Ich aber haß ihn nicht!
Und wenn ihn alle lassen,
Ich aber laß ihn nicht!
Ich weiß, er ist wie Erz so hart
Und ist wie Erz auch treu.
Das gibt zu meiner Spielmannsart
Die beste Melodei.
Die andern mögen sagen,
Er sei ein kalter Wicht.
Ich kenn den finstern Hagen,
Die Sippschaft kennt ihn nicht.
Er sprach noch nie ein Wort davon,
Daß er mir gut gesinnt;
Doch hundert Male merkt ich’s schon,
Wie der von Tronje minnt.
Die Liebe, die ihm eigen,
Die weckt nur die Gefahr.
Er scheut sich, sie zu zeigen;
Doch ist sie treu und wahr.
Er spielt ein stolzes Minnelied
Mit seinem guten Schwert.
Ich ward des Lauschens nimmer müd,
Wie oft ich’s auch gehört.
In allen meinen Weisen
Schuld ich den vollsten Klang
Dem Lied, das mir sein Eisen
In hohen Tönen sang.
Dem Helden folgt sein Troubadour,
Dem Winterfrost der Mai --
Es kennt von Tronje Hagen nur
Der Volker von Alzei!
Ernst Weber
Hagen
Unten wiehert ein Roß. Zur steilen Wacht
Empor steigt Hagen mit funkelnder Pracht,
Heiser hat sich der Tag gekräht,
Ein Felsenwind herüberweht.
Lache, du blaue Nacht.
Lorchheim schimmert noch fern am Rhein,
An beiden Ufern mit bleichem Schein
Die milchweißen Häuser hängen,
Die sich im Wasser drängen.
So schwer ist ihm das braune Gold,
Das auf dem Schilde klappt und rollt.
Lang hat er’s nun mühselig gesucht,
Jetzt fühlt er, daß der Schatz verflucht.
Lache, du blaue Nacht.
[Illustration]
Von geneigtem Schilde Gold und Gestein
Platscht in die trüben Wellen hinein
Und schäumend, jubelnd greift die Flut
Mit Armen nach dem kostbaren Gut.
„Nun ist es vorbei!“ Ein Schein noch blinkt
Von dem Gold, das langsam untersinkt.
Und Nixen drohen im Schleiertuch:
„Wohl, der Schatz zerging, doch es blieb der Fluch!
Lache, du blaue Nacht!“
Wilhelm von Scholz
Der versenkte Hort
Es war einmal ein König, ein König war’s am Rhein,
Der liebte nichts so wenig als Haders Not und Pein.
Es stritten seine Degen um einen Schatz im Land
Und wären fast erlegen vor ihrer eignen Hand.
Da sprach er zu den Edlen: „Was frommt euch alles Gold,
Wenn ihr mit euern Schädeln den Hort erkaufen sollt?
Ein Ende sei der Plage, versenkt ihn in den Rhein;
Da bis zum jüngsten Tage mag er verborgen sein.“
Da senkten ihn die stolzen hinunter in die Flut:
Er ist wohl gar geschmolzen, seitdem er da geruht.
Zerronnen in den Wellen des Stroms, der drüber rollt,
Läßt er die Trauben schwellen und glänzen gleich dem Gold.
Daß doch ein jeder dächte, wie dieser König gut,
Auf daß kein Leid ihn brächte um seinen hohen Mut.
So senkten wir hinunter den Kummer in den Rhein
Und tränken frisch und munter von seinem goldnen Wein.
Karl Simrock
Rheinweinlied
Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher,
Und trinkt ihn fröhlich leer.
In ganz Europia, ihr Herren Zecher!
Ist solch ein Wein nicht mehr.
Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen,
Noch wo man franzmännisch spricht;
Da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen,
Wir holen ihn da nicht.
Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle;
Wie wär er sonst so gut!
Wie wär er sonst so edel, wäre stille
Und doch voll Kraft und Mut!
[Illustration]
Er wächst nicht überall im Deutschen Reiche;
Und viele Berge, hört,
Sind, wie die weiland Kreter, faule Bäuche
Und nicht der Stelle wert.
Thüringens Berge zum Exempel bringen
Gewächs, sieht aus wie Wein;
Ist’s aber nicht. Man kann dabei nicht singen,
Dabei nicht fröhlich sein.
Im Erzgebirge dürft ihr auch nicht suchen,
Wenn Wein ihr finden wollt.
Das bringt nur Silbererz und Kobaltkuchen
Und etwas Lausegold.
Der Blocksberg ist der lange Herr Philister,
Er macht nur Wind wie der;
Drum tanzen auch der Kuckuck und sein Küster
Auf ihm die Kreuz und Quer.
Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben;
Gesegnet sei der Rhein!
Da wachsen sie am Ufer hin und geben
Uns diesen Labewein.
So trinkt ihn denn und laßt uns allewege
Uns freun und fröhlich sein!
Und wüßten wir, wo jemand traurig läge,
Wir gäben ihm den Wein.
Mathias Claudius
Die Weinmörder
Im Rheingau treiben die Reben,
Mit einem Kusse lind
Erweckte sie zum Leben
Ein weicher Frühlingswind.
Und grüßend jauchzt der Ferge,
Der auf dem Strome zieht:
„Gott schirm die schimmernden Berge
Und was drauf sproßt und blüht!“
Hoch droben aber im Blauen,
Dort schmunzelt Sankt Urban,
Dort lacht beim Herunterschauen
Manch seliger deutscher Mann.
Dort ruft Herr Karl, der Degen,
Des Rebenbaus Wardein:
„Allvater, gib deinen Segen
Dem Weine am deutschen Rhein!“
Schon will der Herr willfahren
Und schreitet zur Himmelstür,
Da tritt aus den frommen Scharen
Sankt Bonifaz herfür:
„Genug ist, Herr an Weine!
Halt ein, eh dich’s gereut!
Ich kenne die am Rheine,
Das sind gar durstige Leut!
Jetzt beten sie und halten
Dein Wort in Zucht und Scham.
Das kommt vom Wasser, dem kalten,
Das einst beim Taufen ich nahm.
Der Wein tät wieder erwecken
Die Götter, die ich beschwor:
Die trinkgewaltigen Recken
Odhin und Asathor.
Statt Glocken hörte man läuten
Die Becher in Zechers Hand,
Wallfahrer sähe man schreiten
Von Schenke zu Schenke durchs Land.
Die Pfaffen und die Laien
Am sonnigen Ufer des Rheins
Vergäßen auf Glauben und Treuen
Beim Überschwange des Weins.
Drum laß zwei Helfer mich wählen;
Wir tilgen in kurzer Frist,
Was drunt zum Schaden der Seelen
Zu üppig gediehen ist.“
„Sei’s denn, so schafft’s mir Trauer,“
Spricht darauf des Höchsten Mund.
„Gern hätt ich dem rheinischen Bauer
Ein gutes Tröpflein vergunnt!“ --
Im Rheingau treiben die Reben,
Doch all die Frühlingspracht
Traf tief ins junge Leben
Ein Reiffrost über Nacht.
„Das haben,“ so schelten mit Grimme
Die Schiffer im gleitenden Kahn,
„Pankraz, Servaz und der schlimme
Herr Bonifaz getan!“
O. Kernstock
Der Ritter vom Rheine
Ich weiß einen Helden von seltener Art,
So stark und so zart, so stark und so zart;
Das ist die Blume der Ritterschaft,
Das ist der erste an Milde und Kraft,
So weit auf des Vaterlands Gauen
Die Sterne vom Himmel schauen.
Er kam zur Welt auf sonnigem Stein
Hoch über dem Rhein; hoch über dem Rhein;
Und wie er geboren, da jauchzt überall
Im Lande Trompeten- und Paukenschall,
Da wehten von Burgen und Hügeln
Die Fahnen mit lustigen Flügeln.
In goldener Rüstung geht der Gesell,
Das funkelt so hell, das funkelt so hell!
Ob ihm auch mancher zum Kampf sich gestellt,
Weiß keinen, den er nicht endlich gefällt;
Es sanken Fürsten und Pfaffen
Vor seinen feurigen Waffen.
Doch wo es ein Fest zu verherrlichen gilt,
Wie ist er so mild, wie ist er so mild!
Er naht, und die Augen der Gäste erglühn,
Und der Sänger greift in die Harfe kühn
Und selbst die Mädchen im Kreise,
Sie küssen ihn heimlicherweise.
O komm, du Blume der Ritterschaft,
Voll Milde und Kraft, voll Milde und Kraft!
Tritt ein in unsern vertraulichen Rund
Und wecke den träumenden Dichtermund
Und führ uns beim Klange der Lieder
Die Freude vom Himmel hernieder!
Emanuel Geibel
Das Lied vom Rhein
Es klingt ein heller Klang,
Ein schönes deutsches Wort
In jedem Hochgesang
Der deutschen Männer fort:
Ein alter König hochgeboren,
Dem jedes deutsche Herz geschworen --
Wie oft sein Name wiederkehrt,
Man hat ihn nie genug gehört.
Das ist der heilge Rhein,
Ein Herrscher, reich begabt,
Des Name schon wie Wein
Die treue Seele labt.
Es regen sich in allen Herzen
Viel vaterländssche Lust und Schmerzen,
Wenn man das deutsche Lied beginnt
Vom Rhein, dem hohen Felsenkind.
Sie hatten ihm geraubt
Der alten Würden Glanz,
Von seinem Königshaupt
Den grünen Rebenkranz.
In Fesseln lag der Held geschlagen:
Sein Zürnen und sein stolzes Klagen,
Wir haben’s manche Nacht belauscht,
Von Geisterschauern hehr umrauscht.
Was sang der alte Held? --
Ein furchtbar dräuend Lied:
„O weh dir, schnöde Welt!
wo keine Freiheit blüht,
Von Treuen los und bar von Ehren!
Und willst du nimmer wiederkehren,
Mein, ach! gestorbenes Geschlecht
Und mein gebrochnes deutsches Recht?
O meine hohe Zeit!
Mein goldner Lebenstag!
Als noch in Herrlichkeit
Mein Deutschland vor mir lag.
Und auf und ab am Ufer wallten
Die stolzen, adligen Gestalten,
Die Helden, weit und breit geehrt
Durch ihre Tugend und ihr Schwert.
Es war ein frommes Blut
In ferner Riesenzeit
Voll kühnem Leuenmut,
Und mild als eine Maid.
Man singt es noch in späten Tagen,
Wie den erschlug der arge Hagen,
Was ihn zu solcher Tat gelenkt,
In meinem Bette liegt’s versenkt.
Du Sünder! Wüte fort!
Bald ist dein Becher voll;
Der Nibelungen Hort
Ersteht wohl, wenn er soll,
Es wird in dir die Seele grausen,
Wenn meine Schrecken dich umbrausen,
Ich habe wohl und treu bewahrt
Den Schatz der alten Kraft und Art!“
Erfüllt ist jenes Wort:
Der König ist nun frei,
Der Nibelungen Hort
Ersteht und glänzet neu!
Es sind die alten deutschen Ehren,
Die wieder ihren Schein bewähren:
Der Väter Zucht und Mut und Ruhm,
Das heilge deutsche Kaisertum!
Wir huldgen unserm Herrn,
Wir trinken seinen Wein.
Die Freiheit sei der Stern!
Die Losung sei der Rhein!
Wir wollen ihm aufs neue schwören;
Wir müssen ihm, er uns gehören,
Vom Felsen kommt er frei und hehr,
Er fließe frei in Gottes Meer!
Max von Schenkendorf
Erhöre mich!
An dessen Hand die Sonnenmeere laufen,
Erhöre mich, du ewige Ewigkeit,
Du fährst empor, mit Not und Tod zu taufen
Und tünchst mit Blut das Tor der kranken Zeit.
In unser Treiben schlug dein grimmes Schelten.
In unsere Lügen donnerte dein „Nein!“
In unsere wohlgewogenen kleinen Welten
Brach deine Flut zum Niederreißen ein.
O laß uns nicht im Unglücksstrom ersticken,
Erwürg uns nicht, der aller Odem ist,
Und stoß uns nicht von allen Lebensbrücken,
Der du die Brücke in das Leben bist.
Gustav Schüler
[Illustration]