ICH befand mich IM GEIST in Saardam, das ich im vergangenen Jahr besucht
habe. Schnee bedeckt die Erde. Ein ganz kleines Mädchen ging schleifend
über die harte Erde und richtete seine Schritte glaube ich nach dem Haus
Peters des Großen. Ihr majestätisches Profil hatte etwas Bourbonisches. Ihr
Hals von strahlender Weiße ragte zur Hälfte aus einem Schwanenpelzkragen.
Mit ihrer kleinen rosigen Hand schützte sie eine angezündete Lampe vor dem
Wind und wollte an der grünen Haustür klopfen, als eine magere Katze daraus
hervorkam, sich in ihre Beine verwickelte und sie zum Fallen brachte. --
»Schau, es ist nur eine Katze!« sagte das kleine Mädchen und stand wieder
auf. -- »Eine Katze, das ist auch etwas!« antwortete eine sanfte Stimme.
Ich wohnte dieser Szene bei und trug auf meinem Arm eine kleine graue
Katze, die zu miauen anfing. »Sie ist das Kind dieser alten Fee!« sagte das
kleine Mädchen. Und sie trat in das Haus.
In dieser Nacht flog mein Traum zuerst nach Wien. Bekanntlich erheben sich
auf jedem Platz dieser Stadt große Säulen, die man Gnadensäulen nennt.
Wolken aus Marmor sammeln sich, die die salomonische Ordnung darstellen und
tragen Erdkugeln, auf denen sitzende Gottheiten thronen. Plötzlich mußte
ich, o Wunder, an diese berühmte Schwester des Kaisers von Rußland denken,
deren kaiserliches Palais ich in Weimar gesehen habe. -- Eine von Süßigkeit
erfüllte Melancholie ließ mich die farbigen Nebel einer norwegischen
Landschaft in grauem, sanftem Licht sehen. Die Wolken wurden durchsichtig
und ich sah, wie sich vor mir ein tiefer Abgrund auftat, in den sich tobend
die Fluten der eisigen Ostsee stürzten. Es schien, daß sich die ganze Newa
mit ihren blauen Wassern in diese Erdspalte ergießen müsse. Die Schiffe von
Kronstadt und St. Petersburg zerrten an ihren Ankern und schienen bereit zu
sein, sich loszureißen und in diesem Schlund zu verschwinden, als ein
göttliches Licht von oben diesen trostlosen Vorgang erhellte.
Unter dem lebhaften Strahl, der durch den Nebel drang, sah ich sogleich den
Felsen erscheinen, der das Standbild Peters des Großen trägt. Über diesem
festen Sockel gruppierten sich die bis zum Zenith reichenden Wolken. Sie
waren beladen mit strahlenden und göttlichen Gestalten, unter denen man die
beiden Katharinen und die heilige Kaiserin Helene unterschied, die von den
schönsten Fürstinnen Rußlands und Polens begleitet waren. Ihre sanften
Blicke waren nach Frankreich gerichtet und überwanden den Raum mit Hilfe
von langen Ferngläsern aus Kristall. Ich sah dadurch, daß unser Vaterland
der Schiedsrichter im orientalischen Streit sein würde, und daß sie seine
Lösung erwarteten. Mein Traum schloß mit der süßen Hoffnung, daß uns
endlich Friede gegeben würde.
So ermutigte ich mich zu einem kühnen Versuch; ich beschloß, den Traum
festzuhalten und sein Geheimnis zu erfahren. Warum, so sagte ich mir, soll
ich nicht mit meinem ganzen Willen gewappnet endlich diese mystischen Tore
bezwingen und meine Sensationen beherrschen, anstatt ihnen zu unterliegen?
Ist es nicht möglich, diese anziehende und furchtbare Chimäre zu bändigen,
diesen Geistern der Nächte, die mit unsrer Vernunft spielen, eine Regel
aufzuerlegen? Der Schlaf nimmt ein Drittel unseres Lebens ein. Er ist der
Trost für die Mühen unsrer Tage oder die Buße für ihr Vergnügen; aber ich
habe nie empfunden, daß der Schlaf Ruhe sei. Nach einer Betäubung von
einigen Minuten beginnt ein neues Leben, losgelöst von Zeit und Raum und
zweifellos dem ähnlich, das uns nach dem Tod erwartet. Wer weiß, ob
zwischen diesen beiden Existenzen nicht ein Band besteht, und ob es für die
Seele nicht möglich ist, es schon hier unten zu knüpfen?
Von diesem Augenblick an bemühte ich mich, den Sinn meiner Träume zu
suchen, und diese Unruhe beeinflußte meine Gedanken im wachen Zustand. Ich
glaubte zu verstehen, daß zwischen der innern und der äußern Welt ein Band
besteht; daß die Unaufmerksamkeit oder die Unordnung des Geistes allein die
augenscheinlichen Beziehungen fälschen -- und daß sich so die Bizarrerie
gewisser Gemälde erklärt, die dem fratzenhaften Widerschein wirklicher
Gegenstände auf bewegter Wasserfläche gleichen. --
So waren die Eingebungen meiner Nächte. Meine Tage vergingen ruhig in
Gesellschaft der armen Kranken, die ich mir zu Freunden gewonnen hatte. Das
Gewissen, das ich nun von den Fehlern meines vergangenen Lebens gereinigt
hatte, gab mir unendliche moralische Freuden. Die Sicherheit der
Unsterblichkeit und der gleichzeitigen Existenz aller Personen, die ich
geliebt hatte, war mir sozusagen zur greifbaren Klarheit geworden, und ich
segnete die Bruderseele, die mich aus dem Schoß der Verzweiflung in die
leuchtenden Bahnen der Religion zurückgeführt hatte.
Der arme Junge, den sein geistiges Leben auf so sonderbare Art verlassen
hatte, empfing eine Pflege, die nach und nach seine Empfindungslosigkeit
besiegte. Als ich erfuhr, daß er auf dem Land geboren sei, verbrachte ich
ganze Stunden damit, ihm alte Dorflieder vorzusingen, denen ich den
rührendsten Ausdruck zu geben versuchte. Ich hatte das Glück zu sehen, daß
er sie hörte und daß er einzelne Teile dieser Lieder wiederholte. Eines
Tages endlich öffnete er eine einzige Sekunde die Augen und ich sah, daß
sie blau waren wie die des Geistes, der mir im Traum erschienen war. Eines
Morgens -- einige Tage danach -- hielt er seine Augen offen und schloß sie
nicht mehr. Er fing gleich zu sprechen an, aber nur mit Zwischenpausen,
erkannte mich, duzte mich und nannte mich Bruder. Indessen wollte er sich
noch immer nicht entschließen zu essen. Als er eines Tages aus dem Garten
hereinkam, sagte er zu mir: »Ich habe Durst!«
Ich holte ihm zu trinken; das Glas berührte seine Lippen, ohne daß er
schlucken konnte.
»Warum«, fragte ich ihn, »willst du nicht essen und trinken wie die
andern?«
»Weil ich tot bin,« sagte er, »ich bin auf jenem Friedhof begraben, an
jenem Platz . . . . .«
»Und wo glaubst du jetzt zu sein?«
»Im Fegefeuer, ich erfülle meine Reinigung.«
Das sind die wunderlichen Ideen, die aus dieser Art Krankheiten
entspringen; ich erkannte in mir selbst, daß ich nicht weit von einer so
absonderlichen Überzeugung entfernt gewesen war. Die Pflege, die ich
empfangen, hatte mich schon der Liebe meiner Familie und meiner Freunde
zurückgegeben, und ich konnte gesünder über die Welt der Einbildungen
urteilen, in der ich einige Zeit gelebt hatte. Jedenfalls fühle ich mich
glücklich durch die Überzeugungen, die ich erlangt habe und ich vergleiche
diese Reihe von Prüfungen, die ich durchgemacht habe, dem, was für die
Alten der Gedanke eines Hinuntersteigens zur Hölle vorstellte.[*]
[Fußnote *: Dieses sind die letzten Worte, die Gérard de Nerval geschrieben
hat.]