Deine Stürme, Deine Wogen,

Deine ahnungsschwere Lust,

Sicher haben sie betrogen

Manche unschuldsvolle Brust. --

Ja, ja, es kommt noch nach,

Das Schöne kommt noch nach,

Es rufen Freudentöne

Die Herzenslust Dir wach.

Ja, ja, es kommt das Gute,

Das Gute kommt noch nach,

Die Tugend mit dem Muthe,

Sie ruft das Rechte wach.

Ja, ja, es kommt der Glaube,

Auch er, er kommt noch nach,

Er ruft dem Sohn vom Staube

Einst das Gewissen wach! --

Sei Dir Alles gleich, mein Kind,

S' ist ja alles gleich,

Jedes Ding vergeht geschwind

In dem flüchtigen Reich.

Freud und Leiden, Schmerz und Glück,

Eis und Schnee und Sonnenblick,

Alles trifft ja ein Geschick,

Kommt auf eins zurück. --

Inn'res Glück nur wechselt nie,

Das Bewußtsein bleibt,

Ewig gleich der Poesie

Seine Blüthen treibt.

Bittrer als der Tod ist Leben,

Wenn ein stolzes Herz verletzt, --

Sieh', die Furien sich erheben,

Deren Stahl die Hölle wetzt.

O, Der kennt die Seelen wenig,

Der die besten stille schmäht,

Sah man jemals einen König

Der um Schwarzbrot betteln geht?

In dem lichten Sonnenglanze,

Wandelnd durch das Leben hin,

Schaffend, wirkend für das Ganze,

Treu mit heißem, festen Sinn.

Wer für jedes Glied des Ganzen,

Gerne gäb' sein Herzensblut,

Liebend, selbst das Thier, die Pflanzen,

Dessen Herz ist rein und gut.

Bittrer als der Tod ist Leben,

Wenn ein solches Herz verletzt,

Sieh' die Furien sich erheben,

Deren Stahl die Hölle wetzt.

O, Der kennt die Seelen wenig,

Der die besten wagt zu schmähn,

Sah man jemals einen König,

Einen König betteln gehn!

Mir träumte, daß ich stund

An eines Teiches Grund,

Und sieh', mein Mutterlieb,

Es schaute drinn so trüb'.

»Was machst so trüb Gesicht« --

Fragt ich, »ich fass' es nicht.«

»Bist gut«, -- sprach sie, -- »mein Kind,

Weißt nicht, wie bös' sie sind; --

Du faßt das Böse nicht,

D'rum mach' ich trüb' Gesicht.«

So sprach mein Mutterlieb

Und ich erwachte trüb'.

Der Sieg des Geistes.

Hast Du den Schmerz schon einst empfunden,

Den Seelenschmerz, der tief im Innern nagt,

Und hast in diesen trüben Stunden

Du nie und nimmermehr trostlos verzagt?

Auch bei des Körpers großen Leiden,

Wenn Grauen schon Dein Aug' bedeckt,

Du fühlst das Leben von Dir scheiden

Und bist auch dann nicht aufgeschreckt?

Wohl Dir, du bist nicht überwunden,

Es endet alles Erdenleid,

Glück auf! Es nahen bessere Stunden,

Und Du erhältst für Alles einst Bescheid.

Bescheid vom ewigen Richter droben,

Wofür Du Edler denn gelitten hast. --

Es höret auf des Herzens Toben,

Weg ist sie, die schwere Sorgenlast.

Der Geist ist Sieger, er sieht heiter,

Ja, sieht mit froh' und unumwölkten Blick

Auf die Vergangenheit zurück,

Und schreitet ewig immer weiter.

Elisabeth.

Aus jenem Troß von Königinnen

Ragt hoch empor dein tugendhaftes Sein,

Den Glanz der Throne kann das Haupt entbehren,

Doch nie der Tugend Heiligenschein.

Dem König brach das Herz, in dir gefunden

Hat er o, eine Welt voll Herrlichkeit,

Hat ihn des Undanks Pfeil auch tief getroffen,

In Dir versöhnte ihn die höhere Menschlichkeit.

Sonnenuntergang und Aufgang.

Ein Sonnenuntergang, der Untergang

Desjenigen Volk's, das einst so hoch gestrahlt,

Siehst du die Streifen, purpurroth und lang,

Den jeder Untergang am Himmel malt --

_El fresco_, blutig halb, halb rosenroth,

Als zögen Schmerz und Unschuld Hand in Hand --

Ein stürmisch Leben, ein erhabner Tod --

Ein siegreich Dulden, das nichts überwand.

Welch großes Bild! im Hintergrunde Tag,

Im Vordergrunde tiefe Nacht man sieht,

Ein Volk, das tief im Staube kniet --

Hoch über seinem Haupt die Prüfung lag --

Und Thränen, Dornen, Ketten allerart --

Und harte, gift'ge Zungen lauern dort --

Und Herzen, ihnen gegenüber, hart

Wie Stein, und wie der stille Mord.

Und Angst und jähe Flucht und bleiche Noth

Mit tausend Schrecken, Qualen, wechseln ab,

-- Ein Schatten-Leben und ein rascher Tod, --

In düstern Flammen-, frischem Wellengrab.

Das Volk sieht lange sich die Prüfung an:

Das Unglück, wie es leibt und lebt und stirbt,

Und wie es, demüthig auf steilem Pfad hinan,

Um einen kalten Blick des Mitleids wirbt!

Im Vordergrunde Nacht -- im Herzen Licht,

Im Herzen jenes Morgenroth

Des Glaubens und der Zuversicht --

Erhaben über Finsterniß und Tod --

Sie überdauernd, überdauernd Raum und Zeit,

Sie umgestaltend in den ew'gen Tag --

Sie umgestaltend in Unsterblichkeit:

Das gläub'ge Volk hofft es bei jedem Schlag;

Das Volk sieht in den Abgrund tief hinab,

Und ruft: ich werde leben! Gott mit mir!

Geb't mir zur Reise um die Welt den Stab

-- Den Glauben -- ihn allein nehm ich mit mir.

Und überall verkünd' ich Gottes Wort,

Ein Weltalls-Prediger bewährt durch That,

Als Glaubensbild weil' ich an jedem Ort,

Ein Gotteslehrer, und -- der Völker Rath. --

Hier steht das Mißgeschick, doch dicht der Glaube,

Dort steht das irdsche Glück, mit ihm das Nichts --

Hier bist Du jedem irdischen Schmerz zum Raube,

Allein Du bleibst ein Sohn des ew'gen Lichts --!

So rief ein Engel unter Lorbeerzweigen

Und zeigte nochmals Tag und Nacht zugleich,

Und todesmuthig sie die Häupter neigen,

Und rufen laut: =wir wählen ew'ges Reich=.

Gedicht ohne r.

Wie viel Licht im Sonnenball,

Wie viel Staub im Weltenall,

Wie viel Staub und wie viel Sand

Giebt's nicht schon im Heimathland!

Wie viel hohes, schönes Licht

Hat's im deutschen Lande nicht!

Wie viel Angst in Blitzes Schein,

Wie viel Lust im Glase Wein!

Doch ganz komisch ging man um,

Alles schaffend, meistens stumm; --

Blos den Menschen ausgenommen,

Lebt sonst Alles still beklommen,

Dem Menschen allein die Kunst man gab

Zu zählen all' sein Gut und Hab',

Zu sagen wie's und was ihm thut,

Und wie ihm jetzt und je zu Muth:

Wenn ihn die Habsucht voll gefüllt,

Und wenn die heiße Sucht gestillt!

Wie wonneathmend das Gefühl,

Wenn nah' man einem hohen Ziel.

Kühn Manche, dies in's Auge nehmen,

Ohn' des Mißlingens sich zu schämen,

Weil edle Pflanzen oft eingehen,

Wenn sie auf sand'gem Boden stehen! --

Ja, all' dies ist Jenen nicht gegönnt,

Die man nach uns Geschöpfe Gottes nennt:

Das edle Wild kann es nicht sagen,

Wie Jagd und Hunde ihm behagen,

Und wenn man den Hals des Fisches sticht

Denkt man, die Fische empfinden's nicht!

Ei, sehet doch, wie doppelt unbillig,

Die Fische zucken ja, doch böswillig,

Will man sie dennoch gefühllos nennen,

Weil sie nicht seufzen und klagen können;

Und so geht's bis zum Elephanten hin,

Still behält es den unabhängigen Sinn,

Das gute, weise, edle Vieh,

Denn Sklavendienst beugt seine Weisheit nie,

Stolz denkt es an das heimathlich Gebiet,

Sanft duldend, was im Ausland ihm geschieht.

Aus all diesem ziehe ich den Schluß,

Daß die Sagekunst man haben muß,

Nicht um zu klagen stets Leid und Weh',

Da ich Elephanten standhaft seh';

(Und ach, wie langweilig ist man,

Wenn man niemals von sich schweigen kann);

Deshalb denk' ich lediglich alsdann,

Wenn man etwas sagt, was nützen kann,

Was man weise nennt, und Edles denkt,

Wenn man dies dem Geist des Nächsten schenkt.

Böses so zum Besten wendet:

Wenn dann die Lippe niemals endet,

Sie hat sich damit nicht geschändet,

Dazu hat sie ein Gott gespendet;

Daß das Aug', das Wahn geblendet,

Sich dem hellen Tag zuwendet;

Seelen schwachen, schon im Sinken,

Heil und Hoffnung zuzuwinken!

Und die Besten und Gescheidten,

Mit den edlen Geistesgaben,

Die zu thun im Sinne haben,

An die Thaten zu gewöhnen,

An die guten, menschlich schönen;

Ja, und mächtig hohen Seelen,

Die Gott Lob auch niemals fehlen,

Zu dem Höchsten zu geleiten! --

Auf meinen am 15. November 1890

dahingegangenen Papagei.

Allgeliebter Vogel Du,

Gingest auch zur ewigen Ruh

Liebenswürdig, zahm und zart

Und von selten geistiger Art!

Warst mir zweiundzwanzig Jahr,

Was kein Anderer mir war,

Steter Freund, ach lebenslang,

Nehme meinen heißen Dank.

Mancher hat Dich arg betrübt,

Weil Du allgemein beliebt,

Gönnte diesen Trost mir nicht,

-- Das ist Wahrheit im Gedicht --

Nochmals Dank für Deine Treu!

Lebe dorten auf, auf's Neu --

Jeder Geist er lebet fort

Glücklich sei an jedem Ort!

An denselben.

Den ersten Gruß am Morgen

Empfing ich stets von Dir,

Und Herz und Geist und Seele

Lag in dem Ton zu mir.

Du wirst mir immer fehlen,

Stets bange bleibt's nach Dir

Du süßer Jakob, Kobusch

Bleibst unvergessen hier.

Seit zweiundzwanzig Jahren

Seit meiner Mutter Tod

Warst Du mein treu' Gefährte

In Freude, Schmerz und Noth!

Du bist nicht fortgewichen

Von ihrem Totenbett

Und warst Dein ganzes Leben

Stets geistvoll, klug und nett.

Du wirst mir immer fehlen

Stets bange bleibt's nach Dir

Du süßer Jakob, Kobusch

Bleibst unvergessen hier.

Und mehr warst Du beweinet,

Als mancher Mensch vor Dir

O, Koberle, o Jakob

Bleibst unvergeßlich mir.

Eine Blume ist gebrochen,

Hier für immerdar, --

Und die edle Fürstin zählte

Vierundzwanzig Jahr.

Wer des Lebens Glück gekostet,

Und dann rasch entflieht,

Kennt nicht seine Dissonanzen,

Hörte nur sein Lied.

Und mich dünkt, in solcher Jugend

Enden leichter sei,

Wie die Töne leicht sich lösen

Einer Melodei.

Nach dem Gesetz über

die Pensionirung der Arbeiter.

Das Echo schall' es weit

Es tagt Gerechtigkeit

Es lauschet Menschlichkeit:

Kommt eine bessere Zeit?

Ob Noth und Elend flieht

Aus mächtigstem Gebiet.

Es war ein Hohenzollernwort, --

Und Kaiser Friedrich freut sich dort.

Welch' Schreckenstille herrschet hier,

Bin ich allein, ich bin allein!

Entsetzen, ach, ein Grauen schier

Erfaßt mich, so allein zu sein. --

Du nahmst mir Viel, fast räthselhaft

Ist des Geschickes Grausamkeit,

Beeil dich, Mut, beeil dich, Kraft,

Zu kürzen mir die öde Zeit.

Der Menschheit Traum -- die Kunst -- verhindert hin --

Nichts als des Daseins anspruchsvoller Sinn!

Doch halt, doch nein; das Größte ist bei Dir:

Gott ist, ist überall, und ist auch hier.

Prall nicht an, prall nicht an,

Steine giebt es überall,

Und man kann, und man kann

Haben einen bösen Fall;

Stoß nicht an, stoß nicht an,

Böse Menschen giebt es viel,

Und man kann, und man kann

Kommen in ein böses Spiel;

Halt zurück, halt zurück

Deine Meinung, deinen Blick

Und die Klugheit, und das Glück

Leiten weise dein Geschick.

Wanderlied.

Thüre auf, Thüre zu,

Niemals Rast, niemals Ruh',

Schöne Damen, liebe Herr'n

Kaufet freundlich, kaufet gern,

Brauch's auf Brot, und brauch's auf Bier,

Und das gönnt ihr sicher mir.

Thüre auf, Thüre zu,

Niemals Rast, niemals Ruh,

In der Kälte, in der Glut,

Keiner meiner Füße ruht,

Such' am Heerde einen Platz,

Finde keinen, keinen Schatz.

Schöne Damen, liebe Herr'n

Kaufet freundlich, kaufet gern,

Komm aus fernem Lande her

Und dem Fremdling wird's so schwer:

Thüre auf, Thüre zu

Niemals Rast, niemals Ruh'.

Der Goldfischer.

Am Rande des Meeres

Am Rande der Fluth,

Da weilet der Knabe,

Gar freundlich und gut;

Er stahl seinem Vater

Die Goldfischlein sein

Und wirfet sie wieder

Ins Meer hinein.

Der Vater, er jaget

Dem Ufer entlang,

Da wird, ach, dem Knaben

So ängstlich und bang;

Er fürchtet den Vater,

Es sinkt ihm der Muth,

Fast möchte er lieber

Hinab in die Flut.

Da färbt sich das Wasser,

Wird schwarz und wird grün

Und weiße Gespenster

Darüber hinziehn;

Die Tiefe, sie donnert,

Der Abgrund geht auf

Die Fluten beginnen,

Den rasenden Lauf.

Sie stoßen den Knaben

Den Goldfischlein nach:

Das rufet des Vaters

Gewissen erst wach.

=Ed. Freyhoff='s Buchdruckerei, Oranienburg.

* * * * * *

Anmerkungen zur Transkription

Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden

übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Gedichte Sechste vermehrte Auflage · 第 6 / 6 段