Eine kleine Abschweifung

Unsere Leser werden, wenn sie diese Geschichte mit etwas weniger

Flüchtigkeit als einen Französischen Roman du jour zu lesen würdigen,

bemerkt haben, daß die Wiederherstellung unsers Helden aus einem Zustande,

in welchem er diesen Namen allerdings nicht verdient hat, eigentlich weder

seiner Vernunft noch seiner Liebe zur Tugend zu zuschreiben sei; so

angenehm es uns auch gewesen wäre, der einen oder der andern die Ehre

einer so schönen Kur allein zu zuwenden. Mit aller der aufrichtigen

Hochachtung, welche wir für beide hegen, müssen wir gestehen, daß wenn es

auf sie allein angekommen wäre, Agathon noch lange in den Fesseln der

schönen Danae hätte liegen können; ja wir haben Ursache zu glauben, daß

die erste gefällig genug gewesen wäre, durch tausend schöne

Vorspiegelungen und Schlüsse die andre nach und nach gänzlich

einzuschläfern, oder vielleicht gar zu einem gütlichen Vergleich mit der

Wollust, ihrer natürlichen und gefährlichsten Feindin, zu bewegen. Wir

leugnen hiemit nicht, daß sie das ihrige zur Befreiung unsers Freundes

beigetragen; indessen ist doch gewiß, daß Eifersucht und beleidigte

Eigenliebe das meiste getan haben, und daß also, ohne die wohltätigen

Einflüsse zwoer so verschneiter Leidenschaften, der ehmals so weise, so

tugendhafte Agathon ein glorreich angefangenes Leben, allem Anscheinen

nach, zu Smyrna unter den Rosen der Venus unrühmlich hinweggescherzet

haben würde.

Wir wollen durch diese Bemerkung dem großen Haufen der Moralisten eben

nicht zugemutet haben, gewisse Vorurteile fahren zu lassen, welche sie von

ihren Vorgängern, und diese, wenn wir um einige Jahrhunderte bis zur

Quelle hinaufsteigen wollen, von den Mönchen und Einsamen, womit die

Morgenländer von jeher unter allen Religionen angefüllt gewesen sind,

durch eine den Progressen der gesunden Vernunft nicht sehr günstige

überlieferung geerbt zu haben scheinen. Hingegen würde uns sehr

erfreulich sein, wenn diese gegenwärtige Geschichte die glückliche

Veranlassung geben könnte, irgend einen von den echten Weisen unsrer Zeit

aufzumuntern, mit der Fackel des Genie in gewisse dunkle Gegenden der

Moral-Philosophie einzudringen, welche zu beträchtlichem Abbruch des

allgemeinen Besten, noch manches Jahr-Tausend unbekanntes Land bleiben

werden, wenn es auf die vortrefflichen Leute ankommen sollte, durch deren

unermüdeten Eifer seit geraumen Jahren die deutschen Pressen unter einem

in alle mögliche Formen gegossenen Mischmasch unbestimmter und nicht

selten willkürlicher Begriffe, schwärmerischer Empfindungen, andächtiger

Wortspiele, grotesker Charaktern, und schwülstiger Deklamationen zu

seufzen gezwungen werden. Für diejenigen, welche unsern frommen Wunsch

zu erfüllen geschickt sind, uns darüber deutlicher zu erklären, oder ihnen

den Weg zur Entdeckung dieser moralischen Terra incognita genauer andeuten

zu wollen, als es hie und da in dieser Geschichte geschehen sein mag,

würde einer Vermessenheit gleich sehen, wozu uns die Empfindung unsrer

eignen Schwäche oder vielleicht unsre Trägheit wenig innerliche Versuchung

läßt. Wir lassen es also bei diesem kleinen Winke bewenden, und begnügen

uns, da wir nunmehr, allem Ansehen nach, unsern Helden aus der größesten

der Gefahren, worin seine Tugend jemals geschwebt hat, oder künftig

geraten mag, glücklich herausgeführt haben, einige Betrachtungen darüber

anzustellen--doch nein; wir bedenken uns besser--was für Betrachtungen

könnten wir anstellen, daß nicht diejenige welche Agathon selbst, sobald

er Muße dazu hatte, über sein Abenteur machte, um soviel natürlicher und

interessanter sein sollten, als er sich würklich in dem Falle befand,

worein wir uns erst durch Hülfe der Einbildungs-Kraft setzen müßten, und

die Gedanken sich ihm freiwillig darboten, ja wohl wider Willen aufdrängen,

welche wir erst aufsuchen müßten. Wir wollen also warten, bis er sich

in der ruhigern Gemütsverfassung befinden wird, worin die sich selbst

wiedergegebene Seele aufgelegt ist, das Vergangene mit prüfendem Auge zu

übersehen. Nur mög' es uns erlaubt sein, eh wir unsre Erzählung

fortsetzen, zum besten unsrer jungen Leser, zu welchen wir uns nicht

entbrechen können eine vorzügliche Zuneigung zu tragen, einige Anmerkungen

zu machen, für welche wir keinen schicklichern Platz wissen, und welche

diejenigen, die wie Shah Baham keine Liebhaber vom moralisieren sind,

füglich überschlagen, oder, bis wir damit fertig sind, sich indessen, wenn

es ihnen beliebt, die Zeit damit vertreiben können, die Spitze ihrer Nase

anzuschauen.

"Was würdet ihr also dazu sagen, meine jungen Freunde, wenn ich euch mit

der Amts-Miene eines Sittenlehrers auf der Catheder, in geometrischer

Methode beweisen würde, daß ihr zu einer vollkommnen Unempfindlichkeit

gegen diese liebenswürdige Geschöpfe verbunden seid, für welche eure Augen,

euer Herz, und eure Einbildungs-Kraft sich vereinigen, euch einen Hang

einzuflößen, der, so lang er in einem unbestimmten Gefühl besteht, euch

immer beunruhiget, und so bald er einen besondern Gegenstand bekömmt, die

Seele aller eurer übrigen Triebe wird?

Daß wir einen solchen Beweis führen, und was noch ein wenig grausamer ist,

daß wir euch die Verbindlichkeit aufdringen könnten, keines dieser

anmutsvollen Geschöpfe, so vollkommen es immer in euern bezauberten Augen

sein möchte, eher zu lieben, bis es euch befohlen wird, daß ihr sie lieben

sollt--ist eine Sache, die euch nicht unbekannt sein kann. Aber eben

deswegen, weil es so oft bewiesen wird, können wir es als etwas

ausgemachtes voraussetzen; und uns deucht, die Frage ist nun allein, wie

es anzufangen sei, um euer widerstrebendes Herz für Pflichten gelehrig zu

machen, gegen welche ihr tausend scheinbare Einwendungen zu machen glaubt,

wenn ihr uns am Ende doch nichts anders gesagt habt, als ihr habet keine

Lust, sie auszuüben.

Die Auflösung dieser Frage deucht uns die große Schwierigkeit, worin uns

die gemeinen Moralisten mit einer Gleichgültigkeit stecken lassen, die

desto unmenschlicher ist, da wenige unter ihnen sind, welche nicht auf

eine oder die andere Art erfahren hätten, daß es nicht so leicht sei einen

Feind zu schlagen, als zu beweisen, daß er geschlagen werden solle.

Indessen nun, bis irgend ein wohltätiger Genius ein sicheres, kräftiges

und allgemeines Mittel ausfindig gemacht haben wird, diese Schwierigkeiten

zu heben, erkühnen wir uns, euch einen Rat zu geben, der zwar weder

allgemein noch ohne alle Ungelegenheiten ist, aber doch, alles wohl

überlegt, euch bis zu Erfindung jenes unfehlbaren moralischen Laudanums,

in mehr als einer Absicht von beträchtlichem Nutzen sein könnte.

Wir setzen hiebei zwei gleich gewisse Wahrheiten voraus: die eine; daß die

meisten jungen Leute, und vielleicht auch ein guter Teil der Alten,

entweder zur Zärtlichkeit oder doch zur Liebe im popularen Sinn dieses

Wortes, einen stärkern Hang als zu irgend einer andern natürlichen

Leidenschaft haben. Die andere: daß Socrates, in der Stelle, deren in dem

vorigen Kapitel erwähnt worden, die schädlichen Folgen der Liebe, in so

ferne sie eine heftige Leidenschaft für irgend einen einzelnen Gegenstand

ist; (denn von dieser Art von Liebe ist hier allein die Rede) nicht höher

getrieben habe, als die tägliche Erfahrung beweiset. 'Du Unglückseliger!'

(sagt er zu dem jungen Xenophon, welcher nicht begreifen konnte, daß es

eine so gefährliche Sache sei, einen schönen Knaben, oder nach unsern

Sitten zu sprechen, ein schönes Mädchen zu küssen; und leichtsinnig genug

war zu gestehen, daß er sich alle Augenblicke getraute, dieses

halsbrechende Abenteuer zu unternehmen) 'was meinst du daß die Folgen

eines solchen Kusses sein würden? Glaubst du, du würdest deine Freiheit

behalten, oder nicht vielmehr ein Sklave dessen werden, was du liebest?

wirst du nicht vielen Aufwand auf schädliche Wollüste machen? Meinst du,

es werde dir viel Muße übrig bleiben, dich um irgend etwas großes und

Nützliches zu bekümmern, oder du werdest nicht vielmehr gezwungen sein,

deine Zeit auf Beschäftigungen zu wenden, deren sich so gar ein Unsinniger

schämen würde?'--Man kann die Folgen dieser Art von Liebe, in so wenigen

Worten nicht vollständiger beschreiben--Was hälf' es uns, meine Freunde,

wenn wir uns selbst betrügen wollten? Selbst die unschuldigste Liebe,

selbst diejenige, welche in jungen enthusiastischen Seelen so schön mit

der Tugend zusammen zustimmen scheint, führt ein schleichendes Gift bei

sich, dessen Würkungen nur desto gefährlicher sind, weil es langsam und

durch unmerkliche Grade würkt--Was ist also zu tun?--Der Rat des alten

Cato, oder der, welchen Lucrez nach den Grundsätzen seiner Sekte gibt, ist,

seinen Folgen nach, noch schlimmer als das übel selbst. So gar die

Grundsätze und das eigne Beispiel des weisen Socrates sind in diesem

Stücke nur unter gewissen Umständen tunlich--und (wenn wir nach unsrer

überzeugung reden sollen) wir wünschten, aus wahrer Wohlmeinenheit gegen

das allgemeine System, nichts weniger als daß es jemals einem Socrates

gelingen möchte, den Amor völlig zu entgöttern, seiner Schwingen und

seiner Pfeile zu berauben, und aus der Liebe eine bloße regelmäßige

Stillung eines physischen Bedürfnisses zu machen. Der Dienst, welcher der

Welt dadurch geleistet würde, müßte notwendig einen Teil der schlimmen

Würkung tun, welche auf eine allgemeine Unterdrückung der Leidenschaften

in der menschlichen Gesellschaft erfolgen müßte.

Hier ist also unser Rat--die Tartüffen, und die armen Köpfe, welche die

Welt bereden wollen, die Exkremente ihres milzsüchtigen Gehirns für

Reliquien zu küssen, mögen ihre Köpfe schütteln so stark sie können!

--Meine jungen Freunde, beschäftiget euch mit den Vorbereitungen zu eurer

Bestimmung--oder mit ihrer wirklichen Erfüllung. Bewerbet euch um die

Verdienste, von denen die Hochachtung der Vernünftigen und der Nachwelt

die Belohnung ist; und um die Tugend, welche allein den innerlichen

Wohlstand unsers Wesens ausmacht -" "Haltet ein, Herr Sittenlehrer", rufet

ihr; "das ist nicht was wir von euch hören wollten, alles das hat uns

Claville besser gesagt, als ihr es könntet, und Abbt besser als

Claville--euer Mittel gegen die Liebe?"--"Mittel gegen die Liebe? dafür

behüte uns der Himmel!--oder wenn ihr dergleichen wollt, so findet ihr sie

bei allen moralischen Quacksalbern, und--in allen Apotheken. Unser Rat

geht gerade auf das Gegenteil. Wenn ihr ja lieben wollt oder müßt--nun,

so kommt alles, glaubet mir, auf den Gegenstand an--Findet ihr eine

Aspasia, eine Leontium, eine Ninon--so bewerbet euch um ihre Gunst, und,

wenn ihr könnt, um ihre Freundschaft. Die Vorteile, die ihr daraus für

euern Kopf, für euern Geschmack, für eure Sitten--ja, meine Herren, für

eure Sitten, und selbst für die Pflichten eurer Bestimmung, von einer

solchen Verbindung ziehen werdet, werden euch für die Mühe belohnen -"

"Gut! Aspasien! Ninons! die müßten wir im ganzen Europa aufsuchen -"

"Das raten wir euch nicht; die Rede ist nur von dem Falle, wenn ihr sie

findet -" "Aber, wenn wir keine finden?" -"So suchet die vernünftigste,

tugendhafteste und liebenswürdigste Frau auf, die ihr finden könnet--Hier

erlauben wir euch zu suchen, nur nicht (um euch einen Umweg zu ersparen)

unter den Schönsten; ist sie liebenswürdig, so wird sie euch desto stärker

einnehmen; ist sie tugendhaft, so wird sie euch nicht verführen; ist sie

klug, so wird sie sich von euch nicht verführen lassen. Ihr könnet sie

also ohne Gefahr lieben -" "Aber dabei finden wir unsre Rechnung nicht;

die Frage ist, wie wir uns von ihr lieben machen -" "Allerdings, das wird

die Kunst sein; der Versuch ist euch wenigstens erlaubt; und wir stehen

euch dafür, wenn sie und ihr jedes das seinige tut, so werdet ihr euern

Roman zehen Jahre durch in einer immer nähernden Linie fort führen, ohne

daß ihr dem Mittelpunkt näher sein werdet als anfangs--Und das ist alles,

was wir euch sagen wollten."

Geschichte des Agathon. Teil 2 · 第 28 / 64 题