Schwachheit des Agathon; unverhoffter Zufall, der seine Entschließungen
bestimmt
Wir kommen zu unserm Agathon zurück, den wir zu Ende des dritten Kapitels
auf dem Wege nach dem Hafen von Smyrna verlassen haben.
Man konnte nicht entschlossener sein, als er es beim Ausgehen war; das
erste Fahrzeug, das er zum Auslaufen fertig antreffen würde, zu besteigen,
und hätte es ihn auch zu den Antipoden führen sollen. Allein--so groß ist
die Schwäche des menschlichen Herzens!--da er angelangt war, und eine
Menge von Schiffen vor den Augen hatte, welche nur auf das Zeichen den
Anker zu heben wartete: So hätte wenig gefehlt, daß er wieder umgekehrt
wäre, um, anstatt vor der schönen Danae zu fliehen, ihr mit aller
Sehnsucht eines entflammten Liebhabers in die Arme zu fliegen.
Doch, wir wollen billig sein; eine Danae verdiente wohl, daß ihn der
Entschluß sie zu verlassen, mehr als einen flüchtigen Seufzer kostete; und
es war sehr natürlich, daß er, im Begriff seinen tugendhaften Vorsatz ins
Werk zu setzen, einen Blick ins Vergangene zurückwarf, und sich diese
Glückseligkeiten lebhafter vorstellte, denen er nun freiwillig entsagen
wollte, um sich von neuem, als ein im Ozean der Welt herumtreibender
Verbannter, den Zufällen einer ungewissen Zukunft auszusetzen. Dieser
letzte Gedanke machte ihn stutzen; aber er wurde bald von andern
Vorstellungen verdrängt, die sein gefühlvolles Herz weit stärker rührten
als alles was ihn allein und unmittelbar anging. Er setzte sich an die
Stelle der Danae. Er malte sich ihren Schmerz vor, wenn sie bei ihrer
Wiederkunft seine Flucht erfahren würde. Sie hatte ihn so zärtlich
geliebt!--Alles Böse, was ihm Hippias von ihr gesagt, alles was er selbst
hinzugedacht hatte, konnte in diesem Augenblick die Stimme des Gefühls
nicht übertäuben, welches ihn überzeugte, daß er wahrhaftig geliebt worden
war. Wenn die Größe unsrer Liebe das natürliche Maß unsrer Schmerzen über
den Verlust des Geliebten ist, wie unglücklich mußte sie werden! Das
Mitleiden, welches diese Vorstellung in ihm erregte, machte sie wieder zu
einem interessanten Gegenstand für sein Herz. Ihr Bild stellte sich ihm
wieder mit allen den Reizungen dar, deren zauberische Gewalt er so oft
erfahren hatte. Was für Erinnerungen! Er konnte sich nicht erwehren,
ihnen etliche Augenblicke nachzuhängen; und fühlte immer weniger Kraft,
sich wieder von ihnen loszureißen. Seine schon halb überwundene Seele
widerstand noch, aber immer schwächer. Amor, um desto gewisser zu siegen,
verbarg sich unter die rührende Gestalt des Mitleidens, der Großmut, der
Dankbarkeit--Wie? er sollte eine so inbrünstige Liebe mit so schnödem
Undank erwidern? Einer Geliebten, in dem Augenblick, da sie in die getreue
Arme eines Freundes zurück zu eilen glaubt, einen Dolch in diesen Busen
stoßen, welcher sich von Zärtlichkeit überwallend an den seinigen drücken
will?--In der Tat, eine rührende Vorstellung; und wie viel mehr wurde sie
es noch durch die unvermerkt sich einschleichende Erinnerung, was für ein
Busen das war!--Sie verlassen; sich heimlich von ihr hinweg stehlen--würde
sie den Tod von seiner Hand, in Vergleichung mit einer solchen Grausamkeit,
nicht als eine Wohltat angenommen haben? So würde es ihm gewesen sein,
wenn er sich an ihren Platz setzte; und das tut die Leidenschaft allezeit,
wenn sie ihren Vorteil dabei findet.
Allen diesen zärtlichen Bildern stellte sein gefaßter Entschluß zwar die
Gründe, welche wir kennen, entgegen: Aber diese Gründe hatten von dem
Augenblick an, da sich sein Herz wieder auf die Seite der schönen Feindin
seiner Tugend neigte, die Hälfte von ihrer Stärke verloren. Die Gefahr
war dringend: jede Minute war, so zu sagen, entscheidend. Denn die
Wiederkunft der Danae war ungewiß; und es ist nicht zu zweifeln, daß sie,
wofern sie noch zu rechter Zeit angelangt wäre, Mittel gefunden hätte,
alle die widrigen Eindrücke der Verräterei des Sophisten aus einem Herzen,
welches so viel Vorteil dabei hatte sie unschuldig zu finden, auszulöschen.
Ein glücklicher Zufall--doch, warum wollen wir dem Zufall zuschreiben, was
uns beweisen sollte, daß eine unsichtbare Macht ist, welche sich immer
bereit zeigt, der sinkenden Tugend die Hand zu reichen--fügte es daß
Agathon, in diesem zweifelhaften Augenblick unter dem Gedränge der Fremden,
welche die Handelschaft von allen Welt-Gegenden her nach Smyrna führte,
einen Mann erblickte, den er zu Athen vertraulich gekannt, und durch
beträchliche Dienstleistungen sich zu verbinden Gelegenheit gehabt hatte.
Es war ein Kaufmann von Syracus, der mit den Geschicklichkeiten seiner
Profession, einen rechtschaffenen Charakter, und, was bei uns, in der
einen Hälfte des deutschen Reichs wenigstens, eine große Seltenheit ist,
mit beiden die Liebe der Musen verband; Eigenschaften, welche ihn dem
Agathon desto angenehmer, so wie sie ihn desto fähiger gemacht hatten, den
Wert Agathons zu schätzen. Der Syracusaner bezeugte die lebhafteste
Freude über eine so angenehm überraschende Zusammenkunft, und bot unserm
Helden seine Dienste mit derjenigen Art an, welche beweist, daß man
begierig ist, sie angenommen zu sehen; denn Agathons Verbannung von Athen
war eine zu bekannte Sache, als daß sie in irgend einem Teil von
Griechenlande hätte unbekannt sein können.
Nach einigen Fragen, und Gegenfragen, wie sie unter Freunden gewöhnlich
sind, die sich nach einer geraumen Trennung unvermutet zusammenfinden,
berichtete ihm der Kaufmann als eine Neuigkeit, welche würklich die
Aufmerksamkeit aller Europäischen Griechen beschäftigte, die
außerordentliche Gunst, worin Plato bei dem jüngern Dionysius zu Syracus
stehe; die philosophische Bekehrung dieses Prinzen; und die großen
Erwartungen, mit welchen Sicilien den glückseligen Zeiten entgegensehe,
die eine so wundervolle Veränderung verspreche. Er endigte damit, daß er
den Agathon einlud, wofern ihn keine andre Angelegenheit in Smyrna
zurückhielte, ihm nach Syracus zu folgen, welches nunmehr im Begriff sei,
der Sammelplatz der Weisesten und Tugendhaftesten zu werden. Er meldete
ihm dabei, daß sein Schiff, welches er mit Asiatischen Waren beladen hatte,
bereit sei, noch diesen Abend abzusegeln.
Ein Funke, der in eine Pulvermine fällt, richtet keine plötzlichere
Entzündung an, als die Revolution war, die bei dieser Nachricht in unserm
Helden vorging. Seine ganze Seele loderte, wenn wir so sagen können, in
einen einzigen Gedanken auf--Aber was für ein Gedanke war das!--Plato, ein
Freund des Dionysius--Dionysius, berüchtiget durch die ausschweifendeste
Lebens-Art, in welcher sich eine durch unumschränkte Gewalt übermütig
gemachte Jugend dahin stürzen kann--der Tyrann Dionysius, ein Liebhaber
der Philosophie, ein Lehrling der Tugend--und Agathon, sollte die Blüte
seines Lebens in müßiger Wollust verderben lassen? Sollte nicht eilen,
dem Göttlichen Weisen, dessen erhabene Lehren er zu Athen so rühmlich
auszuüben angefangen hatte, ein so glorreiches Werk vollenden zu helfen,
als die Verwandlung eines zügellosen Tyrannen in einen guten Fürsten, und
die Befestigung der allgemeinen Glückseligkeit einer ganzen Nation?--was
für Arbeiten! was für Aussichten für eine Seele wie die seinige! Sein
ganzes Herz wallte ihnen entgegen; er fühlte wieder, daß er Agathon
war--fühlte diese moralische Lebens-Kraft wieder, die uns Mut und
Begierden gibt, uns zu einer edeln Bestimmung geboren zu glauben; und
diese Achtung für sich selbst, welche eine von den stärksten Schwingfedern
der Tugend ist. Nun brauchte es keinen Kampf, keine Bestrebung mehr, sich
von Danae loszureißen, um mit dem Feuer eines Liebhabers, der nach einer
langen Trennung zu seiner Geliebten zurückkehrt, sich wieder in die Arme
der Tugend zu werfen. Sein Freund von Syracus hatte keine überredungen
nötig; Agathon nahm sein Anerbieten mit der lebhaftesten Freude an. Da er
von allen Geschenken, womit ihn die freigebige Danae überhäuft hatte,
nichts mit sich nehmen wollte, als das wenige, was zu den Bedürfnissen
seiner Reise unentbehrlich war, so brauchte er wenig Zeit, um reisefertig
zu sein. Die günstigsten Winde schwellten die Segel, welche ihn aus dem
verderblichen Smyrna entfernen sollten; und so herrlich war der Triumph,
den die Tugend in dieser glücklichen Stunde über ihre Gegnerin erhielt,
daß er die anmutsvollen Asiatischen Ufer aus seinen Augen verschwinden sah,
ohne den Abschied, den er auf ewig von ihnen nahm, nur mit einer einzigen
Träne zu zieren.
"So?--Und was wurde nun" (so deucht mich hör' ich irgend eine junge Schöne
fragen, der ihr Herz sagt, daß sie es der Tugend nicht verzeihen würde,
wenn sie ihr ihren Liebhaber so unbarmherzig entführen wollte) "--was
wurde nun aus der armen Danae? Von dieser war nun die Rede nicht mehr?
Und der tugendhafte Agathon bekümmerte sich wenig darum, ob seine Untreue,
ein Herz welches ihn glücklich gemacht hatte, in Stücken brechen werde
oder nicht?"--"Aber, meine schöne Dame, was hätte er tun sollen, nachdem
er nun einmal entschlossen war? Um nach Syracus zu gehen mußte er Smyrna
verlassen; und nach Syracus mußte er doch gehen, wenn sie alle Umstände
unparteiisch in Betrachtung ziehen; denn sie werden doch nicht wollen, daß
ein Agathon sein ganzes Leben wie ein Veneris passerculus (lassen Sie Sich
das von Ihrem Liebhaber verdeutschen) am Busen der zärtlichen Danae buhlen
sollen? Und sie nach Syracus mit zunehmen, war aus mehr als einer
Betrachtung auch nicht ratsam; gesetzt auch, daß sie um seinetwillen
Smyrna hätte verlassen wollen. Oder meinen Sie vielleicht er hätte warten,
und die Einwilligung seiner Freundin zu erhalten suchen sollen?"--Das
wäre alles gewesen, was er hätte tun können, wenn er eine geheime Absicht
gehabt hätte, da zu bleiben. Alles wohl überlegt, konnte er also, deucht
uns, nichts mehr tun als was er tat. Er hinterließ ein Briefchen, worin
er ihr sein Vorhaben mit einer Aufrichtigkeit entdeckte, welche zugleich
die Rechtfertigung desselben ausmacht. Er spottete ihrer nicht durch
Liebes-Versicherungen, welche der Widerspruch mit seinem Betragen
beleidigend gemacht hätte; hingegen erinnerte er sich dessen, was sie um
ihn verdient hatte zu wohl, um sie durch Vorwürfe zu kränken. Und
dennoch entwischte ihm beim Schluß ein Ausdruck, den er vermutlich
großmütig genug gewesen wäre, wieder auszulöschen, wenn er Zeit gehabt
hätte, sich zu bedenken; denn er endigte sein Briefchen damit, daß er ihr
sagte; er hoffe, die Hälfte der Stärke des Gemüts, womit sie den Verlust
eines Alcibiades ertragen, und den Armen eines Hyacinths sich entrissen
habe, werde mehr als hinlänglich sein, ihr seine Entfernung in kurzem
gleichgültig zu machen. Wie leicht, setzte er hinzu, kann Danae einen
Liebhaber missen, da es nur von ihr abhängt, mit einem einzigen Blicke so
viele Sklaven zu machen, als sie haben will!--das war ein wenig
grausam--Aber die Gemüts-Verfassung, worin er sich damals befand, war
nicht ruhig genug, um ihn fühlen zu lassen, wie viel er damit sagte.
Und so endigte sich also die Liebes-Geschichte des Agathon und der schönen
Danae; und so, meine schöne Leserinnen, so haben sich noch alle
Liebes-Geschichten geendigt, und so werden sich auch künftig alle endigen,
welche so angefangen haben.