Buchhandlung) ähnliche Bemerkungen. So liest man Seite 122: die
Anglo-Amerikaner bedienen sich verschiedner Mittel, um die Vögel zum
Nisten in der Nähe ihrer Wohnungen zu bestimmen, und weil sie die
Scheunen- oder Bodenschwalbe (^_Hirundo rufa, Gmelin_^), vorzüglich
lieben, so stellen sie Schachteln auf, damit sie hinein niste. Diese
Species unterscheidet sich beträchtlich von unsrer Rauchschwalbe
(^_Hirundo rustica_^); am Bauche, wo die unsrige rein weiß ist, ist
ihr Gefieder hell kastanienfarben, im Nisten hat sie mit der unsrigen
Aehnlichkeit, nur daß sie nicht in Schornsteine baut, sondern ihr
Nest an Sparren oder Querbalken von Schuppen, Scheunen und andern
Nebengebäuden befestigt.
Ferner Seite 364: In Nordamerika, wo man bemüht ist, die ländlichen
Vergnügungen eines kurzen Sommers so sehr als möglich zu vermehren,
sucht man mehr als eine Species durch alle nur mögliche Mittel zum
Nisten in der Nähe der Häuser zu bewegen. Unter den halb zahmen Vögeln
sind der Haus-Zaunkönig, der blaue Vogel und die Purpur-Schwalbe die
bekanntesten. Die zuletzt erwähnte (^_Hirundo purpurea, Latham_^)
ist gleich unsrer Fensterschwalbe ein Zugvogel, und sie wählt ihren
Sommeraufenthalt stets mitten unter den Wohnungen des Menschen,
welcher, da ihm ihre Gesellschaft großen Vortheil und zugleich
Vergnügen schafft, in der Regel ihr Freund und Beschützer ist. Daher
ist sie ziemlich gewiß, bei ihrer Ankunft eine gastliche, zu ihrer
Bequemlichkeit und zur Aufnahme ihrer Familie gehörig eingerichtete
Wohnstätte, entweder in der vorspringenden hölzernen Kranzleiste,
auf dem Dachgiebel oder auf der Grenzsäule, oder, wenn diese fehlen
sollten, auf dem Taubenschlage mitten unter den Tauben zu finden; und
wenn sie einen besondern Winkel auf dem letzteren wählt, so darf es
keine Taube wagen, einen Fuß in ihr Gebieht zu setzen. Einige unter
den Anglo-Amerikanern haben für diese Vögel große Anstalten einrichten
lassen, welche in zahlreichen Gemächern bestehen, die zum größten Theil
jedes Frühjahr in Besitz genommen werden; man hat die Beobachtung
gemacht, daß in solchen Schwalbenansiedlungen einzelne Vögel mehre
Jahre nach einander immer wieder von der nämlichen Schachtel Gebrauch
gemacht haben.
Das eben erwähnte Verfahren, die Purpurschwalbe zu hegen und zu
beschützen, scheint nicht aus Europa zu stammen, da die Eingebornen von
Amerika seit undenklichen Zeiten eine ähnliche Methode befolgt haben.
Die Chactaw und Chickasaw Indianer z. B. stutzen sämmtliche Gipfeläste
eines jungen Bäumchens in der Nähe ihrer Hütten ab und lassen die
Zinken ein oder zwei Fuß lang, an deren jedem sie einen hohlen Kürbis
oder eine Calabasse aufhängen, die gehörig ausgehöhlt ist, so daß die
Vögel bequem darin nisten können. In gleicher Absicht steckt man an
den Ufern des Mississippi lange Stöcke in den Boden, an deren Spitze
ebenfalls Calabassen befestigt werden, und worin die Purpurschwalben
in der Regel ihre Eier ausbrüten. »Ueberall, wo mich meine Reisen in
diesem Lande hinführten,« sagt _Wilson_, »habe ich mit Vergnügen die
Gastfreundschaft beobachtet, womit die Einwohner diesen Lieblingsvogel
empfangen.« Folgenden kleinen Zug aus der Oekonomie der Purpurschwalbe
hat Mr. _Henry_, Mitglied des obersten Gerichtshofes in Pensylvanien,
erzählt.
»Im Jahr 1800,« sagt derselbe, »zog ich mich von Lancaster nach einer
Meierei einige englische Meilen über Harrisburgh zurück. Da ich wohl
mit den Vortheilen bekannt war, welche der Pachter oder Landmann von
der Nachbarschaft der Purpurschwalbe zieht, indem sie die Räubereien
des weißköpfigen Adlers, der Habichte und selbst der Krähen verhindert,
so erhielt ein für mich arbeitender Zimmermann den Auftrag, einen
großen Kasten mit mehren Fächern für diese Vögel zu machen. Der
Kasten wurde im Herbste aufgestellt. In der Nähe des Hauses und um
dasselbe standen eine Anzahl schön gewachsener Aepfelbäume und vieles
Strauchwerk, ein sehr bequemer Aufenthalt für Vögel. Gegen die Mitte
des Februar kamen die blauen Vögel an; diese wurden in kurzer Zeit sehr
zutraulich und nahmen Besitz von dem Kasten: es waren zwei bis drei
Pärchen. Mit dem funfzehnten Mai hatten die blauen Vögel Eier, wo nicht
gar Junge. Nun aber trafen die Purpurschwalben in Schaaren ein, begaben
sich in den Kasten, und es erfolgte ein heftiger Kampf. Die blauen
Vögel, wie es scheint, durch ihr Eigenthumsrecht ermuthigt, oder, weil
es der Beschützung ihrer Jungen galt, blieben Sieger.
Die Schwalben kamen während der acht folgenden Jahre regelmäßig in der
Mitte des Mai an, untersuchten die Gemächer des Kastens in Abwesenheit
der blauen Vögel, wurden aber durch die Rückkehr der letzteren jedesmal
zur Flucht genöthigt. Die Mühe, welche Ihnen die Durchlesung dieser
Bemerkungen verursachen dürfte, müssen sie auf Rechnung der Schwalben
setzen. Ein Kasten, mit diesen schönen Wandrern angefüllt, befindet
sich jetzt zum Haupte meines Bettes. Ihre Töne scheinen unharmonisch
wegen ihrer großen Anzahl; indeß sind sie mir angenehm. Der betriebsame
Pachter und Handwerker würde wohl thun, einen Kasten mit diesen Vögeln
in der Nähe der Schlafgemächer seiner trägen Leute anzubringen. Gleich
mit Anbruch des Tages beginnt die Purpurschwalbe ihr Gezwitscher,
welches eine halbe Minute oder auch etwas länger dauert; worauf es
wieder still wird, bis die Dämmerung völlig vorüber ist. Nunmehr
folgt ein lebhaftes und unaufhörliches Gezwitscher, hinreichend,
selbst die schlaftrunkenste Person aus dem Schlummer zu wecken.
Vielleicht übertrifft sie nicht einmal der Haushahn in dieser guten
Eigenschaft; auch steht er in dem Vermögen, Raubvögel abzuhalten, der
Purpuerschwalbe bei weitem nach.«
»Gegen die Mitte des April oder ungefähr am zwanzigsten Tage dieses
Monats,« fügt _Wilson_ hinzu, »trifft die Purpurschwalbe die ersten
Vorbereitungen zu ihrem Neste. Das letzte, welches ich untersucht habe,
bestand aus den welken Blättern der Thränenweide, dünnen Strohhalmen,
Heu und Federn in beträchtlicher Menge. Es lagen vier Eier darin, die
im Verhältniß zum Vogel sehr klein, von Farbe rein weiß und ohne die
geringsten Flecke waren. Die erste Brut erscheint im Mai, die zweite
spät im Juni. Während der Periode, in welcher das Weibchen legt, und
vor dem Brüten sind beide Vögel den größten Theil des Tages vom Neste
entfernt. Während des Sitzens wird das Weibchen häufig vom Männchen
besucht, welches letztere sich ebenfalls auf die Eier setzt, wenn
das erstere zur Erholung ausfliegt. Oft bringt das Männchen auf eine
Viertelstunde im Neste neben dem Weibchen zu, und wird während des
Brütens ganz heimisch und zahm. Es sitzt an der Außenseite, putzt
und ordnet sein Gefieder und begiebt sich gelegentlich an die Thür
des Gemachs, gleichsam, als ob es sich nach dem Befinden der Gattin
erkundigen wollte. Seine Töne scheinen in dieser Zeit eine besondere
Sanftheit anzunehmen, und seine Glückwünsche drücken einen hohen
Grad von Zärtlichkeit aus. Eheliche Treue, selbst wenn viele Pärchen
zusammen wohnen, scheint gewissenhaft von diesen Vögeln beobachtet zu
werden. Am 25. Mai nahm ein Purpurschwalben-Pärchen von einem Kasten
in Mr. _Bartram's_ Garten Besitz. Einen oder zwei Tage darauf erschien
ein zweites Weibchen und verweilte mehre Tage; allein, wegen der
kalten Aufnahme, die es fand, indem es häufig vom Männchen vertrieben
wurde, verließ es endlich diesen Ort und machte sich auf den Weg,
wahrscheinlich um einen geselligeren Gefährten aufzusuchen.«
[14] »^Key to the lakes.^«
Fünfter Brief.
Reise von Cobourg nach Amherst. -- Schwierigkeiten, denen man bei
seiner ersten Ansiedelung in den Urwäldern zu begegnen hat. --
Erscheinung des Landes. -- Reis-See. -- Indianische Lebensweise
und Gebräuche. -- Fahrt den Otanabee hinauf. -- Log-Haus
(^Log-house^) und seine Inhaber. -- Passagier-Boot. -- Fußreise
nach Peterborough.
Peterborough; Newcastle Distrikt;
den 9. Septbr. 1832.
Wir verließen Cobourg, am Nachmittag des ersten Septembers in
einem leichten, recht bequem für die Passagiere mit Büffelfellen
ausgekleideten Wagen. Unsre Reise-Genossen waren drei Herrn und eine
junge Dame, insgesammt recht angenehme Gesellschafter, und bereit, uns
jede Auskunft über die Gegend zu geben, durch welche unser Weg führte;
der Nachmittag war einer von jenen ruhigen und heitern, dergleichen
man in der ersten Hälfte des Septembers häufig zu erfahren pflegt.
Die glühenden Herbst-Farben zeigten sich bereits an den Waldbäumen,
sprachen aber mehr von Reife als Verfall. Die Gegend um Cobourg her
ist gut angebaut, ein großer Theil der Waldung ist gelichtet, und an
seine Stelle sind offne Felder, angenehme Meiereien und schöne, gut
gedeihende Obstpflanzungen mit grünen, von feistem Vieh wimmelnden
Weide-Plätzen getreten.
Das Gefängniß nebst dem Gerichtshof zu Amherst, etwa anderthalbe
englische Meile von Cobourg, ist ein hübsches steinernes Gebäude, und
auf einer Anhöhe gelegen, welche eine prächtige Aussicht auf den See
Ontario und die umgebende Scenerei beherrscht. In demselben Verhältniß
als man weiter landeinwärts kommt, in der Richtung der Hamilton- oder
Reis-See-Ebnen, erhebt und senkt sich das Land zu kühnen langgedehnten
Hügeln und Thälern.
Die Umrisse der Gegend erinnerten mich an den bergigen Theil von
Gloucestershire; indeß vermißt man den Reiz, womit die Civilisirung
diese schöne Landschaft in so vorzüglichem Grade geschmückt hat, man
vermißt ihre romantischen Dörfer, blühenden Städte, weit gedehnten,
mit Rinder- und Schafheerden bedeckten Auen. Hier strotzen die Berge
von Eichen-, Buchen- und Ahorn-Wäldern, mit hier und da eingestreuten
dunkeln Fichten-Hainen, nur selten durch eine Ansiedelung mit ihren
Log-Häusern und zickzackartigen, von Holzscheiten gezimmerten
Einfriedigungen unterbrochen und belebt: diese Einfriedigungen sind,
beiläufig gesagt, sehr beleidigend für mein Auge. Ich sehe mich
vergebens nach den reichen Laubhecken meines Vaterlandes um. Selbst
die steinernen Einfriedigungen im Norden und Westen von England, so
kalt und dunkel sie sind, erzeugen keinen so unangenehmen Eindruck auf
den Beschauer. Die Ansiedler machen indeß unabänderlich von demjenigen
Plan Gebrauch, wobei sie am meisten an Zeit, Arbeit und Geld ersparen.
Das wichtige, durch Nothwendigkeit bedingte Gesetz, den kürzesten Weg
zur Erreichung des beabsichtigten Zwecks einzuschlagen, wird streng
befolgt. Geschmackssachen scheinen wenig berücksichtigt zu werden, oder
müssen wenigstens vor der Hand in den Hintergrund treten.
Ich sah ein Lächeln um den Mund meiner Reisegefährten spielen, als sie
unsre Projecte zur Verschönerung unsrer künftigen Wohnstätte vernahmen.
»Wenn Sie gesonnen sind, Ihre Wohnung in den Urwäldern aufzuschlagen,«
sagte ein ältlicher Herr, der sich vor mehren Jahren im Lande
angesiedelt, »so muß Ihr Haus nothwendiger Weise ein aus Baumstämmen
roh zusammengezimmertes Haus (^log-house^) sein, denn eine Sägemühle
dürften Sie schwerlich in der Nähe finden und außerdem werden Sie in
den ersten zwei oder drei Jahren so viel zu thun haben, und so vielen
Hindernissen begegnen müssen, daß Sie schwerlich Gelegenheit haben
werden, diese Verschönerungen ins Werk zu setzen.« »Es giebt,« fügte er
mit einer Mischung von Ernst und guter Laune in seinem Gesicht hinzu,
»ein Sprichwort, das ich als Knabe oft gehört habe; es lautet: _erst
kriechen, und dann gehen_«[15]. »Es läßt sich hier zu Lande nicht alles
so leicht bewerkstelligen als zu Hause, wovon Sie eine mehrwöchentliche
Bekanntschaft mit dem _Busch_, wie wir jedes nicht gelichtete Waldland
nennen, bald überzeugen wird. Nach Verlauf von fünf Jahren dürften Sie
schon eher an dergleichen Verschönerungen und Bequemlichkeiten denken
und leichter beurtheilen können, was Sie vor sich haben.«
»Ich glaubte,« war meine Erwiederung, »daß in diesem Lande alles sehr
schnell und leicht von Statten gehe, ich erinnere mich genau, von
Häusern gehört zu haben, die in einem Tage erbaut worden.« Der alte
Herr lachte.
»Ja, ja,« sprach er, »Reisende finden es nicht schwer, ein Haus binnen
zwölf oder vierundzwanzig Stunden aufzubauen, und allerdings lassen
sich die Wände in dieser, ja in noch weniger Zeit aufführen; allein das
Haus ist, wenn auch die Außenwände stehen, noch nicht fertig, wie dies
Ihr Gemahl auf seine Kosten erfahren wird.«
»Aber sämmtliche Werke über Auswanderung, die ich gelesen,« erwiederte
ich, »geben ein so schönes und schmeichelndes Gemälde von dem Leben
eines Ansiedlers; denn, ihren Angaben gemäß, lassen sich alle
Schwierigkeiten leicht beseitigen.«
»Weg mit den Büchern!« sagte mein Opponent »der eigne Verstand muß
hier entscheiden. Richten Sie Ihren Blick auf jene endlosen Waldungen,
in die das Auge nur einige Schritte tief eindringen kann, und sagen
Sie mir, ob Sie glauben, daß sich diese gewaltigen Baumstämme ohne
Schwierigkeit wegräumen, gänzlich ausrotten, ja, ich möchte sagen,
vom Angesicht der Erde entfernen lassen; daß das Lichten und Reinigen
des Bodens durch Feuer, die Anlage und Einfriedigung von Feldern,
die Erbauung eines Obdachs keine Mühe, Kosten und große Arbeit
verursachen werde? Sprechen Sie nur nicht von dem, was in Büchern
steht, die häufig von Stuben-Reisenden (^tarry at home-travellers^)
geschrieben sind. Ich verlange Thatsachen. Die Erfahrungen eines
einzigen aufrichtigen Emigranten sind mehr werth, als alles, was über
den fraglichen Gegenstand zusammen geschrieben worden ist. Uebrigens
darf man die einem Theil des Landes entsprechende Schilderung nicht
auf alle anwenden. Die von Boden, Klima, Lage und Fortschritten in der
Civilisirung abhängigen Umstände sind in verschiednen Distrikten sehr
verschieden; selbst die Preise der Güter und Producte, die Mieth-Preise
und Arbeits-Löhne u. s. w. weichen, je nachdem man sich den Städten und
Märkten nähert oder davon entfernt, beträchtlich von einander ab.«
Ich fühlte bald, daß mein Reisegefährte richtig von einer Sache
spreche, womit ihn eine dreizehnjährige Erfahrung vollkommen
vertraut gemacht hatte. Ich fing an, zu fürchten, daß wir ebenfalls
zu schmeichelhafte Ansichten von dem Leben eines Ansiedlers in
den Urwäldern unterhalten. Die Zeit und unsre eigne persönliche
Kenntniß wird der sicherste Prüfstein sein, und diesem müssen wir uns
anvertrauen. Der Mensch ist stets geneigt, das zu glauben, was er
wünscht.
Ungefähr mittelwegs zwischen Cobourg und dem Reis-See liegt zwischen
zwei steilen Hügeln ein hübsches Thal. Hier findet man einen guten
Theil gelichteten Landes und eine Schenke: der Ort heißt die »_Kalte
Quelle_« (^Cold Springs^). Wer weiß, ob derselbe nicht vielleicht
schon nach einem oder zwei Jahrhunderten in einen Trink- und Bade-Ort
für die feine Welt umgestaltet sein wird. Ein canadisches Bath oder
Cheltenham[16] dürfte mit der Zeit hier entstehen, wo gegenwärtig die
Natur in ihrer Wildniß schwelgt.
Wir fuhren jetzt die geneigten Ebnen bergan, eine schöne strecke
aufsteigenden Landes, mehre englische Meilen weit spärlich mit Eichen
und hier und da mit buschigen, weitspreizigen Tannen nebst andern
Bäumen und Sträuchern bekleidet. Der Boden ist an einigen Orten sandig,
überdies aber, wie man mir sagte, in verschiednen Theilen von sehr
verschiedner Beschaffenheit und in großen Strecken mit reicher Weide
bedeckt, welche den Viehheerden einen Ueberfluß an trefflichem Futter
darbietet. Eine Menge vorzüglich schöner Blumen und Sträucher schmücken
diese Ebnen, welche sich während der Frühlings- und Sommer-Monate
jedem Garten in der Welt an die Seite stellen können. Manche von jenen
Gewächsen gehören den Ebnen ausschließlich an und kommen selten in
andern Lagen vor. Auch die Bäume, obwohl nicht so groß und gewaltig,
wie die in den Forsten, sind malerisch; sie stehen in Gruppen oder
einzeln, durch große Zwischenräume von einander abgesondert, und geben
dem in Rede stehenden Theil des Landes ein parkartiges Ansehn. Die
vorherrschende Meinung scheint zu sein, daß die Ebnen, zu Schweizereien
und Viehzüchtereien angelegt, den Zwecken der Ansiedler vorzüglich
entsprechen würden, indem es nicht an Land zur Erbauung von Weizen und
Korn fehlt, der Boden mit geringen Kosten veredelt werden kann, und
außerdem Ueberfluß an natürlichen Vieh-Triften herrscht. Ein großer
Vortheil scheint zu sein, daß der Pflug unmittelbar eingeführt werden
kann, und die Vorbereitung des Bodens nothwendiger Weise weit weniger
Arbeit erfordert, als da, wo derselbe über und über mit Wald bedeckt
ist.
[Illustration: _Reis-Boden._ St. 69.]
Man trifft auf diesen Ebnen verschiedne Ansiedler, welche beträchtliche
Meiereien besitzen. Die Lage, sollte ich meinen, muß gesund und
angenehm sein, Ersteres wegen der Erhabenheit und Trockenheit des
Bodens; Letzteres wegen der schönen Aussicht, die sie auf das unter
ihnen sich ausbreitende Land, besonders wo der Reis-See mit seinen
mannigfaltigen Inseln und malerischen Ufern sichtbar ist, -- darbieten.
Hügel und Thäler wechseln auf eine angenehme Weise mit einander ab, und
der Boden ist bald sanft geneigt, bald schroff, ja fast abschüssig.
Ein amerikanischer Pachter, der an unserm Frühstück am folgenden
Morgen Theil nahm, erzählte mir, daß diese Ebnen vormals ein berühmtes
Jagdrevier der Indianer gewesen, die, um das Wachsthum der Waldbäume zu
verhindern, dieselben von Jahr zu Jahr weggebrannt; hierdurch wurden im
Verlauf der Zeit die jungen Bäume vernichtet und konnten sich mithin
nicht wieder in derselben Ausdehnung anhäufen wie früher. Es blieb
nur so viel stehen, als zur Bildung von Dickichten hinreichte; denn
in diesen wählt das Wild heerdenweise seinen Aufenthalt, angelockt
durch eine eigenthümliche hohe Grasart, womit die in Rede stehenden
Ebnen bedeckt sind, es heißt Reh-Gras (^deer-grass^), und die davon
fressenden Thiere werden zu gewissen Jahreszeiten außerordentlich fett
davon.
Der Abend brach herein, ehe mir unser nächstes Nachtquartier, die
Schenke an den Ufern des Reis-Sees, erreichten, so daß ich etwas von
der schönen Scenerei einbüßte, welche diese artige Wasserfläche dem
Auge darbietet, wenn man die Ebnen nach ihren Ufern zu hinabsteigt. Die
flüchtigen Blicke, die mir dann und wann davon zu Theil wurden, hatte
ich dem schwachen aber häufigen Wetterleuchten zu verdanken, welches
den Horizont gegen Norden erhellte und gerade genug enthüllte, um mich
bedauern zu machen, daß ich wegen der Dunkelheit an diesem Abend nicht
mehr davon sehen konnte. Der Reis-See ist auf eine recht anmuthige
Weise durch kleine bewaldete Inseln unterbrochen; das nördliche
Ufer steigt vom Wasserrande sanft aufwärts. Im Angesicht von Sully,
der Schenke, von wo aus das Dampfboot abgeht, welches den Otanabee
hinaufsteuert, erblickt man verschiedne hübsche Niederlassungen; und
jenseits des Indianer-Dorfes unterhalten die Missionaire eine Schule
zur Erziehung und Unterrichtung der Indianer-Kinder. Manche von diesen
können geläufig lesen und schreiben und haben in ihrer sittlichen und
religiösen Bildung sichtbare Fortschritte gemacht. Sie sind gut und
bequem gekleidet und wohnen in besonders für sie erbauten Häusern.
Allein sie hängen immer noch zu sehr an ihrer wandernden Lebensweise,
um gute und betriebsame Ansiedler abzugeben. Zu gewissen Zeiten im
Jahre verlassen sie das Dorf und lagern sich in den Wäldern längs den
Ufern jener Seen und Flüsse, wo sie auf Ueberfluß an Wild und Fischen
rechnen können[17].
Die Reis-See und Schlamm-See-Indianer gehören, wie man mir sagt, zu den
Tschippewas, allein die Züge von Schlauheit und kriegerischem Trotz,
die früher dieses merkwürdige Volk charakterisirten, scheinen unter dem
milderen Einfluß des Christenthums verschwunden zu sein.
Gewiß ist, daß die Einführung der christlichen Religion der größte
Fortschrit zu Civilisirung und Verbesserung ist; ihr ganzes Streben ist
darauf gerichtet, die Schranken des Vorurtheils und der Unwissenheit
niederzubrechen und die Menschen zu einer allgemeinen Brüderschaft
zu verbinden. Man hat mir gesagt, daß eine Zeitlang das Laster der
Völlerei diesen neu bekehrten Wilden unbekannt gewesen, ja daß sie sich
sogar des mäßigen Gebrauchs geistiger Getränke gewissenhaft enthalten.
Diese Enthaltsamkeit wird von einigen Familien noch jetzt beobachtet;
aber neuerdings hat sich die Trunkenheit wieder unter ihnen
eingeschlichen, die allerdings ihren Glauben in Miscredit bringt. Man
darf sich in der That kaum darüber wundern, daß der Indianer, wenn er
diejenigen seiner Umgebung, welche sich Christen nennen, welche besser
erzogen sind und den Vortheil einer civilisirten Gesellschaft genießen,
dem erwähnten Laster bis zum Uebermaß fröhnen sieht, sich von seinem
natürlichen Hange besiegen läßt und die Pflichten des Christenthums,
das bei einigen wohl eben nicht tiefe Wurzel geschlagen haben mag,
entgegenhandelt. Ich habe mich über die, diese lasterhafte Neigung der
armen Indianer betreffenden Urtheile von Leuten, welche die ersten an
der Tafel und bei Trinkgelagen waren, sowohl gewundert als geärgert; es
schien mir, als halte man Leute von Erziehung und Bildung der Völlerei
für weniger zurechnungsfähig als den halbcultivirten Wilden.
Man findet einige hübsche Ansiedlungen am Reis-See, indeß sollen
seine Ufer der Gesundheit nicht zuträglich sein, und die Colonisten
vorzüglich da, wo der Boden niedrig und morastig ist, häufig an
Sumpf-Fiebern und Flüssen leiden. Einige schreiben die Ursache der
eben genannten Uebel den umfangsreichen Reisbeeten zu, welche das
Wasser stocken machen. Die Verdünstung von einer Wasserfläche, die
fortwährend auf eine Masse faulender Pflanzen wirkt, muß allerdings die
Constitution derjenigen schwächen, welche ihrem verderblichen Einfluß
unmittelbar ausgesetzt sind.
Außer zahlreichen kleinen Wasserströmen, die hier zu Lande _Creeks_
heißen, ergießen sich zwei beträchtliche Flüsse, der Otanabee und der
Trent in den Reis-See. Diese Flüsse sind durch eine Kette kleiner Seen
mit einander verbunden, welche man auf einer guten Charte von der in
Rede stehenden Provinz finden kann. Ich füge meinem Briefe einen Abriß
bei, der zu Cobourg erschienen ist und Sie mit der Geographie dieser
Abtheilung des Landes bekannt machen wird. Auf einem der kleinen Seen
gedenken wir uns anzukaufen; denn sollten diese Gewässer schiffbar
gemacht werden, wie man beabsichtigt, so dürften die Ländereien an
ihren Ufern sehr einträglich für die Colonisten ausfallen; gegenwärtig
sind sie durch große Granit- und Kalkstein-Blöcke, Stromschnellen und
Catarakte unterbrochen, welche kein Fahrzeug außer Nachen und Böten
mit flachem Kiel, zulassen und selbst diese sind wegen der vielen
angedeuteten Hindernisse auf gewisse Strecken beschränkt. Durch
Vertiefung des Fluß-Bettes und des Bodens der Seen, durch Bildung
von Wehren in einigen Theilen, und durch Anlegung von Kanälen, würde
dieser ganze Wasser-Bereich, bis zur Bay von Quinte, der Schifffahrt
geöffnet werden können. Der Kostenbetrag würde natürlicher Weise
bedeutend sein, und bevor nicht die Städte dieses Theils des Distriktes
vollkommen organisirt sein werden, ist an die Ausführung eines solchen
Riesen-Plans nicht zu denken, wie wünschenswerth sie auch sein mag.