(16) Neïlo: Schlußgebet, wichtigstes Gebet am Versöhnungstage
(Jom-Kippur).
An einem ganz gewöhnlichen Tage, es war weder Jahrmarkt noch
Wochenmarkt, hörten die Marktleute plötzlich Pferdegetrabe und sahen in
der Ferne den Straßenkot aufspritzen. Bald zeigte sich auch eine Kutsche
mit einem Pferde. Wer kann da gefahren kommen? Doch als die Kutsche auf
dem Marktplatze anlangte, wandten sich alle Leute voller Abscheu, Angst
und Zorn weg: in der Kutsche saß der Angeber aus der Nachbarstadt, der
wohl direkt in die Hölle fuhr. Wer weiß, wen er diesmal bei den Behörden
angeben wird!
Plötzlich wird es still, die Leute schauen unwillkürlich hin: die
Kutsche ist stehengeblieben, das Pferd hat den Kopf gesenkt und säuft
aus einer Pfütze, und der Angeber ist von seinem Sitz heruntergefallen
und liegt unbeweglich da.
Es ist ja immerhin eine Menschenseele! Die Leute laufen hinzu: der Mann
ist tot. Der Feldscher bestätigt: »Der ist erledigt!« Angestellte der
Beerdigungsbrüderschaft nehmen sich der Leiche an. Pferd und Wagen
werden verkauft, und mit dem Erlös werden die Beerdigungskosten
bestritten.
Kaum ist er beerdigt, als die Teufel seine Seele packen, sie nach der
Hölle schleppen und dort dem Torbeamten übergeben. Der Angeber wird für
eine Weile beim Höllentor aufgehalten, und der Beamte, der die Bücher
und Eingänge und Ausgänge führt, nimmt gelangweilt und gähnend seine
Personalien auf und trägt alles mit träger Hand in sein Buch ein.
Und der Angeber, dessen ganzer Einfluß in der Hölle nichts mehr wert
ist, gibt Antwort: Da und da geboren, da und da geheiratet, soundso
lange sich vom Schwiegervater aushalten lassen, dann von Frau und
Kindern entlaufen, in die und die Stadt verzogen und den Beruf eines
Angebers ergriffen, von dem er auch so lange lebte, bis sein Maß voll
wurde. Er starb plötzlich auf der Durchreise, auf dem Marktplatze der
Stadt Lahadam.
Da wird der Höllenbeamte, der die Bücher führt, plötzlich interessiert.
Er hält mitten im Gähnen an und fragt:
»Wie heißt die Stadt? La -- ha -- --«
»Lahadam!« wiederholt der Angeber.
Der Matrikelführer wird plötzlich rot, und seine Augen drücken höchstes
Erstaunen aus.
»Habt ihr mal von einer solchen Stadt gehört?« wendet er sich an seine
Gehilfen.
Die Gehilfen zucken die Achseln, schütteln die Köpfe und strecken die
Zungen aus:
»Nein, noch nie!«
»Gibts überhaupt eine solche Stadt?«
Jede Gemeinde hat in der Hölle ihr eigenes Buch. Die Bücher sind
alphabetisch geordnet, und jeder Buchstabe hat einen eigenen Schrank.
Man nimmt also alle Bücher mit L durch: Lublin, Lemberg, Leipzig; alle
Städte sind da, doch keine Stadt Lahadam!
»Und doch gibt es eine solche Stadt!« sagt der Angeber. »Eine Stadt in
Polen.«
»Ist sie vielleicht ganz neu gegründet?«
»Nein, sie steht schon an die zwanzig Jahre da. Der Gutsbesitzer hat sie
erbaut und zwei Jahrmärkte eingesetzt. Es gibt da eine Schule, ein
Bethaus, ein Bad ..., zwei heimliche Branntweinschenken ...«
»Ist hier schon einmal wer aus Lahadam gewesen?« fragt der
Matrikelführer noch einmal seine Gehilfen.
»Nein, niemand!« antworten sie.
»Sterben denn dort die Leute gar nicht?« fragt man den Angeber.
»Warum sollen sie nicht sterben?« antwortet er nach Judenart mit einer
Frage. »Die Leute wohnen in kleinen, dumpfen Zimmern, das Bad ist so
gebaut, daß man darin nicht atmen kann, das ganze Städtchen steht auf
einem Sumpf!« Der Angeber fällt allmählich in seinen gewohnten
Angeberton.
»Auch einen Friedhof gibt es dort. Die Beerdigungsbrüderschaft schindet
furchtbar hohe Gebühren. Erst vor kurzem gab es da eine Seuche ...«
Man schickt den Angeber in die entsprechende Abteilung der Hölle und
fragt wegen des Städtchens Lahadam an höherer Stelle an; da muß etwas
nicht in Ordnung sein: die Stadt steht seit zwanzig Jahren da; es hat
dort sogar schon eine Seuche gegeben, und doch -- kein einziger Toter
von dort!
Die höhere Stelle schickt Boten hinauf, um der Sache nachzugehen: es
stimmt! Und es verhält sich so: Es ist ein Städtchen wie jedes andere,
mit wenig gottgefälligen Werken und sehr viel Sünden. Der böse Trieb
arbeitet dort sogar recht energisch. Also, wo ist der Haken? Nun, sie
haben eben in ihrer Gemeinde einen ganz ungewöhnlichen Vorbeter! Das
heißt, der Vorbeter ist als Mensch durchaus gewöhnlich und unbedeutend,
doch er hat eine Stimme, eine so süße, so himmlische Stimme, daß, wenn
er singt, selbst die verstocktesten eisernen Herzen weich wie Wachs
werden. Kaum steht er am Vorbeterpult, als die ganze Gemeinde ihre
Sünden bereut und so aufrichtig Buße tut, daß oben alle Sünden vergeben
und aus den Registern gestrichen werden. Und die Tore des Paradieses
stehen allen Einwohnern von Lahadam weit offen. Wenn einer kommt und
sagt: »Ich bin aus Lahadam«, so wird er gar nicht mehr weiter gefragt.
Die ganze Geschichte paßt der Hölle selbstverständlich gar nicht, und
Satan selbst nimmt die Sache in die Hand. Er wird mit dem Vorbeter schon
fertig werden! Was tut er? Er schickt auf die Erde hinauf und läßt sich
einen lebenden kalikutischen Hahn mit rotem Kamm holen. Man bringt ihm
bald den Hahn und stellt ihn vor ihn auf den Tisch. Der Hahn ist so
erschrocken, daß er sich gar nicht rührt, und der Satan -- verflucht sei
sein Name! -- setzt sich vor ihn hin, fängt ihn zu krauen an und starrt
so lange und unverwandt auf seinen roten Kamm, bis dieser weiß wie Kalk
wird. Wie der Satan fühlt, daß der Allmächtige oben in höchsten Zorn
geraten ist, ruft er aus:
»Soll er seine süße Stimme verlieren bis zu seiner Sterbestunde!«
Wen er bei dieser Beschwörung meinte, wißt ihr selbst; und ehe noch der
Kamm des kalikutischen Hahns wieder rot geworden war, hatte schon der
Vorbeter von Lahadam seine Stimme verloren. Seine Kehle ist wie
geschlagen; er kann kaum noch sprechen. Wer am Unglück die Schuld hat,
weiß man schon; das heißt, einige Wunderrabbis wissen es. Wer hat aber
den Mut, dem Vorbeter so etwas zu sagen? Es ist doch sowieso nichts mehr
zu machen! Wenn der Vorbeter als Mensch noch irgendwie hervorragend
wäre, so könnte man vielleicht durch Fürbitte im Himmel etwas erreichen.
Aber er war eben ein durchaus unbedeutender Mensch, eine Null ...
Der Vorbeter reist von einem Wunderrabbi zum andern, doch keiner kann
ihm etwas sagen. Nun kommt er zum Rabbi von Opatow und gibt ihm keine
Ruhe: er wird nicht fortgehen, bis er die Wahrheit erfahren hat. Es ist
ein Jammer mit dem Menschen! Und der Rabbi versucht ihn zu trösten:
»Wisse, daß deine Heiserkeit nur bis zu deiner Sterbestunde anhalten
wird. Dein Sterbegebet wirst du aber schon mit einer so klaren Stimme
sprechen können, daß man es in allen Himmeln hören wird!«
»Und bis dahin?«
»Bis dahin ist die Sache hoffnungslos!«
Der Vorbeter bestürmt noch einmal den Rabbi:
»Wie ist das geschehen? Warum ist mir das geschehen?«
Und er plagt den Rabbi so lange, bis dieser ihm alles erzählt.
»Wenn so,« schreit der Vorbeter mit heiserer Stimme auf, »so werde ich
mich schon rächen!« Und mit diesen Worten läuft er hinaus.
»Wie willst du dich rächen? Und an wem?« ruft ihm der Rabbi nach. Doch
der Mann ist schon fort.
Das geschah an einem Dienstag; andre sagen -- an einem Mittwoch. Und als
am Donnerstag abend die Fischer von Opatow Fische zum Sabbat fangen
wollten und ihr Netz herauszogen, so war das Netz auffallend schwer; und
wie man es herauszog, lag darin der Vorbeter von Lahadam.
Er hatte sich von der Brücke ins Wasser gestürzt. Und wie er das
Sterbegebet sprechen sollte, hatte er seine schöne Stimme, wie es ihm
der Rabbi ganz richtig vorausgesagt hatte, wiederbekommen; denn der
Satan hatte ausdrücklich bestimmt: »Bis zur Sterbestunde!« Doch als er
ins Wasser sprang und sich ertränkte, hat er das Sterbegebet gar nicht
gesprochen, sondern seine Stimme für später aufgehoben. Und das war
seine Rache, wie ihr es gleich sehen werdet.
Wie es einem Selbstmörder geziemt, wird der Vorbeter sofort von den
Teufeln gepackt und in die Hölle geschleppt. Beim Tore wird er wie
üblich ausgefragt, aber er gibt keine Antwort. Man versucht, ihn mit
einer glühenden Gabel zum Sprechen zu bringen, doch er schweigt.
»Nehmt ihn so!«
Man weiß doch auch so, wer er ist: man hatte ihn ja erwartet! Und man
nimmt ihn »so« und führt ihn zu einem Kessel, der für ihn gerade heiß
gemacht wird: sobald das Pech zu sieden anfängt, wird man ihn
hineinwerfen. Doch der Vorbeter setzt sich plötzlich den Daumen an die
Gurgel und beginnt den Kaddisch aus der Neïlo ...
Er singt, und seine Stimme klingt immer mächtiger und noch süßer, noch
herzergreifender als je ... Und in den Kesseln, aus denen bisher ein
Winseln und Jammern drang, wird es plötzlich still. Dann fallen Stimmen
ins Gebet ein, verbrühte Köpfe heben die Deckel von den Kesseln, und
versengte Lippen singen mit ...
Die Teufel, die bei den Kesseln stehen, beten nicht mit: sie sind vor
Schreck wie gelähmt. Sie stehen -- der eine mit einer Tracht Brennholz
zum Nachlegen, der andre mit einem Schürhaken, der dritte mit einer
eisernen Gabel in der Hand, mit aufgerissenen Mäulern, ausgestreckten
Zungen, runden Augen und verzerrten Gesichtern und rühren sich nicht;
andre sind vor Schreck umgefallen ... Während der Vorbeter in der Neïlo
fortfährt, geht das Feuer unter den Kesseln allmählich aus, und die
Toten kommen einer nach dem andern heraus.
Er singt, und die ganze Gemeinde betet voller Inbrunst mit; und während
sie beten, verheilen die Brandwunden und überziehen sich mit neuer Haut,
verbrannte Glieder wachsen nach, und alle Leiber sind wie geläutert ...
Und wie der Vorbeter zur Stelle kommt: »Gesegnet seiest du, Herr, der du
die Toten lebendig machst!« -- werden alle Toten wirklich lebendig,
nehmen die Gestalt an, die sie vorher hatten, und rufen wie ein Mensch
»Amen!« Und bei der Stelle: »Sein großer Name werde gepriesen in alle
Ewigkeit!...« klingt es so laut, daß alle Himmel sich auftun und das
Bußgebet der Sünder bis in den siebenten Himmel hinaufsteigt, bis zum
Throne der Göttlichen Majestät. Und es ist gerade eine Stunde der Gnade,
und alle Sünder, die nicht mehr Sünder sind, bekommen plötzlich Flügel
und fliegen empor und finden die Tore des Paradieses weit geöffnet.
In der Hölle zurückgeblieben sind nur die vor Schreck erstarrten Teufel
und der Vorbeter selbst. Wie bei Lebzeiten hatte er durch seine Stimme
alle Herzen erweicht und zur Buße bekehrt, doch selbst nicht ordentlich
Buße getan. Zudem war er ja auch ein Selbstmörder!
Mit der Zeit hat sich die Hölle wieder gefüllt ... Ich hörte sogar, daß
man dort jetzt einen Erweiterungsbau aufführt ...