Hier auf =dieser= Welt machte Bonze Schweigs Tod gar keinen Eindruck!
Man kann lange fragen, =wer= Bonze Schweig war, =wie= er lebte, =woran=
er starb: ob ihm das =Herz= barst, ob ihm die Kräfte ausgingen, ob ihm
unter einer schweren Last das Rückgrat brach ... Wer weiß? Vielleicht
starb er gar vor Hunger ...
Wenn ein Trambahnpferd stürzt, macht das schon viel mehr Eindruck: die
Zeitungen berichten darüber, Hunderte von Menschen rennen aus allen
Gassen herbei, um das gefallene Pferd oder nur die Stelle, wo sich der
Unfall ereignete, zu sehen ... Doch auch dem Trambahnpferde wäre diese
Ehre nicht zuteil, wenn es ebenso viele Millionen Trambahnpferde gäbe
wie Menschen.
Bonze hat still gelebt und ist still gestorben. Wie ein Schatten glitt
er durch =unsre= Welt.
Bei Bonzes Beschneidungsfeier trank man keinen Wein, klirrten keine
Becher. Bei seiner Bar-Mizwa(15) hielt er keine wohlgesetzte Rede ... Er
lebte wie ein farbloses Sandkörnchen am Meeresufer unter Millionen
seinesgleichen. Und als der Wind das Sandkörnchen aufhob und auf das
andre Ufer des Meeres hinübertrug, merkte es niemand.
(15) Feier des 13. Geburtstages: mit dreizehn Jahren erlangt der Jude
religiöse Mündigkeit.
Solange er lebte, behielt der Straßenschmutz keine einzige Spur seiner
Füße. Und als er begraben war, warf der Wind die kleine Holztafel auf
seinem Grabe um. Die Frau des Totengräbers fand später das Brettchen
weit vom Grabe liegen, machte Feuer damit und kochte darauf ihre
Kartoffeln ... Drei Tage nach Bonzes Tode wußte der Totengräber nicht
mehr, wo er ihn beerdigt hatte!
Hätte Bonze ein richtiges Grabmal gehabt, so wäre es möglich, daß
hundert Jahre nach seinem Tode Altertumsforscher den Grabstein gefunden
hätten; dann wäre Bonze Schweigs Namen noch einmal in =unsrer= Luft
erklungen.
Ein Schatten! In keinem Menschenherzen, in keinem Menschenhirn blieb
Bonze Schweigs Bild zurück. Nichts erinnert an ihn. Elend gelebt, elend
gestorben!
Wenn nicht der ewige Straßenlärm, so hätte vielleicht jemand gehört, wie
Bonze Schweigs Rückgrat unter den schweren Lasten knackte; hätte die
Welt mehr Zeit gehabt, so hätte vielleicht jemand bemerkt, daß Bonze
Schweig erloschene Augen und furchtbar eingefallene Wangen hatte, daß
er, selbst wenn er keine Last auf dem Rücken schleppte, immer den Kopf
gesenkt hielt, als ob er sich schon bei Lebzeiten ein Grab suchte. Und
wenn es nur ebensoviel Menschen gäbe wie Trambahnpferde, so hätte
vielleicht doch jemand gefragt: was ist aus Bonze Schweig geworden?!
Als man Bonze Schweig ins Spital brachte, blieb seine Schlafstelle im
Keller nicht leer: zehn seinesgleichen warteten schon auf seinen Winkel,
den sie untereinander versteigerten. Als man ihn aus dem Spitalbette hob
und in die Leichenkammer brachte, warteten auf sein Bett schon zwanzig
andre arme Kranke ... Und als man ihn aus der Leichenkammer hinaustrug,
brachte man zwanzig Leichen herein, die man unter einem eingestürzten
Hause herausgeholt hatte ... Wer weiß, wie lange er in seinem Grabe
bleiben darf, wer weiß, wieviel Tote auf das kleine Fleckchen Erde
warten ...
Still geboren, still gelebt, still gestorben und noch stiller begraben .
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Ganz anders war es aber auf =jener= Welt! Dort machte Bonze Schweigs Tod
einen gewaltigen Eindruck.
Die große Posaune, die dereinst auf Erden bei Messias' Ankunft erklingen
wird, verkündete in allen sieben Himmeln: Bonze Schweig ist im =Herrn
entschlafen=! Die vornehmsten Engel mit den breitesten Flügeln flogen
durch den Himmel und riefen einander zu: Bonze Schweig ist zu den
himmlischen Scharen einberufen worden! Und im Paradiese war eitel
Freude, ein Singen und Rauschen: Bonze Schweig! Das ist doch wirklich
kein Spaß!
Junge Engel mit diamantenen Augen, goldenen, filigran gearbeiteten
Flügeln und silbernen Pantöffelchen flogen und liefen ihm
freudejauchzend entgegen! Das Rauschen der Flügel, das Klappern der
Pantöffelchen, das fröhliche Lachen der jungen, frischen, rosigen Engel
klang durch alle Himmel und drang bis vor den Thron der Göttlichen
Majestät. Und Gott selbst wußte schon auch, daß Bonze Schweig kommt!
Vater Abraham stellte sich vor der Himmelstür auf, die rechte Hand zu
einem gar freundlichen Willkommengruß ausgestreckt, ein süßes Lächeln
auf seinem strahlenden Greisenantlitz.
Was rollt da durch den Himmel?
Zwei Engel rollen einen goldenen Großvaterstuhl ins Paradies. Er ist für
Bonze Schweig.
Was hat eben so hell aufgeblitzt?
Eine goldene Krone, mit den teuersten Edelsteinen besetzt, wurde soeben
vorbeigetragen: alles für Bonze!
»Noch vor dem Urteilsspruche des Himmlischen Gerichtshofes?« fragen die
Gerechten etwas verwundert und nicht ohne Neid.
»Ach!« antworten die Engel, »die Verhandlung wird nur eine leere
Formalität sein! Selbst der Ankläger wird nicht wissen, was gegen Bonze
Schweig vorzubringen wäre. Der ganze Prozeß wird höchstens fünf Minuten
dauern!«
»Ihr wagt es, über Bonze Schweig die Nase zu rümpfen?«
* * * * *
Als die jungen Engel Bonze in der Luft abfingen und ihm eine Hymne
sangen; als Vater Abraham ihm wie ein alter Kamerad die Hand drückte;
als man ihm sagte, daß für ihn im Paradies bereits ein Sessel stehe, daß
man für ihn eine Krone vorbereitet habe, daß am Himmlischen Gerichtshofe
über ihn fast kein Wort fallen würde, -- da tat Bonze Schweig dasselbe,
was er bei Lebzeiten tat: er =schwieg= vor Schreck. Das Herz stand ihm
still. Er war überzeugt, daß das Ganze ein Traum sei oder eine
Verwechslung.
Er war an beides gewöhnt: mehr als einmal träumte er auf jener Welt, daß
er vom Boden Geld aufliest, ganze Berge Geld; und wenn er erwachte, war
er womöglich noch ärmer als zuvor. Mehr als einmal lächelte man ihm aus
Versehen zu, und als man merkte, daß es eine Verwechslung war, wandte
man sich weg und spie aus ...
»Ich habe schon einmal so ein Glück!« denkt er sich.
Er fürchtet die Augen aufzuheben, damit der Traum nicht verschwinde: er
wird noch in irgendeinem Loche unter Schlangen und Skorpionen erwachen.
Er fürchtet, auch nur ein Wort zu sagen, auch nur ein Glied zu rühren,
daß man ihn nicht erkenne und zum Teufel jage ...
Er zittert und hört nicht die Komplimente der Engel; er sieht nicht, wie
sie ihren Reigen um ihn tanzen; er antwortet nicht auf Vater Abrahams
Willkommengruß, und als man ihn vor den Himmlischen Gerichtshof bringt,
sagt er nicht Guten Tag.
Er ist vor Schreck ganz außer sich!
Und sein Schreck wird noch größer, als sein Blick unwillkürlich auf den
Fußboden des Verhandlungssaales fällt: nichts als Alabaster und
Diamanten! »Auf solchem Fußboden stehen meine Füße!« sagt er sich ganz
bestürzt. »Wer weiß, mit welchem vornehmen Herrn, mit welchem Rabbi, mit
welchem göttlichen Manne sie mich verwechseln! Und wenn der Betreffende
kommt, dann ist es aus mit mir!«
Vor Schreck hört er nicht einmal, wie der Gerichtspräsident verkündet:
»Der Fall Bonze Schweig!« und sich dann an den Fürsprech wendet, indem
er ihm die Akten übergibt: »Lies, doch mach es kurz!«
Der ganze Saal dreht sich um Bonze im Kreise herum; es rauscht ihm in
den Ohren, und durch das Rauschen hindurch unterscheidet er allmählich
die Stimme des himmlischen Fürsprechs, süß wie eine Geige:
»Sein Name paßte ihm, wie ein von einem genialen Schneider gefertigtes
Kleid auf einen schlanken Menschenleib ...«
»Was redet er da?« fragt sich Bonze, und er hört, wie eine ungeduldige
Stimme den Fürsprech unterbricht:
»Bitte, ohne Gleichnisse!«
»Er klagte niemals,« fährt der Fürsprech fort, »weder über Gott noch
über die Menschen. In seinen Augen leuchtete niemals ein Funken des
Hasses, und er hob sie kein einziges Mal mit einem Vorwurf gen
Himmel ...«
Bonze versteht wieder kein Wort, doch er hört, wie die harte Stimme von
vorhin den Fürsprech wieder unterbricht:
»Ohne Rhetorik!«
»Hiob hielt es nicht aus, doch er war unglücklicher als Hiob ...«
»Bitte, Tatsachen, nackte Tatsachen!« unterbricht der Präsident noch
ungeduldiger.
»Mit acht Tagen wurde er beschnitten ...«
»Bitte, ohne realistische Details!«
»Der Operateur war ein Pfuscher, konnte das Blut nicht stillen ...«
»Weiter!«
»Doch er schwieg immer,« fährt der Fürsprech fort. »Er schwieg auch, als
er mit dreizehn Jahren seine Mutter verlor und eine Stiefmutter bekam,
eine Stiefmutter, böse wie eine Schlange ...«
»Meint er vielleicht doch mich?« denkt sich Bonze.
»Bitte, keine Verdächtigungen gegen dritte Personen!« grollt der
Präsident.
»Sie kargte ihm jeden Bissen ab; sie gab ihm verschimmeltes Brot von
vorgestern ... Sehnen statt Fleisch ... Und sie selbst trank
währenddessen Kaffee mit Sahne ...«
»Zur Sache!« schreit der Präsident.
»Dafür geizte sie nicht mit Kniffen und Schlägen, und sein blau und
braun unterlaufener Körper sah aus allen Löchern seiner schäbigen
Kleider hervor ... Im Winter, beim größten Frost mußte er barfuß auf dem
Hofe Holz spalten, und seine Knabenhände waren zu schwach, die
Holzklötze zu schwer und das Beil zu stumpf ... Mehr als einmal renkte
er sich dabei den Arm aus, mehr als einmal fror er sich die Füße wund,
doch er =schwieg= immer. Selbst vor dem Vater ...«
»Vor dem Trunkenbold!« ruft lachend der Ankläger dazwischen, und Bonze
überläuft es kalt.
»... klagte er niemals,« beendet der Fürsprech seinen Satz. »Und immer
elend, immer allein ... keine Freunde, keine Schule, kein einziges
ganzes Gewand ... keine Minute freie Zeit ...«
»Tatsachen!« ermahnt wieder der Präsident.
»Er schwieg auch, als sein betrunkener Vater ihn einmal bei den Haaren
packte und mitten in der Nacht, in einer Winternacht, aus dem Hause
hinauswarf! Er erhob sich still aus dem Schnee und ging, wohin ihn die
Füße trugen ...
»Er schwieg auch auf seiner Wanderung, und selbst beim größten Hunger
bettelte er nur mit den Augen.
»Erst in einer schwindligen, feuchten Frühlingsnacht erreichte er die
Großstadt. Er verschwand in ihr sofort wie ein Wassertropfen im Meere,
und doch verbrachte er gleich die erste Nacht im Arrest ... Er schwieg
und fragte nicht, warum und wofür. Und als er aus dem Arrest herauskam,
suchte er sich gleich die schwerste Arbeit. Und schwieg!
»Viel schwerer, als die Arbeit selbst, war es für ihn, Arbeit zu finden.
Doch er schwieg!
»In kaltem Schweiß gebadet, unter der schwersten Last zusammenbrechend,
von Krämpfen im leeren Magen geplagt, schwieg er!
»Von fremden Rädern mit Kot bespritzt, von fremden Mündern bespien, mit
der schwersten Last auf dem Rücken vom Bürgersteige auf die Straße
gestoßen, zwischen Droschken, Equipagen und Trambahnen gejagt, jeden
Augenblick den Tod vor Augen, -- schwieg er!
»Er rechnete niemals nach, wieviel Zentner Last auf den Pfennig seines
Lohnes kamen, wie oft er bei einem Gange, für den er einen Dreier bekam,
zusammenbrach; wie oft er beinahe die Seele ausspie, wenn er seinen Lohn
mahnte. Er rechnete niemals nach, weder den eigenen noch den fremden
Verdienst -- er schwieg!
»Seinen Lohn mahnte er niemals laut: er stand wie ein Bettler vor der
Tür und bettelte wie ein Hund mit den Augen. 'Komm später!' -- und er
verschwand stumm wie ein Schatten, um 'später' noch stummer um seinen
Lohn zu betteln!
»Er schwieg sogar, wenn man von seinem Lohn etwas abschwindelte oder ihm
eine falsche Münze gab! Er schwieg immer!...«
»Man meint also doch mich!« tröstet sich Bonze.
Der Fürsprech nimmt einen Schluck Wasser und fährt fort: »Einmal kam in
sein Leben eine neue Wendung. Eine Equipage auf Gummirädern raste durch
die Straße: die Pferde waren durchgegangen, und der Kutscher lag schon
längst mit zerschmettertem Schädel irgendwo auf dem Pflaster ... Aus den
Mäulern der erschrockenen Pferde spritzt Schaum, unter ihren Hufen
stieben Funken, ihre Augen funkeln wie glühende Kohlen in finsterer
Nacht ... Und in der Equipage sitzt mehr tot als lebendig ein Mensch ...
»Und Bonze hielt die rasenden Pferde auf!
»Der Gerettete war ein Jude, ein bekannter Wohltäter, und er vergaß
Bonzes Tat nicht!
»Er übergab ihm die Peitsche des getöteten Kutschers, und Bonze wurde
Kutscher. Er tat noch mehr: er verheiratete ihn; und noch mehr: er
versorgte ihn sogar gleich mit einem Kinde ...
»Und Bonze schwieg immer!«
»Er meint mich!« sagt sich Bonze. Er zweifelt nicht mehr, und doch wagt
er noch immer nicht, einen Blick auf den Himmlischen Gerichtshof zu
werfen. Und er hört, wie der Fürsprech fortfährt:
»Er schwieg auch, als sein Wohltäter bald darauf seine Zahlungen
einstellte und auch ihm, Bonze, den Lohn vorenthielt ...
»Er schwieg, als seine Frau von ihm weglief und ihm ein Brustkind
zurückließ ...
»Er schwieg sogar, als fünfzehn Jahre später dieses selbe Kind, das
inzwischen groß und stark geworden war, ihn, seinen Vater, aus dem Hause
hinauswarf ...«
»Mich meint er, mich!« freut sich Bonze.
»Er schwieg,« fährt der Fürsprech weicher und trauriger fort, »als
dieser selbe Wohltäter mit allen Gläubigern Vergleich schloß und nur ihm
keinen Pfennig von seinem Lohn bezahlte; und selbst dann, als er, wieder
einmal in einer Equipage mit Gummirädern und löwengleichen Pferden
dahinrasend, ihn, Bonze Schweig, überfuhr!...
»Er schwieg immer! Auf der Polizei sagte er nicht einmal, wer ihn
überfahren hatte ...
»Er schwieg auch im Spital, wo man doch =schreien= darf!
»Er schwieg, als der Doktor sich weigerte, anders als gegen Bezahlung
von fünfzig Kopeken zu seinem Bette zu gehen; als der Krankenwärter ohne
fünf Kopeken ihm die Wäsche nicht wechseln wollte!
»Er schwieg in der Agonie, er schwieg im Sterben ...
»Kein Wort gegen Gott, kein Wort gegen Menschen!
»_Dixi!_«
Bonze fängt wieder an am ganzen Leibe zu zittern. Er weiß, daß nach dem
Fürsprech der Ankläger das Wort hat. Wer weiß, was =der= sagen wird!
Bonze hat von seinem ganzen Leben nichts im Gedächtnisse behalten. Auch
auf jener Welt vergaß er jede Minute schon in der nächsten Minute ...
Der Fürsprech hatte ihm alles in Erinnerung gebracht. Wer weiß, woran
ihn der Ankläger erinnern wird!
»Meine Herren!« fängt der Ankläger mit scharfer, stechender, sengender
Stimme an.
Er kommt nicht weiter.
»Meine Herren!« beginnt er von neuem, schon viel weicher, und stockt
wieder.
Schließlich erklingt aus dem gleichen Munde eine beinahe milde Stimme:
»Meine Herren! =Er= schwieg, also will auch ich schweigen.«
Es wird still, und es erklingt eine neue, weiche, zitternde Stimme:
»Bonze, mein Kind Bonze!« klingt es wie eine Harfe: »Mein Herzenskind
Bonze!«
In Bonze schluchzt das Herz ... Er möchte jetzt die Augen aufschlagen,
sie sind aber von Tränen geblendet ... So süß und traurig zugleich war
es ihm noch niemals ums Herz. »Mein Kind!« -- seit dem Tode seiner
Mutter hat er noch nie eine solche Stimme und solche Worte gehört.
»Mein Kind!« fährt der Allbarmherzige Vater des Gerichts fort. »Du
schwiegst immer! Du hast kein einziges Glied, keinen einzigen Knochen in
deinem Leibe, der nicht wundgeschlagen wäre; es ist keine noch so
verborgene Stelle in deiner Seele, die nicht blutete ... Und du
schwiegst immer ...
»Dort verstand sich niemand darauf; vielleicht wußtest du sogar selbst
nicht, daß du schreien kannst und daß vor deinem Schreien die Mauern
Jerichos erzittern und einstürzen würden? Du wußtest nichts von der
Kraft, die in dir schlummerte ...
»Auf jener Welt wurde dein Schweigen nicht belohnt. Doch jene Welt ist
die Welt der Lüge. Hier, auf der Welt der Wahrheit, wirst du deinen Lohn
bekommen!
»Dich wird der Himmlische Gerichtshof nicht richten, über dich wird er
keinen Spruch fällen.
»Dir wird er nichts zuteilen und nichts zumessen: nimm dir, was du
willst! =Alles= ist dein!«
Bonze hebt zum erstenmal die Augen. Das Licht, das von allen Seiten auf
ihn eindringt, blendet ihn. Alles blitzt, alles glänzt und funkelt, von
allen Seiten schießen Strahlen; von den Wänden, von den Geräten, von den
Engeln und von den Richtern.
Und er läßt die müden Augen wieder sinken.
»Ist es wahr?« fragt er ungläubig und verschämt.
»Gewiß!« antwortet sehr bestimmt der Vater des Gerichts. »Ich sage dir
ja: alles ist dein! Alles im Himmel gehört dir! Wähle und nimm dir, was
du willst: denn du nimmst nur von dem, was dir gehört!«
»Ist es wahr?« fragt Bonze wieder, doch schon etwas sicherer.
»Gewiß! Gewiß! Gewiß!« versichert man ihn von allen Seiten.
»Nun, wenn so,« sagt Bonze lächelnd, »so will ich jeden Morgen eine
warme Semmel mit frischer Butter!«
Richter und Engel schlagen verschämt die Augen nieder. Der Ankläger
beginnt zu lachen.