ICH vermag die Niedergeschlagenheit nicht zu schildern, in welche diese
Ideen mich versetzten. »Ich verstehe,« sagte ich mir, »ich habe das
Geschöpf dem Schöpfer vorgezogen; ich habe meine Liebe vergöttert und habe
nach heidnischen Gebräuchen die angebetet, deren letzter Seufzer Christus
geweiht war. Aber wenn diese Religion die Wahrheit sagt, so kann mir Gott
noch verzeihen. Er kann sie mir zurückgeben, wenn ich mich vor ihm
demütige. Vielleicht kommt ihr Geist wieder in mich zurück!«
-- Ich irrte erfüllt von diesem Gedanken aufs Geratewohl in den Gassen
umher. Ein Leichenzug kreuzte meinen Weg; er richtete sich nach dem
Friedhof, wo sie bestattet worden war; ich hatte die Idee, mich dahin zu
begeben, indem ich mich dem Zug anschloß. »Ich weiß nicht,« sagte ich zu
mir, »wer der Tote ist, den man hier zur Grube geleitet, aber ich weiß
jetzt, daß die Toten uns sehen und hören, -- vielleicht wird er zufrieden
sein wenn er sieht, daß ein Leidensbruder ihm folgt, der trauriger ist als
irgendeiner von denen, die ihn geleiten.« Dieser Gedanke ließ mich Tränen
vergießen und ohne Zweifel glaubte man, daß ich einer der besten Freunde
des Verstorbenen sei. O ihr gesegneten Tränen! Lange Zeit war mir eure
Süßigkeit versagt!
Mein Kopf richtete sich auf und ein Hoffnungsstrahl leitete mich noch
immer. Ich fühlte in mir die Kraft zu beten und genoß sie mit Entzücken.
Ich erkundigte mich nicht einmal nach dem Namen des Toten, dessen Sarg ich
gefolgt war. Der Friedhof den ich betreten hatte, war mir in vieler
Hinsicht heilig. Drei Verwandte meiner mütterlichen Familie waren hier
begraben; aber ich konnte nicht zum Beten auf ihre Gräber gehen, denn sie
waren vor mehreren Jahren in ein entferntes Land an den Ort ihrer Herkunft
geschafft worden. -- Lange suchte ich das Grab Aurelias und konnte es nicht
wiederfinden. Die Einteilung des Friedhofs hatte sich verändert, --
vielleicht hatte sich auch mein Gedächtnis verirrt . . . . Es kam mir vor,
als ob dieser Zufall, dieses Vergessen, meine Verdammnis noch vergrößerten.
-- Ich wagte nicht, den Wächtern den Namen einer Toten zu nennen, auf die
ich religiös kein Recht hatte . . . . Aber ich erinnerte mich, daß ich zu
Hause die genaue Angabe des Grabes aufbewahrte und ich lief mit klopfendem
Herzen hin; ich hatte den Kopf verloren; ich sagte es schon; ich hatte
meine Liebe mit wunderlichem Aberglauben umgeben. -- In einer kleinen
Schatulle, die IHR gehört hatte, bewahrte ich ihren letzten Brief auf. Soll
ich noch gestehen, daß ich aus dieser Schatulle eine Art Reliquienschrein
gemacht hatte, der mich an lange Reisen erinnerte, wo der Gedanke an SIE
mich begleitet hatte: eine in den Gärten von Schubrah gepflückte Rose, ein
aus Ägypten mitgebrachtes Stückchen Band, im Fluß von Beirut gepflückte
Lorbeerblätter, zwei kleine, vergoldete Kristalle, Mosaiken aus der Hagia
Sophia, eine Perle aus einem Rosenkranz und was weiß ich noch? . . .
endlich das Papier, welches man mir am Tag wo man ihr Grab ausschaufelte,
gegeben hatte, damit ich es wiederfinden könne. Ich errötete, ich zitterte,
als ich diese tolle Ansammlung zerstreute. Ich steckte die zwei Papiere
ein, und im Augenblick, wo ich mich aufs neue nach dem Friedhof begeben
wollte, änderte ich meinen Entschluß. -- »Nein,« sagte ich mir, »ich bin
nicht wert, auf dem Grab einer Christin zu knien; fügen wir nicht eine
Entweihung zu so vielen andern.« Und um den Sturm, der in meinem Kopf
tobte, zu besänftigen, begab ich mich einige Meilen außerhalb von Paris in
eine kleine Stadt, wo ich in meiner Jugendzeit einige glückliche Tage bei
alten Verwandten, die inzwischen verstorben waren, verbracht hatte. Ich
wäre oft gern dahin zurückgekommen, um die Sonne bei ihrem Hause untergehen
zu sehen. Es war dort eine von Linden beschattete Terrasse, die in mir auch
die Erinnerung an verwandte junge Mädchen wachrief, zwischen denen ich
aufgewachsen war. Eine von ihnen . . .
Aber wie hatte ich nur daran denken können, diese unbestimmte
Kindheitsliebe der gegenüber zu stellen, die meine Jugend verschlungen hat?
Ich sah die Sonne sich über das Tal neigen, das sich mit Nebeln und
Schatten erfüllte; sie verschwand und badete die Gipfel der Wälder, die die
hohen Hügel krönten, in rötlichen Feuern.
Die düsterste Traurigkeit zog in mein Herz. Ich ging zum Schlafen in eine
Herberge, wo ich bekannt war. Der Wirt sprach mir von einem meiner alten
Freunde, der in der Stadt wohnte und der sich infolge von unglücklichen
Spekulationen mit einem Pistolenschuß getötet hatte . . . . Der Schlaf
brachte mir furchtbare Träume. Ich habe mir ein verworrenes Andenken daran
bewahrt. -- Ich befand mich in einem unbekannten Saal und sprach mit jemand
aus der Außenwelt, -- vielleicht mit dem Freund, von dem ich eben
gesprochen habe. Ein sehr hoher Spiegel befand sich hinter uns. Als ich
ganz zufällig einen Blick hineinwarf, glaubte ich A*** zu erkennen. Sie
schien traurig und nachdenklich zu sein und plötzlich, sei es, daß sie aus
dem Spiegel heraustrat, sei es, daß sie, als sie einen Augenblick vorher
durch den Saal ging, reflektiert wurde, diese sanfte und geliebte Gestalt
befand sich neben mir. Sie reichte mir die Hand, ließ einen schmerzlichen
Blick über mich gleiten und sagte: »Wir sehen uns später wieder . . . . .
im Hause deines Freundes.«
Und einen Augenblick lang stellte ich mir ihre Heirat vor, die
Verwünschung, die uns trennte, und ich sagte mir: Ist es möglich? Käme sie
zu mir zurück? »Hast du mir vergeben?« frug ich mit Tränen. Aber alles war
verschwunden. Ich befand mich an einem öden Ort, auf einer rauhen, von
Felsen besäten Anhöhe mitten im Wald. Ein Haus, das ich zu erkennen meinte,
beherrschte dieses trostlose Land. Ich ging und kam auf unentwirrbaren
Umwegen zurück. Vom Gehen zwischen Steinen und Dornengebüschen ermüdet,
suchte ich mitunter einen sanfteren Weg auf den Fußsteigen des Waldes. --
Man erwartet mich da unten! dachte ich; eine bestimmte Stunde schlug. Ich
sagte mir: ES IST ZU SPÄT und Stimmen antworteten: SIE IST VERLOREN!
Vollkommene Nacht umgab mich, das entfernte Haus glänzte, wie wenn es für
ein Fest beleuchtet und voll rechtzeitig angekommener Gäste wäre. -- Sie
ist verloren! rief ich aus, und warum? . . . . . Ich verstehe, sie hat eine
letzte Anstrengung gemacht um mich zu retten -- ich habe den äußersten
Augenblick verpaßt, wo die Vergebung noch möglich war. Aus Himmelshöhen
konnte sie den göttlichen Gatten für mich erbitten . . . . . Doch was liegt
an meinem Heil? Der Abgrund hat seine Beute empfangen! Sie ist für mich und
für alle verloren! Ich glaubte sie wie unter einem Blitzschein zu sehen,
bleich und sterbend von finstern Reitern fortgezogen . . . . Der Schrei
schmerzlicher Wut, den ich in diesem Augenblick ausstieß, ließ mich ganz
atemlos erwachen.
-- Mein Gott, mein Gott! Um ihretwillen, um ihretwillen allein! Mein Gott!
Vergib! schrie ich und warf mich auf die Knie.
Es war Tag. Durch eine Bewegung, von der ich schwer Rechenschaft ablegen
kann, beschloß ich die beiden Papiere sogleich zu vernichten, die ich am
Vorabend der Schatulle entnommen hatte. Der Brief, den ich beim Durchlesen
wieder mit Tränen benetzte und der Begräbnisschein, der das Siegel des
Friedhofes trug. -- Jetzt ihr Grab wiederfinden, sagte ich mir; aber ich
hätte gestern umkehren sollen; -- und mein unglücklicher Traum ist nur der
Widerschein meines unglücklichen Tages!