„ 2. Der Gesang der Vögel 10
„ 3. Die Nester der Vögel 13
„ 4. Vogeleier 17
„ 5. Junge Vögel 21
„ 6. Wie die Vögel ihre Jungen füttern 26
„ 7. Wo schlafen die Vögel? 30
„ 8. Vogelnahrung im Sommer 34
„ 9. Herbstwanderungen 39
„ 10. Vogelfutter im Winter 43
„ 11. Andere kleine Vögel 48
„ 12. Raubvögel 51
„ 13. Saatkrähen und ihre Gefährten 55
„ 14. Vögel mit Schwimmfüßen 60
„ 15. Die Feinde der Vögel 65
Viertes Buch.
Aus dem Leben unserer Vögel.
Lektion 1.
Bekannte Vögel.
Ich möchte wissen, wie viele Vögel ihr dem Aussehen nach kennt, und was
ihr über ihre Nester und ihre Lebensweise wißt.
Es gibt zwischen drei- bis vierhundert verschiedene deutsche Vögel,
und sehr wenige Leute kennen sie alle. Aber die an irgend einem Orte
gewöhnlich vorkommenden Vögel kann man in einem Jahre ohne große Mühe
sämtlich kennen lernen. Später mag man sich dann nach denen umsehen,
die seltener vorkommen.
Am besten wird so angefangen, daß man alle Vögel aufschreibt, die man
sicher kennt, und angibt, woran man sie erkennt. Es ist wohl nicht
möglich z. B. ein Rotkehlchen mit seiner roten Brust, seinem rundlichen
kleinen Körper und seinen braunen Flügeln zu verkennen. Die Brust des
Weibchens ist weniger rot und die der Jungen überhaupt nicht. Aber wenn
man die letzteren mit den Alten zusammen gesehen hat, wird man sie bald
an ihrer Gestalt erkennen.
Aber der Buchfink hat auch eine rote Brust. Wie kann man ihn nun
von einem Rotkehlchen unterscheiden? Die Brust des Finken ist mehr
braunrot als die des Rotkehlchens, und selbst in einiger Entfernung
kann man ihn an den weißen Bändern auf seinen dunklen Flügeln und den
gelben Spitzen, die einige Federn haben, erkennen. Dann ist sein Körper
länger, und er bewegt sich anmutiger als das Rotkehlchen; auch das
laute „rüip, pink, pink“, das er ausstößt, wenn man sich seinem Neste
nähert, sagt uns sofort, wer er ist.
Die Lerche erkennt man an ihrem schlanken braunen Körper und der
weißgefleckten Kehle sowie an der Art und Weise, wie sie aufsteigt,
wenn sie ihr liebliches Lied ertönen läßt. Der gemeine Grünspecht
ist leicht an seinen glänzenden Farben, seinen sonderbaren Füßen und
dem steifen Schwanz zu erkennen, den er gebraucht, um an den Bäumen
hinaufzuklettern. Und obgleich der Kleiber (auch „Spechtmeise“ genannt)
auf ähnliche Weise klettert, würde man ihn doch niemals für einen
Specht halten, denn er ist nicht größer als ein Sperling und hat einen
kurzen Schwanz, blaugraue Flügel und eine rötlich-gelbe Brust.
Außerdem kennt ihr wohl die gurrende Holztaube, die schwatzende Elster,
den hoch in die Luft steigenden Habicht mit dem gebogenen Schnabel
und die mit flaumigem Gefieder bedeckte Eule. Und ihr würdet mir
wahrscheinlich noch viele andere nennen können.
Die meisten Vögel, die ihr kennt, pflegen das ganze Jahr bei uns zu
bleiben. Aber nicht alle tun dies. Der Segler (Turmschwalbe) beginnt
schon Ende Juli nach dem Süden zu ziehen, und die Hausschwalbe und
Mauerschwalbe folgen im Oktober. Wenn sie fort sind, kommen Schwärme
von Krammetsvögeln aus dem Norden und fressen von den roten Beeren der
Eberesche und von den schwarzen Holunderbeeren.
Die Rauchschwalbe und die Haus- oder Mehlschwalbe sind einander sehr
ähnlich, und da sie zusammen kommen und gehen, so würde es schwer
sein, sie auseinander zu halten, wenn man nicht daran denkt, daß die
Rauchschwalbe eine braunrote Stirn und Kehle und unter dieser einen
tiefdunkelblauen Streifen quer über die Brust hat, und daß die Gabel
ihres Schwanzes länger ist als bei der Hausschwalbe. Man kann sich das
ganze Jahr hindurch damit beschäftigen, die Vögel zu beobachten, darauf
zu achten, wann sie kommen und gehen, was für Nahrung sie zu sich
nehmen, wie sie fliegen, ob sie am Morgen oder am Abend singen, und wo
sie ihre Nester bauen.
Viele Landleute und Gärtner schießen die kleinen Vögel, weil sie
ihr Getreide und andere Sämereien fressen; leider aber auch sehr
viele Vögel, die sich hauptsächlich von Insekten nähren. Man sollte
die letzteren kennen, weil sie dadurch sehr nützlich sind, daß sie
Ohrwürmer und Raupen, Larven und Schnecken vertilgen. Wenn man einmal
in der Morgenfrühe beobachtet hat, wie eine Drossel ein Schneckenhaus
gegen einen Stein schlägt, um die Schnecke herauszubekommen, so wird
man sagen müssen, daß sie ein guter Gärtner ist, und ihr einige Früchte
im Sommer nicht mißgönnen.
Auch die Nester und die jungen Vögel sind zu beobachten. Man braucht
dabei die Nester nicht auszunehmen oder den Vögeln ihre Eier zu rauben.
Viel mehr lernt man dadurch, daß man Blätter und Zweige vorsichtig
zurückbiegt und in das Nest sieht. Denn so kann man oft wiederkommen
und beobachten, wie die Jungen auskriechen, und wie sie wachsen. Wenn
man vorsichtig ist, den Busch nicht heftig bewegt und die Eier nicht
anfaßt, wird die Mutter sie nicht verlassen. Im letzten Jahre baute
ein Drosselpärchen sein Nest in einer Hecke neben einem Fußwege, wo
fortwährend Leute vorbeigingen. Aber obwohl ich oft hinging und es
betrachtete, zog die Mutter ihre vier Kleinen alle auf. Sie pflegte
ruhig auf dem Neste sitzen zu bleiben, wenn ich hineinsah, während das
Männchen auf einem ganz in der Nähe stehenden Baume sang.
Mache sechs Vögel ausfindig, die sich in der Nachbarschaft befinden
und beschreibe sie.
Lektion 2.
Der Gesang der Vögel.
Vögel singen, wenn sie sich wohl befinden, und kreischen, wenn sie
erschreckt werden, gerade wie Kinder. Nur hat jeder von ihnen einen
ihm eigentümlichen Gesang. Man kann es gleich merken, wenn die kleinen
Singvögel sich wohl fühlen; denn jeder von ihnen trillert sein
fröhliches Lied, während er auf einem Baumzweige oder auf einer Hecke
sitzt.
An frühen Frühlingsmorgen kann man sie fast vor Tagesanbruch im Garten
singen hören. Zuerst hört man ein leises Zirpen und Zwitschern, als ob
die Vögel sich guten Morgen wünschten und ihre Kehlen erprobten. Wenn
dann die Sonne aufgeht, so ertönt heller Gesang.
Rotkehlchen, Drosseln, Amseln, Finken und Zaunkönige singen lustig
darauf los, und viele andere kleine Vögel stimmen ein. Wenn sie
alle zusammen singen, kann man nicht leicht das Lied des einen von dem
des anderen unterscheiden, selbst das der Drossel nicht, obwohl sie am
lautesten und am hellsten von allen singt.
[Illustration: Drossel mit Nest.