Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei,

Als wär es ein adlig Geschlecht,

Gleich bist du mit glühender Seele dabei:

So dünkt es dich billig und recht.

Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön

Und die Stadt mit dem ewigen Dom:

In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnden Höhn

Und blickst hinab in den Strom.

Und im Strome, da tauchet die Nix aus dem Grund,

Und hast du ihr Lächeln gesehn,

Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund,

Mein Sohn, so ist es geschehn:

Dich bezaubert der Laut, dich betört der Schein,

Entzücken faßt dich und Graus:

Nun singst du nur immer: „Am Rhein, am Rhein!“

Und kehrst nicht wieder nach Haus.

Karl Simrock

Sie sollen ihn nicht haben!

Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein,

Ob sie wie gierge Raben

Sich heiser danach schrein.

Solang er ruhig wallend

Sein grünes Kleid noch trägt,

Solang ein Ruder schallend

In seine Wogen schlägt!

Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein,

Solang sich Herzen laben

An seinem Feuerwein.

Solang in seinem Strome

Noch fest die Felsen stehn,

Solang sich hohe Dome

In seinem Spiegel sehn!

Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein,

Solang dort kühne Knaben

Um schlanke Dirnen frein.

Solang die Flosse hebet

Ein Fisch auf seinem Grund,

Solang ein Lied noch lebet

In seiner Sänger Mund!

Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein,

Bis seine Fluten begraben

Des letzten Manns Gebein!

Nikolaus Becker

[Illustration]

„Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze!“

Wo solch ein Feuer noch gedeiht,

Und solch ein Wein noch Flammen speit,

Da lassen wir in Ewigkeit

Uns nimmermehr vertreiben.

Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,

Und wär’s nur um den Wein,

Der Rhein soll deutsch verbleiben.

Herab die Büchsen von der Wand,

Die alten Schläger in die Hand,

Sobald der Feind dem welschen Land

Den Rhein will einverleiben!

Haut, Brüder, mutig drein!

Der alte Vater Rhein,

Der Rhein soll deutsch verbleiben.

Das Recht und Link, das Link und Recht,

Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht!

Kein Tropfen soll, ein feiger Knecht,

Des Franzmanns Mühle treiben.

Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,

Und wär’s nur um den Wein,

Der Rhein soll deutsch verbleiben.

Der ist sein Rebenblut nicht wert,

Das deutsche Weib, den deutschen Herd,

Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert,

Die Feinde aufzureiben.

Frisch in die Schlacht hinein!

Hinein für unsern Rhein!

Der Rhein soll deutsch verbleiben.

O edler Saft, o lauter Gold,

Du bist kein ekler Sklavensold!

Und wenn ihr Franken kommen wollt,

So laßt vorher euch schreiben:

„Hurra! Hurra! Der Rhein,

Und wär’s nur um den Wein,

Der Rhein soll deutsch verbleiben.“

Georg Herwegh

Bischof Hatto

Fürwahr, es ist kein Zweifel dran,

Daß die Maus gar wohl schwimmen kann:

Denn als Hatto, Bischof von Menz,

Das Korn sammelt in seiner Grenz

Und arme Leute kamen gelaufen,

Um für ihr Geld ihm Korn abzukaufen,

Versperrt er die in einer Scheur

Und ließ sie verbrennen im Feur.

[Illustration]

Als aber die gefangenen Mann

Ihr Jammergeschrei huben an,

Lacht der Bischof von Herzensgrund,

Sprach mit seinem gottlosen Mund:

„Wie schön können die Kornmäus singen!

Kommt, kommt, ich will euch mehr Korn bringen!“

Von Stund an sah er Abenteuer:

Die Mäus liefen zu ihm vom Feur

So häufig, daß niemand konnt wehren,

Sie wollten ihn lebend verzehren.

Darum baut er mitten im Rhein

Einen hohen Turm von rotem Stein,

Den euer viele haben gesehen,

Darauf den Mäusen zu entgehen;

Aber es war verlorne Sach:

Sie schwammen ihm mit Haufen nach,

Stiegen mutig den Turm hinauf,

Fraßen ihn ungebraten auf.

Georg Rollenhagen

Der Mäuseturm

Am Mäuseturm, um Mitternacht,

Des Bischofs Hatto Geist erwacht:

Er flieht um die Zinnen im Höllenschein,

Und glühende Mäuslein hinter ihm drein!

Der Hungrigen hast du, Hatto, gelacht,

Die Scheuer Gottes zur Hölle gemacht.

Drum ward jedes Körnlein im Speicher dein

Verkehrt in ein nagendes Mäuselein!

Du flohst auf den Rhein in den Inselturm,

Doch hinter dir rauschte der Mäusesturm.

Du schlossest den Turm mit eherner Tür,

Sie nagten den Stein und drangen herfür.

Sie fraßen die Speise, die Lagerstatt,

Sie fraßen den Tisch dir und wurden nicht satt!

Sie fraßen dich selber zu aller Graus

Und nagen den Namen dein überall aus. --

Fern rudern die Schiffe um Mitternacht,

Wenn schwirrend dein irrender Geist erwacht:

Er flieht um die Zinnen im Höllenschein,

Und glühende Mäuslein hinter ihm drein.

August Kopisch

Das Tal

Mit dem grauen Felsensaal

Und der Hand voll Eichen

Kann das ruhevolle Tal

Hundert andern gleichen.

Kommt der Strom mit seinem Ruhm

Und den stolzen Wogen

Durch das stille Heiligtum

Prächtig hergezogen.

Und auf einmal lacht es jetzt

Hell im klarsten Scheine,

Und dies Liederschwälbchen netzt

Seine Brust im Rheine!

Gottfried Keller

[Illustration]

Rheinfahrt

Wimpel grüßen, Böller krachen,

Lustig schwimmen wir im Rhein,

Tiefe Boote, leichte Nachen

Wollen uns Geleite sein.

Wohl, nun geht es rauschend weiter,

Lachend Bild, wohin wir sehn,

Die Gestade grün und heiter

Und darüber Rebenhöhn.

Städte mit den alten Zinnen

Laden gastlich uns herzu,

Burgen, die verlassen sinnen,

Ragen einsam, tief in Ruh.

Überall in trauter Nähe

Winkt ein ander Bild herbei,

Eh ich alles übersehe,

Ist es wie ein Traum vorbei.

Martin Greif

Die Zwingburg

Gebrochen ist der alte Twing,

Ringsum ergrünt sein Mauerring,

Der Eppich schwankt im Fenster,

Versunken in der Erde Schoß

Tief unter das besonnte Moos

Sind Ritter und Gespenster.

Wo durch das tiefgewölbte Tor

Die zorn’ge Fehde schritt hervor

Und ließ die Hörner schmettern,

Da hat sich, duftig eingeengt,

Ein Zicklein ans Gesträuch gehängt

Und nascht von jungen Blättern.

Wo wildverträumt Frau Minne stund,

Zerrann auf blauem Wiesengrund

Der kecke Bau des Erkers;

Wo im Verließ der Haß gegrollt,

Ist in das weiche Gras gerollt

Ein Quaderstein des Kerkers.

[Illustration]

Und wo den Teich vom Hügelhang

Herab die trotzge Feste zwang,

Ein finster Bild zu spiegeln,

Da rudert, von der Flut benetzt,

Der Burg zerstörtes Wappen jetzt:

Ein Schwan mit Silberflügeln.

C. F. Meyer

Auf einer Burg

Eingeschlafen auf der Lauer

Oben ist der alte Ritter;

Drüber gehen Regenschauer,

Und der Wald rauscht durch das Gitter.

Eingewachsen Bart und Haare,

Und versteinert Brust und Krause,

Sitzt er viele hundert Jahre

Oben in der stillen Klause.

Draußen ist es still und friedlich,

Alle sind ins Tal gezogen,

Waldesvögel einsam singen

In den leeren Fensterbogen.

Eine Hochzeit fährt da unten

Auf dem Rhein im Sonnenscheine,

Musikanten spielen munter,

Und die schöne Braut, die weinet.

Joseph von Eichendorff

Gute Landung

Düstrer wird’s am Binsenstrande,

Hohl und grün die Wogen ziehn,

Fern ein Regenstrich im Lande

Malt sich an den Wolken hin.

Da im Grau der Nebeldüfte

Winkt es tröstlich aus dem Strom,

In die abendlichen Lüfte

Steigt ein wunderbarer Dom.

Martin Greif

Vor dem Münster

Vom Frühgeläut umsummet,

In hehrer Klänge Strom,

Davor der Markt verstummet,

Steigt vor mir auf der Dom.

Nicht brauch ich einzutreten,

Um andachtsvoll zu sein,

Mich dünkt, ich könnte beten

Hier außen auch allein.

Martin Greif

Sonntags am Rhein

Des Sonntags in der Morgenstund,

Wie wandert’s sich so schön

Am Rhein, wenn rings in weiter Rund

Die Morgenglocken gehn!

Ein Schifflein zieht auf blauer Flut.

Da singt’s und jubelt’s drein;

Du Schifflein, gelt, das fährt sich gut

In all die Lust hinein?

Vom Dorfe hallet Orgelton,

Es tönt ein frommes Lied,

Andächtig dort die Prozession

Aus der Kapelle zieht.

Und ernst in all die Herrlichkeit

Die Burg herniederschaut

Und spricht von alter, starker Zeit,

Die auf den Fels gebaut.

Das alles beut der prächtge Rhein

An seinem Rebenstrand

Und spiegelt recht in hellem Schein

Das ganze Vaterland.

Das fromme, treue Vaterland

In seiner vollen Pracht,

Mit Lust und Liedern allerhand

Vom lieben Gott bedacht.

Robert Reinick

[Illustration]

Rheinbild

Schaum und Brandung, feste Städte,

Burg und Fels und stilles Kloster,

Und die Rebe reift am Hügel,

Und der Wächter grüßt vom Turme,

Und die Wimpel flattern lustig,

Und von hoher Klippe tönt

Wundersam der Lurlei Sang.

Joseph Viktor v. Scheffel

Die Lorelei

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich so traurig bin?

Ein Märchen aus uralten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl, und es dunkelt,

Und ruhig fließt der Rhein;

Der Gipfel des Berges funkelt

Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet

Dort oben wunderbar;

Ihr goldnes Geschmeide blitzet,

Sie kämmt ihr goldnes Haar.

Sie kämmt es mit goldnem Kamme

Und singt ein Lied dabei;

Das hat eine wundersame,

Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe

Ergreift es mit wildem Weh;

Er schaut nicht die Felsenriffe,

Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen

Am Ende Schiffer und Kahn;

Und das hat mit ihrem Singen

Die +Lorelei+ getan.

Heinrich Heine

Die Jungfrau auf dem Lurlei

In alten Zeiten ließ sich manchmal auf dem Lurlei um die Abenddämmerung

und beim Mondschein eine Jungfrau sehen, die mit so anmutiger Stimme

sang, daß alle, die es hörten, davon bezaubert wurden. Viele, die

vorüberschifften, gingen am Felsenriff oder im Strudel zugrunde, weil

sie nicht mehr auf den Lauf des Fahrzeuges achteten, sondern von

den himmlischen Tönen der wunderbaren Jungfrau gleichsam vom Leben

abgelöst wurden, wie das zarte Leben der Blume sich im süßen Duft

verhaucht. Niemand hatte die Jungfrau noch in der Nähe geschaut, als

einige junge Fischer. Zu diesen gesellte sie sich bisweilen im letzten

Abendrot und zeigte ihnen die Stellen, wo sie ihr Netz auswerfen

sollten. Jedesmal, wenn sie den Rat der Jungfrau befolgten, taten sie

einen reichlichen Fang. Die Jünglinge erzählten nun, wo sie hinkamen,

von der Huld und Schönheit der Unbekannten, und die Geschichte

verbreitete sich im ganzen Lande umher. Ein Sohn des Pfalzgrafen, der

damals in der Gegend sein Hoflager hatte, hörte die wundervolle Märe

und faßte eine innige Zuneigung zu der Jungfrau. Unter dem Vorwand,

auf die Jagd zu gehen, nahm er den Weg nach Wesel, setzte sich dort

auf einen Nachen und ließ sich stromabwärts fahren. Die Sonne war eben

untergegangen, und die ersten Sterne am Himmel traten hervor, als sich

das Fahrzeug dem Lurlei näherte. „Seht ihr sie dort, die verwünschte

Zauberin? Das ist sie gewiß!“ riefen die Schiffer. Der Jüngling hatte

sie aber bereits erblickt, wie sie am Abhang des Felsenberges, nicht

weit vom Strome, saß und einen Kranz für ihre goldnen Locken band.

Jetzt vernahm er auch den Klang ihrer Stimme und war bald seiner Sinne

nicht mehr mächtig. Er nötigte die Schiffer, am Fels anzufahren, und

noch einige Schritte davon wollte er ans Land springen und die Jungfrau

festhalten. Aber er nahm den Sprung zu kurz und versank in dem Strome,

dessen schäumende Wogen schauerlich über ihm zusammenschlugen.

Die Nachricht von dieser traurigen Begebenheit kam schnell zu den

Ohren des Pfalzgrafen. Schmerz und Wut zerrissen die Seele des armen

Vaters, der auf der Stelle den strengsten Befehl erteilte, ihm die

Unholdin tot oder lebendig zu liefern. Einer seiner Hauptleute übernahm

es, den Willen des Pfalzgrafen zu vollziehen; doch bat er sich aus,

die Hexe ohne weiteres in den Rhein stürzen zu dürfen, damit sie sich

nicht vielleicht durch lose Künste aus Kerker und Banden befreie. Der

Pfalzgraf war dies zufrieden. Der Hauptmann zog gegen Abend aus und

umstellte mit seinen Reisigen den Berg in einem Halbkreise vom Rheine

aus. Er selbst nahm drei der Beherztesten aus seiner Schar und stieg

den Lurlei hinan. Die Jungfrau saß oben auf der Spitze und hielt eine

Schnur von Bernstein in der Band. Sie sah die Männer von fern kommen

und rief ihnen zu, was sie hier suchten. „Dich, Zauberin,“ antwortete

der Hauptmann. „Du sollst einen Sprung in den Rhein hinunter machen.“

-- „Ei,“ sagte die Jungfrau lachend, „der Rhein mag mich holen.“ Bei

diesen Worten warf sie die Bernsteinschnur in den Strom hinab und sang

mit schauerlichem Ton:

„Vater, geschwind, geschwind,

Die weißen Rosse schick deinem Kind!

Es will reiten mit Wogen und Wind.“

Urplötzlich rauschte ein Sturm daher. Der Rhein erbrauste, daß

weitum Ufer und Höhen vom weißen Gischt bedeckt wurden; zwei Wellen,

welche fast die Gestalt von zwei weißen Rossen hatten, flogen mit

Blitzesschnelle aus der Tiefe auf die Kuppe des Felsens und trugen die

Jungfrau hinab in den Strom, wo sie verschwand.

Jetzt erst erkannten der Hauptmann und seine Knechte, daß die Jungfrau

eine Undine sei und menschliche Gewalt ihr nichts anhaben könne. Sie

kehrten mit der Nachricht zu dem Pfalzgrafen zurück und fanden dort

mit Erstaunen den totgeglaubten Sohn, den eine Welle ans Ufer getragen

hatte.

Die Lurleijungfrau ließ sich von der Zeit an nicht wieder hören,

obgleich sie noch ferner den Berg bewohnte und die Vorüberschiffenden

durch das laute Nachäffen ihrer Reden neckte.

A. Schreiber

Der Drachen-Schläger

Die Trauer barg in schweren Gewölken das Land am Rhein:

Der Drache trug Begehren nach des Königs Töchterlein.

Man konnte sie nicht versagen des wilden Wurmes Gewalt:

Die Helden lagen erschlagen, der König war viel zu alt.

Die schwarze Trauerfahne, sie wallte weit ins Land:

Auf hohem Turm-Altane die schöne Jungfrau stand:

„Fahrt wohl nun, Rosen und Reben! Fahr wohl, du rauschender Rhein:

Nun muß mein junges Leben in den Tod gegeben sein.“

Da nach dem Königsschlosse ein schimmernder Reiter ritt:

Er ritt auf weißem Rosse, drei Schwäne flogen mit.

„Nun laßt das Trauern und Klagen, nun wird das Weh gewandt;

Ich werde den Lindwurm schlagen, Siegfried von Niederland.

Aus eitel Sonnenlichte geschmiedet ist mein Schwert,

Vor mir wird all zunichte das Nachtgewürm der Erd.“

Felix Dahn

Frühgesicht

Im Zwielicht raget Dom an Dom,

An allen Fenstern lauscht’s verstohlen;

Doch auf gedankenleichten Sohlen

Vorüber eilt der Schattenstrom.

Das rauscht und tauschet Hand und Kuß,

Der Sturmhauch rührt verjährte Fahnen

Wie neues Hoffen, altes Mahnen,

Erschauernd wie ein Geistergruß.

Was brav und mannhaft ist, vereint

Zieht es, den letzten Streit zu schlagen;

Es klirrt zu Fuß, zu Roß und Wagen,

Zum Freunde wird der alte Feind,

Und neben Siegfried reitet Hagen.

Gottfried Keller

Siegfrieds Tod

Gunther und Hagen, die Recken wohlgetan,

Berieten mit Untreuen ein Birschen in den Tann:

Mit den scharfen Speeren wollten sie jagen Schwein

Und Bären und Wisende: Was konnte Kühneres sein?

Da ritt auch mit ihnen Siegfried mit stolzem Sinn.

Man bracht ihnen Speise mancherlei dahin.

An einem kalten Brunnen ließ er da das Leben;

Den Rat hatte Brunhild, König Gunthers Weib, gegeben.

Da ließ man herbergen bei dem Walde grün

Vor des Wildes Wechsel die stolzen Jäger kühn,

Wo sie da jagen wollten auf breitem Angergrund,

Da war auch Siegfried kommen: das ward dem König kund.

Von den Jagdgesellen ward umhergestellt

Die Wart nach allen Enden: da sprach der kühne Held,

Siegfried, der starke: „Wer soll uns in den Wald

Nach dem Wilde weisen, ihr Degen kühn und wohlgestalt?“

„Wollen wir uns scheiden,“ hub da Hagen an.

„Ehe wir beginnen zu jagen hier im Tann?

So mögen wir erkennen, ich und die Herren mein.

Wer die besten Jäger bei dieser Waldreise sein.

Leute so wie Hunde, wir teilen uns darein:

Dann fährt, wohin ihn lüstet, jeglicher allein,

Und wer das Beste jagte, dem sagen wir den Dank.“

Da weilten die Jäger bei einander nicht mehr lang.

Da sprach der edle Siegfried: „Der Hunde hab ich Rat,

Ich will nur einen Bracken, der so genossen hat,

Daß er des Wildes Fährte spüre durch den Tann:

Wir kommen wohl zum Jagen!“ so sprach der Kriemhilde Mann.

Da nahm ein alter Jäger einen Spürhund hinter sich

Und brachte den Herren, eh lange Zeit verstrich,

Wo sie viel Wildes fanden. Was des erstöbert ward,

Das erjagten die Gesellen, wie heut noch guter Jäger Art.

Da wurde viel des Wildes vom grimmen Tod ereilt.

Sie wähnten es zu fügen, daß ihnen zugeteilt

Der Preis des Jagens würde: das konnte nicht geschehn,

Als bei der Feuerstätte der starke Siegfried ward gesehn.

Da ließ der König künden den Jägern wohlgeborn,

Daß er zum Imbiß wolle: da wurde laut ins Horn

Einmal gestoßen: damit war nun bekannt,

Daß man den edeln Fürsten bei den Herbergen fand.

Da sprach der edle Siegfried: „Nun räumen wir den Wald.“

Sein Roß trug ihn eben, die andern folgten bald.

Sie ersprengten mit dem Schalle ein Waldtier fürchterlich,

Einen wilden Bären; da sprach der Degen hinter sich:

„Nun will ich uns Kurzweil schaffen auf der Fahrt:

Den Bracken löst, einen Bären hab ich hier gewahrt,

Der soll mit uns von hinnen zu den Herbergen fahren.

Er müßte hurtig fliehen, wollt er davor sich bewahren.“

Da lösten sie den Bracken: gleich sprang der Bär hindann;

Da wollte ihn erreiten der Kriemhilde Mann.

Er fiel in ein Geklüfte: da konnt er ihm nicht bei;

Das starke Tier wähnte von den Jägern schon sich frei.

Da sprang von seinem Rosse der stolze Ritter gut

Und begann ihm nachzulaufen. Das Tier war ohne Hut,

Es konnt ihm nicht entrinnen: er fing es allzuhand,

Ohn es zu verwunden; der Degen eilig es band.

Kratzen oder beißen konnt es nicht den Mann,

Er band es auf den Sattel: aufsaß der Schnelle dann;

Er bracht es an die Feuerstatt in seinem hohen Mut

Zu einer Kurzweile, der Degen edel und gut.

Da ritt der edle Degen stattlich aus dem Tann.

Ihn sahen zu sich kommen, die in Gunthers Bann.

Sie liefen ihm entgegen und hielten ihm das Roß:

Da führt er auf dem Sattel einen Bären stark und groß.

Als er vom Roß gestiegen, löst er ihm das Band

Vom Mund und von den Füßen; die Hunde, gleich zur Hand,

Begannen laut zu heulen, als sie den Bären sahn.

Das Tier zum Walde wollte: das erschreckte manchen Mann.

Der Bär in die Küche von dem Lärm geriet;

Hei! was er von dem Feuer der Küchenknechte schied!

Gerückt ward mancher Kessel, zerzerrt mancher Brand;

Hei! was man guter Speise in der Asche liegen fand!

Da sprangen von den Sitzen die Herren und ihr Bann;

Der Bär begann zu zürnen: der König wies sie an,

Der Hunde Schar zu lösen, die an den Seilen lag:

Und wär es wohl geendet, sie hätten fröhlichen Tag.

Mit Bogen und mit Spießen, man versäumte sich nicht mehr,

Liefen hin die schnellen, wo da ging der Bär;

Doch wollte niemand schießen, von Hunden war’s zu voll:

So laut war das Getöse, daß rings der Bergwald erscholl.

Der Bär wurde flüchtig vor der Hunde Zahl;

Ihm konnte niemand folgen als Kriemhilds Gemahl.

Er erlief ihn mit dem Schwerte, zu Tod er ihn da schlug,

Wieder zu dem Feuer das Gesind den Bären trug.

Da sprachen, die es sahen, er wär ein starker Mann.

Die stolzen Jagdgesellen rief man zu Tisch heran:

Auf einem schönen Anger saßen ihrer genug.

Hei! was man Ritterspeise vor die stolzen Jäger trug!

Da sprach der Herre Siegfried: „Mich verwundert sehr,

Man bringt uns aus der Küche doch so viel daher,

Was bringen uns die Schenken nicht dazu den Wein?

pflegt man so der Jäger, will ich nicht Jagdgeselle sein.“

Da sprach der Niederländer: „Ich sag euch wenig Dank:

Man sollte sieben Säumer mit Met und Lautertrank

Mir hergesendet haben; konnte das nicht sein,

So sollte man uns näher gesiedelt haben dem Rhein.“

Da sprach von Tronje Hagen: „Ihr edeln Ritter schnell,

Ich weiß hier in der Nähe einen kühlen Quell:

Daß ihr mir nicht zürnet, da rat ich hinzugehn.“

Der Rat war manchem Degen zu großen Sorgen geschehn.

Als sie von dannen wollten zu der Linde breit,

Da sprach von Tronje Hagen: „Ich hörte jederzeit,

Es könne niemand folgen Kriemhilds Gemahl,

Wenn er rennen wolle; hei! schauten wir doch das einmal?“

Da sprach von Niederlanden Siegfried, der Degen kühn:

„Das mögt ihr wohl erproben; wollt ihr zur Wette hin

Mit mir an den Brunnen? Wenn der Lauf geschieht,

Soll der uns Sieger heißen, den man den vordersten sieht.“

„Wohl, laßt es uns versuchen,“ sprach Hagen, der Degen.

Da sprach der starke Siegfried: „So will ich mich legen

Hier zu euern Füßen nieder in das Gras.“

Als er das erhörte, wie lieb war König Gunthern das!

Da sprach der kühne Degen: „Ich will euch mehr noch sagen:

All meine Geräte will ich mit mir tragen,

Den Speer samt dem Schilde, dazu mein Birschgewand.“

Das Schwert und den Köcher er um die Glieder schnell sich band.

Ab zogen sie die Kleider von dem Leibe da;

In zwei weißen Hemden man beide stehen sah.

Wie zwei wilde Panther liefen sie durch den Klee;

Man sah bei dem Brunnen den kühnen Siegfried doch eh.

Den Preis in allen Dingen vor manchem man ihm gab,

Da löst er schnell die Waffe, den Köcher legt er ab,

Den Speer, den starken, lehnt er an den Lindenast:

Bei dem fließenden Brunnen, da stand der herrliche Gast.

Siegfrieds Tugenden waren gut und groß.

Den Schild legt er nieder, wo der Brunnen floß:

Wie sehr ihn auch dürstete, der Held nicht eher trank,

Bis der König getrunken; dafür gewann er übeln Dank.

Der Brunnen war lauter, kühl und auch gut;

Da neigte sich Gunther hernieder zu der Flut.

Als er getrunken hatte, erhob er sich hindann;

Also hätte auch gerne der kühne Siegfried getan.

Da entgalt er seiner Tugend: den Bogen und das Schwert

Trug Hagen beiseite von dem Degen wert.

Dann sprang er schnell zurücke, wo er den Wurfspieß fand,

Und sah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand.

Als Siegfried der Degen aus dem Brunnen trank,

Schoß er ihm durch das Kreuze, daß aus der Wunde sprang

Das Blut seines Herzens hoch an Hagens Staat,

Kein Held begeht wieder also große Missetat.

Der Held in wildem Toben von dem Brunnen sprang;

Ihm ragte von den Schultern eine Speerstange lang.

Nun wähnt er da zu finden Bogen oder Schwert,

So hätt er Lohn Herrn Hagen wohl nach Verdienste gewährt.

Als der Todwunde das Schwert nicht wiederfand,

Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand;

Den hob er auf vom Brunnen und rannte Hagen an:

Da konnt ihm nicht entrinnen König Gunthers Untertan.

Wie wund er war zu Tode, so kräftig doch er schlug,

Daß von dem Schilde niederträufelte genug

Des edeln Gesteines: der Schild zerbrach ihm fast.

Wie gern gerochen hätte sich der herrliche Gast!

Gestrauchelt war da Hagen von seiner Hand zu Tal;

Der Anger von den Schlägen erscholl im Widerhall.

Hätt er sein Schwert in Händen, so wär es Hagens Tod:

Sehr zürnte der Wunde; es zwang ihn wahrhafte Not.

Seine Farbe war erblichen, er konnte nicht mehr stehn:

Seines Leibes Stärke mußte gar zergehn,

Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug.

Er ward hernach betrauert von schönen Frauen genug.

Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann:

Das Blut von seiner Wunde stromweis niederrann.

Da begann er die zu schelten, ihn zwang die große Not,

Die da geraten hatten mit Untreue seinen Tod.

Da sprach der Todwunde: Weh, ihr bösen Zagen,

Was helfen meine Dienste, da ihr mich habt erschlagen?

Ich war euch stets gewogen und sterbe nun daran:

Ihr habt an euren Freunden leider übel getan.“

Hinliefen all die Ritter, wo er erschlagen lag.

Das war ihrer vielen ein freudeloser Tag.

Wer irgend Treue kannte, von dem ward er beklagt:

Das hatt auch wohl um alle verdient der Degen unverzagt.

Der König der Burgunden beklagt auch seinen Tod.

Da sprach der Todwunde: „Das tut wohl nimmer Not,

Daß der um Schaden weinet, durch den man ihn gewann;

Er verdient groß Schelten, er hätt es besser nicht getan.“

Da sprach der grimme Hagen: „Ich weiß nicht, was euch reut,

Nun hat zumal ein Ende unser sorglich Leid.

Nun mag’s nicht manchen geben, der uns darf bestehn:

Wohl mir, daß seiner Herrschaft durch mich ein End ist geschehn.

Die Blumen allenthalben wurden vom Blute naß.

Da rang er mit dem Tode, nicht lange tat er das,

Denn des Todes Waffe schnitt ihn allzusehr:

Auch mußte bald ersterben dieser Degen kühn und hehr.

Als die Herren sahen, der Degen sei tot,

Sie legten ihn auf einen Schild, der war von Golde rot.

Da gingen sie zu Rate, wie es sollt ergehn,

Daß es verhohlen bliebe, es sei von Hagen geschehn.

Da sprachen ihrer viele: „Ein Unfall ist geschehn;

Ihr sollt es alle hehlen und einer Rede stehn:

Als er allein ritt jagen, der Kriemhilde Mann,

Da schlugen ihn die Schächer, da er fuhr durch den Tann.“

Da sprach von Tronje Hagen: „Ich bring ihn in das Land.

Mich soll es nicht kümmern, wird es ihr auch bekannt,

Die so betrüben konnte Brunhildens hohen Mut;

Ich werde wenig fragen, wie sie nun weinet und tut.“

Da harrten sie des Abends und fuhren überrhein:

Von Helden konnte nimmer so schlimm gejaget sein.

Ihr Beutewild beweinte noch manches edle Weib.

Bald mußte sein entgelten viel guter Weigande Leib.

Karl Simrock nach dem Nibelungenlied

Hagen und Volker

Bach und Strom · 第 2 / 3 段