Wir sehen längs den Ufern des Flusses mehre Tabacks-Felder, welche

einen gesunden und gedeihlichen Anblick zeigen. Wie ich glaube, wird

in beiden Provinzen Taback in ziemlicher Ausdehnung erbaut; allein der

canadische Taback wird nicht so hoch geschätzt, als der virginische.

An der Vereinigungsstelle des Richelieu Flusses mit dem St. Laurence

liegt eine blühende Stadt, vormals Sorel, jetzt aber Fort William Henry

genannt. Ihre Lage ist vortrefflich. Sie hat mehre Kirchen, ein Castell

mit Mühlen und andern öffentlichen Gebäuden, und darunter einige schöne

massive Häuser. Der Boden in der unmittelbaren Nähe der Stadt indeß

scheint leicht und sandig zu sein.

Ich hatte sehr gewünscht ein Log-Haus oder eine Shanty (Hütte) in der

Nähe zu sehen, und fand mich hinsichtlich der wenigen, längs den Ufern

des Flusses errichteten Gebäude dieser Art etwas in meinen Erwartungen

getäuscht; es war nicht sowohl die Rohheit des Materials als vielmehr

die scheunenartige Form derselben, und die geringe Rücksichtsnahme

auf malerische Wirkung in ihrer Anlage, welche mir mißfielen. In

England besitzt selbst der Bauer so viel Geschmack, einige Rosen- oder

Geisblatt-Sträucher vor Thür und Fenster zu pflanzen, wozu noch ein

kleines eingefriedigtes schmuckes Gärtchen kommt; aber hier gewahrt

man keinen solchen Versuch zur Verschönerung der Hütten. Wir sehen

keinen lachenden Obstgarten oder Strauch, der die nackten Holz-Wände

verdeckte; und was die kleinen Meiereien anlangt, so sind sie noch

häßlicher und ohne allen Geschmack dicht an den Wasserrand gebaut.

Weiter nach hinten erscheint ein verschiedner Bau- und Cultur-Styl: die

Meiereien und hölzernen Häuser sind recht hübsche, von gutem Geschmack

zeigende Gebäude, mit hier und da ausgestreuten Baumgruppen zur

Unterbrechung der Einförmigkeit.

Das Land ist eine fast ununterbrochne platte Ebne, und augenfällig

fruchtbar und gut angebaut, aber zu flach, um eine malerische Wirkung

hervorzubringen. Die Gegend zwischen Quebek und Montreal hat ganz

das Ansehen eines seit langer Zeit unter Cultur befindlichen Bodens,

vorzüglich auf dem rechten Flußufer. Indeß ist noch ein großer Theil

Wald übrig, dessen Lichtung noch vieljährige Arbeit erheischen wird.

Wir kamen an einigen grasreichen Eilanden vorbei, worauf manche

Viehheerde weidete. Ich zerbrach mir den Kopf, wie sie dahin kämen; der

Capitain erklärte mir aber, daß es Brauch der Meierei-Besitzer sei,

ihr Vieh auf diese futterreichen Inseln in Nachen mit flachen Böden zu

transportiren oder, wo es nicht zu tief sei, hinüber schwimmen, und es

so lange, als das Futter gut befunden werde, dort zu lassen. Werden

Kühe auf ein Eiland, innerhalb einer angemeßnen Entfernung von der

Meierei, versetzt, so geht täglich jemand in einem Kahne dahin ab, um

sie zu melken. Als er mir dies erzählte, ruderten eben ein Knabe und

ein stämmiges Mädchen, mit zinnernen Gelten, in einem kleinen Nachen

vom Ufer her quer durch den Fluß, um ihre Heerden zusammen zu rufen.

Auf unsrer Weiterfahrt bemerkten wir zur Rechten einige höchst

anmuthige Dörfer, aber unser Lootse war etwas einfältig und konnte oder

wollte uns ihre Namen nicht nennen. Es war Sonntags früh; wir konnten

eben das Läuten der Kirchthurm-Glocken vernehmen, und es zeigten sich

lange Reihen von Caleschen, leichten Wagen, Reitern und Fußgängern,

welche durch die zum Kirchhof führende Allee vorübereilten; außer

diesen glitten Boote über den Fluß, welche demselben Friedens-Hafen

zusteuerten.

In einem Theil des St. Laurence, wo Untiefen und Sandbänke die Fahrt

durch das Flußbett schwierig machen, gewahrt man kleinen Wassermühlen

ähnelnde Leuchtthürme, auf hölzernen Pfählen, die sich über die flachen

Ufer erheben, auf welchen sie errichtet sind. Diese drolligen Thürme

oder Hüttchen waren bewohnt, und von einem derselben herab sahen wir

eine lustige Gesellschaft, in ihrem Feststaate, mit einer andern in

einem unten haltenden Kahne zur Kurzweil plaudern. Ihrem Aeußern nach

waren sie wohl, und in der That recht vergnügt, indeß beneidete ich

ihnen ihre Lage nicht, die, meines Bedünkens, der Gesundheit nicht

anders als nachtheilig sein kann.

Einige (englische) Meilen unter Montreal gewann die Gegend ein

reicheres und volkreicheres Ansehn; und die in weiter Ferne am Saume

des Horizonts sich hindehnende blaue Bergkette fügte der Landschaft

keinen kleinen Reiz hinzu. Die reiche Gluth der reifen Saaten bildete

einen schönen Contrast mit dem azurnen Himmel und der bläulichen

Wasserfläche des St. Laurence. Die Fluß-Scenerei unweit Montreal

ist von der unterhalb Quebek sehr verschieden; letztere hat einen

wilden rauhen Anblick, und ihre Erzeugnisse sind offenbar die eines

kältern, weniger von der Natur begünstigten Klimas. Was der letztern

an Großartigkeit und malerischer Wirkung abgeht, ersetzt sie reichlich

durch Fruchtbarkeit des Bodens und wärmere Temperatur. In dem untern

Theil der Provinz merkt man nur zu sehr, daß die Betriebsamkeit der

Bewohner einem widerspänstigen Boden das nöthige Brod abzwingt; während

in dem oberen das Land willig scheint, eine mäßige Anstrengung mit

Erfolg zu belohnen. Man vergesse nicht, daß dies blos die flüchtigen

Bemerkungen einer schnell vorüberwandernden Reisenden sind und sich

keineswegs auf persönliche Erfahrung gründen.

Ein Gefühl von Angst und Furcht, das wir einander nicht gern gestehen

mochten, um nicht als schwach zu erscheinen, lastete auf unsern

Gemüthern, als wir uns der angesteckten Stadt näherten; aber Niemand

sprach nur ein Wort davon. Mit welchem ungemischten Entzücken, mit

welcher Bewunderung würden wir zu jeder andern Zeit die sich vor unsern

Augen erschließende Scene betrachtet haben.

Der Fluß breitet sich hier in ein weites Becken aus, welches mit Inseln

gefüllt ist, auf deren größter Montreal liegt.

Der hohe Berg, wovon die Stadt ihren Namen hat, erhebt sich gleich

einer Krone über dieselbe und bildet einen eigenthümlichen und

großartigen Zug in der schönen Landschaft, der mich an einige einzeln

stehende Felsen in der Nachbarschaft von Inverneß erinnerte.

Quebek gegenüber, gerade vor den Flußschnellen (^Rapids^) ist die

Insel St. _Helens_ gelegen, ein Ort von unbeschreiblicher Anmuth. Die

Mitte derselben nimmt ein Wäldchen von hohen Bäumen ein, während die

sanft nach dem Wasser zu geneigten Ufer mit dem grünsten Rasen bedeckt

sind. Dieses schöne Schauspiel wurde noch durch die Erscheinung der auf

der Insel in Garnison liegenden Truppen erhöht.

Die Flußufer, dicht mit trefflich angebauten Meiereien besetzt; das

Dorf la Prairie, mit der kleinen Insel St. _Ann's_ in der Ferne;

die blitzenden Thürme und Dächer der Stadt mit ihren Gärten und

Landhäusern, -- gewähren in dem sanften Glanze eines canadischen

Sonnenuntergangs einen über die Maaßen lieblichen Anblick.

Die zum Abendgebet läutenden Kirchen-Glocken, das murmelnde Getös

menschlicher Stimmen, vom Ufer her, mischten sich harmonisch mit dem

Rauschen der Flußschnellen. Diese Flußschnellen (^Rapids^) werden

durch eine Senkung des Flußbetts gebildet. An einigen Stellen ist

die Neigung allmälig, an andern aber plötzlich und abgebrochen. Wo

der Wasserstrom durch Kalkstein- oder Granit-Massen gehindert ist,

wie bei den Cascaden, den Cedern und dem Long-Sault, erzeugt er

Strudel und Katarakte. Aber die Flußschnellen unterhalb Montreal sind

nicht von diesem großartigen Charakter, man erkennt sie blos an der

ungewöhnlichen Geschwindigkeit des fließenden Wassers, und an der

Trübung der Oberfläche durch Schaum, Wellenschlagen und Wirbel. Um mich

kurz zu fassen, ich fand meine Erwartung, etwas besonders Erhabenes zu

sehen, getäuscht, und war gewissermaßen halb ärgerlich über diese sich

so kleinlich und unbedeutend zeigenden Flußschnellen, durch die uns

unser treuer Gefährte, das mit dem Namen _Brittsch-Amerika_ bezeichnete

Schiff, glücklich und wohlbehalten bugsirte.

Da der Capitain ungewiß ist, wie lange er sich in Montreal wird

aufhalten müssen, so sende ich diesen Brief ohne weiteren Aufschub ab,

und denke sobald als möglich wieder zu schreiben.

Vierter Brief.

Landung zu Montreal. -- Erscheinung der Stadt. -- Verheerungen der

Cholera. -- Wohlthätigkeits-Anstalten zu Montreal. -- Katholische

Cathedrale. -- Unter- und Ober-Stadt, Gesellschaft und Unterhaltung

im Hotel. -- Die Verfasserin wird von der Cholera befallen. --

Abreise von Montreal im Postwagen. -- Einschiffung zu Lachine an Bord

eines Dampf-Schiffes. -- Abwechselndes Reisen in Dampfschiffen und

Postwagen. -- Erscheinung des Landes. -- Manufacturen. -- Oefen, in

einiger Entfernung von den Hütten. -- Zieh-Brunnen. -- Ankunft zu

Cornwall. -- Bedienung im Gasthause. -- Abreise von Cornwall, und

Ankunft zu Prescott. -- Ankunft zu Brockwille. -- Dasiger

Stapelplatz. -- Reise durch den See Ontario. -- Ankunft zu Cobourg. --

Nelson Hotel, Montreal. August 21.

Wieder einmal auf festem Grund und Boden, Theuerste Mutter! welches

eigenthümliche Gefühl ist es doch, das feste Land wieder zu betreten,

erlößt von der schwankenden Bewegung des Schiffes auf dem wogenden

Wasser, dem ich jetzt wirklich mit Freuden Lebewohl sagte.

Mit Tagesanbruch war Jedermann an Bord aus dem Bette und traf

geschäftig alle Vorbereitungen, ans Land zu gehen. Der Capitain selbst

gab uns verbindlichst das Geleite und ging mit uns bis zum Gasthof, wo

wir jetzt logiren.

Es machte uns einige Schwierigkeit, ans Ufer zu gelangen, wegen

der schlechten Beschaffenheit des Landungsplatzes. Der Fluß war

mit treibenden Baumstämmen gefüllt, zwischen welchen das Boot

hindurchzusteuern, einige Geschicklichkeit erforderte. Es wird jetzt

ein Kai gebaut[6], dessen Nothwendigkeit sich nur zu fühlbar gemacht

hat.

Zunächst fielen uns die schmuzigen, engen, schlecht oder gar nicht

gepflasterten Straßen der Vorstädte auf, und zugleich betäubte uns

der niedrige, aus einem tiefen, offnen, längs der Straße hinter dem

Kai verlaufenden Graben aufsteigende Dunst. Dieser Graben schien zur

Aufnahme jedes Unflathes bestimmt und an sich allein hinreichend, die

ganze Stadt mit bösartigen Fiebern zu inficiren[7].

Bei meiner ersten Bekanntschaft mit dem Innern von Montreal, einem

Orte, wovon Reisende so viel gesagt haben, fand ich mich sehr

getäuscht. Ich verglich es in Gedanken mit den Früchten des todten

Meeres, die schön und lockend anzuschauen sind, aber blos Asche und

Bitterkeit geben, wenn sie der durstige Reisende kostet[8].

Ich bemerkte einen besondern Zug an den Gebäuden der sich im Angesicht

des Flusses hinziehenden Vorstadt, -- nämlich daß sie meistentheils von

dem untersten bis zum obersten Stockwerk mit breiten hölzernen Balcons

versehen waren. In einigen Fällen umgeben diese Balcons die Häuser auf

drei Seiten und scheinen eine Art Außengemächer zu bilden; zu einigen

derselben führten breite Treppen von außen hinauf.

Ich erinnerte mich, als Kind von dergleichen Häusern geträumt und sie

sehr einladend gefunden zu haben, auch könnten sie dies wirklich sein,

wenn sie von rankendem Strauchwerk beschattet und mit Blumen geschmückt

wären, um gleichsam schwebende Gärtchen oder süßduftende Laubengänge

abzugeben. Aber nichts der Art erfreute unsre Augen, als wir mühsam

durch die langen Straßen wanderten. Alle Gasthäuser und Herbergen waren

bis unters Dach hinauf mit Auswandrern jedes Alters, aus England,

Schottland und Irland, überfüllt. Die Laute wilder Ausgelassenheit,

welche aus ihnen hervorbrachen, schienen sich schlecht mit den bleichen

eingefallnen Gesichtern mancher dieser gedankenlosen Lärmer zu

vertragen.

Der Contrast war für den, der diese Entfaltung äußerer Lustigkeit bei

innerem Elend zu würdigen verstand, nur zu fühlbar und schmerzlich.

Die Cholera hatte grauenvolle Niederlagen angerichtet, und ihre

heillosen Wirkungen waren an den verschloßnen und verdunkelten

Wohnungen und an den Trauerkleidern aller Klassen zu erkennen. Ein

Ausdruck von Niedergeschlagenheit und Angst zeigte sich in den

Gesichtern der wenigen Menschen, welchen wir auf unserm Wege nach dem

Gasthause begegneten, und verriethen uns deutlich den Zustand ihres

Innern.

In einigen Stadttheilen waren ganze Straßen fast entvölkert; die,

welche konnten, flohen, von Schrecken ergriffen, auf die Dörfer,

während andre zurück blieben, um im Schooße ihrer Familie zu sterben.

Keiner Klasse hat sich die Krankheit so verderblich gezeigt, als den

ärmern Emigranten. Viele von diesen, geschwächt durch die Entbehrungen

und Strapazen einer langen Reise, überließen sich, als sie Quebek oder

Montreal erreicht, jeder Ausschweifung, jedem Uebermaß -- vorzüglich

der Völlerei, und gleichsam als hätten sie sich vorsätzlich den Weg zum

gewissen Verderben gebahnt, fielen sie unmittelbare Opfer der Krankheit.

In einem Hause starben elf Menschen, in einem andern siebzehn; ein

kleines siebenjähriges Kind blieb allein übrig, das traurige Ereigniß

zu verkünden. Diese arme verlassene Waise nahmen die Nonnen in ihre

wohlthätige Anstalt auf und erwiesen ihr jede Aufmerksamkeit, welche

Menschenliebe nur immer fordern kann.

Die Zahl sowohl aus Katholiken als Protestanten bestehender

Wohlthätigkeits-Vereine ist beträchtlich, und diese entfalten eine

Duldsamkeit und Freisinnigkeit, welche beiden Confessionen zur Ehre

gereicht, indem sie einzig und allein von dem Geiste christlicher Liebe

beseelt erscheinen.

Ich wüßte keinen Ort, selbst London nicht ausgenommen, wo die

Ausübung wohlwollender Gesinnungen so sehr hervorgefordert würde, als

in diesen beiden Städten, Quebek und Montreal. Hier vereinigen sich

die Unglücklichen, die von den erforderlichen Mitteln Entblößten, die

hülflose Waise, die Bejahrten, der arme aber tugendhafte Mann, den die

strenge Hand der Nothwendigkeit aus seiner Heimath von seinem Herde

getrieben hat, um in einem fernen, fremden Lande von Krankheit oder

Mangel dahin gerafft zu werden.

Es ist ein trauriger Umstand, daß sehr viele der ärmsten Auswandrer,

die unter dem Einfluß der Cholera ihr Leben verloren, keine Spur

hinterlassen haben, wodurch ihre bekümmerten Freunde im alten

Vaterlande über ihr Schicksal in Kenntniß gesetzt werden könnten. Die

Krankheit ist so plötzlich, so heftig, daß sie dem Befallnen keine Zeit

zu Ordnung weltlicher Angelegenheiten übrig läßt. Die Aufforderung

kommt, nicht wie an _Hesekiah_: »Bringe dein Haus in Ordnung, denn du

sollst sterben, und nicht leben!«

Das Wetter ist drückend heiß, von häufigen Gewitter-Schauern begleitet,

die aber keineswegs die Wirkung haben, welche man davon erwartet, denn

sie kühlen die erhitzte Atmosphäre keineswegs ab. Ich fühle einen Grad

von Abspannung und Mattigkeit, der mich sehr verstimmt und schlimmer

ist als wirklicher Schmerz.

Anstatt diesen Ort mit der ersten Gelegenheit nach der oberen Provinz

verlassen zu können, wie wir uns fest vorgenommen, sehen wir uns

genöthigt, zwei Tage länger zu bleiben, woran die Weitläufigkeit und

Umständlichkeit der Zollbeamten in Untersuchung unsers Gepäckes schuld

ist.

Die Hitze war fortwährend so drückend, daß sie mir nur wenige Ausflüge

aus dem Hause verstattete. Ich habe, ausgenommen die Straßen in der

Nähe des Gasthofs und die katholische Kirche, wenig von der Stadt und

ihren öffentlichen Gebäuden gesehn. Die Kathedrale erhielt meinen

Beifall; sie ist in der That ein schönes Gotteshaus, jedoch immer noch

unvollendet; so sind die Thürme nicht zu der ursprünglich bestimmten

Höhe geführt. Das östliche Fenster, hinter dem Altar, ist siebzig Fuß

hoch und dreiunddreißig Fuß breit. Die Wirkung dieses großartigen

Fensters, dem Eingange gegenüber, der Altar mit seinen Zierrathen und

Gemälden, die verschiednen kleinern Altäre und Kapellen, sämmtlich

mit Gegenständen aus der heiligen Schrift verziert, die leichten

Gallerien, welche den mittlern Theil der Kirche umgeben, die doppelte

Säulen-Reihe, worauf das gewölbte Dach ruht, und die Bogenfenster,

Alles vereinigt sich zur Bildung eines schönen Ganzen. Am meisten

erfreute mich die äußerste Leichtigkeit des Baustyls, dagegen erschien

mir der Anstrich der Säulen in Nachahmung von Marmor zu grob und zu

grell; ich vermißte die ernste ehrwürdige Weihe, welche das Alter

unsern Kirchen und Cathedralen verliehen hat. Die in grauen Stein

gehauenen, grimmig blickenden Köpfe und geflügelten Engel, deren

befremdendes Ansehn selbst von einer Zeit erzählt, wo unsre Vorväter

innerhalb der geweiheten Mauern ihren Schöpfer verehrten, erhöhen den

feierlichen Eindruck und die Ehrwürdigkeit unsrer Gotteshäuser. Allein,

wenn sich auch die neue Kirche zu Montreal nicht mit unsrer Yorker-,

Münster- oder Westmünster-Abtei oder andern unsrer heiligen Gebäude

vergleichen darf, so verdient sie doch jedenfalls die Beachtung des

Reisenden, der in Canada auf nichts Aehnliches stößt.

Außerdem enthält Montreal verschiedne Collegien und Nonnen-Klöster,

ein Hospital für Kranke, verschiedne katholische und protestantische

Kirchen, Versammlungshäuser, ein Wachhaus und mehre andre öffentliche

Gebäude.

Der an den Fluß grenzende Stadttheil ist ausschließlich für den

Handel bestimmt. Seine engen, schmuzigen Straßen und dunkeln Häuser,

mit schweren eisernen Fensterladen, machen einen unangenehmen Eindruck

auf den brittischen Reisenden; der andre Theil der Stadt jedoch zeigt

ein verschiedenes und besseres Ansehn, die Häuser sind hier mit Gärten

und angenehmen Spaziergängen untermengt, die sich aus den Fenstern

des Ballsaals im Nelson Hotel dem Auge recht hübsch darstellen. Der

eben erwähnte Ballsaal, welcher von der Decke bis zum Fußboden grob

mit canadischer Scenerei und Waldlandschaften bemalt ist, gewährt eine

prächtige Aussicht auf die Stadt, den Fluß und die ganze Umgegend,

welche die fernen Berge von Chamblay, die Ufer des St. Laurence gegen

la Prairie hin, und die Stromschnellen ober- und unterhalb der Insel

St. Anne's in sich schließt. Der Königliche Berg (Mont Real) mit seinen

bewaldeten Seiten, seiner reichen Scenerei und seiner Stadt mit ihren

Straßen und öffentlichen Gebäuden entfalten sich den Blicken, und das

Auge, welches solchen Gegenständen begegnet, kann der Scenerei von

Montreal seinen Beifall nicht versagen.

Unser Wirth, ein Italiener von Geburt und Besitzer des Hotels, erweist

uns die größte Aufmerksamkeit. Die Bedienung ist äußerst anständig

und zuvorkommend, und die Gesellschaft, mit welcher wir im Gasthofe

zusammen treffen, hauptsächlich Auswandrer, wie wir, nebst einigen

lebhaften Franzosen, Männern und Weibern, sehr achtbar. Der Tisch ist

gut besetzt, und der Preis für Kost und Logis täglich ein Dollar[9].

Die mannigfaltigen Charaktere, aus welchen unsre Tischgesellschaft

besteht, gewähren mir viel Unterhaltung. Einige unter den Auswandrern

scheinen äußerst sanguinische Hoffnungen zu nähren, sie sind, ihren

Aeußerungen nach, eines glücklichen Erfolgs gewiß und glauben auf keine

Schwierigkeiten in Ausführung ihrer Pläne zu stoßen. Einen Contrast mit

diesen bildet einer meiner Landsleute, der so eben aus dem westlichen

Distrikt auf seiner Rückreise nach England hier eingetroffen ist; er

beschwört uns, ja nicht weiter aufwärts in diesem abscheulichen Lande

zu reisen, wie er die obere Provinz mit sichtbaren Nachdruck zu nennen

beliebt, versichernd, daß er um keinen Preis in der Welt darin leben

möchte.

Die Lesung von _Cattermole's_ Flugschrift _über Auswanderung_ hatte

ihn bestimmt, ein hübsches Pachtgut zu verlassen und sich mit seiner

ganzen Habe nach Canada einzuschiffen. Aufgemuntert durch den Rath

eines Freundes in diesem Lande, kaufte er einen Strich wilden Bodens

im westlichen Distrikt; »aber Sir,« sagte er, indem er seine Worte

mit großer Aufregung an meinen Gatten richtete, »ich fand mich aufs

schändlichste betrogen. Solcher Boden, eine solche Gegend -- nein um

alles in der Welt hätte ich nicht da bleiben mögen. Wahrlich! nicht ein

Tropfen gutes Wasser, keine eßbare Kartoffel ist daselbst zu erlangen.

Ich lebte zwei ganze Monate in einem kleinen Schuppen, den sie Shanty

nennen, und wäre fast bei lebendigem Leibe von Musquitos aufgezehrt

worden. Es gab nichts zu essen als eingesalznes Schweinfleisch, mit

einem Wort, das Elend und die Widerwärtigkeiten waren unerträglich;

meine landwirthschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen, als englischer

Pachter, halfen mir übrigens fast gar nichts, denn man weiß daselbst

nichts von Meiereien und Pachtgütern. Es würde mir das Herz gebrochen

haben, wenn ich zwischen den Baumstummeln hätte arbeiten sollen, ohne

je etwas einem wohlgepflügten Felde Aehnliches zu sehen. Und dann,«

fügte er in sanfterem Tone hinzu, »dachte ich an meine arme Frau und

meine kleine Tochter. Ich selbst würde, um meine Verhältnisse zu

verbessern, mich allenfalls ein Jahr oder noch länger in dieser Wildniß

herumgeplackt haben, aber die Arme! -- nein! ich hätte das Herz nicht

gehabt, sie den Bequemlichkeiten Englands zu entreißen und in eine

Wohnung einzuführen, die nicht so gut ist, als einer unsrer Kuhställe

oder Schuppen, und so will ich denn in meine Heimath zurückkehren; und

wenn ich nicht meinen Nachbarn erzähle, was für ein abscheuliches Land

dieses Canada ist, wohin auszuwandern Alle wie verrückt sind, und wofür

sie ihre Pachte aufgeben, so soll man mir nie wieder ein Wort glauben.«

Es fruchtete nichts, daß einige Anwesende ihm zeigten, wie ungereimt es

sei, zurückzukehren, ehe er alles gehörig geprüft und versucht habe; er

erwiederte ihnen blos, sie wären Thoren, wenn sie in einem Lande, wie

dieses, blieben; und endete mit Verwünschung derjenigen, welche ihre

Landsleute durch ihre falschen Berichte und Angaben täuschten und auf

einigen Seiten sämmtliche Vortheile zusammen stellten, ohne einen Band

mit den Nachtheilen zu füllen, was doch sehr leicht sein würde.

»Die Menschen sind nur zu geneigt, sowohl sich als andre zu betrügen,«

sagte mein Gatte, »und haben sie ihre Seele einmal auf einen Gegenstand

gerichtet, so pflegen sie blos das zu lesen und zu glauben, was ihren

Wünschen entspricht.«

Der junge erbitterte Mann hatte sich offenbar in seinen Erwartungen

getäuscht gesehen, als er nicht alles so schön und angenehm wie

in der Heimath fand. Er hatte wahrscheinlich nie über die Sache

nachgedacht, denn andernfalls würde er nicht so thörigt gewesen sein,

vorauszusetzen, daß er bei seinem ersten Ansiedelungs-Versuch auf

keine Schwierigkeiten stoßen werde. Wir haben uns auf nicht wenige

Hindernisse und Entbehrungen gefaßt gemacht, und doch dürften uns noch

manche unvorhergesehene begegnen, ob wir gleich durch die Briefe unsers

canadischen Freundes so ziemlich von allem in Kenntniß gesetzt sind.

Unsre Plätze in dem nach Lachine abgehenden Postwagen sind bereits

gemiethet, und wenn alles gut geht, so verlassen wir Montreal Morgen

früh. Unsre Koffer, Schachteln u. s. w. gehen vor uns nach Cobourg ab.

-- August =22=.

_Cobourg_, den 29. August.

Am Schluß meines letzten Briefes meldete ich Ihnen, Theuerste Mutter,

daß wir Montreal am folgenden Tage früh verlassen würden; allein das

Schicksal hatte anders über uns verfügt, und wir erfuhren die Wahrheit

jener Worte: -- »Rühme dich nicht dessen, was du morgen thun willst,

denn du weißt nicht, was die nächste Stunde mit sich bringen wird.« In

der Frühe besagten Morgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde ich von den

Symptomen der verderblichen Krankheit heimgesucht, die so manche Häuser

verödet hat. Ich zwar zu krank, um meine Reise antreten zu können,

und hörte mit schwerem Herzen die knarrenden Räder vom Thorwege des

Gasthofs über das Pflaster rumpeln.

Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin. · 第 2 / 26 段