IV. 1.

]

Dann fliegen sie fort, um sich ihr Frühstück zu suchen, und wenn nun

der Tag weiter vorrückt, kann man sie einzeln hören, auf die Töne jedes

Gesanges achten, und, wenn man leise heranschleicht, sehen, wie die

Kehle des Vogels anschwillt und erzittert, wenn er die Töne in ihrem

Innern bildet.

Es ist nicht leicht, niederzuschreiben, was ein Vogel singt, denn es

ist mehr ein Flöten und Pfeifen, es sind keine Worte darin. Aber man

hat oft versucht ihr Lied in Worten auszudrücken. Horch auf den Gesang

der Drossel! In ihrem melodienreichen Liede hörst du stets einige

flötende Töne, die zwei- bis viermal wiederholt werden. Ihr Lockruf

klingt wie ein heiser pfeifendes „zip, zip“, und ihr Angstruf ist ein

gellendes „dack, dack“.

Der hübsche Goldammer mit seinem goldgelben Kopfe singt im zeitigen

Frühjahr sein einfaches Liedchen und tut dies bis spät in den Herbst

hinein. Der kleine Weidenzeisig ruft deutlich und klar sein „hüid,

hüid“. Auch der Ruf des Kuckucks ist so bekannt, daß jedes Kind ihn

nachahmen kann, ebenso wie den wie „huuh, huu, huh“ klingenden Ruf der

Hohltaube.

Wenn die Tage heißer werden, singen die Vögel weniger. Sie sitzen in

den Zweigen der Bäume oder in den Hecken im Schatten der Blätter oder

hüpfen im Gehölz umher. Wenn dann der Abend kommt und lange Schatten

über das Gras huschen, sieht sich jeder Vogel nach seinem Abendessen

um. Ist er gesättigt, so singt er befriedigt sein Abendlied, ehe er

schlafen geht.

Was ist das für ein Konzert! Finken, Meisen, Sperlinge, Zaunkönige,

Rotkehlchen und Buchfinken, alle singen zugleich. Und über ihnen allen

schwebt das Lied der Drosseln und Amseln, das Girren der wilden Tauben

und das Krächzen der Krähen, wenn sie von den Feldern heimfliegen.

Wie die Drosseln, außer den Lerchen, die ersten waren, die am Morgen

anfingen, so sind sie die letzten, die am Abend aufhören, und oft singt

eine Drossel noch weiter, wenn schon alle anderen Vögel lange still

geworden sind.

Und endlich scheint alles zur Ruhe gekommen zu sein. Aber nein!

Plötzlich hört man im Mai oder Juni einen süßen Ton, wie den einer

Flöte, sanft aus verschiedenen Teilen der Gehölze erschallen. Es ist

die Nachtigall, die im warmen Sommer fast die ganze Nacht hindurch

singt.

Sie singt auch am Tage, aber ihre Stimme ist so weich, daß sie oft von

dem lauteren Gesang der anderen Vögel übertönt wird. In der Stille der

Nacht aber kann man ihr süßes Lied hören, das mit einer Reihe leise

einsetzender Flötentöne beginnt, die allmählich stärker und lauter

werden und mit höheren Trillerlauten enden. Wer einmal der Nachtigall

Gesang gehört hat, vergißt ihn wohl niemals wieder.

Im Frühling singen die Vögel am meisten; denn dann bauen sie ihre

Nester, und das Männchen singt dem Weibchen etwas vor, während dieses

beim Bau beschäftigt ist oder auf den Eiern sitzt. Man kann ein

Rotkehlchennest manchmal dadurch ausfindig machen, daß man das Männchen

beobachtet, wie es singend auf einem Zweige in der Nähe sitzt. Die

meisten haben wohl auch schon eine männliche wilde Taube gesehen, wie

sie dasitzt, ihre Kehle aufbläst und girrend und sich verbeugend nach

dem Weibchen auf dem Neste schaut; denn Tauben machen sich das ganze

Jahr hindurch den Hof. --

Wenn der weibliche Vogel auf den Eiern sitzt, singt das Männchen aus

Freude, und wenn die Jungen ausgebrütet sind, lehrt es sie sein Lied.

Singvögel haben sehr zarte Kehlen. Sie haben Muskeln, die wie die

Saiten einer Geige schwingen, und die jungen Vögel müssen lernen, diese

Muskeln zu bewegen.

Es ist eigenartig anzuhören, wenn eine junge Amsel oder Drossel zu

singen anfängt. Zuerst kommt eine Note, dann zwei oder drei. Die Töne

sind nicht immer richtig, aber sie versucht es wieder und wieder und

lernt so nach und nach das Lied des Vaters.

Höre auf das Lied der Rotkehlchen, Drosseln, Amseln, Lerchen,

Nachtigallen, Buchfinken und anderer und versuche, es mit Pfeifen

nachzuahmen.

Lektion 3.

Die Nester der Vögel.

Wenn ihr wissen wollt, wie sinnreich die Vogelnester gebaut sind, so

solltet ihr einige sammeln, die die Vögel verlassen haben, oder aus

welchen die jungen Vögel fortgeflogen sind.

Das Nest einer Hecken-Braunelle wird man in manchem Weißdornbusch

finden, und obwohl es ein einfaches Nest ist, so werdet ihr doch bald

finden, wenn ihr es auseinanderreißt, daß ihr es nicht so gut wieder

zusammensetzen könnt, wie es der Vogel gemacht hat.

Das Nest eines Buchfinken ist viel feiner geflochten. Ihr werdet

sehr wahrscheinlich eins in den Apfelbäumen im Obstgarten finden. Es

ist aus trocknem Gras und Moos gebaut, die mit Wolle zu einer Art

Tasse verwoben sind, und ist mit Haaren und Federn ausgepolstert. An

der Außenseite wird der Vogel wahrscheinlich Stücke von grauen oder

weißen Flechten angebracht haben. Flechten sind papierartig aussehende

Pflanzengebilde, die an Apfelbäumen wachsen und von Kindern graues Moos

genannt werden. Die hineingewebten Stücke helfen dazu, das Nest im

Apfelbaume zu verstecken. Wenn der Buchfink in einer grünen Hecke baut,

nimmt er statt der Flechten oft grünes Moos.

Nun versuche, ein Drosselnest zu finden, vielleicht in einem

Eichenbusche oder einer Tanne. Es ist groß und ganz fest, nicht weich

wie das der Hecken-Braunelle. Denn die Drossel pflastert das Nest im

Innern mit Erde oder Kuhdünger oder verfaultem Holze aus, bis es fast

so hart ist wie die innere Seite einer Kokosnußschale.

Wenn ihr diese Nester angesehen habt, werdet ihr wünschen, im nächsten

Frühlinge eins bauen zu sehen. Aber dies ist nicht so leicht. Denn die

Vögel versuchen, die Wiegen ihrer Kleinen zu verstecken, und lieben es

nicht, zu bauen, wenn irgend jemand in der Nähe ist.

Krähen sind am leichtesten zu beobachten, denn sie bauen in hohen

Bäumen und sind daher nicht scheu. Man kann sehen, wie sie mit Reisern

im Schnabel dahinfliegen und Erde und Lehm herbeitragen, um damit das

Nest auszupolstern. Manchmal kann man beobachten, wie alte Krähen am

Krähenhorst zurückbleiben, um Reiser aus den Nestern der jungen Krähen

zu stehlen, während diese fort sind, anstatt solche für sich selbst zu

suchen.

Die Vogelnester haben nicht alle die gleiche Form. Die Lerche baut ihr

Nest hinter einen Grasbüschel oder in eine Furche auf dem Felde. Der

Kiebitz, dessen Ruf ihr so gut kennt, legt einige Grashalme oder Binsen

an einen geeigneten Platz der sumpfigen Wiese. Seine Jungen laufen

umher, sobald sie aus dem Ei kriechen.

Die Rauchschwalben bauen ihre Nester aus Stroh und feuchter Erde an

das Sparrenwerk der Scheunen und Ställe oder unter die Simse der

Schornsteine in der Form eines flachen Beckens und kleiden sie mit

Federn aus. Aber die Hausschwalben bauen unter Dachtraufen und stellen

ihre Nester aus Lehm und feuchter Erde her, die sackförmig an die Wand

geklebt werden, mit nur einem kleinen Loch am oberen Ende. Es ist

spaßig zu sehen, wenn die Schwalbe ihren Kopf in das Nest steckt, um

die Jungen zu füttern, und der Schwanz hinten heraussteht.

Der Specht hat als Nest ein Loch in einem Baume und legt es mit

Holzspänen aus. Der Kleiber sucht sich gleichfalls ein Loch in einem

Ast und belegt es mit Rindenstücken und trockenen Blättern. Wenn die

Öffnung zu groß ist, mauert er sie mit Lehm zu und läßt nur ein kleines

Loch frei; deshalb wird er „Kleiber“ genannt.

Krähen und Tauben bauen grobe Nester. Die Krähe baut das ihrige aus

Reisern und Rasen und kleidet es mit Moos und Gras aus. Die Taube baut

ihr Nest so locker, daß die Eier beinahe hindurchgleiten.

Die kleinen Singvögel, wie die Drossel, die Nachtigall und das

Rotkehlchen bauen hübsche tassenförmige Nester. Die Rohrsänger bauen

ein Nest um zwei oder drei Schilfstengel oder andere Pflanzen in der

Nähe des Wassers. Es ist aus Grashalmen gemacht und mit Wasserpflanzen

ausgepolstert. Der Zaunkönig, die langschwänzige Meise und der kleine

Weidenlaubsänger bauen kugelförmige Nester mit einem Loch an einer

Seite. Der letztere polstert das seinige mit einer schönen, weichen

Federdecke aus.

[Illustration: Rohrsänger mit Nest.]

Zaunkönige bauen an allen möglichen sonderbaren Plätzen, in Mauern

und Bäumen, in Felsenspalten, in Hecken und an Flußufern. Wenn man

sich in der Nähe eines Nestes, in das der Zaunkönig seine Eier gelegt

hat, umsieht, so wird man oft einige ganz gleich gebaute Nester in der

Nähe finden, die aber nicht mit Federn ausgepolstert sind. Sie werden

meist nur von männlichen Vögeln bewohnt, denen sie als Schlafnester

dienen. Genaueres aber, weshalb die Vögel sie bauen, wissen wir nicht.

Vielleicht findet ihr es einmal heraus, wenn ihr aufpaßt. Der kleine

Weidenlaubsänger (Weidenzeisig) versteckt sein Nest in Hecken oder an

Ufern, und die weißköpfige Schwanzmeise baut gern in dichte Sträucher

und Hecken. Man beobachtete einmal zwei Zaunkönige, die ihr Nest in

einem Wacholderbusch bauten. Sie fingen um sieben Uhr morgens an. Das

Weibchen brachte Blätter von einer Linde. Es legte ein Blatt in die

Gabelung zweier Zweige und die anderen darum herum. Dann holte es mehr.

So ging es den ganzen Tag; es holte Blätter und webte sie zusammen mit

Moos, und inzwischen sang ihr das Männchen aus der Spitze des Busches

sein Lied.

Gegen sieben Uhr abends hatte es die Außenseite des Nestes fertig in

der Form eines Balles mit einem Loch in der einen Seite.

Am nächsten Tage fingen die beiden Vögel um halb vier Uhr morgens an,

zusammen zu arbeiten.

Sie arbeiteten acht Tage lang und brachten Moos und Federn herbei. Als

sie fertig waren, bildete das Nest eine feste kleine Kugel, im Innern

mit einer dicken Schicht von Federn ausgepolstert, damit die winzigen

Kleinen warm darin liegen könnten, wenn sie ausgebrütet wären.

Dann legte das Weibchen fünf kleine weiße Eier mit roten Punkten

und brütete 14 Tage, während das Männchen ihm etwas vorsang und ihm

Insekten zur Nahrung brachte.

Untersuche Nester. Von Lehm gebaute -- Rauchschwalbe, Hausschwalbe.

Grob gewobene -- Haussperling. Tassenförmige -- Hecken-Braunelle,

Fink. Gewobene und mit Lehm ausgelegte -- Drossel.

Lektion 4.

Vogeleier.

Wenn ihr die Nester verschiedener Vögel betrachtet habt, so werdet

ihr wahrscheinlich den Wunsch haben, auch die Eier kennen zu lernen.

Versucht zuerst, einige Nester zu finden, die in der Nähe eures Hauses

sind. Einige sind so gut verborgen, daß ihr darauf achten müßt, wo die

alten Vögel ein- und ausgehen, ehe ihr sie finden werdet. Andere, wie

die Nester von Krähen, Elstern und Dohlen, sind leicht zu sehen, aber

nicht leicht zu erreichen.

Nimm die Eier nicht aus! Aus jedem wird sich ein glücklicher kleiner

Vogel entwickeln, und wenn du das Ei nach Hause tragen wolltest, würde

es nur zerbrechen. Euer Lehrer wird wahrscheinlich in seiner Sammlung

von jeder Art eins haben, das genügen wird, um es der Klasse manches

Jahr lang zu zeigen.

Aber sieh dir die Eier im Neste aufmerksam an. Dann wirst du sie

wiedererkennen, wenn du sie irgendwo wiederfindest. Zähle, wie viele

es sind, und achte darauf, ob später noch mehr gelegt werden. Dann

berechne, wie lange es dauert, bis die Eier ausgebrütet sind, nachdem

das letzte gelegt worden ist. Ihr werdet finden, daß das Brüten bei

kleinen Vögeln 14 Tage, bei Krähen und Tauben einige Tage länger

dauert. Dann könnt ihr das Füttern der Jungen beobachten, über die wir

in den beiden nächsten Lektionen sprechen wollen.

Es ist besser, die Eier gar nicht zu berühren; denn einige Vögel, wie

die Holztaube, werden das Nest sofort verlassen, wenn die Eier angefaßt

worden sind. Andere Vögel sind nicht so eigen. Ein Naturforscher

erzählt, daß er als Knabe die Nester von Regenpfeifern aufsuchte und

sich damit vergnügte, das breite Ende der Eier in die Mitte des Nestes

zu drehen. Sobald die ordentliche Mutter zurückkam, drehte sie die Eier

stets wieder mit der Spitze nach der Mitte hin. Der junge Vogel

kriecht immer am breiten Ende aus, und so gibt ihnen die Lage nach

außen mehr Platz, wenn sie auskommen.

[Illustration: Buchfink mit Nest, oben das Weibchen.

Aus dem Leben unserer Vögel · 第 10 / 24 题