Von ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken,

Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken.

Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen,

Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen!

Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun

Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun!

Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier

Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir?

Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne

Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne!

Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist!

Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist.

Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke;

Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke!

Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt,

Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt.

Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen;

Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen.

Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht,

Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht,

Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu,

In Männermitte wie im Thierechor der Leu!

Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier,

Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir!

Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah,

So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah.

Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht,

Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht!

Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren!

Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren.

Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei

Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei!

31.

So sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester;

Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester,

Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort,

Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort.

Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt,

Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt.

Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem,

Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem.

Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse;

Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse.

Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort,

Und meiner harrend steht er wol im Tore dort.

Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen,

Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen,

Und beide sich im Spott ob uns vereinigen!

Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann

Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann.

Was haben sie solang einander zu berichten?

So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten.

Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir

Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir!

Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke,

Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke;

Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke.

Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei,

Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei,

Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei.

Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein

Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein.

Viertes Buch.

32.

Im Schloßwall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer,

Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer,

Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut

Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut.

»Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt,

So sei nichts auf der Welt dem Töchterchen verwehrt;

Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt!

Doch weniger mit ihr zürn ich, als auf Hedschir;

Sein Unfall riß mein Kind so hin mit Kampfbegier.

Wer aber rettet mir mein Täublein aus den Krallen

Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen?

Thu ich die Pfort hier auf, daß ich zur Hilf ihr eile,

Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile?

Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Glück,

Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zurück?«

Er sprachs, und lauscht' hinaus, und hört' ihr Rösslein traben;

Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben.

Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor,

Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor;

Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor.

Sie huscht' hinein alsob sie flög auf Taubenschwinge,

Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schlüßel bringe!

Der Schloßvogt schloß geschwind das Tor nach seinem Kinde

Gehäbe, daß kein Wind den Weg durchs Spältchen finde.

Sie war hinein, Suhrab war draußen auf dem Ross,

Des Schlüßels wartet' er zu dem verschloßnen Schloß.

33.

Da neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben,

Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben.

Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat

Zum Türkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat!

Da dir der Handstreich heut aufs weiße Schloß mislang,

So rüst auf morgen dich zu einem neuen Gang!

Er blickt' empor und sprach: o schöne Persermaid,

Daß du treuloser noch als schön bist, thut mir laid.

Daß mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen,

Das reut mich nicht sosehr, als daß ich ward betrogen.

Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch;

Und wär sie höher noch, herunter mußt du doch.

Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen

Das Schloß, du brauchest mir die Schlüßel nicht zu bringen.

Sie sprach: Ereifre nicht, o schöner Türkenknabe,

So sehr dich, daß ich nicht gebracht die Schlüßel habe.

Der Vater hat sie selbst heut in Verschluß genommen;

Ich könnte, wollt ich auch, nicht zu den Schlüßeln kommen.

Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut;

Er sprach: Ein Türke find in Iran keine Braut.

Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt,

Die schönst in Turan nim! du bist der schönsten wert.

Kehr um, ich rate dir, laß guten Rat dir frommen,

Eh Kawus es erfärt, und seine Helden kommen.

Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan,

O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan.

Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze;

Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze.

Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich sähe fallen;

Denn beßer hat als du mir noch kein Mann gefallen.

34.

Sie sprachs, und schwieg, und stieg hinab vom Mauerkranz;

Noch lang sah Rostems Sohn empor im Abendglanz,

Als säh er noch ihr Bild, als hört er noch ihr Wort;

Zum Lager langsam dann ritt er im Unmut fort.

Dem Schloß zur Seite lag am Berggehäng herab

Ein reicher Anbau, der dem Schloße Nahrung gab.

Da waren Gärten, Bäum und manches Saatenfeld;

Daran ließ seinen Zorn nun aus der junge Held.

Ins Lager rief er laut: Ihr Türken, kommt heraus!

Verbreitet um euch her schnell der Zerstörung Graus!

Uns bietet Trotz die Burg, die dort im Spätrot lodert;

Vergebens hab ich heut die Schlüßel abgefodert.

Sie sei zu Fall gebracht, sobald der Tag erwacht;

Und vor der Nacht sei jetzt ein Anfang schon gemacht.

Zerschmettert dieß Gebälk, zertrümmert diese Planken,

Brecht dieß Gezäun entzwei, werft nieder diese Schranken!

Haut diese Fruchtbäum um, entwurzelt diese Reben,

Und mähet diese Saat! sie soll nicht Körner geben.

Dieß ist der Boden, wo sie ihren Vorrat pflanzen,

Womit sie droben dann sich halten in den Schanzen.

Nun steige Staub und Rauch und Dampf und Qualm empor,

Und kündig ihnen an, was ihnen steht bevor!

Des Burgvogts Tochter liebt vom hohen Wall zu schauen;

Nun schaue sie, wie hier wir ihr den Garten bauen!

Wühlt diese Beeten um, wo ihre Rosen blühn,

Und stopft die Quelle, die ihr macht den Rasen grün!

So rief er, und sein Heer fiel wie ein Hagelschlag

Aufs angebaute Land, bis alles wüste lag.

Stillschweigend sah er zu, und als der letzte Keim

Zerstört war, ritt er abgekühltes Zornes heim.

35.

Zum heimgekehrten trat Baruman in der Nacht,

Und sprach: Du hast nicht gut das Werk des Tags vollbracht.

Den Feinden ist es recht die Nahrung abzuschneiden,

Doch so nicht daß wir selbst darunter Mangel leiden.

Nun ihren Vorrat zwar hast du der Burg entzogen,

Allein dein eignes Heer hast du darum betrogen.

Viel Holzwerk und Gebälk ist unnütz mitverbrant,

Das nutzbar konte sein zum Leiterbau verwandt.

Denn ohne Leitern wirst du nicht das Schloß erringen;

Die Mauern dort wird nicht dein Rösslein überspringen!

Und dann, was spornte dich zu dieser Rache scharf?

Weil dir ein Kind die Tür zu vor der Nase warf!

Viel beßer war dir das, als ließe sie dich ein;

Drin unter Hunderten was wolltest du allein?

Du bist der Mann wol es mit jedem aufzunemen,

Doch viele Hunde sinds, die einen Löwen lähmen.

Bist du des Heeres Arm, und bist des Heeres Haupt,

Nicht sei durch Torheit ihm so Haupt als Arm geraubt!

Was sollt ich schreiben nun dem Schah Afrasiab,

Der deiner Jugend bei zum Rat mein Alter gab?

Dein stürmscher Ritter hat das Grenzschloß eingenommen,

Er ist mit Glück hinein, doch nicht heraus gekommen!

Nun aber wollen wir mit beßerem Vertraun

Es nemen, und dazu vor allem Leitern baun.

Du hast das Holz verbrant, wir wollen andres haun.

Er sprachs, und lächelnd hin nam jener den Verweis;

Er sprach verschämt und keck: Ein Jüngling ist kein Greis;

Doch hab ich nie gehört, daß Rostem auch, der alte,

Beim Mauerbrechen sich mit Leiterbau aufhalte.

Bau Leitern! eines nur beding ich mir dabei,

Daß, wenn sie fertig sind, ich drauf der erste sei.

Nur seis in dieser Nacht! denn morgen, seids gewärtig,

Da werd ich mit der Burg auch ohne Leitern fertig.

36.

Weil dieß der weißen Burg im Lager ward gedroht,

Saß droben Gesdehem, und dachte nach der Not.

Er setzte sich und schrieb an Kawus einen Brief,

Darin er Gottes Heil dem Schah zum Eingang rief,

Und von der Herrlichkeit des Throns nach Würden sprach,

Dann von den mislichen Zeitläuften trug er nach:

Die Grenzburg Irans ist gekommen ins Gedränge

Von einem Türkenheer in ungezälter Menge.

Doch all den andern geht ein junger Fant voran,

Der über zweimal sieben Jahr nicht alt sein kann.

Von seiner Schlankheit ist die Zeder überragt,

Von seinem Glanz die Sonn im Aufgang übertagt.

Wenn er zu Rosse sitzt mit Lanze, Keul und Schwerde,

So achtet er gering Himmel und Meer und Erde.

In Turan weder ist noch Iran ein Verwegner

Von gleicher Art, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,

Als Rostem nur allein; ihm gleicht er an Gestalt,

An unverzagtem Mut und furchtbarer Gewalt.

Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,

Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme.

Sobald er kam, hat sich der mutige Hedschir

Gegürtet, und gesetzt auf ein schnellfüßig Thier.

Ihn trugs den Berg hinab, doch nicht zum Schloß zurück;

Dem Stürmer sperrt ich selbst die Vestung noch zum Glück.

Doch wenig fehlte nur, so wäre mutentbrant

Der junge Elefant allein ins Tor gerant.

Darauf hat er verbrant den Anbau rings ums Schloß,

Und länger widersteht die Burg nicht seinem Stoß.

Am Leben ist Hedschir, doch in Gefangenschaft;

Verloren ist an ihm des Schloßes Halt und Kraft.

Ich hab umsonst bei mir nach beßerm Rath gesucht:

Mit meinem Häuflein nem ich diese Nacht die Flucht.

Schnell sende nun der Schah ein großes Heer herbei,

Damit ein Damm gesetzt der Ueberschwemmung sei.

Doch Rostem sei dabei! Nur Rostem ist der Mann,

Der diesem Türkenknaben ins Gesicht sehn kann.

37.

Er schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief

Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief.

Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz,

Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz,

Gurdaferid voran, um diese war ihm bange,

Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange,

Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit fürte,

Und Niemand ward gewar, wie er den Bündel schnürte.

Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes Stück,

Und nur wehrloses Volk ließ er im Schloß zurück.

Als nun der Tag brach aus der Nacht zerrißnem Flor,

Stürmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor.

Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt,

Niemand trat in den Weg der stürmenden Gewalt.

Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen,

Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen!

Suhrab in Ungeduld faßt' einen Felsenstein,

Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein.

Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag,

Ins Torgewölb, in dem noch Nacht und Schweigen lag;

Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag.

Der Widerhall nur ward vom Waffengruße wach,

Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach.

Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen

Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen?

Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort

Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort.

38.

Wie sich ein Knabe müht, daß er den Baum ersteige,

Wo er ein Vogelnest weiß auf dem höchsten Zweige;

Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen:

Bei frühstem Morgen wird der hohe Baum erklommen.

Heut ist es nun zu spät, bis morgen seis verschoben;

Die Vögel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben.

Er hat die ganze Nacht von seinem Fang geträumt,

Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell geräumt;

Dann ist er ungesäumt auf seinen Baum geklommen,

Und droben findet er das Nest nun ausgenommen.

Er weiß nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam,

Oder die flücke Brut den Flug vom Neste nam.

Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder,

Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder:

So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder

Durchs öde Mauerwerk der ausgestorbnen Veste,

Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste.

Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schloß,

Er fand den wehrlos nur zurückgelaßnen Troß.

So traurig sank er nun herab vom hohen Baume

Der Hoffnung, den er kühn erflogen hatt im Traume;

Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume.

Er rief: Könnt ihr mir nicht, ihr stummen Wände, sagen,

Wohin ein Sturm sie hat, ein Flügel sie getragen?

Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur?

Erscheinung glänzende, die mir vorüber fur!

Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur?

Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt heiß,

Daß ich auch nicht einmal von ihr den Namen weiß.

Mich däuchte, kühlen würd es schon der Sehnsucht Brennen,

Wenn ich dem Winde nur dürft ihren Namen nennen! --

Er dachte nicht daran, den Troß der Burg zu fragen;

Was, dacht er, können die von meiner Liebe sagen?

39.

Da rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir

Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir!

Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen;

Wen beßer könnten wir zur Auskunft uns erlesen?

Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten;

Verborgne Schätze sind gewis hier zu erbeuten.

Er riefs, und jene trieb nach Schätzen die Begier

Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir.

Er kam, und Feßeldruck beschwerte seine Glieder,

Doch schwerer noch drückt' ihn Gefühl der Scham danieder;

Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder.

Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab,

Mit sanften Worten nam er ihm die Feßeln ab:

Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt,

Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt,

Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest

Von einer, die du nur zu gut, ich weiß es, kennest,

Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag?

Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag!

Er sprach es, und das Wort war für Hedschir ein Schlag.

Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied,

Den Namen nenn ich wol, sie heißt Gurdaferid.

Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben;

Wer weiß, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben!

Gern würd ich dir den Platz, wenn ich ihn wüßte, sagen.

Sie hat ein Geist entfürt, ein Sturmwind fortgetragen;

Du mußt die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen.

Er schwieg, und wußte wohl, auf welchem Weg den Schatz

Der alte Drach entfürt, an welchen sichern Platz.

Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil;

Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil.

Für Persien diese Burg zu halten wäre schön,

Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den Höhn;

Doch übel ist der Preis und schlimm die Gegengabe:

Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! --

Vom Vorteil seines Lands und seinem ungerürt,

Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschnürt,

Und ward in Feßeln, wie er kam, hinweg gefürt.

40.

Doch Suhrab gieng nunmehr im weiten Schloß umher,

Und fand den Raum von dem, wornach er suchte, leer.

Da sprachen, die es sahn: Nach Schätzen suchet er.

Und suchen gieng im Schloß nach Schätzen auch das Heer.

Er aber suchte fort und fort sie hier und dort;

Am einen fand er nichts, und sucht' am andern Ort.

Er dachte, daß sie doch sich müße wo verstecken,

Und immer hoffte noch sein Herz, sie zu entdecken.

Wie ein verlegt Gerät man sucht an jedem Flecke,

Wo man es schon gesucht, und suchts in jeder Ecke,

Wo mans nicht fand, und denkt, daß es doch wo noch stecke.

Er gieng zur Zinn hinaus, wo er von unten hoch

Sie gestern stehen sah; stehn wird sie da heute noch!

Er freute sich, zu stehn, wo sie zuvor gestanden,

Und ließ den Blick hinaus umschweifen in den Landen.

Er sah darauf die Berg' und jede Thalschlucht an,

Ob sie hindurch villeicht genommen ihre Bahn.

Er fragt' um sie, von der er wußte nun den Namen,

Die Wolken und die Lüft, ob sie von ihr nicht kamen.

Mit Wind und Sonnenschein sprach er, mit Pflanz und Stein

Sprach er von ihr, nur mit den Leuten nicht allein.

Die Leute plünderten, zerhieben und zerstachen,

Zerschmißen, rißen ein, zerwülten und zerbrachen.

Sie suchten einen Schatz, und weil sie keinen Schatz

Am Platze fanden, ward zerstört dafür der Platz.

Doch Suhrab, dessen Herz ein andres kümmerte,

Sah unbekümmert drein, wie alles trümmerte.

Er sah, und sah es nicht, wie man die Burg zerstörte,

Alsob sie noch dem Feind, nicht schon ihm selbst gehörte.

41.

Zu dem in Liebeslust gefangnen jungen Mann

Mit Mahnung und Verweis trat Barman und begann:

Wie? um ein dunkles Haar und helles Angesicht

Vergißest du die Welt, dich selbst und deine Pflicht!

Die Helden, so die Welt noch jetzt am höchsten hält,

Sie hielten höher als sich selbst nichts auf der Welt.

Sie gaben aus der Hand nicht achtlos und bedachtlos

Das Herz und den Verstand, vom Rausch der Liebe machtlos.

Wol manches Moschusreh fiengen sie ein im Scherz,

Doch binden ließen sie im Ernste nicht ihr Herz.

Denn, wer dem Adler gleich will um die Sonne werben,

Darf wie die Nachtigall nicht um die Rose sterben.

Nicht mit Eroberung von einer Welt vereint

Sich dieses, daß in Gram um einen Mond man weint.

Sohn hat zum Ruhme dich genant Afrasiab,

Und über Land und Meer schwingst du der Herrschaft Stab.

Aus Turan kamen wir hieher zu einem Werke,

Begonnen wards mit Kraft, und sei vollfürt mit Stärke!

Dir fiel ohn einen Streich des Schwertes in die Hand

Solch eine Burg, und frei steht dir nun Irans Land.

Doch ob wir so im Spiel erreichten dieses Ziel

Des Wunsches, doch bevor steht uns noch Arbeit viel.

Der König Kawus wird mit seinen Helden nahn;

Willst du entgegengehn? willst du sie hier empfahn?

Willst du entgegengehn? kleb hier nicht an den Hallen!

Willst du sie hier empfahn? laß nicht die Burg zerfallen!

Was überlieferst du in Blindheit und Betörung

Das erste Pfand des Glücks den Händen der Zerstörung?

Mach, es ist dir zu schwül, dein Herz im Busen kühl

Von Liebe, willst du stehn ein Mann im Schlachtgewühl!

Und willst du sein ein Kind, so ruh auf weichem Pfühl!

So mahnte Baruman; Suhrab hatt ihm verraten

Sein Herzgeheimnis nicht: er hatt es selbst erraten.

42.

So mahnte Baruman, und als darauf kein Wort

Suhrab erwiderte, fur er zu mahnen fort:

Du hast aus eignem Mut, o Jüngling, unternommen

Ein großes Werk, und wirst mit Glück zum Ziele kommen,

Wenn eins mit dir du bist! Mit dir eins, wirst du siegen;

Uneins mit dir, wirst du dir selber unterliegen:

Der Kopf besinnungslos wird unters Herz sich biegen.

Nur wer mit Festigkeit und mit Verstand ausfürt

Das Unternommne, weiß daß ihm der Ruhm gebürt.

Den Leun zu fangen, bist du auf die Jagd gegangen;

Laß dich nicht unterwegs vom bunten Panther fangen!

Bist du ein Held, ein Mann, die Welt zum Raube nim!

Die Hand streck aus! dem Schah vom Haupt die Haube nim!

Wenn diese Länder all erst deiner Herrschaft fröhnen,

Werden dir allerwerts auch huldigen die Schönen.

Die Schönheit ist die Blum, o Sohn, auf dem Gefild

Des Lebens, und die Lieb ein Thau auf Blumen mild.

Nie fehlen möge dir, o Jüngling, auf der Au

Der Jugend und des Glücks die Blume noch der Thau!

Befestige dieß Schloß zu Ehren der darinn

Erblühten, ihr zum Ruhm befestge deinen Sinn!

Wenn dir von hier der Sieg ganz Persien beschied,

In Persien ist mit inbegriffen Gurdafrid.

Wenn du den Rostem wirst vom Ross zu Boden ringen,

Laß ihn als Lösepreis Gurdaferid dir bringen!

So Baruman, und wie ein Stral durch Nebel brach

Die Red in Suhrabs Seel, er ward vom Traume wach.

Ja, rief er, von dem Ross will ich den Rostem bringen,

Und will als Lösepreis Gurdaferid bedingen!

Dem Heer gebot er: Reißt nicht, was wir haben, ein!

Und baut es wieder, daß es mög unnembar sein!

Dann setzt' er sich und schrieb Brief' an Afrasiab,

Worin er ihm Bericht vom ersten Siege gab.

Fünftes Buch.

43.

Doch zu Keikawus kam nach Istachar der Brief

Des Gesdehem, womit in Eil der Bote lief.

Der König, als er nun den Brief las, und vernam

Die üble Zeitung, ward sein Herz voll dunklem Gram.

Darauf er seines Heers Gewaltige berief,

Und viel verhandelt' er mit ihnen ob dem Brief.

Sie saßen um den Schah von Iran alle her,

Und allen ward das Herz wie ihm von Sorgen schwer.

Die Großen seines Reichs und Starken saßen alle

Ratschlagend mit dem Schah in der Chosroenhalle:

Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,

Gurase, Gurgin, Gew, Milad, Ferhad, Behram.

Denselben allen gab der Schah den Brief zu lesen,

Und sprach mit ihnen dann von Suhrabs Art und Wesen:

So ist aus Turans Schooß ein neuer Kriegessturm

Gebrochen! seinem Stoß wankt Irans Friedensturm.

Schon ist in seiner Hand die weiße Veste jetzt,

Auf welche wir umsonst der Hüter zwei gesetzt.

Der alte gieng davon, der junge ließ sich fangen.

Guders! mit deinem Sohn Hedschir darfst du nicht prangen!

Du hast der Söhne viel; warum gerade gaben

Die Burg wir dem, der sie nicht hielt vor einem Knaben?

Doch, wie der Alte schreibt, so ist kein Mann der Welt,

Der diesem Ungetüm von Kind die Stange hält,

Als Rostem, Sabuls Held. Ihr, denen ist empfolen

Die Wolfart Irans, sprecht: soll man den Rostem holen?

Da sprachen Groß und Klein, und riefen insgemein:

Rostem ist Irans Held, geholt soll Rostem sein.

Im Kampf mit Turan war stets Rostem Irans Hort;

Aus Sabulistan sei er eingeholt sofort!

Der Schah schreib einen Brief, worin ihm werd empfolen

Zu eilen; aber Gew, sein Eidam, geh ihn holen.

44.

Da saß der Schah und schrieb an Rostem einen Brief,

Worin er Gottes Preis ob ihm zum Eingang rief:

Hort der Iranier, Fürst von Sabulistan!

Stets sei vom Ruhm genant des Reiches Pehlewan!

Von Turan ist ein Sturm und Friedensbruch gekommen,

Die weiße Burg hat er den Hütern abgenommen.

Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,

Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme;

Ein Wetterstral, ein Brand, ein Recke sonder Scheu,

Von Leib ein Elefant, von Herz und Mut ein Leu.

Wie Gesdehem uns schreibt, so ist kein Mann der Welt,

Der diesem Wagehals von Kind die Wage hält,

Als du nur, Irans Held! All meine Ritter saßen

Zu Rate, wo mit mir sie diese Fahr ermaßen,

Und einig sind sie, daß mit ihm den Kampf kann üben

Kein anderer, nur du magst ihm das Waßer trüben.

Denn du bist unser Hort und Schmuck und Putz allein,

Du Irans Rettungsport und Turans Trutz allein,

Die Stütze fort und fort des Throns und Schutz allein.

Nun gilt es, der Gefahr mit Kraft Entgegenstemmung,

Die Brust von Iran frei zu machen von Beklemmung;

Hemmung und Dämmung gilts von Turans Ueberschwemmung!

Sobald du diesen Brief erbrochen hast, brich auf!

Im Augenblick brich auf, und halte dich nicht auf!

Stehst du, wo dieser Brief ankommt, nicht sitze nieder

Zu lesen! sitzest du, erheb im Sprung die Glieder!

Wenn in der Hand den Strauß du hältst, zu riechen, reuch nicht

Daran! wirf hin den Strauß, zeuch aus, zeuch! und verzeuch nicht!

Bist du vor deiner Tür, so geh nicht erst ins Schloß!

Laß holen Schwert und Helm, und hol im Stall dein Ross!

Sitz auf dein Ross! den Rachs laß rennen! flieg herbei

Aus Sabul wie ein Sturm! erheb ein Feldgeschrei!

45.

Er schrieb und siegelte den Brief mit buntem Wachse,

Gab ihn dem Gew, und sprach: Nun renne gleich dem Rachse;

Nach Sabul renn und flieg, alsob du hättest Flügel!

Nun gilts am Rösslein abzunutzen Zaum und Zügel.

Wenn du nach Sabul kommst zu Rostem, heiß ihn eilen!

Verweilen laß ihn nicht, und laß dich nicht verweilen!

Kommst du an spät des Nachts, so kehr um früh des Tags!

Sags ihm, daß nah der Kampf herandrängt, sags ihm, sags!

Da nam den Brief zur Hand und eilte hin der Bote;

An Waßer dacht er nicht, und fragte nicht nach Brote;

Er fragt' auf seinem Weg nach Staub nicht oder Kot,

Und auch am Himmel nicht nach Früh- und Abendrot.

Er flog auf seinem Ross in ungestümer Hast,

Und gönnte weder ihm noch sich Schlaf oder Rast.

Der Reuter und sein Ross, sie fühlten ihre Kräfte

Verdoppelt vom Beruf der wichtigen Geschäfte;

Als dienete zu Sporn des Reiches scharfe Not,

Zu Geißelhieb des Schachs eindringliches Gebot.

Als er zur Mark hinan ritt von Sabulistan,

Ward vom Wachpostenruf dem Rostem kund getan;

Aus Iran fliegt ein Bot alswie ein Sturm heran.

Doch Rostem zu Sewar, zu seinem Bruder, sprach:

Reit ihm entgegen, sieh, warum ihm ist so jach!

Dem Königsboten ritt Sewar auf hohem Ross

Entgegen, Rostem blieb in Ruh auf seinem Schloß.

Doch als der Bruder nun kam mit dem Boten näher,

Wie er den Eidam sah, da freute sich der Schwäher.

Er grüßt' ihn schön und sprach: Was bringst du, Tochtermann?

Ein Schreiben von dem Schah! gibs, ob ichs lesen kann!

Er nam den Brief, den er mit Augen überlief,

Dann schwieg er lange Zeit, und dachte nach dem Brief.

46.

Rostem und Suhrab: Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern · 第 2 / 8 段