DIE Flamme hat diese Reliquien der Liebe und des Todes verschlungen, die
mit den schmerzhaftesten Fibern meines Herzens verknüpft waren. Ich habe
meine Schmerzen und verspäteten Gewissensbisse mit hinaus auf das Land
genommen und suchte durch die Ermüdung des Gehens die Betäubung der
Gedanken, vielleicht auch die Gewißheit eines weniger unheilvollen
Schlummers für die kommende Nacht.
Mit diesem Gedanken, den ich mir vom Traume gebildet hatte, der dem
Menschen eine Verbindung mit der Geisterwelt öffnet, hoffte ich, hoffte ich
immer noch! Vielleicht würde Gott sich mit diesem Opfer begnügen. -- Hier
halte ich ein; es ist zu hochmütig zu behaupten, daß der geistige Zustand,
in dem ich mich befand, nur durch eine Liebeserinnerung verursacht worden
sei. Sagen wir lieber, daß ich mich damit unwillkürlich gegen die ernstere
Reue eines toll vergeudeten Lebens schützte, in dem das Böse recht oft
triumphiert hatte und dessen Fehler ich nur erkannte, wenn ich die Schläge
des Unglücks spürte. Ich fühlte mich nicht mehr würdig an die auch nur zu
denken, die ich im Tode quälte, nachdem ich sie im Leben betrübt hatte, und
deren sanftem, heiligem Mitleid ich allein einen letzten Blick der
Verzeihung verdankt habe.
In der folgenden Nacht konnte ich nur wenige Augenblicke schlafen. Eine
Frau, die sich meiner Jugend angenommen hatte, erschien mir im Traum und
warf mir einen sehr ernsten Fehler vor, den ich früher begangen hatte. Ich
erkannte sie wieder, obgleich sie mir viel älter erschien als in den
letzten Zeiten, wo ich sie gesehen hatte. Gerade das erinnerte mich bitter
daran, daß ich versäumt hatte, sie in ihren letzten Augenblicken zu
besuchen. Es schien mir, als ob sie zu mir sagte: »Du hast deine alten
Verwandten nicht so lebhaft beweint, wie du diese Frau beweint hast. Wie
kannst du dann auf Verzeihung hoffen?« Der Traum wurde verwirrt. Gestalten
von Personen, die ich zu verschiedenen Zeiten gekannt hatte, gingen
geschwind vor meinen Augen vorüber. Sie gingen vorbei, erstrahlten,
verblichen und fielen in die Nacht zurück wie die Perlen eines
Rosenkranzes, dessen Band zerrissen ist. Ich sah dann wie sich unbestimmt
plastische Bilder aus dem Altertum formten, die -- erst flüchtig
hingeworfen -- deutlich wurden und Symbole darzustellen schienen, deren
Gedanken ich nur schwer erfaßte. Nur glaubte ich, daß es bedeuten solle:
Alles das war geschaffen, um dich das Geheimnis des Lebens zu lehren und du
hast es nicht verstanden. Die Religionen und die Sagen, die Heiligen und
die Dichter vereinigten sich, um das verhängnisvolle Rätsel zu erklären,
und du hast schlecht begriffen . . . Jetzt ist es zu spät!
Ich erhob mich voll Entsetzen und sagte mir: das ist mein letzter Tag! Mit
zehnjährigem Zwischenraum kam mir dieselbe Idee, die ich im ersten Teil
dieser Erzählung geschildert habe, positiver und noch drohender wieder.
Gott hatte mir zur Reue Zeit gelassen und ich hatte sie nicht ausgenutzt.
Nach dem Besuch des »steinernen Gastes« hatte ich mich wieder zum Festmahl
hingesetzt!