Wirthshaus am Reis-See. Der Morgen war feucht und neblich, und ein
kalter Wind blies über die Wasserfläche, die sich durch den feinen
Sprühregen nicht eben vortheilhaft ausnahm; ich hüllte mein Gesicht
zum Schutz dagegen gern in den Ueberschlagkragen meines warmen Mantels
ein; denn das kleine Dampfboot hatte außer einer unwirksamen Zelt-Decke
weder eine Kajüte noch einen andern Zufluchtsort. Das armselige
Schifflein stach leider gegen die trefflich eingerichteten Fahrzeuge,
worauf wir erst vor Kurzem den Ontario und St. Laurence durchsegelt,
gewaltig ab. Dennoch nahm uns das Vorhandensein eines Dampfboots auf
dem Otanabee nicht wenig Wunder, und war für die ersten Ansiedler längs
den Ufern dieses Flusses ein Gegenstand großer Freude, da sie sich noch
vor wenigen Jahren zum Transport sowohl ihrer selbst als auch ihrer
Markt-Erzeugnisse mit schlechten Nachen oder Wagen und Schlitten, auf
höchst erbärmlichen Straßen, begnügen mußten.
Der Otanabee ist ein schöner, breiter, heller Strom, welchen bei
seinem Eintritt in den Reis-See eine schmale, wegen ihrer morastigen
Beschaffenheit des Anbaues unfähige Landzunge in zwei Mündungen
scheidet. Dieser schöne Fluß, (denn als solchen betrachte ich ihn)
schlängelt sich zwischen dick bewaldeten Ufern hin, die sich, in
demselben Verhältniß, als man weiter landeinwärts kommt, mehr und mehr
erheben.
Gegen Mittag zertheilte sich der Nebel, und die Sonne kam in ihrem
vollen Septemberglanze zum Vorschein. Die Nadelholz-Wälder zu beiden
Seiten des Flusses bildeten eine so dichte Schutz-Mauer, daß wir nicht
die geringste Unannehmlichkeit von dem rauhen Luftzuge fühlten, der
mich am Morgen, als wir durch den See schifften, ganz durchkältet hatte.
Für den schnell vorübereilenden Reisenden, der sich um die einzelnen
Schönheiten der Scenerei wenig bekümmern kann, haben die langen
ununterbrochnen Wald-Linien nothwendiger Weise etwas Einförmiges, das
ihn allmälig in eine düstere, ja fast traurige Stimmung versetzt.
Dessenungeachtet aber giebt es manchen Gegenstand, der einen genauen
Beobachter der Natur unterhält und erfreut. Sein Auge wird von
den seltsamen Lauben angezogen, welche der canadische Epheu ein
scharlachrothes rankendes Gewächs, und die wilde Rebe bilden, indem sie
ihre dicht verschlungenen, reich gefärbten Blätter-Guirlanden zwischen
den Aesten der Waldbäume hinranken und ihre glühenden Tinten mit den
rothspitzigen Zweigen des weichen Ahorns vermischen, dessen herbstliche
Farben in Schönheit von keinem unsrer heimathlichen Waldbäume
übertroffen werden.
[Illustration: _Amerikanischer Schlitten._]
Die purpurnen Trauben der Rebe, in Größe keineswegs so verächtlich,
als ich mir vorgestellt, erschienen meinen sehnsüchtigen Augen,
indem sie, zwischen dem Laube hängend, ihrer Reife entgegen
eilten, äußerst lockend. Wie ich höre, bildet ihr Saft, mit einer
hinreichenden Quantität Zucker zusammen gesoten, ein treffliches,
äußerst wohlschmeckendes Gelee. Die Samen sind zu groß, um eine
andre Zubereitung räthlich oder vortheilhaft zu machen. Ich werde
gelegentlich erfahren, welcher Veredelung sie durch Cultur fähig sein
dürften. Mann kann sich des Schlusses nicht erwehren, daß, wo die Natur
einen so großen Ueberfluß an Früchten hervorbringt, das Klima, unter
Mitwirkung von Cultur und Boden, ihrer Vervollkommnung höchst günstig
sein müsse.
Das Wasser des Otanabee ist so klar und frei von allem Schmuz, daß
man jeden Kiesel, jede Muschelschale auf seinem Boden deutlich
unterscheiden kann. Hier und da enthüllt eine Oeffnung im Walde ein
Neben-Flüßchen, das sich seinen Weg unter den Laubwölbungen der
darüber ragenden Riesen-Bäume nach dem Hauptstrome bahnt. Die ringsum
herrschende Stille wird durch nichts unterbrochen, als den plötzlichen
Aufflug der von ihrem Zufluchtsorte zwischen den buschigen, hier und da
das linke Ufer bekränzenden Weiden aufgeschreckten wilden Ente, oder
das gellende rauhe Geschrei des Eisvogels, indem er pfeilschnell über
die Wasserfläche schießt.
Das Dampfboot landete zur Einnahme von Brennmaterial an einer
gelichteten Stelle, ungefähr auf dem halben Wege von Peterborough,
und ich benutzte freudig die Gelegenheit, einige der prächtigen
Cardinal-Blumen zu pflücken, welche zwischen den Steinen am Uferrande
wuchsen; auch fand ich hier eine Rose, so schön und angenehm duftend,
als nur jemals eine unsre englischen Gärten zierte. Ferner bemerkte ich
zwischen dem Grase auf dem Wiesenlande Frauenmünze, und näher am Ufer
Pfeffermünze. Ein Strauch, mit Früchten, so groß wie Kirschen, von
breiartigem Fleisch und angenehm säuerlich, fast wie Tamarindenmark,
schmeckend, glich unserm Schlehendorn. Die Dornen dieses Strauches
waren furchtbar lang, stark und fest, meiner Ansicht nach dürfte er
sich zu Einfriedigungen oder lebendigen Hecken vortrefflich eignen;
auch die Frucht könnte, eingemacht, kein zu verachtendes Desert abgeben.
Da ich sehr begierig war, das Innere eines Log-Hauses zu sehen, so
trat ich durch den offnen Thorweg in die Schenke, wie man sie nennt,
unter dem Vorwand, einen Trunk Milch zu kaufen. Das Innere dieses
rohen Gebäudes hatte eben kein einladendes Ansehn. Die Wände bestanden
aus rohen unbehauenen Scheiten oder Baumstämmen, und die Lücken und
Ritzen zwischen diesen waren mit Moos und unregelmäßigen Holzkeilen
ausgefüllt, um Wind und Regen abzuhalten; die unberappte Decke zeigte
das mit Moos und Farrenkraut von allerlei Farben, -- Grün, Gelb und
Grau -- bedeckte Sparrwerk; und darüber konnte man die vom Rauche,
der sich durch den weiten, aus Steinen und Lehm erbauten Schornstein
aufzusteigen weigerte und in leichten Windungen unter dem Dache
hinkräuselte, um seinen Ausgang durch die vielen Ritzen und Oeffnungen
in letzterem zu suchen, schön mahagonyroth gefärbten Schindeln
wahrnehmen.
Der Fußboden war von Erde, die durch Gebrauch eine ziemliche Härte
und Ebenheit erhalten hatte. Die ganze Hütte erinnerte mich an
das armselige Gebäude, welches vier russische Matrosen, die sich
auf Spitzbergen zu überwintern genöthigt sahen, zu ihren Schutz
errichteten. Das Geräthe darin entsprach ihrer rohen Bauart; einige
wenige Stühle, roh und ungehobelt; ein Tisch von Tannenholz, der,
weil letzteres, bei Verfertigung desselben noch frisch gewesen, an
verschiednen Stellen gesprungen war und blos durch seine mißgestalteten
Beine zusammengehalten wurde; zwei oder drei Blöcke von grauem
Granit, die neben dem Heerde standen, dienten als Sitze für die
Kinder; hierzu kamen zwei Betten, die durch niedrige Gestelle von
Cedern-Holz etwas über den Boden erhoben waren. Auf diesen elenden
Schlafstellen lagen zwei arme Teufel ausgestreckt, an den verheerenden
Wirkungen des Sumpffiebers leidend. Ihre gelben, eine Störung in
der Gallen-Absonderung verrathenden Gesichter stachen gegen die
zusammengeflickten Pfühle, womit sie bedeckt waren, seltsam ab. Ich
fühlte das innigste Mitleiden mit den armen Emigranten, die mir
erzählten, daß sie kaum einige Wochen im Lande gewesen, als sie vom
Fieber befallen worden wären. Sie hatten Weiber und kleine Kinder,
welche sehr elend aussahen. Auch die Weiber hatten am Wechselfieber
gelitten und dabei nicht einmal ein eignes Haus oder einen Schuppen
zu ihrer Bequemlichkeit gehabt; die Männer waren durch ihr Erkranken
in völlige Unthätigkeit versetzt worden; und ein großer Theil von
dem wenigen Gelde, das sie mit sich gebracht, war in der elenden
Schenke, wo sie lagen, für Kost und Logis aufgegangen. Ich kann eben
nicht sagen, daß ich mich sehr zu Gunsten der Wirthin, einer barschen
und habsüchtigen Frau eingenommen fühlte. Außer den verschiednen
Emigranten, Männern, Weibern und Kindern, welche diesen Schuppen
bewohnten, zählte derselbe noch andre Inhaber; ein hübsches feistes
Kalb nahm einen Verschluß in einem Winkel ein; einige Ferkel wanderten
grunzend in Gesellschaft mit einem halben Dutzend Vögeln umher. Der
anziehendste Gegenstand waren drei schneeweiße Tauben, welche friedlich
die auf der Erde liegenden Bröckchen aufpickten und das Ansehn hatten,
als wären sie zu rein und unschuldig, um Bewohner eines solchen Platzes
zu sein.
[Illustration: _Amerikanische Silber-Tanne._]
Sowohl wegen der Seichtigkeit des Flusses in dieser Jahreszeit als auch
wegen der Stromschnellen kann das Dampfboot nicht den ganzen Weg bis
Peterborough hinauf steuern, daher ein Kahn (^scow^) oder Ruderboot,
wie er bisweilen genannt wird, eine plumpe schwerfällige Maschine mit
flachem Kiel an einer bestimmten Stelle des Flusses im Angesicht einer
eigenthümlich gestalteten Fichte, auf dem rechten Ufer, der Passagiere
wartete. Der eben erwähnte Baum heißt die »Yankie-Mütze« (^Yankee
bonnet^), wegen der vermeintlichen Aehnlichkeit der obersten Aeste mit
einer Art unter den Yankies üblichen, der blauen schottischen nicht
unähnlichen Mütze.
Unglücklicher Weise landete das Dampfboot etwa vier englische
Meilen unterhalb des gewöhnlichen Rendezvous-Ortes und wir warteten
bis ziemlich vier Uhr darauf. Als es endlich erschien, fanden wir
zu unserm nicht geringen Mißvergnügen die Ruder-Knechte (acht an
Zahl und sämmtlich Irländer) unter dem Einfluß eines tüchtigen
Branntwein-Rausches, den sie sich auf der Herfahrt angetrunken.
Uebrigens waren sie über die Verzögerung von Seiten des Dampfbootes
aufgebracht, die ihnen eine vierstündige schwere Ruderarbeit mehr
auferlegt hatte. Außer einer Anzahl Passagiere fanden wir es mit einer
beträchtlichen Ladung Hausgeräth, Koffern, Kisten, Schachteln, Säcken
mit Weizen, Salz und geräuchertem Schweinefleisch, nebst noch hundert
andern Packeten und Artikeln, großen und kleinen, belastet, die zu
einer solchen Höhe aufgeschichtet waren, daß ich sowohl für die Güter
selbst als für die Passagiere Gefahr fürchtete.
Mit dem unverstelltesten Unwillen griffen die Leute nach vollendeter
Ladung zu ihren Rudern, erklärten aber, daß sie ans Ufer gehen, Feuer
machen und ihr Mahl zubereiten wollten, da sie noch gar keine Nahrung
zu sich genommen; dafür hatten sie indeß der Branntwein-Flasche tüchtig
zugesprochen. Dieser Maßregel widersezten sich einige der männlichen
Passagiere, und es erfolgte ein heftiger Zank, der damit endete, daß
die Meuterer ihre Ruder niederwarfen und sich ausdrücklich weigerten,
ehe sie ihren Hunger befriedigt, einen einzigen Schlag zu thun.
Vielleicht hatte ich ein dem ihrigen verwandtes Gefühl; denn ich begann
selbst, äußerst hungrig zu werden, da ich seit früh sechs Uhr gefastet;
in der That war ich so schwach, daß ich meinen Gatten bat, er möchte
sich ein Stückchen von dem groben, eben nicht appetitlichen Brode für
mich geben lassen, das die Irländer aus ihren Schnappsäcken hervorzogen
und mit gewaltigen Schnitten rohen Pöckel-Schweinfleisches verzehrten,
wobei sie, »nicht laute aber tiefe«[18] Flüche und bittre Spottreden
gegen diejenigen ausstießen, welche sie in Kochung ihrer Speisen, »_wie
es Christen gezieme_,« verhindern wollten.
Während ich begierig mein Stückchen Brod hinteraß, sagte ein alter
Pächter, der mich eine Zeitlang mit einem Gemisch von Neugierde und
Mitleiden betrachtet, »Arme Frau, sie scheinen ja recht hungrig, und
sind, irr' ich nicht, eben erst aus dem alten Vaterlande gekommen und
folglich an dergleichen harte Kost nicht gewöhnt. Hier sind einige
Kuchen, die meine Frau (^my woman^) als ich von zu Hause aufbrach, mir
in die Tasche gesteckt hat; ich mache mir wenig daraus, aber sie sind
doch besser als dieses schlechte Brod; bedienen sie sich derselben,
und mögen sie Ihnen wohl bekommen.« Mit diesen Worten schüttete er mir
einige recht schöne hausbackene Streukuchen in den Schooß, und gewiß
konnte mir nie etwas erwünschter kommen als diese wohlschmeckende
Erfrischung.
Ein mürrischer düsterer Geist schien unter unsern Bootsleuten zu
herrschen, der keineswegs abnahm, als der Abend einbrach, und -- die
Stromschnellen waren nahe.
Die Sonne war untergegangen, und Mond und Sterne stiegen glänzend über
die stille Wasserfläche empor, welche das Bild dieser Himmels-Körper
zurückspiegelte. Ein so überaus reizender Anblick schien das
aufgeregteste, wildeste Gemüth zu Frieden und Ruhe stimmen zu müssen;
wenigstens dachte ich so, als ich, in meinen Mantel gehüllt, mich in
den Arm meines Gatten lehnte und mit Entzücken und Bewunderung bald vom
Wasser zum Himmel, bald vom Himmel zum Wasser blickte. Meine angenehme
Träumerei wurde indeß bald beendigt, indem unser Boot plötzlich das
felsige Ufer berührte, und ich die Bootsleute unter manchen Flüchen
und Betheuerungen versichern hörte, daß sie in dieser Nacht nicht
weiter steuern würden. Wir befanden uns ungefähr drei englische Meilen
unterhalb Peterborough; und wie ich, geschwächt durch die eben erst
überstandne Krankheit und die Strapazen unsrer langen Reise, diesen Weg
zurücklegen sollte, wußte ich nicht. Die Nacht in dem offnen Boote, dem
starken vom Flusse aufsteigenden Nebeldunst ausgesetzt, zuzubringen,
wäre gewisser Tod gewesen. Während wir überlegten, was zu thun sei,
hatten die übrigen Passagiere ihren Entschluß gefaßt, sie nahmen ihren
Weg durch den Wald, auf einem Pfade, den sie genau kannten. Auch waren
sie uns bald aus den Augen entschwunden, bis auf einen Herrn, der einen
der Bootsleute durch Geld und gute Worte dahin zu bestimmen suchte, daß
er ihn nebst seinem Hunde an der Stelle, wo die Stromschnellen ihren
Anfang nehmen, in einem Fischernachen über den Strom setzen sollte.
Denken sie sich unsre Lage, um zehn Uhr in der Nacht, mit keinem
Schritt unsrer Marschroute bekannt, ans Ufer gesetzt, um, so gut wir
könnten, den Weg nach einer fernen Stadt zu finden, oder die Nacht in
dem finstern Walde zuzubringen.
Fast in Verzweiflung, beschworen wir den eben erwähnten Herrn, so
weit, als sein Weg reiche, unser Führer zu sein. Aber so viele
Hindernisse stellten sich in Gestalt längs den Ufern ausgestreuter,
neuerdings gefällter Baumstämme und großer Stein-Blöcke unserm
Vordringen entgegen, daß wir unsern Pfad nur mit der größten
Schwierigkeit im Gesicht behalten konnten. Endlich langten wir mit
unserm Führer an der Stelle an, wo der Nachen seiner wartete, und mit
einer Hartnäckigkeit, die wir zu einer andern Zeit und unter andern
Umständen, nie gezeigt haben würden, verlangten wir alle, in das
elende Fahrzeug aufgenommen zu werden. Endlich willigt der mürrische
Charon unter Grollen und Brummen ein, und wir stigen hastig in den
zerbrechlichen Nachen, der kaum geeignet schien, uns sicher nach dem
entgegengesetzten Ufer zu führen. Ich konnte mich, als ich die Fluth
von Verwünschungen und Schimpfreden vernahm, die unaufhörlich dem Munde
des Bootsmanns entströmte, eines Gefühls von unbeschreiblicher Furcht
nicht erwehren. Ein- oder zweimal liefen wir Gefahr, durch die Tannen-
und Cedern-Aeste, welche in der Nähe der Ufer ins Wasser gefallen
waren, umgestürzt zu werden. Meine Freude, als wir das andre Ufer
erreichten, können Sie sich denken; allein hier wartete unser eine neue
Beunruhigung; wir hatten nämlich noch eine Strecke pfadlosen Waldes
zu durchwandern, ehe wir den Nachen wieder erreichen konnten, welcher
eine kleine Stromschnelle passiren mußte und am Anfange eines kleinen
Sees, einer Erweiterung des Otanabee, etwas unter Peterborough auf uns
warten sollte. Bis dahin hinderten umgestürzte Bäume, meistentheils
Schierlings-Tannen, Pech-Tannen oder Cedern, deren Aeste und Zweige
so dicht verflochten sind, daß man sie kaum von einander trennen oder
sich Bahn durch ein davon gebildetes Dickicht brechen kann, bei jedem
Schritt unsern Weg.
Hätten wir nicht den menschenfreundlichen Beistand unsers Führers
gehabt, so weiß ich in der That nicht, wie ich diese Schwierigkeiten
hätte überwinden sollen. Bisweilen war ich nahe daran, vor Müdigkeit
und Ermattung nieder zu sinken. Endlich vernahm ich zu meiner
unaussprechlichen Freude die mürrische Stimme unsers irischen Ruderers,
und nach vielem Zanken und Brummen von seiner Seite, saßen wir abermals
in dem Nachen.
Wie froh waren wir nicht, als wir nach einiger Zeit neben dem
hellodernden Feuer eines ungeheuern Holzstoßes, das Haus unsers
Freundes erblickten. Hier fanden wir auch einen Führer, der uns den
Weg zur Stadt auf einer durch den Wald gehauenen Straße zu zeigen
versprach. Eine Tasse Thee zur Erfrischung unsrer Lebensgeister von
unserm freundlichen Wirth war uns sehr willkommen, und nachdem mir eine
kurze Zeit ausgeruht und etwas Kraft gesammelt, brachen wir wieder auf,
geführt von einem zerlumpten, aber höflichen irischen Jungen, dessen
freies freundliches Wesen und gute Laune uns ganz für ihn einnahmen. Er
erzählte uns, daß er eine von sieben Waisen sei, die Vater und Mutter
durch die Cholera verloren. »Ach es ist traurig!« sagte er, »vater- und
mutterlos in einem fremden Lande zu sein;« dabei wischte er sich die
Thränen ab, die ihm über die Wangen rollten, indem er uns die traurigen
Umstände seiner frühzeitigen Verwaisung mittheilte, indeß fügte er
fröhlich hinzu, daß er einen gütigen Herrn gefunden, der einige seiner
Brüder und Schwestern so wie ihn selbst in seine Dienste genommen.
Gerade als wir aus dem Dunkel des Waldes hervortraten, fanden wir unsre
Fortschritte durch einen Wasserstrom gehindert, über welchen wir,
sagte er uns, um die Stadt erreichen zu können, eine kleine Brücke
(^log-bridge^) zu passiren hätten. Nun bestand die Baum-Brücke aus
blos einem Stamme oder vielmehr einem umgefallenen Baume, den man quer
über den Wasserstrom geworfen, und der durch die von dem morastigen
Wasser aufsteigenden schweren Dünste sehr schlüpfrig war. Da er blos
eine Person auf einmal zuließ, so konnte ich keinen Beistand von
meinen Begleitern erhalten; und obgleich unser kleiner Führer, mit
einer natürlichen, aus seinem wohlwollenden Charakter entspringenden
Artigkeit die Laterne dicht an den Baumstamm hielt, um alles Licht
darauf fallen zu lassen, so hatte ich doch das Mißgeschick, in Folge
eines Schwindels, der mich gerade bei den letzten noch übrigen
Schritten anwandelte, bis an die Knie ins Wasser zu fallen, und so war
ich zugleich müde und naß. Zur Vermehrung unsres Unglücks sahen wir die
Lichter im Dorfe, eins nach dem andern verschwinden, bis nur noch hier
und da ein einsames Flämmchen aus den obersten Stuben von einem oder
zwei Häusern flimmerte, die uns als Leuchtthürme dienten. Wir hatten
uns noch nach einer Herberge umzuthun, und es war ziemlich Mitternacht,
als wir die Thür des besten Wirthshauses erreichten, hier endlich
dachte ich, werden unsre Leiden für diese Nacht ein Ende haben; aber
wie groß war unser Verdruß, als man uns sagte, daß kein Bett im Hause
mehr übrig sei, daß Emigranten, die auf ihrem Wege nach einer der neuen
Ansiedlungen begriffen waren, sie sämmtlich in Beschlag genommen.
Ich vermochte nicht weiter zu gehen, und wir baten um einen Platz
am Küchen-Feuer, um da, wenn auch nicht zu schlafen, doch ein wenig
auszuruhen, und wo ich meine nassen Kleider trocknen könnte. Die
Wirthin, als sie meinen Zustand sah, fühlte Mitleiden mit mir, führte
mich an ein helloderndes Feuer, das ihre Mädchen schnell angefacht;
eine brachte mir ein warmes Fußbad; eine andre versah uns mit warmem
Getränk, das, so fremd und ungewöhnlich es meinem Lippen war, mir gute
Dienste that; kurz es wurde uns alle mögliche Pflege und Aufmerksamkeit
zu Theil, die wir von unsern Wirthsleuten nur immer erwarten konnten;
ja sie traten uns sogar ihre eignen Betten ab, und begnügten sich mit
einem Strohlager vor dem Küchenfeuer.
Ich kann jetzt über die Unfälle dieses Tages lächeln, aber während wir
dieselben erduldeten, erschienen sie mir, wie Sie sich wohl vorstellen
mögen, als keine Kleinigkeit.
Leben Sie wohl! meine theuerste Mutter.
Fußnoten:
[15] Vom Kinde entlehnt, welches, ehe es die Kraft zu gehen hat, auf
allen Vieren kriecht.
[16] Die besuchtesten Bade-Orte in England.
[17] _Humboldt_ bemerkt über die bekehrten Indianerstämme Folgendes:
In den Wäldern von Südamerika giebt es Stämme, welche in Dörfern
wohnen, Pisang, Cassava und Baumwolle erbauen, und kaum mehr Barbaren
sind, als die in den Missionsanstalten lebenden Individuen, welche man
abgerichtet hat, das Zeichen des Kreuzes zu machen. Es ist ein Irrthum,
wenn man alle freie Eingeborne als herumwandernde Jäger betrachtet;
denn schon lange vor der Ankunft der Europäer herrschte auf dem
Continent der Ackerbau und herrscht noch jetzt zwischen dem Orinoco und
Amazonenflusse, in Distrikten, wohin dieselben nie gekommen sind.
Das System der Missionaire hat einen Hang nach Grundeigenthum, nach
festen Wohnplätzen, und einen Sinn für ein ruhiges Leben erzeugt;
allein der getaufte Indianer ist oft eben so wenig ein Christ, als
sein heidnischer Bruder ein Verehrer von Götzen, beide zeigen eine
auffallende Gleichgültigkeit gegen religiöse Meinungen und eine Neigung
zur Verehrung der Natur.
Man hat keinen Grund, zu glauben, daß sich die Anzahl der Indianer in
den spanischen Colonien vermindert habe. Noch immer existiren über
sechs Millionen der kupferfarbenen Menschenrace in beiden Theilen
von Amerika; und obgleich in jenen Colonien mehre Sprachen verloren
gegangen oder vermischt worden sind, so haben sich die Eingebornen doch
fortwährend vermehrt. In der gemäßigten Zone wird die Berührung der
Europäer mit den Eingebornen der Bevölkerung der letztern verderblich;
in Süd-Spanien hingegen ist das Resultat verschieden, und hier fürchtet
man die Annäherung der Weißen nicht. Im ersten Fall wird für die
Indianer eine große Strecke Landes erforderlich, weil sie von der Jagd
leben; im zweiten hingegen reicht ein kleines Stück Grund und Boden
hin, um einer Familie ihren Unterhalt zu gewähren.
In diesen Provinzen machen die Europäer nur langsame Fortschritte, und
die religiösen Orden haben zwischen den von ihnen bewohnten Gegenden
und denjenigen, welche die freien oder unabhängigen Indianer bewohnen,
Niederlassungen begründet.
Die Missionen haben sich ohne Zweifel Eingriffe in die Freiheit der
Eingebornen erlaubt, allein diese Eingriffe sind im Allgemeinen dem
Wachsthum der Bevölkerung günstig gewesen. In demselben Maßstabe,
als die Prediger in das Innere eindrangen, nahmen die Pflanzer von
dem Gebiete Besitz; Weiße sowohl, als solche Individuen, welche aus
gemischten Ehen stammen, lassen sich unter den Indianern nieder; die
Missionsanstalten verwandeln sich in spanische Dörfer, und mit der Zeit
verlieren die alten Bewohner ihre ursprünglichen Sitten und Sprache.
Auf diese Weise schreitet die Civilisation von den Küsten nach dem
Mittelpunkt des festen Landes zu.
Neu-Andalusien und Barcellona enthalten mehr als vierzehn Stämme
Indianer. Die der ersten Provinz sind die Chaymas, die Guayquerier, die
Pariagotoer, die Quaquas, die Aruacas, die Cariben, die Guaraounoer;
die der andern, die Cumanagatoer, die Palenkas, die Cariben, die
Piritoer, die Tomoozas, die Topocuarer, die Chacopater und die
Guarivas. Die oben erwähnten Guaraounoer, welche an der Mündung des
Orinoco in Hütten auf Bäumen wohnen, ist nicht bekannt.
In den Vorstädten von Cumana und auf der Halbinsel Araya leben
zweitausend Guayquerier. Unter den übrigen genannten Stämmen sind die
Chaymas von den Bergen von Caripe, die Cariben von Neu-Barcelona, und
die Cumanagatoer in den Missionsanstalten von Piritoo die zahlreichsten.
Die Sprache der Guaraounoer, so wie die der Cariben, Cumanagatoer und
Chaymas werden am allgemeinsten gesprochen und scheinen einer und
derselben Wurzel anzugehören.
Obgleich die zu den Missionen gehörigen Indianer sämmtlich Ackerbau
treiben, die nehmlichen Pflanzen cultiviren, ihre Hütten auf dieselbe
Weise erbauen, und die nehmliche Lebensweise führen, so bleiben doch
die Nüancen, wodurch sich die verschiedenen Stämme von einander
unterscheiden, unverändert. Es giebt nur sehr wenige Dörfer, worin die
Familien nicht verschiedenen Stämmen angehörten und nicht verschiedene
Sprachen sprächen.
Die Missionäre haben in der That verschiedene Gebräuche und Ceremonien
verboten und manchen Aberglauben verbannt, allein sie sind nicht im
Stande gewesen, den wesentlichen Charakter, welchen alle amerikanische
Racen von der Hudsons Bay an bis zur Magellanschen Straße mit einander
gemein haben, zu verändern.