen. Sie warf die Unkrautstauden

leidenschaftlich heftig nach dem Haufen, zog ihr Kopftuch zurecht,

richtete sich auf und sah Leonore an.

„Nun, was ist es denn?“

Frau Zeine sprach: „Ich muß mei Herze erleichtern. Wenn ich so die

Arde hacke, sprach ich for mich, die Leite habens in Mitteln, die kenn

was tun. Sprach ich for mich, was die alten Leite sin, die derfen das

nicht erfahren. Hat doch ihr Herze an den seligen Freilein, was nune

gestor’m is, gehang. Das fremde Freilein verstaht unsereens nich, wo

die zu Hause is, da kenn sie nich ordentlich sprache. Und was der Herr

Klemens is, so is er e Spaßvogel, immer voll Bossen. Mit denn kann’ch

nichts Arnsthaftes sprache. Das Freilein Leonore hat e Herze für

unsereens, zu der kunnt’ch sprache, aber sie is so jung, joe -- ich waß

nich --“

Frau Zeine hielt inne und sah ratlos auf Leonore. Leonore aber sah

ratlos auf Frau Zeine. „Ich verstehe nicht recht, Frau Zeine, was

wollen Sie mir denn sagen?“

„Ich waß nicht, ich ferchte, Sie sin zu jung da derfier.“

Leonore machte eine Geste. Diese Bewegung drückte aus: ich kenne

das Leben. Ich weiß alles. Ich bin jung, ja -- ich bin deshalb dazu

vorhanden, die Großeltern und die Cousine zu schützen. „Nun reden Sie

ordentlich, Frau Zeine. Was haben Sie?“

„Ich ho nichts. Aber ich bin doch der Milda seine leibliche Tante. --

Ach, was sich das Mächen härmt, das is nicht zu sprachen.“

„O die Milda? Was fehlt denn der Milda?“

„A Hamführer fehlt der Milda,“ sagte Frau Zeine mit Entschluß.

Leonore setzte sich auf den Rain. Sie lachte. „Auf einen Heimführer

kann sie mit ihren siebzehn Jahren schon noch warten.“

Die Zeine richtete sich gerade auf. „Der Milda hat ma ein Malöhr

angetan, der Milda hat ma ihr Kränzche genumme, die Milda kummt in

Schimpf und Schande.“

Leonore mißfiel diese Offenbarung sehr. „Davon will ich nichts wissen,

davon schweigen Sie nur.“

„Hätt’ch schune. Aber wo es der Herr Onkel aus den Auslande is -- da

därf ich sprache.“

„Mein Onkel?“

„Ich schweere. So wahr ein Gott im Himmel lebt, joe!“

„Ist das wahr?“

„Ich schweere.“

„Warten Sie, Frau Zeine, ich schicke Ihnen meinen Vetter. Das sind

Männerangelegenheiten.“

„Ja, leider Gott’s,“ sprach Frau Zeine und begann wieder die Erde zu

hacken.

Leonore durchquerte den Gemüsegarten, die Straße, den Ökonomiehof.

Klemens war gerade beim Heuabladen. Sie rief ihn an: „Klemens, geh in

den Garten zu der Zeine. Und dann komm zu mir ins Mauergärtlein. Geh

rasch, ~c’est une affaire bien terrible~.“

„Mit der Zeine?“

„Ja, mit der Zeine.“

Klemens sah in Leonores verstörtes Gesicht. „Ja, ich komme dann gleich

zu dir in den Garten --“

Dort wartete Leonore. Das sind Männerangelegenheiten, hatte sie zu

der Zeine gesagt -- sie wußte nicht, woher ihr das Wort eingefallen

war. Sie dachte flüchtig: über so etwas redet man doch nicht mit einem

Jungen. Doch nein -- die Großeltern, die durften das nicht erfahren.

Kapellendorf · 第 7 / 43 题