Und jetzt erinnr' ich mich, alsob es gestern war.
Wie lange kann es sein? unmöglich ist der Knabe
Mein Sohn, wenn einen Sohn ich in Semengan habe.
Unmöglich, wenn mir dort ein Herz- und Seelerfreuer
Erwächst, ist er bereits ein Mann und Heerzerstreuer.
Jetzt trinket er noch mit milchduftiger Lippe Wein;
Doch ohne Zweifel bald wird er ein Kämpe sein.
Wann seine Zeit kommt, wird sein Arm die Keule schwingen,
An Tapferkeit wird er mit seinem Vater ringen.
Aufblühen neu in ihm wird Rostems Heldenfeuer,
Der Jüngling wird dem Greis der Jugendkraft Erneuer;
Jetzt ist er noch kein Mann der Schlacht und Heerzerstreuer.
Wann er erwachsen ist, wird ihn die Mutter schicken,
Und um den Arm das ihm bestimmte Zeichen stricken.
Erkennen werd ich ihn, und er wird mich erkennen,
Denn meine Zeichen wird ihm auch die Mutter nennen;
Nicht feindlich werden wir uns dann im Kampf anrennen.
Zusprechen wird er mir mit sittigem Zuspruch,
Nicht kommen mit gewalttätigem Gastbesuch,
Nicht mit der Tür ins Haus, ins Land mit Waffen fallen,
Anklopfen wird er erst an seines Vaters Hallen,
Und diese sind ihm aufgetan mit Wolgefallen!
Ich habe keinen Sohn in Persien, um ihn
Als Erben meines Ruhms und Namens zu erziehn,
Als Erben meines Guts und Reichs Sabulistan.
»Ein Türkenknabe taugt nicht zum Reichspehlewan«
Wird Kawus sagen; doch nach Kawus frag ich nicht.
Doch gerne möcht ich sehn dem Jungen ins Gesicht,
Der Suhrab ist genannt, die junge Kriegesflamme,
Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme!
Ich könnt ihn nach dem Kind und seiner Mutter fragen,
Und einen Gruß an sie nach Turan ihm auftragen,
Den trüg er hin, wenn ich ihn hier nicht hätt erschlagen!
47.
So sprach der alte Held in tiefbewegtem Sinn,
Und all sein Denken schuf ihm lauter Ungewinn.
Dann blickt' er auf, und sprach zum Boten, den er fast
Vergeßen hatte: Komm! für heut bist du mein Gast.
Es ist nicht Eilens Not mit Krieg und Kriegsgebot:
Ich seh nicht, was dem Reich von Iran Großes droht!
Nun machte wol mich scheu ein reckenhafter Knabe,
Da ich nicht Furcht vor Leu und Elefanten habe?
Es sollt ein blinder Schreck mich gleich in Harnisch bringen,
Und stehndes Fußes sollt ich auf den Rachs mich schwingen?
Weil gegen ihn ein Tropf die weiße Burg verlor,
Ist drum der Brausekopf schon vor der Hauptstadt Tor?
Ein knabenhafter Mann, wieviel er Kraft gewann,
Wenn sich zu rühren erst für ihn mein Schaft begann,
Sehn werdet ihr, wielang er seiner Haft entrann!
Ich wurde fertig sonst mit Riesen und Dämonen,
Ich fürchte mich vor nichts, was hinterm Berg mag wohnen.
Er wird sich hüten uns ins Garn herein zu springen;
Wir werden zeitig ihm den Tod entgegen bringen.
Soll in Bewegung erst sich setzen Meeres Braus?
Das Glimmen geht von selbst des Aschenhäufchens aus.
Wir werden bald genug auch diesen Weltbrand dämpfen;
Heut hab ich keine Lust für Keikawus zu kämpfen.
Kommt! eh auf seinen Wink wir morgen Türken hetzen,
Will ich mich heute noch mit lieben Freunden letzen.
Wir schlagen aus dem Sinn die Schlacht uns beim Gelag,
Bei hellem Becherklang und frohem Lautenschlag,
Und machen vor der Nacht uns einen guten Tag.
Du, Eidam, sollst mir was von meiner Tochter sagen,
Vom jungen Recken auch, den ich euch todt soll schlagen!
Die Herrlichkeit der Welt wird all am Ende Staub;
Begießen wir mit Wein des Lebens grünes Laub!
Seware! geh ins Haus, bestell uns einen Schmaus!
Wir leeren vor der Nacht noch manchen Becher aus.
48.
So rief der alte Held aus aufgeregter Seele;
Sein Bruder tat, wie er gewohnt war, die Befele.
Und auch der Eidam wagte nicht zu widersprechen;
Er wußte, daß mit ihm nicht gut sei Lanzen brechen.
Der alte Recke ließ sich durch den Sinn nicht faren;
Starr war sein Kopf und hart, besetzt mit struppigen Haaren.
Dem Schwäher folgte Gew vergnügt ins Haus zum Schmaus,
Und dachte: Mach er mit dem Schah es selber aus!
Wir wollen heut mit Wein die staubgen Lippen netzen,
Und morgen können wirs durch schärfern Ritt ersetzen.
Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag,
Das Fest geschmückt war wie ein Frühlingsrosenhag.
Alswie ein Rosenhag, geschmückt mit Duft und Glanze,
Mit Nachtigallenschlag und blühndem Rosenkranze;
So blühte das Gelag von Sang und Klang und Tanze;
So mühte sich die Kunst geübter Tänzerinnen,
Vom Wirte Gold, und Gunst vom Gaste zu gewinnen.
Sie dachten an den Feind und an den König nicht,
Und sahn nur Rosenwang und Mondenangesicht.
Vom Schenken ließen sie den roten Wein sich schenken,
Und durften nicht dabei an Blutvergießen denken.
Sie schöpften Wonn auf Wonn aus unerschöpfter Tonne;
Froh war hinunter schon getrunken Tag und Sonne.
Zum Trunke leuchteten noch ihnen Sternefunken,
Bis alle vom Gelag zum Lager giengen trunken.
49.
Am andern Morgen trat der Eidam reisefertig
Zu Rostem ein, und war des Aufbruchs nun gewärtig.
Doch Rostem sprach vergnügt: Du schliefest zeitig aus;
Gut, daß zu kurz der Tag uns werde nicht zum Schmaus!
Nun heute wollen wir erst recht behaglich schmausen;
Wer weiß, wie bald herein des Unheils Wogen brausen!
Wir wollen aus dem Sinn uns schlagen Graun und Grausen;
Gut Obdach haben wir, der Sturm mag draußen sausen!
Villeicht wird nie so froh uns mehr dieß Haus behausen.
Mir ist, als sollt ich mich zum letztenmal der meinen,
Der guten Freunde freun, die sich um mich vereinen!
Ihr beiden, kommt, und setzt zur Rechten und zur Linken
Euch um den Rostem her, und helft dem Rostem trinken!
Sewar, mein Bruder, hier! hier Gew, mein Tochtermann!
Mir träumte Nachts daß ich auch einen Sohn gewann.
Das kam mir in den Sinn durch jenen Türkenknaben,
Mit welchem sie vom Hof den Kopf betäubt mir haben.
Nachbringen sollst du heut beim Weine, Gew, mir dessen
Beschreibung, weil beim Wein sie gestern ward vergeßen.
Kommt, setzet euch, und laßt uns hören vom Suhrab,
Was Gew zu sagen weiß, ob dieser Wunderknab
Ist wirklich einzig auf der Welt der weiße Rab!
So sprach er, und zuerst hinpflanzt' er seine Glieder;
Der Bruder durfte nichts, der Eidam nichts dawider
Ihm sagen; wie er saß, setzten sich beide nieder.
Sewar, der Bruder, rechts, der Eidam Gew zur Linken,
Bei Rostem saßen sie, und er begann zu trinken.
Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag;
Das Fest geschmückt war wie ein Himmelsrosenhag,
Mit Glanz und Tanz und Sang und Klang und Lautenschlag.
Beim Trinken sprachen sie, bis sie den Tag hinab
Getrunken und herbei den Schlummer, von Suhrab.
50.
Des andern Morgens trat der Bote reisefertig
Zum Pehlewan, und war des Aufbruchs nun gewärtig.
Er wartete, und sah daß nicht von selbst aufbrach
Rostem, da faßte Gew sich nun ein Herz und sprach.
Bedachtsam sprach er: Held! vernimm ein Wort in Huld!
Nun reize länger nicht des Schahes Ungeduld!
Kawus, das weißt du ja, ist jäh in jedem Ding;
Und diese Sache wiegt ihm keineswegs gering.
Drum sandt er Botschaft dir durch keinen andern Boten
Als deinen Tochtermann, und Eil hat er geboten.
Denn dieser junge Türk ist ihm ein großer Kummer,
Der Eß- und Trinkens-Lust und Ruh ihm raubt und Schlummer.
Und wenn wir länger noch in Sabulistan säumen,
Wird ihm das weite Reich zu eng in allen Räumen.
Sprich, lieber Schwäher, soll ich dir den Rachs nicht zäumen?
Im ungefügen Zorn möcht er sich uns erbosen;
Zorn des Gebietenden bringt Boten keine Rosen.
Zu ihm sprach Rostem: Laß dir das nicht Sorge werden!
Niemand darf zürnen mir und meinem Tun auf Erden.
Keikawus weiß das wol, daß er zu dieser Frist
Durch Rostems Macht allein in Iran König ist.
Er weiß auch, daß mein Schwert ihn nie im Stiche ließ,
Wo oft in Ungemach sein toller Mut ihn stieß.
Doch heute dünkt es selbst mir Zeit nun aufzubrechen;
Nun wollen wir es erst beim Morgentrunk besprechen.
So sprach er, und alsbald mit Prachtgepräng und Prunk
Ließ er bestellen dort im Saal den Morgentrunk.
Die Flasche neigt' er tief, und hob den Becher hoch,
Mit seinem Eidam sprach er dieß und jenes noch.
Den Sattel nun gebot er auf den Rachs zu heben,
Und ließ dem ehrnen Mund der Zinken Atem geben.
Die Krieger Sabuls, wie sie hörten Rostems Zinke,
Rings strömten sie herbei, willfärig seinem Winke.
Er übersah mit einem Blick die starke Schar,
Und merkte, daß kein Ding der Welt zu schwer ihm war.
Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
Rostem ritt im Gespräch mit Gew voraus, es war
Hauptmann bei Sabuls Heer an seiner Statt Sewar.
51.
Die Kunde kam zur Stadt, Rostem sei auf den Wegen;
Die Fürsten zogen ihm eine Tagreis' entgegen:
Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,
Gurase, Gurgin, Milad, Fehrhad und Behram.
Ferabors, Sohn des Schachs, und der Kronfeldherr Tus,
Samt allen übrigen, mit ehrerbietigem Gruß,
Entgegen traten sie dem reitenden zu Fuß.
Zu Fuß hernieder trat auch Rostem von dem Ross,
Grüßend, und im Geleit hinwandelt' er zum Schloß.
Hinwandelten zum Schloß vergnügt und unbeklommen
Alle, sie waren froh, daß Rostem nur gekommen.
So traten sie im Chor dort in die offne Halle
Des Throns, mit offnem Blick und offnem Herzen alle.
Doch wie sie grüßend sich dem goldnen Thron geneigt,
Saß droben Keikawus finster und ungeneigt.
Dem Ruf der Huldigung gab er die Antwort nicht,
Und schweigend wendet' er von ihnen sein Gesicht;
Worauf er gegen Gew erst einen Schrei ausstieß,
Und gegen Rostem dann den Unmut frei ausließ:
Wer ist Rostem, daß er ein Wort aus meinem Munde
Mit Füßen tritt, und sich entziehet meinem Bunde?
Hätt ich ein Schwert zur Hand, ich wollte laßen tanzen
Vom stolzen Rumpf sein Haupt gleich einer Pomeranzen.
Tus, greife mir das Paar, und führe sie davon,
Bring an den Galgen mir Schwäher und Schwiegersohn!
Er riefs, und sprang vor Zorn auf seinem Thron empor,
Auflodernd ungestüm alswie ein Feur im Rohr.
Der ganze Kreiß umher der Fürsten war betroffen,
Daß seinen Zorn der Schah so durft auslaßen offen.
Tus zauderte und wagt' an Rostem nicht die Hand
Zu legen, da geriet Keikawus erst in Brand.
Er brüllte durch den Saal alswie ein Leu im Forste,
Und schrie vom Throne wie ein Adler kreischt vom Horste:
Verräter, wer die Hand nicht legt an den Verräter!
Ein Uebertreter, wer nicht greift den Uebertreter!
Fort mit ihm auf der Stell, aus meinen Augen fort!
Und sagt dagegen mir kein unverständig Wort!
52.
So schnaubt' er, und vor Leid dem Tus das Herz zerbrach,
Daß er an Rostem sollt anlegen Hand mit Schmach.
Er faßt' ihn, nur damit er ihn aus dem Gesichte
Dem Kawus brächte, bis man dessen Zorn beschwichte.
Die Fürsten staunten, wie er faßte Rostems Hand,
Und Rostem wars allein, der nichts davon empfand.
Denn Rostems Seele schwoll von Groll und Unmut voll,
Daß vor den Fürsten ihm der Schah das bieten soll!
Er richtet' um ein Haupt noch höher sich empor,
Und um die Schultern schien er breiter als zuvor.
Dann tat er seinen Mund zu kühnen Reden auf,
Frei gegen Kawus ließ er seinem Zorn den Lauf:
Wer bist du, und wer ich, daß du so gegen mich
Darfst schnauben? auf der Welt bist du ein Schah durch mich.
Droh mit dem Galgen doch dem Suhrab, der dich schreckt,
Dem Ritter nicht, der dir den Feind zu Boden streckt!
Bin ich dein Untertan? Ich bin der Pehlewan
Des Reiches Iran und Fürst in Sabulistan.
Ich bin Tehemten, der, wenn er den Fuß im Grimm
Stampft auf den Grund, der Grund erzittert unter ihm.
Von meines Rosses Huf erhallt des Himmels Dom,
Und staunend still, wo es vorbeirennt, steht der Strom.
Ich bin der Rostem, sieggekrönt und ruhmgeschmückt,
Der wol um einen Schah wie du den Kopf nicht bückt!
Der Sattel ist mein Thron, der Helm ist meine Krone;
Ich spotte deiner Kron, und trotze deinem Throne.
Wer ist Kawus, daß er an mir den Zorn auslaße!
Und wer ist Tus, daß er mich bei der Hand erfaße!
Er riefs, und auf die Hand gab er solch einen Schlag
Dem Tus, daß er davon betäubt am Boden lag.
Hin über ihn und durch die andern schritt er stracks
Zu Hall und Hof hinaus, und schwang sich auf den Rachs.
53.
Die Fürsten drängten aus dem Saal ihm hinterdrein,
Den Kawus ließen sie mit seinem Zorn allein.
Sie eilten in den Hof, da saß der Rostem hoch
Auf seinem Sattel schon, und sprach vom Sattel noch:
Heim reit ich nun sogleich nach Sabul, in mein Reich;
Dort bin ich König selbst, dem König Kawus gleich.
Mag ohne Widerstand ganz Iran in die Hand
Von Turan fallen! ich behaupte wol mein Land.
Mag euch wie den Hedschir Suhrab vom Rosse stechen,
Und wie das weiße Schloß die Königsburg hier brechen!
Ich wehr ihm nicht, und wer wird ohne mich ihm wehren?
Euch allen rat ich, daß ihr mögt nach Hause kehren!
Kein edler Ritter dient solch einem Herrn mit Ehren.
Ein Hitzkopf sollte doch die Herrschaft nie erwerben!
Er stürzt das Land und stürzt sich selber ins Verderben.
O möcht ein Fürstensproß doch aus der Art nie schlagen,
Kein toller Sohn den Reif nach weisem Vater tragen!
Hab ich den Keikobad vom Berg Albors gebracht
Dazu, ihn auf den Thron gesetzt durch meine Macht,
Daß Keikawus, sein Sohn, sich nun mir unnütz macht?
Die Fürsten wißen, daß sie selbst zum König mich
Begerten! damals setzt ich ein als König dich!
Und hätt ich dort gewollt annemen Kron und Reif,
So trügest du nicht jetzt den Nacken hoch und steif.
Darum mishandle nur mit schnöden Worten mich!
Ich habs um dich verdient! warum erhöht ich dich?
Doch dächten so wie ich die Fürsten, auf dem Thron
Ließen sie dich allein, und giengen auch davon.
Lebt wol! in euerm Land seht ihr mich nimmer wieder;
Eur Land und euch kauf ich nicht um ein Krähengefieder!
So rief er, und im Zorn gab er dem Rachs die Sporen,
Spornstreichs ritt er hinaus zum Hof und zu den Toren.
Wol eine Meile Wegs ritt er auf Sabul zu,
Dann sucht' er gegen Nacht in einer Herberg Ruh.
Sein Zorn kühlt' in der Nacht; er harrte, bis Sewar,
Sein Bruder, käme nach mit Sabulistans Schar.
Sechstes Buch.
54.
Die Fürsten sahn ihm nach, verstöreter Geberde;
Denn Rostem war der Hirt, sie alle seine Herde.
Zu Guders sprachen sie: Guders! dieß ist dein Teil;
Durch deine Hand nur kann der Bruch uns werden heil.
Der König hört von dir am ersten noch ein Wort,
Und deiner Söhne Heer sind ihm ein werter Hort.
Geh hin zum Schah, und auf die Flamme seines Zornes
Spreng einen kühlen Thau aus Füllen deines Bornes!
Sprich Worte lind und stark, ihm zur Beschwichtigung,
Zu dieser mislichen Ergangs Berichtigung!
Gew, aber du sitz auf, und reit dem Schwäher nach,
Hol ihn uns ein, eh er nach Sabul heimfärt jach!
Der Gew saß auf und ritt, zusammen saß der Rat
Der Fürsten, weil den Gang Guders zum Schloß antrat.
Sie sprachen unter sich voll Kummer und Verdruß,
Daß heute nicht der Schah that, wie ein König muß;
Daß er mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,
Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.
Der Edlen Freundschaft müß ihm wol nicht nahe gehn,
Daß er so rücksichtlos beschimpft den Edelsten!
Der auf den Thron ihn hob, und der in jeder Far
Die Stütze seines Throns und Irans Zuflucht war!
Wenn an den Galgen er dafür will Rostem henken:
An was dann sollen wir, als schnelle Flucht nur, denken?
Denn ohne Rostem ist in Iran uns kein Halt,
Erliegen werden wir vor Turans Kampfgewalt;
Wenn nicht noch diese Nacht der Schah sich läßt erbitten,
Ihn zu besänftigen, eh er nach Haus geritten.
So ratlos hielten dort die Fürsten ihren Rat,
Indess Guders hinan zum zorngen König trat.
55.
Er sah ihn auf dem Thron in düsterm Unmut sitzen,
Gleich einer Wolke, die sich hat erschöpft mit Blitzen,
Geneigt, nachdem sie ausgewettert hat, zu regnen;
So wagte Guders ihm mit Worten zu begegnen:
O Fürst, ein König ist Haupt über Volk und Land;
Der Kopf soll haben für den ganzen Leib Verstand.
Wer guten Rat nicht hat, soll guten Rat annemen,
Und schlimmgemachtes gut zu machen sich nicht schämen.
Du hast ein harsches Wort zum Schaden und zur Schmach
Entsendet, send ihm auf dem Fuß ein sanftes nach!
Du hast mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,
Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.
Nicht gegen Rostem hast du deinen Zorn bezämt;
Die Edlen, weil sie ihn beschimpft sehn, sind beschämt:
Gestumpft ist Irans Schwert, des Mutes Arm gelämt.
Wenn jener Türke nun mit seiner Heermacht Wellen
Daherbraust, welchen Damm willst du entgegen stellen?
Der Gesdehem, der all die Deinen groß und klein
Von Hörensagen kennt, und kennt von Augenschein,
Sagt, daß dem Suhrab gleich in Iran kein Verwegner
Noch Turan sei, für ihn sei auf der Welt kein Gegner,
Als Rostem, den du nun durch ungestüme Hast
Des Herzens dir, dem Land und uns entwendet hast!
Warum? weil einen Tag zulang er ausgeblieben,
Hast du ihn lieber gar auf immer fortgetrieben!
Weil er drei Tage lang zu Haus uns hat gesäumt,
Sehn wir das Feld der Schlacht nun ganz von ihm geräumt!
Die Fürsten alle, die Heil wünschen deinem Thron,
Die Fürsten all, o Fürst! Ferabors auch, dein Sohn,
Einmütig haben sie zu deines Thrones Stufen
Mich hergesandt, zu flehn, Rostem zurück zu rufen!
Ferabors schützt dich nicht, dein Sohn, o Keikawus,
Wie stark er sei, dich schützt nicht dein Kronfeldherr Tus,
Noch all die andern sonst, die deinem Zepter fröhnen;
Ich schütze selbst dich nicht mit meinen achtzig Söhnen.
Sie werden alle nicht schnell wie Hedschir erliegen,
Doch ohne Rostem sind wir nicht im Stand zu siegen.
56.
So sprach der edle Greis und schwieg, doch Kawus nam
Zu Herzen, daß der Rat aus gutem Sinne kam.
Zu Guders sprach er: Wolgesprochen ist das Wort
Der Alten: Greisenmund voll Rates ist ein Hort.
Mich reuts, es reuete mich schon, was ich im Kochen
Des ungestümen Bluts Verletzendes gesprochen.
Geht schnell dem Rostem nach, den Ritter zu beschwichtigen,
Und bringt ihn her, damit wir das Versehn berichtigen!
Mit großer Freude nam Guders das gute Wort;
Heil, rief er, sei dem Schah! und gieng in Freude fort
Zur Ratsversammlung dort, die harrten ungeduldig
Ob huldig jetzt der Schah sei oder noch unhuldig.
Denn unstet immerhin ist eines Fürsten Sinn;
Da stiftet Schaden bald ein Wort und bald Gewinn.
Das Wort ist gleich dem Oel, doch eines Königs Mut
Ist bald wie Meeresflut, und bald wie Feuerglut.
Das Oel, gegoßen in die Flamm, erneut ihr Leben;
Gegoßen auf die Flut, macht es die Wogen eben.
Drum waren hocherfreut die Fürsten allzusammen,
Daß dort auf Wogen traf das Oel, und nicht auf Flammen.
Sie fühlten ihre Brust von einem Band entkettet,
Und von dem Dornenpfül auf Rosen sich gebettet,
Als Guders Kunde gab, wie sich die Flut geglättet,
Und riefen eines Munds: Nun ist Iran gerettet!
Zurückgewonnen ist dem Reich sein Pehlewan,
Der ihm des Sieges Bahn vorangeht auf Turan.
Nun laßt den Ritter uns nur unterwegs einholen,
Eh noch in Sabul er vom Fuße schnallt die Solen!
57.
Zu Rosse stiegen sie, und ritten bei der Nacht
Hinaus, wo Botschaft schon dem Rostem Gew gebracht.
Er hörte den Bericht vom Eidam an verdroßen,
Und blieb zur Heimkehr nach Sabulistan entschloßen,
Sobald nur mit der Schar ihm käme nach Sewar;
Statt dessen stellten sich ihm jetzt die Fürsten dar.
Zu bitten traten sie hinan zum Pehlewan,
Der, wie er nahn sie sah, aufstand sie zu empfahn;
Doch Guders trat voran, und hub zu bitten an:
Wir bitten dich vom Schah, ich komm in seinem Namen;
Sieh alle Fürsten hier, die dich zu bitten kamen!
Für Iran bitten wir, dess Pehlewan du bist,
Für Irans Volk, das dir zum Schutz empfolen ist;
Für seine Jünglinge, die kämpfen lernen sollen,
Für seine Männer, die im Kampf dir folgen wollen;
Für seine Greise, die sich selber nicht mehr nützen,
Für seine Kinder, die sich noch nicht können stützen,
Für seine Fraun, die du versprochen hast zu schützen!
Warum willst du zum Raub der Türken hin uns werfen,
Weil dich ein Königswort verletzt mit bittern Schärfen?
Du weißt ja, daß Kawus hat wenig Hirn im Haupt,
Und heftger Zorn ihn oft des Sinnes gar beraubt;
Dann ist sein Wort nicht fein, wenn er im Unmut schnaubt.
Er spricht geschwind ein Wort, das er geschwind bereut,
Worauf er schnell die Hand auch zur Versöhnung beut;
Er bietet sie durch uns, weis' uns zurück nicht heut!
Ist doch kein giftges Schwert das Wort, das dich gestochen!
Und zürnest du dem Schah um das, was er gesprochen;
Doch die Iranier, was haben sie verbrochen,
Daß du sie strafen willst für seinen Unverstand,
Dein Angesicht in Nacht abwenden ihrem Land?
Doch auch der Schah streckt dir entgegen seine Hand.
Er ist der Schah, und hat zu lohnen und zu spenden;
Vergelten wird er dir mit voller Gnade Händen
Den Zorn und den Verdruß; Verdruß und Zorn laß enden!
Und folg uns mit dem Rachs zu dem, der uns geschickt,
Dem Schah, der schon vom Thron nach dir erwartend blickt.
58.
Doch Rostem sprach: Er mag nach mir nur lange blicken!
Solch edle Boten hat er nun nicht mehr zu schicken.
Wenn diese nicht an mir verdienten Botenbrot,
Wer tuts ihm dann? Er ist mir ganz und gar nicht Not;
Ich will nicht sein Geschenk, und will nicht sein Gebot.
Nach Sabul kehr ich heim, wo ich ein König bin
Wie Kawus, walten kann ich dort nach meinem Sinn.
Hier sind ja Ritter gnug, die Marken zu verteidigen!
Er soll nur alle wie den einen nicht beleidigen!
Ich aber zieh nach Haus, die Waffen leg ich nieder
In Frieden, und erheb im Leben sie nicht wieder
Zu Kampf und Schlachten, Blutvergießen, Mord und Wut;
Dem allem sag ich ab und hege Friedensmut.
Ich hab in Ehren lang genug das Schwert gefürt,
Und habe nun vom Schah den Lohn, der mir gebürt.
Warum half aus der Not ich ihm sooft, und bot
Die Hand, wenn Unverstand den Fuß ihm bracht in Kot?
Dafür hat er mir mit dem Galgen nun gedroht;
Weil ich ihm aufgetan einst in Masenderan
Den Kerker, wohinein sein Unsinn ihn getan;
Als von den Zauberern, Schwarzkünstlern und Dämonen
Er sich hinlocken ließ, die dort im Lande wohnen.
Des Landes Frühlingsglanz und goldner Schätze Reiz
Verlockte seine Lust, verlockte seinen Geiz,
Bis er mit seinem Heer und euch, ihr Fürsten, allen
Dort war in die Gewalt der bösen Macht gefallen:
Wer mußt euch da befrein, als ich, aus Teufelskrallen?
Doch was ich sonst getan für ihn und sein Iran
Und euch, ihr wißt es noch: was gehts mich ferner an?
Ich eile nun im Nu zur langen Waffenruh,
Und meine wol, ich bin nicht mehr zu jung dazu.
Ein Adler, der sich schwang wol ein Jahrhundert lang
Zur Sonn, am Ende wird ermatten auch sein Drang.
Als ich aus Sabul ritt, da war mir schwer zu Mut,
Als wär mir dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut.
Auch stolperte mein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,
Und Helm und Schien hat mich zum erstenmal gedrückt.
Jetzt auf dem Heimweg ist mir leichter in der Nacht,
Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht.
Geht heim zum Schah, sagt, daß ihr mich nicht mitgebracht!
59.
Doch Guders sprach: Ist das, Rostem, dein letztes Wort?
Und also sendest du mich und die Fürsten fort?
Was wird der Schah von dir, was werden Edle denken?
Unedle gar, worauf wird sich ihr Denken lenken?
Vor jenem Türken ist der Held von Iran scheu;
Den alten Löwen schreckt vom Berg der junge Leu.
Held Rostem fürchtet sich! das ist an Rostem neu.
Wer, wenn er flieht, soll stehn? wer, wenn er wankt, soll dauern?
Wer, wenn er zagt, soll gehn zum Kampfplatz ohne Schauern?
Denn, wie ihn Gesdehem beschreibt, ist kein Verwegner
Dem Suhrab gleich, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,
Als Rostem, Sabuls Held; und wenn nun Rostem flieht,
Wer soll verteidigen vor Suhrab das Gebiet?
So muß dem Adler, der sich ein Jahrhundert lang
Zur Sonne schwang, am End ermatten auch sein Drang!
Drum war ihm, als er ritt aus Sabul, schwer zu Mut,
Als wär ihm dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut!
Drum stolperte sein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,
Und Helm und Schien hat ihn zum erstenmal gedrückt!
Jetzt auf dem Heimweg ist ihm leichter in der Nacht,
Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht!
Am Hofe hör ich schon von Rostem dieß Gerede
Und in der Stadt; wo bleibt dein Ruhm in dieser Fehde?
Willst du nicht unsern Wunsch und deines Schahes stillen,
Tu's nur um deines Ruhms, um deines Namens willen!
Doch Rostem sprach: daß Furcht nie Rostems Herz empfand,
Und nie empfinden wird, das weiß wol dieses Land.
Wie aber kann ich hier mit gutem Willen bleiben,
Da mich von hinnen selbst des Schachs Scheltworte treiben?
Guders mit Nachdruck sprach: Wenn dich sein Wort vertrieb,
Sein Wort ruft dich zurück; so folg ihm, uns zu lieb!
Rostem mit Zögern sprach zu seinem Tochtermann:
Gew, sattle mir den Rachs, weil ichs nicht weigern kann.
Nach Hause kann ich nun allein nicht, weil Sewar,
Mein Bruder, wie es scheint, nicht nachkommt mit der Schar.
Gew sattelte geschwind, und alle saßen auf,
Den Rostem führten sie zur Stadt im Siegeslauf.
60.