II.

ICH vermag die Niedergeschlagenheit nicht zu schildern, in welche diese

Ideen mich versetzten. »Ich verstehe,« sagte ich mir, »ich habe das

Geschöpf dem Schöpfer vorgezogen; ich habe meine Liebe vergöttert und habe

nach heidnischen Gebräuchen die angebetet, deren letzter Seufzer Christus

geweiht war. Aber wenn diese Religion die Wahrheit sagt, so kann mir Gott

noch verzeihen. Er kann sie mir zurückgeben, wenn ich mich vor ihm

demütige. Vielleicht kommt ihr Geist wieder in mich zurück!«

-- Ich irrte erfüllt von diesem Gedanken aufs Geratewohl in den Gassen

umher. Ein Leichenzug kreuzte meinen Weg; er richtete sich nach dem

Friedhof, wo sie bestattet worden war; ich hatte die Idee, mich dahin zu

begeben, indem ich mich dem Zug anschloß. »Ich weiß nicht,« sagte ich zu

mir, »wer der Tote ist, den man hier zur Grube geleitet, aber ich weiß

jetzt, daß die Toten uns sehen und hören, -- vielleicht wird er zufrieden

sein wenn er sieht, daß ein Leidensbruder ihm folgt, der trauriger ist als

irgendeiner von denen, die ihn geleiten.« Dieser Gedanke ließ mich Tränen

vergießen und ohne Zweifel glaubte man, daß ich einer der besten Freunde

des Verstorbenen sei. O ihr gesegneten Tränen! Lange Zeit war mir eure

Süßigkeit versagt!

Mein Kopf richtete sich auf und ein Hoffnungsstrahl leitete mich noch

immer. Ich fühlte in mir die Kraft zu beten und genoß sie mit Entzücken.

Ich erkundigte mich nicht einmal nach dem Namen des Toten, dessen Sarg ich

gefolgt war. Der Friedhof den ich betreten hatte, war mir in vieler

Hinsicht heilig. Drei Verwandte meiner mütterlichen Familie waren hier

begraben; aber ich konnte nicht zum Beten auf ihre Gräber gehen, denn sie

waren vor mehreren Jahren in ein entferntes Land an den Ort ihrer Herkunft

geschafft worden. -- Lange suchte ich das Grab Aurelias und konnte es nicht

wiederfinden. Die Einteilung des Friedhofs hatte sich verändert, --

vielleicht hatte sich auch mein Gedächtnis verirrt . . . . Es kam mir vor,

als ob dieser Zufall, dieses Vergessen, meine Verdammnis noch vergrößerten.

-- Ich wagte nicht, den Wächtern den Namen einer Toten zu nennen, auf die

ich religiös kein Recht hatte . . . . Aber ich erinnerte mich, daß ich zu

Hause die genaue Angabe des Grabes aufbewahrte und ich lief mit klopfendem

Herzen hin; ich hatte den Kopf verloren; ich sagte es schon; ich hatte

meine Liebe mit wunderlichem Aberglauben umgeben. -- In einer kleinen

Schatulle, die IHR gehört hatte, bewahrte ich ihren letzten Brief auf. Soll

ich noch gestehen, daß ich aus dieser Schatulle eine Art Reliquienschrein

gemacht hatte, der mich an lange Reisen erinnerte, wo der Gedanke an SIE

mich begleitet hatte: eine in den Gärten von Schubrah gepflückte Rose, ein

aus Ägypten mitgebrachtes Stückchen Band, im Fluß von Beirut gepflückte

Lorbeerblätter, zwei kleine, vergoldete Kristalle, Mosaiken aus der Hagia

Sophia, eine Perle aus einem Rosenkranz und was weiß ich noch? . . .

endlich das Papier, welches man mir am Tag wo man ihr Grab ausschaufelte,

gegeben hatte, damit ich es wiederfinden könne. Ich errötete, ich zitterte,

als ich diese tolle Ansammlung zerstreute. Ich steckte die zwei Papiere

ein, und im Augenblick, wo ich mich aufs neue nach dem Friedhof begeben

wollte, änderte ich meinen Entschluß. -- »Nein,« sagte ich mir, »ich bin

nicht wert, auf dem Grab einer Christin zu knien; fügen wir nicht eine

Entweihung zu so vielen andern.« Und um den Sturm, der in meinem Kopf

tobte, zu besänftigen, begab ich mich einige Meilen außerhalb von Paris in

eine kleine Stadt, wo ich in meiner Jugendzeit einige glückliche Tage bei

alten Verwandten, die inzwischen verstorben waren, verbracht hatte. Ich

wäre oft gern dahin zurückgekommen, um die Sonne bei ihrem Hause untergehen

zu sehen. Es war dort eine von Linden beschattete Terrasse, die in mir auch

die Erinnerung an verwandte junge Mädchen wachrief, zwischen denen ich

aufgewachsen war. Eine von ihnen . . .

Aber wie hatte ich nur daran denken können, diese unbestimmte

Kindheitsliebe der gegenüber zu stellen, die meine Jugend verschlungen hat?

Ich sah die Sonne sich über das Tal neigen, das sich mit Nebeln und

Schatten erfüllte; sie verschwand und badete die Gipfel der Wälder, die die

hohen Hügel krönten, in rötlichen Feuern.

Die düsterste Traurigkeit zog in mein Herz. Ich ging zum Schlafen in eine

Herberge, wo ich bekannt war. Der Wirt sprach mir von einem meiner alten

Freunde, der in der Stadt wohnte und der sich infolge von unglücklichen

Spekulationen mit einem Pistolenschuß getötet hatte . . . . Der Schlaf

brachte mir furchtbare Träume. Ich habe mir ein verworrenes Andenken daran

bewahrt. -- Ich befand mich in einem unbekannten Saal und sprach mit jemand

aus der Außenwelt, -- vielleicht mit dem Freund, von dem ich eben

gesprochen habe. Ein sehr hoher Spiegel befand sich hinter uns. Als ich

ganz zufällig einen Blick hineinwarf, glaubte ich A*** zu erkennen. Sie

schien traurig und nachdenklich zu sein und plötzlich, sei es, daß sie aus

dem Spiegel heraustrat, sei es, daß sie, als sie einen Augenblick vorher

durch den Saal ging, reflektiert wurde, diese sanfte und geliebte Gestalt

befand sich neben mir. Sie reichte mir die Hand, ließ einen schmerzlichen

Blick über mich gleiten und sagte: »Wir sehen uns später wieder . . . . .

im Hause deines Freundes.«

Und einen Augenblick lang stellte ich mir ihre Heirat vor, die

Verwünschung, die uns trennte, und ich sagte mir: Ist es möglich? Käme sie

zu mir zurück? »Hast du mir vergeben?« frug ich mit Tränen. Aber alles war

verschwunden. Ich befand mich an einem öden Ort, auf einer rauhen, von

Felsen besäten Anhöhe mitten im Wald. Ein Haus, das ich zu erkennen meinte,

beherrschte dieses trostlose Land. Ich ging und kam auf unentwirrbaren

Umwegen zurück. Vom Gehen zwischen Steinen und Dornengebüschen ermüdet,

suchte ich mitunter einen sanfteren Weg auf den Fußsteigen des Waldes. --

Man erwartet mich da unten! dachte ich; eine bestimmte Stunde schlug. Ich

sagte mir: ES IST ZU SPÄT und Stimmen antworteten: SIE IST VERLOREN!

Vollkommene Nacht umgab mich, das entfernte Haus glänzte, wie wenn es für

ein Fest beleuchtet und voll rechtzeitig angekommener Gäste wäre. -- Sie

ist verloren! rief ich aus, und warum? . . . . . Ich verstehe, sie hat eine

letzte Anstrengung gemacht um mich zu retten -- ich habe den äußersten

Augenblick verpaßt, wo die Vergebung noch möglich war. Aus Himmelshöhen

konnte sie den göttlichen Gatten für mich erbitten . . . . . Doch was liegt

an meinem Heil? Der Abgrund hat seine Beute empfangen! Sie ist für mich und

für alle verloren! Ich glaubte sie wie unter einem Blitzschein zu sehen,

bleich und sterbend von finstern Reitern fortgezogen . . . . Der Schrei

schmerzlicher Wut, den ich in diesem Augenblick ausstieß, ließ mich ganz

atemlos erwachen.

-- Mein Gott, mein Gott! Um ihretwillen, um ihretwillen allein! Mein Gott!

Vergib! schrie ich und warf mich auf die Knie.

Es war Tag. Durch eine Bewegung, von der ich schwer Rechenschaft ablegen

kann, beschloß ich die beiden Papiere sogleich zu vernichten, die ich am

Vorabend der Schatulle entnommen hatte. Der Brief, den ich beim Durchlesen

wieder mit Tränen benetzte und der Begräbnisschein, der das Siegel des

Friedhofes trug. -- Jetzt ihr Grab wiederfinden, sagte ich mir; aber ich

hätte gestern umkehren sollen; -- und mein unglücklicher Traum ist nur der

Widerschein meines unglücklichen Tages!

Aurelia, oder, Der Traum und das Leben · 第 22 / 29 题