III.

DIE Flamme hat diese Reliquien der Liebe und des Todes verschlungen, die

mit den schmerzhaftesten Fibern meines Herzens verknüpft waren. Ich habe

meine Schmerzen und verspäteten Gewissensbisse mit hinaus auf das Land

genommen und suchte durch die Ermüdung des Gehens die Betäubung der

Gedanken, vielleicht auch die Gewißheit eines weniger unheilvollen

Schlummers für die kommende Nacht.

Mit diesem Gedanken, den ich mir vom Traume gebildet hatte, der dem

Menschen eine Verbindung mit der Geisterwelt öffnet, hoffte ich, hoffte ich

immer noch! Vielleicht würde Gott sich mit diesem Opfer begnügen. -- Hier

halte ich ein; es ist zu hochmütig zu behaupten, daß der geistige Zustand,

in dem ich mich befand, nur durch eine Liebeserinnerung verursacht worden

sei. Sagen wir lieber, daß ich mich damit unwillkürlich gegen die ernstere

Reue eines toll vergeudeten Lebens schützte, in dem das Böse recht oft

triumphiert hatte und dessen Fehler ich nur erkannte, wenn ich die Schläge

des Unglücks spürte. Ich fühlte mich nicht mehr würdig an die auch nur zu

denken, die ich im Tode quälte, nachdem ich sie im Leben betrübt hatte, und

deren sanftem, heiligem Mitleid ich allein einen letzten Blick der

Verzeihung verdankt habe.

In der folgenden Nacht konnte ich nur wenige Augenblicke schlafen. Eine

Frau, die sich meiner Jugend angenommen hatte, erschien mir im Traum und

warf mir einen sehr ernsten Fehler vor, den ich früher begangen hatte. Ich

erkannte sie wieder, obgleich sie mir viel älter erschien als in den

letzten Zeiten, wo ich sie gesehen hatte. Gerade das erinnerte mich bitter

daran, daß ich versäumt hatte, sie in ihren letzten Augenblicken zu

besuchen. Es schien mir, als ob sie zu mir sagte: »Du hast deine alten

Verwandten nicht so lebhaft beweint, wie du diese Frau beweint hast. Wie

kannst du dann auf Verzeihung hoffen?« Der Traum wurde verwirrt. Gestalten

von Personen, die ich zu verschiedenen Zeiten gekannt hatte, gingen

geschwind vor meinen Augen vorüber. Sie gingen vorbei, erstrahlten,

verblichen und fielen in die Nacht zurück wie die Perlen eines

Rosenkranzes, dessen Band zerrissen ist. Ich sah dann wie sich unbestimmt

plastische Bilder aus dem Altertum formten, die -- erst flüchtig

hingeworfen -- deutlich wurden und Symbole darzustellen schienen, deren

Gedanken ich nur schwer erfaßte. Nur glaubte ich, daß es bedeuten solle:

Alles das war geschaffen, um dich das Geheimnis des Lebens zu lehren und du

hast es nicht verstanden. Die Religionen und die Sagen, die Heiligen und

die Dichter vereinigten sich, um das verhängnisvolle Rätsel zu erklären,

und du hast schlecht begriffen . . . Jetzt ist es zu spät!

Ich erhob mich voll Entsetzen und sagte mir: das ist mein letzter Tag! Mit

zehnjährigem Zwischenraum kam mir dieselbe Idee, die ich im ersten Teil

dieser Erzählung geschildert habe, positiver und noch drohender wieder.

Gott hatte mir zur Reue Zeit gelassen und ich hatte sie nicht ausgenutzt.

Nach dem Besuch des »steinernen Gastes« hatte ich mich wieder zum Festmahl

hingesetzt!

Aurelia, oder, Der Traum und das Leben · 第 23 / 29 题