Die Knaben.

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[Illustration: Friederike Kempner.]

GEDICHTE

von

FRIEDERIKE KEMPNER.

Sechste vermehrte Auflage.

Berlin 1891.

Verlag von Karl Siegismund.

Mauerstraße 68.

Meiner verewigten Mutter,

der Frau Rittergutsbesitzer

Marie Kempner

geb. Aschkenasy.

Das waren Tage des Glückes, als ich diese Gedichte einzeln schrieb, und

jedes derselben, noch kaum entstanden, ihr vorlas.

Ist's möglich, daß solch reine Wonne gleich einem Schatten

vorüberziehen, oder gleich dem Untergange der Sonne nichts als ein

in Gluth getauchtes Roth -- die Spur ihres leuchtenden Weges --

zurücklassen kann? --

Doch auch die Sonne geht nicht wirklich unter, und auch ihr reines Bild

lebt hinter dem Vorhange unsrer Zeitlichkeit, und lächelt am Ufer dem

noch auf den Wellen Spielenden....

Die Verfasserin.

Vorwort zur 2. Auflage.

Wenn ich der zweiten Auflage meiner Gedichte einige Worte voranschicken

soll, so sind es Worte des Dankes an die liebe Lesewelt, welche der

ersten Auflage ein so reges Interesse entgegenbrachte, daß nach so

kurzer Zeit eine zweite nothwendig geworden ist.

Es freute mich unbeschreiblich, daß aus allen Gegenden Deutschlands,

von nah und fern, Anfragen und das Verlangen nach diesen Gedichten an

mich schriftlich ausgesprochen wurden. Ich bin stolz darauf und ganz

besonders davon gerührt, daß alle Farben und Parteien dabei vertreten

waren; scheint es doch, als wenn Jeder im Innern fühlte, daß es Aufgabe

und Ziel der Poesie ist: die Wahrheit für Alle zu veranschaulichen, --

und durch ihren Sieg dereinst Alle zu versöhnen.

=Friederikenhof=, 1882.

Die Verfasserin.

Vorwort zur 3. Auflage.

Der dritten Auflage meiner Gedichte, denen ich viele neue hinzugefügt,

schicke ich einige Worte des freudigsten Dankes voraus: Dank der

liebenswürdigen Lesewelt, welche die 2. Auflage -- 1882 erschienen --

schon im Mai 1883 vergriffen hatte!

Möge dieser dritten dieselbe Gunst zu Theil werden, eine Gunst, die das

Glück und den Trost der Verfasserin ausmacht.

=Breslau=, im April 1884.

Die Verfasserin.

Vorwort zur 4. Auflage.

Nachdem die dritte Auflage dieser Gedichte, denen ich eine Anzahl neue

zur vierten Auflage beifüge, in etwa vier Monaten vergriffen, kann

ich nur meinen lebhaftesten Dank wiederholen und nochmals sagen, daß

dieses Wohlwollen und diese Sympathie mich rührt und wahrhaft beglückt.

Ja, das Bewußtsein, meine Gedanken getheilt zu wissen, erhebt mich

zu der freudigen Erwartung, daß auch meine humanen Bestrebungen sich

in die Herzen der Menschen immer mehr Bahn brechen und den Sieg über

Inhumanität und Unverstand davon tragen werden.

=Berlin=, im November 1884.

Die Verfasserin.

Vorwort zur 5. Auflage

Ich habe bei dieser fünften Ausgabe meiner Gedichte wiederum für

das überreiche Wohlwollen, welches der vierten Auflage zu Theil

geworden ist, nur zu danken. Es fehlte freilich auch nicht an anonymer

Feindschaft, ja an Haß und Verfolgung niedrigster und widrigster Art,

und wie mancher Beherrscher von Rußland, sah ich mich fast täglich von

anonymen Briefen heimgesucht, eine Ehre, die ich gar nicht erwartet

hätte, die ich aber zu würdigen wußte. Denn giebt es in der That ein

einziges Streben oder eine einzige Schrift, welche Etwas will und nicht

angefeindet worden wäre?

Und so kam ich zu der Ueberzeugung, daß denn doch hie und da ein

vorurtheilsloses, harmloses Gedicht, ein humaner Gedanke, objektiv

zur Anschauung gebracht, frei von aller Parteilichkeit, gezündet, d.

h. manchen Bösewicht aufgestachelt haben müsse, so daß er zu Dynamit

und Gift greifen wollte. Aber Dynamit und Gift sind schlechte Waffen,

die sich überlebt haben, und die unparteiische Wahrheit trifft Beides

nicht, und so hat denn das liebenswürdige Publikum diese gemeinen

Angriffe kaum seiner Entrüstung gewürdigt und in seiner reichen Gunst

sind die Gedichte ein bleibendes Buch geworden.

=Friederikenhof=, den 12. Oktober 1887.

Die Verfasserin.

Zur sechsten Auflage.

Mit regem Dankgefühl

Send' ich euch wiedermal

Euch Blätter ohne Zahl

Ins menschliche Gewühl;

Bringt meinen Gruß der Welt

Und habt ihr ihn bestellt,

Verfolget euer Ziel

Und -- gleichsam wie im Spiel. --

Verkündet allzumal:

Auf Bergen und im Thal,

In Hütte und Königssaal,

Der Schönheit Ideal

Der Wahrheit Erz und Stahl

Der Tugend Götterstrahl!

=Friederikenhof=, im Januar 1891.

Die Verfasserin.

Inhalt.

Seite

Abdel-Kaders Traum 2

Ach, meine Mutter, fänd ich Dich wieder 156

Ach, Sternlein dort 207

Alles grünt und alles blüht 103

Alles Träumen 100

Als ich heut so bitterlich 99

Als Jemand beim Anblick einer armen Frau den Kopf wegwendete 176

Am Rhein 42

Am Scheidewege 70

Amerika 56

An den Kaiser Friedrich 87

An denselben 89

An der Tugend nur genippet 141

An diejenige, welche immer das Böse von mir abwehrte 200

An einen Müßiggänger 144

An L. zu P. 91

An meine Mutter 151, 152

Ansicht 126

Antibrüderlichkeit 3

Antwort 104

Arglos und harmlos 85

Atheismus 61

Auch Goethe war nicht unfehlbar 139

Auf allerlei Hetzen 143

Auf der Höhe stehen Bäume 142

Auf des Lebens Ocean 183

Auf das Zimmer meines Vaters 172

Auf meinem Gesicht 187

Auf meinen dahingegangenen Papagei 240

An denselben 241

Auf und nieder steigt die Welle 10

August Böckh 171

Ausdauer 84

Aus dem Dunkel bricht das Licht 226

Barde, der 41

Beim Anblick eines prachtvoll gewesenen Bouquets 195

Besessen ist die Welt 196

Bitterböse ist das Leben 186

Bittrer als der Tod ist Leben 230

Blümlein, das rothe 51

Blümlein auf der Au 95

Brüderlich, brüderlich 138

Burschenlied, das 217

Daktylen, Jamben, Trochäen 174

Das Paradies verschwand 85

Daß die Sterne blässer werden 122

Dem Kaiser Wilhelm I. 86

Dem kleinen Prinzen B. von C. zum Geburtstage 96

Dem Priester-Philanthropen Franz Marson 173

Den Studenten 200

Der Dichter lebt im Traume 110

Der Himmel ist hell 197

Der Himmel so blau 124

Der Lorbeer sprießt! 114

Der Mond erscheint 179

Der müde Wandrer sitzet am Steg 132

Der Tag so kurz, der Tag so lang 214

Der Traum der Poesie 187

Des Abends letztes Gold 203

Deutsche Bildung, deutsche Sitte 192

Die Aerzte Philosophen gleichen 147

Die Fenster sind gefroren 140

Die Nachtigall schlägt 190

Die Nemesis, sie waltet 132

Die Sonne geht strahlend unter 145

Die weiße Rose am längsten blüht 143

Die Wolken sich thürmen 182

Dieselben Bäume hier wie dort 144

Dorten aus der grünen Hecke 147

Dorten winkt ein neuer Morgen 105

Drei Schlagworte 22

Droschkau 165

Du siehst das Vöglein in den Lüften fliegen 113

Dunkle Veilchen, weiße Blüthen 104

Du willst verbinden, was sich ewig flieht 139

Edelweiß 129

Egoist, der 178

Ein leeres Bauer, ein leeres Haus 136

Ein Meer von Balsam ist die Zeit 226

Ein purpurnes Röslein auf grüner Au 98

Ein Reiter auf der Haide 178

Eine Blume ist gebrochen 242

Eine Blüthe seh' ich prangen 156

Eine Mitternacht in Tyrol 208

Einen Vers soll ich Dir machen 199

Eingebung, die 127

Elisabeth 234

Es eilt der Fluß 198

Es flammet das herrlichste Sonnengold 111

Es geht die Zeit den sichern Gang 137

Es grünen die Bäume des Waldes 107

Es hat uns Gott gegeben 215

Es ist mir so federleicht ums Herz 93

Es ringt der Regen mit dem Winde 127

Es scheint der Mond in's Zimmer 121

Es scheint der Mond so helle 113

Es schläft die Welt 195

Es schwebt mir auf der Zung' ein Lied 116

Es sprechen nur noch die Affen 134

Es stimmen meines Herzens Saiten 119

Es stürmt so viel auf mich herein 144

Es wankt der Boden 131

Fanatismus und Geld 19

Feldarbeit 178

Fernweh 37

Fest-Romanze 60

Frage 104

Franzensbad 160

Frauenbild 63

Freundlich gucken meine Blicke 143

Frühlingslüfte wehen leise 101

Für Ferdinand Freiligrath 163

Für die Ostpreußen 83

Ganz gebrochen ist die Kraft 125

Gebet 206

Gedicht ohne r 237

Gefangenen, die 130

Gegen den Selbstmord 189

Gegen die Einzelhaft 11

Gegen die Vivisektion 66

Gehabt euch wohl, Gott segne euch 147

Gemälde 95

Geschichte 12

Giebt's ein Glück 197

Ginge es nach meinem Herzen 196

Goldfischer, der 246

Goldner Sonnenschein 189

Gott ist groß 140

Gott segne die Armen 146

Gretchen 227

Grüne Saaten, grüne Blätter 177

Grüne Zweige, goldne Frucht 114

Hab' ich Dich bisher geleitet 99

Habt ihr mir es gar verleidet 102

Hannah Thorsch 161

Hast Du darum mich verstoßen 225

Heimchen, die 40

Heinrich, der stolze, 134

Heinrich Heine 162

Heiße Thränen fließen, rauschen, 101

Herzog Georg Bernhard 149

Hoch auf der Berge Gipfel 106

Hoffnungsschimmer 77

Holden Träume, ging't verloren 176

Holdes Blümlein, du willst nützen 9

Hundegebell im Fleischerladen 194

Ja, ja, es kommt noch nach 229

Jagd, die 54

Ich lehn' am Fensterkreuze 109

Ich meint es rechtschaffen und ehrlich 226

Ich ritt auf einem Pferde 224

Ich träumte schön und träumte viel 123

Ich träumte tausend Lieder 213

Ich weiß eine große Geschichte 190

Ideelle, das 112

Jetzt 154

Ihr wißt schon, wen ich meine 165

Im Traume sah ich die Mutter heut 199

Immergrün 20

In der Schweiz 105

In die Wolken möcht ich fliegen 140

Innere Stimme 75

Invalide, der 5

Ist die Weihe denn gewichen 98

Ist's der Dichtung Loos 142

Judenkirsche, die 43

Kanarienvögleins Traum 65

Kalt ist's, eine trockene Kälte 212

Kälte 177

Kannst Du zweifeln, kannst Du zagen 107

Kennst Du das Land 59

Kennst Du nicht das Licht des Lebens 106

Kennst Du vielleicht ein Land 185

Kennt ihr sie nicht die böse bunte Schlange 201

Kind, das scheintodte 44

Klara Wuras 158

Kleine Blüthen, Röselein 92

Knaben, die 17

Kontrast, der 13

Kränk Dich nicht 194

Laßt mich in die Wüste eilen 109

Laßt mich schlafen, schlafen 125

Lauter Zank, 's ist eine Zeit des Leidens 141

Lawinenmasse 103

Leben, das 159

Leipziger Lerchen 164

Leuchtthurm, der 68

Lied 108, 184

Lied der braven Frau 170

Logik 46

Lord Byron 181

Mädchen an der Donau 49

Mädchen vom See 203

Mägdelein, das 205

Man sagt, die Liebe wäre blind 175

Meiner Mutter lichtes Bild 155

Meiner Schwester Luise zum Geburtstage 168

Meine Thränen fließen 124

Menschliche Hilfe ist bald kaput 186

Mich greift die Langeweile 185

Mir träumte, daß ich stund 232

Misanthrop, der 35

Motto 4

Mütterlein, das 18

Nach dem Gesetz über die Pensionirung der Arbeiter 243

Nach der Aufführung »Rudolfs II.« in Berlin 136

Nach Sedan, an den Kaiser Wilhelm I. 135

Nachtigall und die Katze 215

Natur und Mensch 47

Nero 145

Nero's Angedenken 133

Nicht bei der Leidenschaft trübem Feuer 78

Nicht Farbe und nicht Glaube 139

Nicht im Reichthum wohnt das Glück 176

Nicht mehr sprechen die Sterne 133

Nur allein kann ich erstarken 75

O erkläret mir das Räthsel 67

O Faust, Du Bild des Menschen 139

O gieb mir Laut und Stimme 117

O Gott, Du weißt am besten 197

O ist's denn ganz unmöglich 144

O mag ein Engel Dir die Schrift diktiren 115

O Mensch, Du trittst mit Füßen 79

O sieh, wie sich's thürmt 93

O wißt ihr, was ich denke 136

Oft ist verhaßt 175

Parteilichkeit, Parteienhaß 196

Phantasie 79

Poesie, die 90

Poesie ist Leben 92

Polterabend, der 26

Poniatowsky 48

Prall nicht an, prall nicht an 244

Purpurn glänzt die Abendröthe 102

Rhoswitha 26

Rosenbüsche, dunkle Haine 228

Röselein, das 23

Sag', was hängst Du so daran 115

Scheintodte, der 140

Schöner Stern, hab' Dich gern 146

Schwarze Wolken, graue Wolken 117

Seh' ich Euch wieder, goldne Sterne 215

Sei Dir Alles gleich, mein Kind 230

Sei ein Held, ertrag die Leiden 200

Selbst noch eine Menschenblüthe 74

Sieg des Geistes 233

Siehst Du nicht die grünen Matten 123

Sinn der Ferne 81

'S ist ja Alles nur ein Träumen 112

Sonnenuntergang und Aufgang 234

Sperrt euch ein in große Städte 177

Spitzen-Klöpplerin im Harz 204

Stimmung 62, 187

Sympathie und Antipathie 43

Tausend Mücken tanzen in der Sonne 82

Thierbändiger, der 219

Thräne, die stille 191

Tribun, der deutsche 53

Tröstend senkt die Poesie 122

Tscherkessen, die 30

Ufergemälde 37

Und der Himmel lacht mir wieder 141

Und hätte ich nicht im Herzen 121

Unnütz lyrisches Gesinge 142

Unter den Linden 128

Unter mir die tausend Plagen 116

Untergeh'nde Sonne, sprich 138

Verschiedenheit ist nöthig 201

Versunken ist das Glück 195

Vogelin-Prinzeß 72

Vöglein, das 1

Vöglein auf den grünen Zweigen 97

Von Moral ist keine Spur 194

Vor der Mutter Bild 157

Vor Hermann Bödekers Bildniß 166

Vor meiner Mutter Bild 188

Vor demselben Bilde 188

Vor Nees von Esenbecks Bildniß 148

Vor Schillers Denkmal in Berlin 145

Wahrheit 202

Wanderlied 245

Wäldchen, das 57

Wär ich ein Vögelein 175

Was ich Hohes je geträumt 105

Was ist das Beste? 58

Was nützen alle Lieder 126

Wehmüthig, demüthig 138

Weiße Blüthen, grüne Zweige 228

Weißt Du was, ich will Dir sagen 138

Welch' Schreckenstille herrschet hier 243

Welten-Chaos, Menschen-Chaos 67

Wenn man die Mütter 157

Wer die Bangigkeit 110

Wer einsam kam zu trüber Höhe 214

Wer Niemand über sich zum Richter 148

Wie ist das deutsche Vaterland 21

Wie niedrig lächelt die Dirne 141

Willst Du nach den Sternen fragen 77

Wintergemälde 193

Wirklichkeit 36

Wo sich Epheu schlingt 155

Wollte Gott 58

Wunderlieb, das 24

Zanket nicht, hetzet nicht 137

Zertrümmert das Leben 180

Zu allem Guten sage ja 143

Zu des Orkus finsteren Gewalten 97

Zu einem Gemälde Kaiser Friedrich des Dritten 90

Zugvögel, die 69

Zum 9. Juli, dem Todestage meiner Mutter 153

Zum 70jährig. Geburtstage eines Onkels 174

Zur Erinnerung 72

Zustand der Gesellschaft 28

Zwecklos scheint mein Leben 130

Zwei Blümlein blühen am Aronstab 156

Das Vöglein.

Vöglein, Vöglein mit den Schwingen,

Mit den Aeuglein schwarz und klein,

Laß uns mit einander singen,

Laß uns liebe Freunde sein!

Vöglein hüpfte auf den Bäumen,

Endlich es mit Sang begann:

Du kannst nur von Freiheit träumen,

Dich seh' ich als Fremdling an!

Mensch, auch Du hast Deine Schwingen,

Aeuglein hell und klar und rein,

Könntest Freiheit Dir erringen,

Dann erst laß uns Freunde sein!

Abdel-Kaders Traum.

Wolkenloses himmlisches Gewölbe,

Unter grünen Palmen Purpur-Zelt

Eine Reiter-Karavane hält,

Auf dem Boden Wüstensand, der gelbe.

Krachend unterirdisches Gewölbe,

Fünfzehnhundert Leichen, tief entstellt,

Jede Leiche war ein wackrer Held,

Speit die Flamme rasselnd aus, die gelbe.

Solch' ein Traumbild Abdel-Kader grüßte,

Trunken er der Heimath Boden küßte:

»Allah, Allah« ruft er, »meine Wüste!«

»Pellipssier, Dein fürchterlicher Brand!« --

Plötzlich sich der Held im Traum ermannt,

Seine Blicke trafen Kerkerswand! --

Antibrüderlichkeit.

Sterne, könnt ihr freundlich glänzen,

Wenn das Unerhörteste geschehen,

Könnt ihr gleichgültig herniedersehen,

Wenn das Böse sie bekränzen?

Wenn ein Funke in euch sprühet,

Sterne lodert auf in helle Flammen,

Nur mit Flammen könnet ihr verdammen,

Was auf Erden hier geschiehet!

Und Du Erde, stille, kalte,

Birgst in Tiefen Du nicht Feuerschlünde?

Hast Du keine für die ärgste Sünde?

Rüttle Dich, Du kräft'ge Alte!

Spei sie aus mit einem Zuge,

Unterwelt und heil'ges Himmelsfeuer,

Schlag' zusammen über Ungeheuer,

Und geheuer wird's im Fluge!

Motto.

Sei ein Mensch, hab ein Herz

Unter Millionen,

Wie ein Fels, wie ein Stern,

Stehe fest, leuchte fern,

Setz' die Welt in Staunen!

Sei ein Mensch, hab' ein Herz

Für die Millionen,

Wenn's der Thor auch Wahnsinn nennt,

Weil er keine Weisheit kennt,

Kannst Du drüber staunen?

Sei ein Geist, schür' die Gluth

Unter Millionen,

Selber heiß, selber glüh',

Fürchte nie, raste nie,

Setz' die Kraft in Staunen.

Sei ein Geist, schür die Gluth

Unter Millionen,

Laß auf Erden eine Spur,

Ahne sie und lächle nur,

Es giebt sichre Kronen.

Sei ein Geist, schür' die Gluth

Unter Millionen,

Wie am Himmel still ein Stern,

Wirke lächelnd, scheide gern,

Alles wird sich lohnen!

Der Invalide.

Ein alter Mann mit grauen Haaren,

Tiefbraun von Hand und Angesicht,

Aus dem, so stark die Glieder waren,

Hohnfrei ein stilles Lächeln spricht.

Mit blauen Augen, sanft, voll Leben,

Wie mancher friedlich deutsche Strom,

Und wie die Heil'gen sie erheben

Im stolzen Vatikan zu Rom.

Es spielt auf off'nem Markt die Leier,

Der arme, alte Invalid',

Von trüber Zeit, von alter, neuer,

Singt er dazu ein hübsches Lied:

»Oed' und verlassen

Nah' ich dem Grab,

Spielet ihr Lüfte,

Sanft mich hinab!

»Viel hab' ich gelitten,

Gekämpft und gestrebt,

Für Deutschland gestritten,

Für Deutschland gelebt.

»Und eifrig that lieben

Ich Menschen und Gott,

Die Menschen, sie blieben

Mir fern in der Noth!

»Oed' und verlassen

Nah' ich dem Grab,

Spielet ihr Lüfte,

Sanft mich hinab! --«

Viel' Leute gehn an ihm vorüber,

Die meisten sehen gar nicht auf,

Sein sanfter Blick wird trüb und trüber,

Doch spielt er immer wacker auf.

Der Abend naht, die Sonne sinket,

Der Alte packt die Leier ein,

Im Auge eine Thräne blinket,

Er seufzt: »man soll zufrieden sein.

»Ich dachte heute nicht zu fasten,

Und hofft' auf frisches Lagerstroh!

Komm', alter, lieber Leierkasten,

Man denkt, doch geht's nicht immer so!

»Es waren freilich kühne Pläne,

Doch niemand hat mich angeschaut,

Man zahlt nun nicht mehr solche Töne:

Was fang' ich an in meiner Noth?

»Und,« spricht er stockend und verlegen,

»Ich weiß nicht, red' ich Jemand an?

Es ist an mir nicht viel gelegen,

Doch ganz man nicht verhungern kann!

»Herr,« fleht er endlich einen Reichen,

»Sie borgen wohl acht Pfenn'ge mir?«

»Mein Freund, man borgt nicht eures Gleichen,

Und Bettlern geben selten wir.« --

»Als Bettler ward ich nicht geboren,

Ein Bettler wird man erst alsdann --

Lehrt sanft der Greis den tauben Ohren,

Wenn man sich nicht mehr helfen kann!«

Ein Knabe zieht die Straß' herunter,

Mit Rosenbüscheln zum Verkauf,

Der kleine Proletarier, munter,

Horcht bei des Alten Stimme auf.

»Herr«, spricht der Knabe sehr verlegen,

»Ich hab' den Greis zwar nie gekannt,

Doch, wenn sie einen Argwohn hegen,

So bleib' ich Ihnen gern zum Pfand! --

»Der arme Mann«, fleht er mit Beben,

»Er spielt den ganzen Tag schon hier,

Und kann die Arme kaum mehr heben.

Etwas verdient er schon dafür!

»Erbarmen Sie sich seines Lebens,

Er bringt das Geld schon morgen her,« --

So fleht der Knabe, ach vergebens,

Der harte Reiche hört nichts mehr.

»Hört«, spricht zum Invalid der Knabe,

»Ich bind' ein Sträußchen für euch los,

's Ist freilich eine kleine Gabe,

Doch dies allein besitz ich bloß!«

Es wankt der Greis in seine Wohnung,

Wirft matt sich auf das faule Stroh,

»Ach«, -- seufzt er bitter -- »ohne Schonung

Behandelt man den Armen so?«

Die Nacht ging langsam ihm vorüber,

Es auf dem kalten Boden graut,

Da leuchtet wunderbar herüber

Ein herrlich lichtes Morgenroth.

Die Leier lag zu seinen Füßen,

Und dicht das Sträußchen rosenroth,

Der schöne Kopf auf grobem Kissen:

Der brave Invalid war todt. --

Holdes Blümlein, Du willst nützen?

Auf der weiten grünen Au?

Sieh', die Sonne scheint so golden,

Und der Himmel, er ist blau!

Hohe Pläne, kühne Pläne

Werden Dir das Blut erhitzen,

Holdes Blümlein, um Dich schau:

Pläne werden meistens grau.

Röselein sich tiefer bückte:

Was das kleine Herz entzückte,

Kalter Zweifel will's ihm rauben!

»An das Schöne will ich glauben«

-- Sprach es -- »ob auch Blättlein sich entlauben!« --

Und dem Röslein Alles glückte.

Auf und nieder steigt die Welle,

Auf und nieder steigt die Nacht,

Und der Sterne Glanz und Pracht

Wechseln mit des Tages Helle.

Ew'ger Wechsel, Nacht und Helle,

Grüne Matten, dunkler Schacht,

Sprich, was siehst Du auf der Wacht?

Steigend auf die festen Wälle?

Moder, aus den Grüften,

Blumendüfte in den Lüften,

Manchen Geist, ach, schwergeprüften.

Eine Welt, die Alles preist,

Was da Glanz und Schimmer heißt,

Und das Böse vorwärts reißt! --

Gegen die Einzelhaft.

Allein, allein -- doch nicht auf freier Erde,

In einer Zelle düst'rem Raum allein --

Dämonen steigen auf im engen Schrein,

Als Ton ein Schrei, -- als Bild wahnsinnige Geberde.

Nacht -- Tag -- Nichts -- Nichts; die Zeit, sie stehet stille,

Das Herz steht gleichfalls still -- im Innern lebt's,

Von Außen Eis und Tod, im Innern bebt's

Im Innern kocht und bäumet sich des Menschen Wille!

Des Menschen Wille! Groß und Furien ähnlich,

Kleinmüthig, schwach! Barmherzigkeit, ich fleh':

Werft mich hinab in schäumend wilde See,

Nach raschem Tod, nicht nach lebend'gem Grab begehr' ich sehnlich!

Vom schroffen Fels stoßt mich mit Menschenhand hinunter!

Laßt mich dabei ein einzig Menschenantlitz seh'n, --

Ertödtet nicht den Blick -- die Sonne bleibt am Himmel stehn,

Die Sinne, die gemordet, gehn für immer unter!

Geschichte.

Tiefe Nacht und lange Schatten

Ueber Land und über Meer,

Auf Europa's sumpf'gen Matten

Tanzt das Irrlicht hin und her.

Kohlengluthen auf dem Heerde,

Gluthen in des Menschen Herz,

Der mit gleichgült'ger Geberde,

Schmiedet seiner Ketten Erz.

Finst're Nacht und lange Schatten,

Thrän'n und Blut auf jedem Steg,

Auf Europa's düstern Matten

Geht die Schlange ihren Weg.

Und es steigen aus den Tiefen,

Mit dem greisen Haupt und Haar,

Ungeheuer, die sonst schliefen,

Lautlos naht die Schreckensschaar.

Flammen zischen, Ströme brausen,

Tritt aus Deinem Ufer aus,

Meer, verwüste und mit Grausen,

Unsrer Erde grünes Haus! --

Der Kontrast.

Im feinen weißen Spitzenkleide,

Im braunen Haar Kamelienkranz,

Steht heut Madam', 'ne Augenweide

Macht Toilett' beim Kerzenglanz.

Vier Hände sind bemüht zu schmücken

Ihr selig lächelnd Angesicht,

Ihr Dies und Jenes recht zu rücken,

Und auch die ihrigen ruhen nicht.

Sie geht zum Ball, und dreist ich sage,

Die Frau ist reizend, wunderschön,

Daß sie gefällt ist keine Frage,

Das muß ihr selbst der Neid gesteh'n!

Wenn auch nicht eingehüllt in Flimmer,

So spielt doch fast dieselbe Scen'

Ihr Herr Gemahl im Nebenzimmer,

Der freilich etwas minder schön.

Sehr fein ist seine Toilette,

Reich glänzt der Ring an seiner Hand,

Er putzt die goldene Lorgnette,

Steckt seine Cigarre in Brand.

Er ist schon fertig, spricht mit Würde:

»Der Wagen steht für uns bereit,

Du bist sehr schön, genug der Zierde,

Mein Kind, es ist die höchste Zeit!«

»Wie glücklich bin ich«, ruft sie leise,

»Auch ich,« sagt lauter ihr Gemahl,

»Es macht mich Deine Art und Weise

Sehr stolz auf meine gute Wahl!«

»Komm« -- spricht er, froh an Faro denkend, --

»Dir Alles, Alles herrlich steht,« --

Und seinen Kopf bedenklich senkend --

»Wir kommen wahrlich heut =zu= spät!«

Nur noch das Halsband mit Demanten,

Nur noch die Broche mit dem Opal,

Das Taschentuch mit den Brabanten,

Den Blüthenstrauß und dann den Shawl!

Zu End' ist nun die Toilette,

In Wahrheit ein possierlich Bild,

Solch Thorheitseifer um die Wette,

Stets aus beschränktem Geiste quillt.

So jung, so schön, so voller Freuden,

So voller Anmuth und so reich,

Eilen hinunter nun die Beiden,

An Eleganz sich selber gleich.

Die reichen Menschenkindchen träumen

In dem Moment von Unglück nicht,

Da sieh, sich scheu die Rosse bäumen

Vor eines Mannes Angesicht.

Ein armer Mann, die Stirn voll Falten,

Mit stierem Aug' und hohler Wang',

Mit Lippen, dünnen, bleichen, kalten,

Die schon vertrocknet schienen lang;

Stand an des heitern Hauses Schwelle,

Verhungert und erstarret fast,

Der Mond beschien an jener Stelle

Das Elend unter seiner Last.

»Ich fleh'« -- spricht er -- »um ein Almosen,«

Und küßt der schönen Frau die Hand,

Sein schwacher Kuß drückte die Rosen,

Die an des theuren Handschuhs Rand.

»Mein Freund«, sagt sie mit kalten Mienen,

Erzürnt durch diese Frevelthat,

»Ich habe keine Zeit zu Ihnen,

Ob Robert etwa Kleingeld hat?«

Robert zieht nun den vollen Beutel,

Wie herrlich glänzt darin das Gold,

Doch all sein Suchen war nur eitel,

Denn Wen'ges war's, was er gewollt.

»Halt, halt, gieb etwas jenem Armen,«

Herrscht nun der Herr den Kutscher an,

Des Letzteren Blick fällt voll Erbarmen

Und Grauen auf den armen Mann.

Er greift hinein in seine Taschen,

Zwei- und Viergroschen sind darin.

Schnell sucht er beide zu erhaschen,

Und wirft sie rasch dem Armen hin.

»Hier Bruder, sind sechs Groschenstücke,

's ist Alles, was ich geben kann«

»Und« -- sagt er sanft mit feuchtem Blicke --

»Fragt manchmal dort im Giebel an!«

Jetzt rollte fort der rasche Wagen,

Der Kutscher wischt ein Aug' sich ab:

Er denkt an all die großen Fragen,

Die solch' Kontrast zu lösen gab.

Die Knaben.

Wie Du so viel Thränen weinst!

Ziehest fort, Du lieber Freund,

Seh'n wir uns auch wieder einst?

Weit zieh' ich, weit übers Meer,

Und ob wir uns wiederseh'n:

Zweifle, zweifle ich gar sehr! --

In die Länder ziehst Du hin,

Wo's so schön und schwül soll sein?

Kennst Du auch die Kinder drin?

Nach Amerika geht's hin,

Drückend heiß soll es dort sein,

Und ein Fremdling dort ich bin!

Mach' das Herz mir nicht so schwer,

Einstens seh'n wir uns noch, ja:

Einstens kommst Du wieder her!

Laß mich schau'n Dir ins Gesicht,

Denn wenn wir uns wiedersehn:

Kinder sind wir dann doch nicht! --

Das Mütterlein.

Was siehst Du, Kind, im Mondenschein?

Ein Mütterlein am Wegestein,

Viel Tausend Falten auf Stirn und Wang'!

Ihr scheinet, ach, so weh, so bang!

Viel Tausend Zähren sie leise verschluckt,

Das matte Haupt zur Erde gebuckt.

O, weine nicht, armes Mütterlein,

Es blinkt so hell der Mondenschein!

Die gold'nen Aehren auf Berg und Thal,

Sie bücken und grüßen Dich allzumal!

Und bis auf das kleine Goldkäferlein,

Kann Alles nicht schöner und prächtiger sein.

Wohl blinket so silbern der Mondenschein,

Doch düster und eng ist mein Kämmerlein,

Für mich wächst nichts auf dem grünen Feld,

Dem meine Hände den Acker bestellt!

Ach freilich konnt' es nicht anders sein,

So seufzet das arme Mütterlein.

Was sieh'st Du, Kind, im Mondenschein?

Ich seh' die grünen Hügelreih'n,

Die goldnen Aehren auf Berg und Thal,

Sie grüßen und laden die Alte zum Mahl!

Die Stirne in Händen sie mächtig sinnt,

Und Thräne auf Thräne zur Erde rinnt.

Fanatismus und Geld.

Auf der Kette wohlverschlung'ner Berge

Steh'n zwei Gnomen, stolz und mächtig groß,

Tausend Riesen knien vor jedem Zwerge,

Ihre Arme müßig bei dem eignen Loos;

Nur wenn jene Gnomen es gebieten,

Eilt die Arbeit, daß die Funken sprühten. --

Jedem Zwerg ist unterthan die Erde,

Krüppelhaft gestaltet sich die Welt,

Riesen wurden eine staub'ge Heerde,

Vor den Gnomen: Fanatismus, Geld!

Geist'gen Arme schüttelt eure Kette,

Und der Gnome wird zur Brandesstätte.

Immergrün.

Immergrün trotz Zeit und Wetter,

Pflänzchen zart und fest und schön,

Smaragdfarben Deine Blätter,

Könntest bei den schönsten stehn!

Denn der Freieste von Allen,

Dessen Blick man nie bestach,

Rousseau fand an Dir Gefallen,

Ward gerührt, wenn er Dich brach.

Wenn er Deinen zarten Stengel

Selten froh in Händen nahm,

Zagend, forschend, suchend Mängel,

Und zum Vorschein keiner kam!

Pflänzchen, liebstes mir von Allen,

Ewig bleibst Du theuer mir:

Rousseau konntest Du gefallen,

Dank für seine Freuden Dir!

Wie ist das deutsche Vaterland?

Sieh, das Haus ward mir zu enge,

Und es trieb mich in die Welt,

In des Thales dunkle Gänge,

Wo sich's wie im Traum verhält.

Rebenhügel, Tannenwälder,

Mitten hin des Stromes Band,

Schmucke Auen, Weizenfelder,

Schönes deutsches Vaterland!

Zu den blankgeputzten Hütten

Droben auf der Bergeshöh',

Zog es mich mit raschen Schritten

Und verwundert still ich steh'.

Eine Stimme ruft von innen,

Eine Stimme klar und hell:

»Guter Jüngling, geh' von hinnen,

Schreit' nicht über diese Schwell'!

Steig' auf Burgen, steig' auf Zinnen,

Sieh' von außen an das Land,

Was Du sehen kannst da drinnen,

Es verwirrt Dir den Verstand.

Unsrer Hütten trübe Weise

Paßt nicht zu der schmucken Au,

Guter Jüngling, wirst zum Greise,

Und Dein Lockenhaar wird grau.«

Blümlein ranken um die Mauer,

Schön bepflanzt von welker Hand,

Und benetzt von Thränenschauer

Grünt das deutsche Vaterland!

Drei Schlagworte.

Wie heißt das Wort, das in der halben Welt

Man gleichbedeutend mit dem Gelde hält,

Doch mit dem Geld, das stets im Säckel bleibt,

Und schon von selbst die besten Zinsen treibt?

Es ist, es heißt, die, die, die, die,

Die theure Bourgeoisie!

Wie heißt das Wort, das in der halben Welt

Man gleichbedeutend mit dem Elend hält,

Doch mit dem Elend, das mit wack'rem Muth

Die schwere große Arbeit thut?

Es ist, es heißt, der, der, der, der,

Es heißet: Proletarier!

Wie heißt das Wort, das in der halben Welt

Man gleichbedeutend mit Utopien hält,

Doch mit Utopien, ähnlich Morgenlicht,

Das hell und warm zu jedem Herzen spricht?

Es ist, es ist mein Ideal,

Das große Wort, es heißt: social.

Das Röselein.

Grüß Dich Gott, mein Röselein,

Schön und klein und sanft Du bist:

Wie sie so anmuthig ist!

Röselein, gern seh ich Dich!

Bleib so still und lieb und rein:

Bleib so ewig jung und mein!

Röslein mein, o denk an mich!

Purpurroth und grün Dein Stiel:

Geist und Anmuth hat sie viel!

Röslein, Dich, Dich liebe ich!

Zart drück' ich Dich an den Mund:

Nehme Abschied, bleib gesund!

Blättlein klein, o bleibet frisch,

Ihres Zweiges dunkelgrün:

Ach, ich muß von dannen zieh'n!

Röslein, nein, es war nur Scherz:

Ewig, ewig bleib ich Dein!

Ewig bleibst Du lieb und fein!

Röselein, o grüß Dich Gott,

Schön und frisch und mein Du bist:

Voll mein Herz vor Freuden ist! --

Das Wunderlieb oder die Bucht in Wöckelsdorf.

Tief unten zwischen Bergen

Da liegt ein Fischerkahn,

Den lenkt das Wundermädchen,

Die 's Vielen angethan.

Ihr Aug' so blau und stürmisch,

Wie aufgeregte Fluth,

Halb traurig und halb schaurig

Still auf der Gegend ruht.

Der braunen Flechten Länge,

So groß wie Schilf im Fluß,

Drauf, sagt man, drückt die Nixe

Allnächtlich einen Kuß.

Den Strohhut auf den Haaren,

Das Ruder in der Hand,

So fährt sie auf und nieder

Doch niemals bis an's Land.

Die Thränen in den Augen

Der Jungfrau sind erstarrt,

Und ihre weißen Arme

Sind Marmor, kalt und hart.

Den Jüngling faßt Entsetzen:

Das Wunderliebchen sein,

Der Nachen samt dem Ruder

Und alles ist von Stein.

Es dunkelt auf den Bergen,

Des Fischerkahns Gestalt

Samt Jüngling und samt Jungfrau

Umschlingt die Tiefe bald.

Das schöne Wundermädchen

Samt Ruder und samt Boot

Sind noch in Stein zu sehen, --

Den Jüngling fand man todt.

Rhoswitha.

In stiller Klosterzelle saß

Ein ernstes Frauenbild,

Tief eifrig schrieb und dacht' und las

Rhoswitha, sanft und mild.

Ein dunkel härenes Gewand

Bis an den Hals sie trägt,

Ein großes Buch von Pergament

Liegt vor ihr aufgelegt.

Der Polterabend.

Herab von seiner stolzen Feste

Lehnt sich ein Rittersmann,

Tief unten aus dem Felsengrunde

Schwingt's lautlos sich hinan.

Schwarzbraune Locken auf dem Nacken,

Rothsammtnes Prachtgewand,

Den erznen Panzer um die Hüfte,

Das Visir in der Hand,

So lehnt er an dem Erkerfenster

Im hochzeitlichen Schmuck,

Was stierst Du, Ritter, in die Tiefe

Das Irrlicht zeigt nur Trug!

Ruht Laura nicht im stillen Grabe?

Kein Schatten kehrt zurück,

Vergiß die Schuld, zum Hochzeitsmahle

Ruft bald Dein froh Geschick!

Ha, immer stiert er noch herunter,

Den feur'gen Blick hinab,

Das Irrlicht steht an jener Stelle,

Wo sie den Tod sich gab.

Sein Grund ist leer, o weh, der Schrecken!

Was singt dort am Gestein?

Was schwingt sich hoch von Fels zu Felsen

Im weißen Heil'genschein?

»Noch grauet nicht Dein Hochzeitsmorgen,

Noch schaust Du nicht Dein Glück,

O, harter Ritter, schau' lieb' Laura,

Ihr Schatten kehrt zurück!« --

Den stolzen Mann erfaßt ein Grausen,

Als er das Lied gehört,

Von Geisterarmen fortgerissen

Er in den Abgrund fährt.

Horch, da ein namenloses Poltern

Im felsigten Gestein,

Als wenn auf einmal tausend Donner

In's Burgthor schlügen ein.

Drum soll am Abend vor der Hochzeit

Ein Polterabend sein

Denn, heißt es, wo viel Licht und Freude

Wagt sich kein Geist hinein.

Der Zustand der Gesellschaft.

Die Erde bebt, groß und gewaltig wird ihr inn'res Wüthen,

Und schwarz und finster war's und keine Sonnen glühten.

Ach, keine Blüten, und kein Rauschen, und kein Frühlingswehen

Die große Nacht war düster, schauerlich mit anzusehen.

Da erschallt des Donners Stimme und erweckt die stumme Nacht.

Des Blitzes Schein erhellt die Erde, die Menschheit, sie erwacht.

Sie öffnet halb das müde Auge, vom Schein zurückgeschreckt,

Und schläfrig bleibt die Wimper liegen, die ihr das Licht versteckt.

Doch durch die zarten, kleinen Härchen, der große Lichtstrahl dringt.

Und golden es dem langen Schläfer ins trübe Auge blinkt.

Es folgt ein Blitz dem ersten Strahle, mit voller Blitzeskraft,

Die ganze Welt, sie steht in Flammen, und hat sich aufgerafft.

Die Menschheit mit den edlen Zügen, sie sieht den jungen Tag,

Und macht sich auf vom finstern Lager, wo sie im Schlafe lag.

Noch fühlt sie nicht den Rausch der Wonne, sie schreckt die Gegenwart,

Sie fühlt sich schwach, denn sie ist feige, und ahnt, was ihrer harrt:

Sie konnt' das Finst're ja nicht schauen, was that es ihr zu Leid? --

Jetzt sieht sie es, vom Licht erhellet, und sieht es weit und breit!

»Ich soll die Finsterniß verscheuchen,« so ruft der Mensch und weint,

Die Finsterniß wird groß und größer, je näher sie erscheint; --

»Ich will ihr nicht ins Auge sehen, der schwarzen Höllenbraut,

In diesen Abgrund, der verzehret, wenn man hinunter schaut!« --

Die Menschheit möchte wieder schlafen, und drückt ein Auge zu,

Doch auch im Herzen brennt die Flamme; und ihr wird keine Ruh'.

Die Tscherkessen.

Sieh, drei Reiter, glänzend, prächtig,

Wie sie nur im Traume!

Scharlachroth, auf schwarzen Rossen,

Und mit gold'nem Zaume.

Schwarz und golden, herrlich flimmert's,

Wie sie blitzschnell eilen,

Funken stäuben gleich Raketen,

Und es schwinden Meilen.

Purpurfedern auf Baretten,

Dolche an den Seiten,

Schienen sie die schnelle Runde

Um die Welt zu reiten.

Und die Rosse, wie arabisch

Ihre Blicke leuchten,

Wie die glänzend schwarzen Haare

Helle Tropfen feuchten!

Dreimal kam die Nacht gezogen,

Dreimal sah man's tagen,

Und noch immer Rosseshufe

Samt den Herzen schlagen.

Dreimal kam die Nacht gezogen,

Dreimal sah man's tagen,

Und es konnten Feuerkugeln

Sie noch nicht erjagen!

Endlich sieh' im Mondenscheine

Die drei Reiter knieen,

Brück und Wasser hinter ihnen

Eine Linie ziehen.

In dem Grenzort auf dem Berge

Steht des Marktes Menge,

Und Bewunderung, Staunen, Rührung,

Wechseln im Gedränge:

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,

Herr Gott! wie die reiten:

Feuer sprühen ihre Blicke

Hin nach allen Seiten!

Sie entfloh'n aus tiefem Reußen,

Heldenmut im Blute, --

So tönt's in des Volks Geflüster --

»Wie den' auch zu Muthe?«

Vor des Preuß'schen Rathhaus Schwelle

Stehet die Behörde,

Und die Reiter, heiß und glänzend,

Ruhen auf der Erde.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,

Blicke, freudetrunken,

Streicheln sie die prächt'gen Rosse,

Wie im Traum versunken.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,

Ihre dunklen Worte,

Sie enträthselt halb ein Dolmetsch,

Tief gerührt am Orte.

»Wir Cirkassien's freie Söhne

In der Sklaven-Ferne

Hörten rühmen eure Freiheit,

Dienten Freien gerne!

»Durch des großen Gottes Fügung

Nun auf freier Erde,

Flehen wir zum freien Preußen,

Daß uns Hilfe werde!

»Dreimal vier und zwanzig Stunden

Ohne Rast geflohen,

Bieten wir uns, uns're Schwerter

Euch an voll Vertrauen!

»Dreimal vier und zwanzig Stunden

Ohne Rast geritten,

Wir um edle, große, deutsche

Gastlichkeit nun bitten! --«

Also klangen ihre Worte,

Und mit starrem Munde

Still vernahm des Ortes Vorstand

Diese selt'ne Kunde.

Selbe Nacht noch, sieh', pechfinster,

Trotz des Vollmonds Lichte,

Lautlos durch die tiefe Stille

Lauschet die Geschichte.

Horch, zwei preußische Schwadrone,

Die Tscherkessen mitten,

Ziehen auf dem dunklen Boden

Hin mit festen Tritten.

Wieder sieht man durch die Gegend

Rosseshufen sprühen,

Brück' und Wasser diesmal ihnen

Vorn die Grenze ziehen.

Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,

Und am Brückenkopfe

Nicken durch die hohle Oeffnung

Russen mit dem Kopfe.

Dumpf Gemurmel vom Kartelle,

Freundschaft, ungeschwächten,

Und man übergiebt die Helden

Den Kosakenknechten!

Düster graut der vierte Morgen,

Einzeln leuchten Sterne,

Russen bilden einen Halbkreis,

Wetterleuchten ferne:

Düster flimmern die Laternen,

Donner westwärts grollen,

Von der Helden Haupt, gebücktem,

Große Thränen rollen:

Niederknien alle Dreie,

Und vom Regimente

Dreimal tönt die Russische Salve,

Daß die Erde dröhnte!

Der Misanthrop.

O Einsamkeit, Du stilles Land,

Der Träume und des Friedens Du,

Die Dankbarkeit mich Dir verband,

Dir dank' ich meine süße Ruh'!

Du gabst mir wieder alles das,

Was ich verloren hielt,

Die Liebe, die ich schon als Haß

In meiner Brust gefühlt.

All das, was Edles ich geglaubt,

Dir dank' ich's nun allein,

=Den= Glauben mir nun keiner raubt,

Denn einsam will ich sein!

Wer weiß, ob nicht in jener Welt

Ein Geist wird einsam sein,

Ob jedem Geist nicht eine Welt

Beschieden auch wird sein.

Es lebe stille Einsamkeit!

Du gabst mir süße Ruh!

Ich weihe mich der Dankbarkeit,

Mein einziger Freund sei'st Du.

Wirklichkeit.

Grüne Matten, Staub und Asche,

Menschenauge, schön und groß,

Ist es wahr, daß solchem Glanze

Drohet der Vernichtung Loos? --

O verwesen und vernichten!

Doch Vernichtung ist es nicht

Nur verpuppen wie die Raupe

Soll der Mensch sein Angesicht.

Sag', was ist Dir, süßes Kindchen,

Und was widert jetzt Dich an?

Macht's die Aehnlichkeit der Raupe,

Daß Dir geht ein Ekel an?

Süßes Kindchen, Menschenräupchen,

Mach kein bitterbös Gesicht,

Und verbitt're drum das Leben

Deinen Mite-Raupen nicht. --

Fernweh.

Gold'ne Sonne mit den Strahlen,

Komm und nimm mich an Dein Herz

Und von Deinem Licht getragen,

Steige mit mir himmelwärts!

Zeige mir dort Deine Wesen,

Deinen großen Wunderraum,

Und damit ich's nicht verrathe,

Laß mich's schauen wie im Traum!

Oder nimm mich in die Höhe

Nur ein tausend Meilen mit,

Daß von dort aus ich es sehe,

Wie die Erde klein aussieht!

Ufergemälde.

Es heulet der Sturm,

Es tobet die See,

Es peitschet der Wind

Die See in die Höh.

Es steuert ein Fahrzeug

Am seegrünen Strand,

Es steiget die Mannschaft

Mit Beben ans Land.

Ein Weib ist dazwischen,

Das Kind auf dem Arm,

Drückt's fester und flehet:

Daß Gott sich erbarm'!

Gerettet, bewahret

Von göttlicher Hand,

Bewahrt vor dem Abgrund,

Der Tiefe Gestrand.

Am Ufer ich bete,

Mit Blumen geschmückt,

Mein Kind ist kalt,

Mein Haupt ist gebückt.

Sie sagen, 's wär todt,

O Vater, o nein,

Du lässest nicht halb nur

Gerettet uns sein!

Im Schrecken nur schloß es

Die Aeugelein zu,

O rettender Gott

Gelobet seist Du!

Belebe mein Kindlein,

Mein Herz und mein Blut,

Sonst wollte ich lieber

Hinab in die Fluth;

Zurück in die Tiefe,

In Wassers Gewalt,

Wo unser Nothschuß

In Klüften verhallt'.

Das Auge sie hebet

Zum Himmel empor,

Da schlaget, horch plötzlich

Ein Schrei an ihr Ohr.

Ei, sieh' da, das Kindlein,

Das Kind ist erwacht,

Sein Mund hat geschrieen.

Sein Aug' hat gelacht!

Es sinkt in die Kniee

Die Mutter am Strand

Und rufet ganz trunken!

O sehet doch Gottes Hand!

Die Männer, sie wenden

Verwundert sich um

Und geben das Kindlein

In die Runde herum.

Sie heißen es Jeder

Willkommen am Land!

Und murmeln dazwischen

O sehet doch Gottes Hand!

Die Heimchen.

Hörst Du, wie die Heimchen zirpen?

Wird es Dir nicht heimlich so?

Ist es nicht, als wenn Dir riefen

Freundesstimmen irgendwo?

Düst're Nacht im Krankenzimmer,

Stürme draußen, Stürme drin,

Feuersbrunst am dunklen Himmel,

Heiße Gluth um Herz und Sinn.

Sehnend mich nach neuer Schöpfung,

Mich nach ros'gem Morgenlicht,

Saß ich still beim Lampenscheine,

Kummer in dem Angesicht.

Horch da, plötzlich Heimchen sangen,

Traulich, heimlich ward es so,

Als wenn Freundesstimmen riefen,

Tröstend, hoffend irgendwo!

Heimchentöne, Heimchenworte,

Klangvoll fing's zu sprechen an:

=Wer die= Kehlchen singen lehrte,

=Der= auch Heilung schaffen kann! --

Der Barde.

Für eine Dame schön und hold,

Für Minnetreu und Minnesold,

Des Barden höchstes Gut,

Verspritzen wir das Blut.

Der Barde liebet Ehr' und Recht,

Er ist der Erste im Gefecht,

Für Mortimer von Lewellyn[1]

Bis in den Tod die Barden ziehn.

Für Wales, unser Vaterland,

Gesegnet schön von Gottes Hand

Für seine Berge und grüne Seen

Die Barden Alle für Einen stehn.

Anmerkung:

[1] Der letzte der selbstständig regierenden Fürsten von Wales.

Am Rhein.

Auf Bergeshöh'

Den Pfad entlang,

Auf off'ner See

Beim Harfenklang.

Im Frührothschein,

Bei blauer Luft,

Am Rhein, am Rhein

Beim Kräuterduft.

Im Himmelsraum

Den Vögelschwarm,

Im Hirn den Traum,

Ganz sonder Harm.

Im Abendroth

Das Thal hinab,

Und dann, dann todt,

Allein, im Grab.

Die Judenkirsche.

(_Physallis Alkekengi_).

Ein kleines, ernstes Bäumlein,

Streckt seine Zweige aus,

Es ließ nicht gern sich essen

Und Haß war drum sein Loos!

Roth sind die schönen Früchte,

Die Blüthen weiß wie Schnee,

Es zeuget die Geschichte

Von Bäumchens Schmerzensweh!

Sympathie und Antipathie.

O, menschliche Wohlfahrt und menschliche Freiheit,

Euch beide die Seele mit Liebe umfaßt,

O menschliches Elend und menschliche Bosheit,

Wie seid ihr mir beide so tief doch verhaßt.

Und sollt ich die Ersten auch niemals erblicken,

Und schlügen die Letzten mir stets ins Gesicht,

Ich häng' an den Ersten mit ew'gem Entzücken,

Im Leben verlocken die Letzten mich nicht! --

Das scheintodte Kind.

_Nocturno._

Stürmisch ist die Nacht

Kind im Grab erwacht,

Seine schwache Kraft

Es zusammenrafft.

Machet auf geschwind

Ruft das arme Kind,

Sieht sich ängstlich um:

Finster ist's und stumm.

Ueberall ist's zu,

»Mutter, wo bist Du?«

Stoßet aus den Schrei,

Horchet still dabei;

Und in seiner Qual

Klopft es noch einmal

Sieht sich grausend um:

Finster ist's und stumm.

Streckt die Aermlein aus,

Hämmert schnell drauf los,

Ruft entsetzt und laut:

»Hört, ich bin nicht todt!«

Lehnt sein Haupt am Arm:

»Daß sich Gott erbarm',

Lebt man ewig so?

Und wo stirbt man, wo?

Ach, man hört mich nicht,

Gott, ach nur ein Licht!«

Sieht sich nochmals um!

Finster bleibt's und stumm.

Stier und starr es tappt,

Und am Sarg' es klappt,

Horch, da strömt sein Blut

Durch des Nagels Hut;

Aus dem warmen Quell,

Sprudelt's rasend schnell

Endlich stirbt das Kind,

Froh die Engel sind!

Stürmisch ist die Nacht,

Blätter rauschen sacht,

Niemand sah sich um:

Finster blieb's und stumm!

Logik.

Es hört ein wack'rer Kriegersmann

Sich dies Geschichtchen einmal an,

Dem Tod konnt er ins Antlitz sehn,

Doch jetzt im Aug' ihm Thränen stehn.

Ein Leichenhaus, ein Leichenhaus,

Ruft er aus vollem Halse aus,

Wir wollen nicht auf bloßen Schein

Beseitigt und begraben sein!

Wir wollen, alle Wetter auch,

Nicht halten an dem dummen Brauch,

Daß man mit uns zu Grabe rennt,

Als wenn man's nicht erwarten könnt'!

Für Todte haben Gelder wir,

Und um Lebend'ge handelt's hier!

Man sühnt wohl solche Grausamkeit

Nicht mehr in aller Ewigkeit.

Für Tänzer giebt es Raum und Zeit --

O, tiefbethörte Menschlichkeit!

So lang' nicht Leichenhäuser sind,

Seid alle ihr so schlecht als blind!

Natur und Mensch.

Es blinken die Sterne hinab auf das Moos

Es regt sich das Blättlein im Moose,

Im Schatten der Palme dort riesengroß,

Dort wächst eine purpur'ne Rose:

O Blättlein mein, so frisch und klein,

O duftiges, purpurnes Röselein!

Es blinken die Sterne hinab auf das Moos,

Es hüpfet ein Vöglein im Moose,

Im Schatten der Palme dort riesengroß,

Erblühet die Wundermimose:

O Röslein mein, Mimöslein mein,

Und lustiges, hüpfendes Vögelein.

Es funkeln die Sterne hinab auf das Moos

Es birgt ein Gesicht sich im Moose,

Ein weinend Gesicht, und riesengroß

Die Thräne, allüberall große: --

Und Thräne und Blut bis zum Himmel reicht,

Und allerlei Schönheit auf einmal erbleicht.

Poniatowsky.

Ich saß am Fuß des Berges

Und träumte mancherlei,

Die kleine, frische Elster,

Sie plätscherte vorbei.

Was hast Du zu erzählen,

Du schmales Silberband,

Was wir nicht schon gehöret,

Was uns nicht schon bekannt?

Was Dir bekannt geworden,

Durch der Geschichte Mund,

Das waren bunte Muscheln,

Doch Perlen beut mein Grund.

Ich saß am Fuß des Berges,

Und träumte mancherlei

Die kleine frische Elster,

Sie plätscherte vorbei.

Komm her, laß Dir erzählen,

Du fremdes Menschenkind,

Einstmalen Roß und Reiter

In mir versunken sind.

Versteh' mich recht, dem Polen,

Die Hoffnung gänzlich sank;

Er stürzt sich in die Tiefe,

Es hieß: daß er ertrank;

Er =lebt= in meinen Fluthen,

Singt nächtlich einen Sang,

Wie ein Gebet so klingt es,

Doch traurig, weh und bang;

Er =lebt= in meinen Fluthen,

Und weint um's Vaterland,

Die Thränen werden zu Perlen,

Man fischt sie an das Land.

Das Mädchen an der Donau.

Genrebild.

Frischer strahlt im Morgenglanze

Uns're junge Erde noch,

Und das Mädchen pflückt zum Kranze,

Klettert auf der Berge Hoch.

Schön ist's auf der Berge Rücken,

Schön im schatt'gen Thalesgrund,

Und es lächelt voll Entzücken

Still des Mädchens kleiner Mund.

Auf der Höhe steh'n noch Reben,

Von der Trauben Zahl gebückt,

Und ein Körbchen dicht daneben,

Dem das Mädchen näher rückt.

Schnell sie nimmt und stecket denkend

Von den Beeren in den Mund,

Und das kleine Köpfchen senkend,

Blickt sie abwärts in den Grund.

Bricht noch saft'ge Trauben viele,

Vollgepflückt schon's Körbchen steht,

Doch sie ist noch nicht am Ziele,

Still und rasch sie weiter geht.

Zu dem Strome, der hinunter

In die weite Eb'ne eilt,

Unser Mädchen, rasch und munter,

Gern beim wilden Strom verweilt.

Heller strahlen ihre Blicke,

Fröhlich färbt die Wange sich,

Und auf ein'ge Augenblicke

Setzt das wilde Mädchen sich.

Stiert hinunter in die Welle,

Stiert hinunter in die Fluth,

In den Augen spiegelhelle,

Eine schöne Thräne ruht.

Das rothe Blümlein.

Ein rothes Blümlein auf grüner Au,

Ein kleines Wölkchen an Himmels Blau,

Ein feines Mägdlein im leichten Kahn,

Es eilet, es eilet die Fluth hinan.

Das Blümlein zittert auf grüner Au,

Das Wölkchen am Himmel wird schwarz und grau

Das Mägdlein bebet im leichten Kahn,

Und mächtiger eilet die Fluth hinan.

Das Blümlein zerstoben auf grüner Au,

Das Wölklein verschwunden am himmlischen Blau.

Das Mägdlein versunken im leichten Kahn,

Es steiget die Fluth die Höhen hinan.

Was stürmst Du, Fluth, den Himmel hinan?

Was willst Du, Du gräulicher Wassersmann? --

O stolzer Knabe, sei ruhig, sei still,

Dein Spiel und Dein Traum und Dein Lieb ich will! --

Mein Spiel ist hin, und mein Traum ist hin,

Was kömmt Dir thörichter Mann in den Sinn!

Mein Lieb lebt unter der brausenden Fluth,

Und nimmer verlischt uns're Liebesgluth.

Das rothe Blümlein, das war mein Spiel,

Dem Wölkchen am Himmel traut' ich so viel,

Dem Mägdlein folgte mein ganzes Herz,

Durch Hütte und Kerker und Noth allerwärts:

Und schlägt die Woge auch über ihm her,

Das Mägdlein erstehet aus Nacht und Meer.

Ich seh' es behalten so wohl auf dem Grund,

Als wie es mir noch vor den Augen stund.

Der deutsche Tribun.

Es stand ein zierlicher Jüngling

Auf einem Hügel von Stein,

»O dürfte ich,« rief er, »hinüber --

Hinüber bis über den Rhein!«

»Der Strom zu meinen Füßen,

Mit seinem lieblichen Grund,

Steh' träumerisch ich am Ufer,

Schon manche so lange Stund'!

»Wohl bin ich ein echter Deutscher,

Verbannet, doch ohne Grund,

Ein Deutscher schon tausend Jahre --!«

Und spöttisch gar lächelt sein Mund.

»Ein Deutscher, trotz schwarzer Locken,

Der Falte in Mitten der Stirn,

Dem trübe und bleichen Antlitz,

Und einem so glühenden Hirn! --«

Wer war's, der sich so sinnig

An jenen Fels hat gelehnt?

So wahrhaft sich und so innig

Nach Deutschland hat gesehnt?

Er war es, der wackere Börne,

In dessen Brust es so schwül,

Der Deutschland so ernsthaft liebte,

Mit südlichem Gefühl! --

Den Deutschland einst verstoßen,

In Deutschland einst verpönt,

Und der sich darum nicht minder

Nach Deutschland hat gesehnt.

Die Jagd.

Hell der Himmel ist erleuchtet.

Sonnenstrahlen hin und her,

Frischer Thau den Rasen feuchtet,

Silbern glänzt das Jagdgewehr.

Eine Jagd ist's! Blutig jagend

Eilt der Jäger durch den Wald,

Für das Böse Alles wagend,

Mordruf weit und breit erschallt!

Aufgescheucht flieh'n junge Rehe,

Von dem blut'gen Schauplatz fort,

Doch der Jäger Todes-Nähe

Eilet nach von Ort zu Ort.

Mit der Hast, dem wilden Grimme

Der das Böse gern beschönt,

Der betäubend jene Stimme

Ernsten Mahnens nicht verhöhnt.

Bei dem blut'gen Reh daneben

Steht der Schütze blutig roth:

Räche, Gott, mein schuldlos Leben,

Fleht das Thier vor seinem Tod.

Trotzig glänzt des Waidmann's Miene

Bei des jungen Rehes Blut,

Und es war, als wenn's ihm schiene

Heute hätt' er Glück und Gut! --

»O daß ich den Bock erwische!«

Und so sprengt er rasend fort,

Und bleibt hängen im Gebüsche,

Und das Roß trabt weiter fort.

Schleift den Jäger zu der Haide,

Wo das Thier getroffen liegt,

Still am Boden liegen Beide,

Schuldlos Reh hat obgesiegt!

Endlich macht es eine Runde,

Endlich steht das muth'ge Roß,

Und in selbiger Sekunde

Geht des Jägers Büchse los.

Gedichte Sechste vermehrte Auflage · 第 1 / 6 段