Stephanus Hojeda, Visitator. ----

Diese Proben der Jesuitenmoral, die ich bedeutend vermehren könnte, auf

den Beichtstuhl angewandt, erklären es hinlänglich, warum Jesuiten als

Beichtväter Glück machten. Der Beichtstuhl wurde zur Erreichung

politischer und kirchlicher Zwecke benutzt, aber hauptsächlich diente er

den Pfaffen dazu, ihre Lüsternheit zu befriedigen.

Schon im Jahr 428 hatte Papst Coelestin es für nötig gefunden, Strafe

darauf zu setzen, wenn Geistliche ihre Beichtkinder zur Unzucht

verführten. Dergleichen Fälle kamen unendlich oft vor, und mit diesen

Beichtstuhlgeschichten könnte man Folianten füllen.

Poggio Bracciolini, von dem ich schon früher redete, erzählt, dass die

Beichtstühle dazu benutzt wurden, die Mädchen und verheirateten Frauen

zu verführen. Beichtete eine derselben, dass sie sich eine fleischliche

Schwachheit habe zuschulden kommen lassen, so kam es sehr häufig vor,

dass ihr der fromme Beichtvater die unzüchtigsten Anträge machte. Um

sich das Verführungswerk zu erleichtern, verfehlten sie nicht, den

lüsternen Kindern recht überzeugend vorzureden, dass ein bisschen

Unzucht mit einem frommen Geistlichen so gut wie nichts zu bedeuten habe

und dass die Sünde hundertmal kleiner sei, als wenn sie mit einem

fremden Ehemann begangen würde.

Ansiniro, ein Augustinereremit zu Padua, hatte alle seine Beichttöchter

verführt. Die Sache wurde ruchbar und er deshalb angeklagt. Vor Gericht

drang man sehr ernstlich in ihn, alle diejenigen anzugeben, welche ihm

den Willen getan. Er nannte eine große Menge von Mädchen und Frauen aus

den angesehensten Familien, stockte dann aber plötzlich und wollte nicht

weiterreden. Der Sekretär, der ihn vernahm, bedrohte ihn mit den

härtesten Strafen, wenn er nicht die Wahrheit reden und in seinem

Bekenntnis fortfahren werde. So gedrängt, nannte der Pater auch den

Namen, welchen er verschweigen wollte, und man kann sich die

Überraschung des Sekretärs denken, als er den seiner eigenen für so

tugendhaft gehaltenen Frau hörte!

Hin und wieder kamen die Pfaffen auch schlimm an. Ein Priester, dem eine

hübsche Frau beichtete, fand den Platz hinter dem Altar sehr bequem und

wollte sie bewegen, hier seinem unzüchtigen Gelüste zu genügen. Die Frau

äußerte, dass sie den Platz nicht anständig finde, versprach aber, an

einem anderen Orte seine Wünsche zu erfüllen und schickte ihm als

Liebespfand eine sehr schöne Torte und eine Flasche guten Wein. Der

erfreute Pfaffe dachte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu treffen, und

überreichte die herrliche Torte seinem Bischof, der damit bei einem

Gastmahl seine Tafel zierte. Als man sie aufschnitt, fand man darin, was

man gewöhnlich nicht dem Beichtstuhl, sondern dem Nachtstuhl anvertraut.

Man forschte natürlich nach dem Ursprung dieser schmutzigen

Überraschung, und dieser ergab sich bald aus der Untersuchung.

Kein Ort war den geilen Pfaffen zu heilig, und die Regierungen mussten

dieselben oft strafen, weil sie einen Altar oder einen andern für heilig

geltenden Ort als Sofa betrachtet hatten. Ein Kaplan zu Solothurn beging

selbst die schreiende Sünde, die Orgel zum Schauplatz seiner unerlaubten

Freuden zu wählen!

Wäre die Kirche nicht stets darauf bedacht gewesen, das Nützliche mit

dem Angenehmen zu verbinden und ihre frommen Diener soviel als tunlich

für die mancherlei mit ihrem Amte verbundenen Entbehrungen zu

entschädigen, dann hätte sie dem Skandal schnell ein Ende machen können.

Sie hätte nur zu verordnen brauchen, dass die Weiber bei Weibern statt

bei Männern beichteten; aber wahrscheinlich fürchteten sie, dass die

Weiber nicht schweigen könnten.

"Mensch bleibt Mensch und ein Pfaffe vorzüglich." Ich würde auch lieber

das Sündenregister eines schönen Mädchens mit anhören als das eines

alten Mannes, und hin und wieder würde ich wahrscheinlich auch schwach

genug sein, die gemachten Entdeckungen zu meinem Privatvorteil zu

benutzen; allein ich bin auch kein Priester. Wüsste ich es nicht aus

anderen Quellen, so würde mich schon die Ermahnung des heiligen

Borromäus an die Pfaffen lehren, dass sehr viele von diesen die Beichte

der Weiber lieben hörten als die der Männer. Der Heilige, der stets des

oben angeführten Mottos eingedenk ist, schreibt den Beichtvätern vor,

alle Türen zu öffnen, wenn sie die Beichte irgendeiner Weibsperson

anzuhören hätten; er schlägt ihnen vor, irgendeinen Vers aus den

Psalmen, zum Beispiel cor mundum crea in su Domine, an einem freien Ort

anzuschreiben, wo er ihnen beständig vor Augen wäre und sie ihn bei

vorkommenden Versuchungen gleichsam als Zauberformel oder als Retro

Satanas gebrauchen könnten. -

Von dem Geißeln habe ich schon geredet. Da dieses nicht ohne Entblößung

stattfinden konnte, so ist es begreiflich, dass es die lüsternen Pfaffen

sehr bald bei der Beichte einführten. Anfänglich begnügten sie sich

damit, die Geißelung als Buße vorzuschreiben; allein gar bald maßten sie

sich das Recht an, dieselbe eigenhändig zu erteilen. Dies wurde von der

Kirche selbst als ein Missbrauch angesehen, und Papst Hadrian 1., der im

Jahr 772 Papst wurde, verordnet. "Der Bischof, Priester und der Diakon

sollen diejenigen, welche gesündigt haben, nicht geißeln."

Die Verordnung fruchtete jedoch nichts. Die Geistlichen ließen sich das

angenehme Recht nicht nehmen, besonders da sie darin durch hochstehende

Prälaten unterstützt wurden und der schon früher genannte Kanzler der

römischen Kirche, Kardinal Pullus, nicht das geringste Bedenken trug,

nicht allein das Geißeln zu empfehlen, sondern auch sogar öffentlich

bekanntzumachen, dass die völlige Entkleidung der Büßenden und ihr

Niederwerfen zu den Füßen des Beichtvaters selbst in den Augen Gottes

das Verdienst des Sünders vermehre, da es noch Kennzeichen äußerster

Demut und Erniedrigung wären.

Solche Lehren trugen den Pfaffen gute Früchte. Das Hinterteil des Mannes

zu zerbläuen konnte, wenn derselbe eine hohe Stellung in der Welt hatte,

allenfalls ihrem Stolze und ihrer Eitelkeit schmeicheln; allein die

Strafe bei Frauen anzuwenden hatte für den Schönheitssinn der Pfaffen

einen weit höheren Reiz, und alle Mittel, welche der Kirche zu Gebote

standen, wurden angewandt, die natürliche Schamhaftigkeit der Weiber und

Mädchen zu besiegen.

Bei der Schamhaftigkeit fällt mir eine Anekdote ein, die zu spaßhaft

ist, als dass ich sie den Lesern vorenthalten sollte. In den vierziger

Jahren kam ein junges Mädchen zu dem katholischen Pfarrer eines Ortes,

um bei ihm zu beichten. Nachdem sie allerlei unbedeutende Sünden

gestanden hatte, stockte sie und wurde feuerrot. Der Pfarrer ermahnte

väterlich, fortzufahren, aber das verschämte Mädchen sagte, dass es ihr

unmöglich sei, ihm hier ihre Sünden zu bekennen. Der gute Geistliche,

dem dergleichen wohl schon oft vorgekommen sein mochte, fragte, ob sie

ihm lieber zu Hause beichten wolle, wo sie weniger beobachtet wäre, und

das Mädchen erklärte sich seufzend bereit dazu.

Zur bestimmten Stunde erschien sie auf dem Zimmer des Herrn Pfarrers,

der sie mit einiger Unruhe und Neugierde erwartet hatte. "Nun, mein

Kind, wir sind allein, was ist's, das dich drückt. - Die Mutter Kirche

hat Trost; habe Zutrauen usw." - "Ach, Herr Pfarrer, ich kann's nicht

sagen", erwidert die kleine Unschuld und hält den Schürzenzipfel vor das

Gesicht. - "Nun, mein Gott, es wird doch keine Todsünde sein!" - "Ach

nein, aber -." - "Nur offen heraus, was ist's?" -"Ach, ich habe mit

meinem Liebsten etwas - etwas gemacht!" - "Nun, was denn, mein Kind?" -

"Ach, ich kann's wahrhaftig nicht sagen." - "Nun, hat er vielleicht das

getan?" fragte der Pfarrer, indem er ihr in die Backen kneipt, um ihr

das Geständnis zu erleichtern. - "Ach nein!" - "Oder vielleicht das?" -

wobei er den Arm um ihre Taille legt und ihr einen Kuss auf den Mund

drückt. - Das Mädchen schüttelt beständig mit dem Kopf, und der Pfarrer,

ein noch junger Mann, glühte im Gesicht beinahe ebenso sehr wie seine

verschämte Beichttochter. - Er wird in seinem heiligen Eifer immer

hitziger und versucht alles mögliche, was der Geliebte nur mit ihr getan

haben konnte, und da sie fortwährend beharrlich schüttelt, so schreitet

er sogar zum alleräußersten, in der vollen Überzeugung, dass er nun das

Richtige getroffen habe. Aber wie groß ist sein Erstaunen, als er auf

seine Frage ein abermaliges Kopfschütteln als Antwort erhielt. - "Nun,

in Satans Namen", bricht er los, "was hast du denn mit ihm gemacht?" -

"Ach, Herr Pfarrer - - ich habe - ihn krankgemacht!" - Ich überlasse es

den Lesern, sich das Gesicht des guten Pfaffen auszumalen. -

Auf solche Weise verfuhren nun wohl nicht alle römisch-katholischen

Geistlichen, um die Schamhaftigkeit ihrer Beichtkinder zu besiegen; bei

den meisten gelang es ihnen durch biblische Spitzfindigkeiten und, wo

dieselben nicht helfen wollten, mit Verweigerung der Absolution und

Androhung der ganzen Teufelsküche. Zu solchen äußersten Mitteln

brauchten die heiligen Väter indessen nur selten zu schreiten, denn die

Beichte ist schon an und für sich ein höchst wirksames Mittel zur

Ertötung der Scham.

Das Mädchen oder die Frau, welche einem fremden Manne die geheimsten

Regungen ihrer Sinnlichkeit und die dadurch hervorgebrachten Wirkungen

mit allen Details - so verlangen es häufig die lüsternen Beichtväter -

schildern kann, kostet es auch keine große Überwindung, sich vor

demselben zu entblößen; wer die nackte Seele gesehen hat, mag auch den

nackten Körper sehen! -

Weigerte sich indessen dennoch eine Beichttochter und wollte nicht daran

glauben, dass die Pfaffen ein Recht dazu hätten, die Entblößung zu

verlangen, dann entgegneten diese ihnen, dass Christus gesagt habe:

Gebet hin und zeiget Euch den Priestern; wollte es eine andere

unschicklich und anstößig finden, dann antwortete man ihr: "Ach

Larifari! Adam und Eva waren im Paradies nackt, und am Auferstehungstage

werden wir keine Hosen tragen." So kam es allmählich so weit, dass man

gar nichts mehr darin fand, wenn ein Beichtvater einem Mädchen oder

einer Frau mit eigener Hand die Rute gab.

Die Pfaffen standen schon seit den ältesten Zeit mit vollem Recht in

schlechtem Ruf, und es ist daher wohl begreiflich, dass die Ehemänner

ziemlich unruhig waren, wenn ihre Frauen zur Beichte gingen. Selbst sehr

fromme und heilige Bücher enthalten darüber höchst ergötzliche

Geschichten, wenn sie auch meistens ernsthaft langweilig und im

schrecklichsten Mönchslatein erzählt sind.

In einem Buche von Scotus, betitelt Mensa philosophica, findet sich zum

Beispiel die folgende: Einem Weibe, welches eben in den Beichtstuhl

ging, um ihre Sünden zu bekennen, folgte im geheimen ihr Ehemann nach,

da ihn die Eifersucht plagte, zu welcher er auch wohl gute Gründe haben

mochte. Er verbarg sich in der Kirche so, dass er seine Frau genau

beobachten konnte; aber kaum sah er sie von dem Beichtvater hinter den

Altar führen, als er sehr eifrig hervorstürzte und demselben vorstellte,

dass seine Frau viel zu zart sei, die Geißelung auszuhalten; solle aber

einmal gegeißelt werden, nun, dann erbiete er sich, die Strafe auf sich

zu nehmen. Die Frau war sehr vergnügt über diesen Vorschlag, und der

Beichtvater willigte ein. Kaum hatte sich der Mann vor diesem nieder

geworfen und in die gehörige Geißelpositur gesetzt, so rief seine Frau:

"Nun, ehrwürdiger Vater, haut nur recht tüchtig zu, denn ich bin eine

sehr große Sünderin!" -

Nach den Beispielen von den Wirkungen des Zölibats auf die Geistlichen

welche ich in den vorigen Kapiteln gegeben habe, werden es die Leser

sehr natürlich finden, dass diese Art und Weise der beichtväterlichen

Absolution zu unendlich vielen Missbräuchen Veranlassung gab. Die Zahl

der davon bekannten Beispiele ist unendlich groß, obgleich die Pfaffen

stets bemüht waren, dergleichen Erzählungen als Verleumdungen

hinzustellen. Ich könnte eine ganze Galerie davon aufführen, begnüge

mich aber damit, nur einige Geschichten dieser Art zu erzählen, deren

Wahrheit bis in die kleinsten Details durch gerichtliche Untersuchungen

ans Tageslicht gekommen ist, und weil sie mir ganz vorzüglich geeignet

scheinen, die römisch-katholischen Geistlichen und ihre Beichte zu

illustrieren.

Die erste davon ist die von dem Bruder Cornelius Adriansen zu Brügge.

Derselbe war zu Dortrecht geboren. Seine Eltern bestimmten ihn zum

geistlichen Stand, und nachdem er seine Studien vollendet hatte, kam er

im Jahr 1548 nach Brügge in das dortige Franziskanerkloster. Bald

entdeckte man in ihm eine Menge theologischer Kenntnisse und eine ganz

besondere Gabe, "populär" zu predigen, wodurch seine Oberen bewogen

wurden, ihm das Predigeramt anzuvertrauen.

Seine Predigten waren ganz eigentümlicher Art, und man wird sie am

besten beurteilen können, wenn ich ein Bruchstück aus einer derselben

mitteile. Seine Reden wurden übrigens schon bei seinen Lebzeiten

gesammelt und zum Ergötzen der Ketzer in den Niederlanden im Druck

herausgegeben.

Am 15. Dezember 1560 ereiferte er sich sehr, weil einige angesehene

deutsch-protestantische Prediger und Anhänger der Augsburgischen

Konfession nach Antwerpen gekommen waren. Nachdem er einen Teil des

Textes ausgelegt hatte, ergriff er die Gelegenheit, seinem Grimm über

die Ketzer Luft zu machen. Er brüllte wie verrückt: "Bah! ich möchte

beinah vor Zorn und Tollheit aus der Haut fahren! Ah Bah! da sind nun zu

Antwerpen, dem höllischen Pfuhl, dem teuflischen Abgrund, wo alles

verfluchte Gift und stinkender Unflat zusammenkommt, wiederum neue

Verräter, Verführer, Betrüger, neue Schelme und Bösewichter aus dem

verdammten und verfluchten Deutschland angekommen und vermeinen, in

diesen edlen Niederlanden - die sich jederzeit so standhaft im

christlichen Glauben gehalten, bis die mageren, dürren, ledernen

deutschen Arschkerben ihre beschissene Supplikation übergeben - ihre

Augsburgische Konfession einzuführen und fortzupflanzen. Bah, seht doch

wie schnell sie mit ihrer teuflischen Augsburger Konfession gelaufen

kommen, sobald sie gehört, dass diese verfluchten Geusen die Religion

verändern wollen! Ei ja, eben recht! wie? wir sitzen da und warten

darauf, bis Ihr kommt? Bah, alles bereit? Ah bah, es ist zu verwundern,

wie Ihr so lange geblieben seid mit eurer schönen Konfession von

Augsburg, welche erstlich so süß, lieb und betrüglich von dem falschen,

verdammten, höllischen Ketzer, dem unbeständigen Zweifalter und

Wetterhahn Philipp Melanchthon, verfasst und zusammengestellt, dann aber

mit seinem teuflischen, höllischen Gift so verdorben und nach seinem

ketzerischen Sinn verfälscht worden, dass auch die Zwinglianer,

Calvinisten und Sakramentierer sich damit behelfen und verteidigen

können und wollen. Darum scheiß ich in die Augsburgische Konfession!

Bah! die Zeit soll noch kommen, dass diese Konfession an den Galgen

gehängt und mit Kot und Dreck soll beworfen werden, ja, dass alle

Katholischen den Arsch daran wischen werden; bah, so sehet! - Ah bah!

die Wiedertäuferei ist tausendmal besser als die Konfession von

Augsburg. Bah! Gott schände die Augsburgische Konfession, bah! der

Teufel hole die Augsburgische Konfession! Wie, was meint Ihr, dass wir

toll und töricht sein und dass wir uns so von diesen ledernen

Arschkerben sollen überteufeln und äffen lassen, von diesen deutschen

Verrätern, den ersten Abtrünnigen und Ausgebannten von der

römisch-katholischen Kirche?" usw.

Seine Predigten wimmelten von Unflätereien, von denen die obigen nur

eine bescheidene Probe sind, und hörte er, dass man sich darüber

aufgehalten habe, dann schrie er von der Kanzel wie besessen: "Bah,

darum haltet das Maul und lasst mich predigen, was mir der Heilige Geist

eingibt!" Er übte indessen einen bedeutenden Einfluss auf den großen

Haufen aus und seine Predigten waren besonders geschickt dazu, den Hass

gegen die Protestanten zum Fanatismus anzufachen. Einstmals predigte er

gar, "dass man schwangeren Weibern der Ketzer den Leib aufschneiden

solle, um die Kinder, ehe sie geboren wären, zu verbrennen".

Diese Predigten fallen indessen schon in eine spätere Zeit. Bald nach

Antritt seines Predigeramtes hatte er sein Augenmerk auf einen anderen

Gegenstand gerichtet, - nämlich auf die schönen Mädchen und Frauen von

Brügge. Er fing an, gegen das eheliche Leben zu predigen, und setzte es

mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln herab; denn es sei fast nicht

möglich, als Verheirateter selig zu werden. Dagegen konnte er die

Jungfräulichkeit nicht hoch genug preisen und verhieß den Mädchen,

welche darin beharren würden, ganz gewiss die Seligkeit.

Heutzutage würde man darüber selbst in streng katholischen Ländern

lachen und höchstens einige verhimmelnde Ebelianische Seelenbräute

würden vielleicht in dem guten Pater den sehr fleischgewordenen Paraklet

sehen; aber damals, als die meisten Leute noch eine ungeheure Sorge um

ihr "Seelenheil" hatten, verursachten seine Predigten einen solchen

Aufruhr unter den Weibern in Brügge, dass alle Männer die Geduld

verloren, denn ihre Frauen flohen sie förmlich und die Mädchen

beschlossen, in ihrem Leben nicht zu heiraten. - Doch "der Geist ist

willig, aber das Fleisch ist schwach". Die armen Frauen gerieten in

Verzweiflung und liefen zu Bruder Cornelius, um sich Trost und Rat zu

holen. Dieser hörte sie freundlich an und belehrte sie über die Mittel,

durch welche es möglich sei, im ehelichen Stand fortzuleben, ohne vom

Teufel geholt zu werden. Zunächst, sagte er, sei es nötig, "der Begierde

und dem Gefallen an dem fleischlichen Werke der Ehe" zu widerstehen,

wenn auch dem Werk oder der Ausübung selbst nicht. "Denn", argumentierte

er, "das Werk an und für sich ist von Gott angeordnet, aber die

verdorbene ausgeartete Natur hat es verunreinigt, befleckt, beschmutzt

und verunehrt mit ihren schlechten, faulen, fleischlichen Affekten und

Neigungen!" Darum sollten sie denselben durchaus widerstehen und das

eheliche Werk ausüben, als übten sie es nicht aus. Dies war nun freilich

für die meisten ein unmögliches und übermenschliches Ding, besonders

wenn sie ihre Männer lieb hatten und täglich kamen sie zu ihm mit

weinenden Augen und beklommenen Herzen.

Zu denen, die weder jung noch sonderlich hübsch waren, sagte er, dass

sie ihre Anfechtungen und Übertretungen ihrem Pastor oder Beichtvater

sehr genau und ausführlich berichten müssten, damit sie ihnen vergeben

würden und die Absolution bekämen; aber zu denen, die er für seine

Betgenossenschaft (deuotarship) wünschte, sagte er: weil sie nun solchen

innerlichen Sünden und Gebrechen ihres Körpers nicht widerstehen

könnten, so wäre es nötig, dass derselbe gekasteiet werde mit einer

äußerlichen Strafe oder Pönitenz. Die betrübten Frauen willigten sehr

gern darin, sich derselben zu unterziehen.

Hierauf sagt er ihnen, dass sie sich ganz und gar unter seine Aufsicht

und seinen Gehorsam begeben müssten, und als sie auch damit

einverstanden waren, gab er ihnen eine Regel, nach welcher sie alle

Monate auf einen bestimmten Tag bei ihm mit Bewilligung ihrer Männer zur

Beichte erscheinen und in welcher sie ihm ihre Übertretungen mitteilen

mussten.

Als sie nun die Regel angenommen hatten und bei ihm zur Beichte

erschienen, gebot er ihnen bei dem Gelübde ihres Gehorsams, alle

unkeuschen Gedanken, Begierden und Handlungen, die sie hatten und

begingen, ungeschminkt, frei heraus, ohne Scham zu gestehen; je glatter,

unverhohlener, gröber und genauer, je besser: damit er im Stande sei,

sie davon zu säubern, reinigen, purgieren, absolvieren und deshalb zu

kasteien und strafen. Dies taten denn die Frauen ebenfalls. "Nun,

wohlan, meine Töchter", sagte Cornelius darauf, " für diese heimlichen

und unkeuschen fleischlichen Sünden des Körpers gehört sich auch eine

heimliche Säuberung, Purgierung, Reinigung (er liebte es sehr, wohl fünf

bis sechs Synonyme hintereinander zu gebrauchen) und heilige Disziplin

oder sekrete Pönitenz, welche vor den Augen der Menschen verborgen

gehalten werden muss, weil sie nicht verstehen und begreifen was

geistlich ist; ja, sie würden sich darüber aufhalten und Ärgernis

nehmen, wenn sie es wüssten; so sind sie durch die Verderbtheit des

Fleisches in ihren Ansichten und Begriffen verwirrt, geblendet und

geschändet. Darum, meine Töchter, legt die Hand auf eure Brust und

schwört bei Gott und allen Heiligen, dass ihr diese heimliche Disziplin

oder heilige, sekrete Pönitenz weder euren Männern, noch euren Eltern,

noch irgendeinem der weltlich gesinnten Menschen, noch irgendeinem

Geistlichen, sei es in der Beichte oder anders, nicht zu erkennen geben

und offenbaren wollt."

Nachdem nun die Frauen diesen Eid geleistet hatten, nahm er sie als

Büßerinnen und Disziplintöchter an und hieß sie in das Haus der Nähterin

Calle de Naighe, seiner Vertrauten, stets durch die Vordertür zu gehen;

denn dieses Haus hatte von der Seite des Klosters her ebenfalls einen

Eingang, so dass diejenigen, welche Bruder Cornelius durch denselben

hineingehen sahen, die Frauen nicht sahen und umgekehrt.

Als nun die frommen Frauen das erste Mal zu der Nähterin kamen, gab sie

jeder derselben eine Rute und hieß sie dieselben in das Disziplinzimmer

tragen, das nächste Mal aber selbst Besen zu kaufen und davon eine Rute

mitzubringen.

Als Cornelius in das Disziplinzimmer zu seinen Beichttöchtern eintrat

sagte er: "Nun, wohlan, meine Töchter, damit Ihr diese heilige Disziplin

oder sekrete Pönitenz bequem empfangen könnt, ist es nötig, dass ihr

euern Körper entblößt; darum befehle ich Euch bei dem Gelübde eures

Gehorsams, dass Ihr Euch entkleidet."

Als die Frauen seinen Willen erfüllt hatten, mussten sie ihm selbst die

Rute in die Hand geben und ihn demütig bitten, dass er ihren sündigen

Körper diszipliniere und kasteie, was er denn sehr bedächtig mit einer

Anzahl Schläge tat, die eben nicht weh tun konnten. Diese Handlung

begleitete er mit allerlei vom Geißeln handelnden Reden aus alten

Büchern und sagte unter anderem: dass Gott die Demut der Büßenden, die

sich nackt auszögen, lieber habe als die Heftigkeit der Schläge.

Im Winter, wenn es zu kalt war, um sich nackt auszuziehen, mussten seine

Disziplinkinder sich auf einem großen Kissen niederlegen: Bruder

Cornelius hob ihnen den Rock auf und disziplinierte sie auf diese Weise.

Ebenso machte er es auch im Sommer mit denjenigen Frauen, die nicht

lange von Hause wegbleiben konnten oder mit Witwen, die lange unter

seiner Disziplin gestanden hatten und an deren Bußwerkzeugen er sich

bereits satt gesehen hatte; ja, zuletzt ließ er wohl zu, dass diese die

Disziplin von seiner Vertrauten, der Nähterin, empfingen.

Dass die Witwen, die bereits vom Baum der Erkenntnis gegessen,

Anfechtungen hatten, nahm er als selbstverständlich an und interessierte

sich vor allen Dingen für ihre Träume, die sie ihm stets ganz genau

erzählen mussten.

Ehe er aber die verheirateten Frauen und Witwen zu seiner Bußanstalt

heranzog, hatte er schon längst eine Disziplinschule von jungen Mädchen

errichtet, bei der ich mich etwas länger aufhalten muss, da sich dabei

die ganze Schändlichkeit des nichtswürdigen Pfaffen offenbart und weil

es Jungfrauen waren, die den alten lüsternen Sünder zuschanden machten

und sein Treiben zur Untersuchung brachten. -

Abbé Parny in seiner köstlichen Satire "La guerre des Dieux", in welcher

die Heidengötter von der heiligen Dreieinigkeit mit den himmlischen

Heerscharen besiegt werden, hat den köstlichen Einfall, alle Satyren und

Faune der alten Heidenzeit die Stammväter der Mönche werden zu lassen.

Der witzige Abbé kannte gewiss viele Mönche von der Art des Bruders

Cornelius.

Im Jahr 1553 befand sich unter den Frauen, welche täglich die Predigten

des Bruders Cornelius besuchten, eine fromme und geachtete.Witwe mit

ihrem schönen und gescheiten Töchterchen. Diese machte die Bekanntschaft

einiger junger Mädchen, die schon lange zu der Betgesellschaft des

Pastors gehörten und stets bemüht waren, für dieselbe Rekruten zu

erwerben. Das reizende sechzehnjährige Calleken Peters schien ihnen

besonders der Mühe wert. - Die Mutter sah mit Vergnügen, wie ihr

Töchterchen durch die Unterhaltung mit den frommen Mädchen so schön über

geistliche Dinge reden lernte, und ließ Calleken die Gesellschaft

derselben besuchen, so oft sie nur wollte.

Hier hörte sie von der geheimen Pönitenz und fragte, was dieselbe denn

eigentlich zu bedeuten habe? Bisher waren die Mädchen sehr bereit

gewesen, ihr Rede und Antwort zu geben, allein nun meinten sie, dass

Calleken darüber nur von Pater Cornelius selbst belehrt werden könne,

und rieten ihr, sich an den heiligen Mann zu wenden, was sie denn auch

beschloss.

Cornelius, der benachrichtigt wurde, dass sich ein so frisches Fischchen

fangen wolle, setzte einen Tag fest, an welchem sie bei ihm erscheinen

solle, und außer ihr fanden sich an demselben noch zwei ausgezeichnet

schöne Mädchen ein, die ebenfalls in der Disziplin unterrichtet werden

sollten; sie hießen Aelken van den B. und Betken P.

Der Pater fragte Calleken, ob es ihr Ernst damit sei, ihre jungfräuliche

Reinheit und Sauberkeit zu bewahren und zu dem Ende unter seine

Obedienz, Untertänigkeit und Gehorsam sich verdemütigen wolle? Als sie

bejahte, lobte er sie sehr und ersuchte sie, ihn mit Einwilligung ihrer

Mutter an einem bestimmten Tage der Woche zu besuchen.

Nach einer mehrwöchigen Vorbereitung nahm er sie feierlich als

Beichtkind an und ließ sie den schon oben angeführten Eid schwören.

Darauf wies er sie an, gleich den anderen Mädchen in seine

Disziplinkammer zu kommen und sich dort zur Pönitenz vorzubereiten. -

Diese Kammer hatte er damals in einem Hause auf dem Steinhauersdyk in

Brügge bei einer Witwe, Frau Pr., bei der die oben genannte Betken und

einige andere Mädchen in Kost waren, um die Kochkunst zu erlernen. Die

Nähterin wurde erst des Paters Vertraute nach dem Tode der Witwe.

Als Calleken zum ersten Mal in die Kammer trat, forderte sie Cornelius

auf, bei dem Gelübde ihres Gehorsams ihm alle Anfechtungen und

Versuchungen, welche der menschlichen Natur so eigen, zu beichten und

namentlich die unkeuschen Träume, Gedanken und Begierden, welche der

jungfräulichen Reinigkeit so sehr zusetzen, ungescheut ihm mitzuteilen,

indem er nur auf diese Weise Mittel finden könne, Letztere zu

beschützen.

Das arme, unschuldige Kind, welches von dergleichen Anfechtungen noch

durchaus nichts wusste, stotterte etwas her, aber Cornelius erwiderte:

"Bah, ich weiß recht gut, dass Euch alle die Unkeuschheiten und

Unreinigkeiten, welche zwischen Verheirateten und Weltmenschen

vorzufallen pflegen, bekannt sind: denn die Welt ist so arm im Argen und

verdorben, dass junge Mädchen von acht bis neun Jahren recht gut wissen,

auf welche Weise sie in die Welt gekommen sind. Bah! ein Mädchen von

sechzehn bis siebzehn Jahren wie Ihr sollte nichts von solchen

Versuchungen, Begierden, Quälungen wissen? Bah, Ihr hättet in der Welt

bleiben sollen, Ihr wärt bald Mutter von drei bis vier Kindern."

Calleken, vor Scham ganz rot, sah zur Erde nieder und wusste nichts

weiter zu sagen, als dass ihre Mutter sie auf das sorgfältigste vor

allen eitlen, leichtfertigen und unehrbaren Äußerungen bewahrt hätte. -

"O bah!" fuhr der Pfaffe fort, "darauf achte ich noch nicht. Die

angeborene und gebrechliche Natur muss Euch in dem Alter, welches Ihr

nun habt, darüber belehren; darum ist es nicht möglich, dass Ihr nicht

bisweilen mit fleischlichem Streit angefochten werdet, den Ihr allein

aus Verschämtheit mir verschweigt. Aber ich kann Euch durchaus nicht

absolvieren, denn meine Seligkeit hängt daran, und darum bereitet Euch

das nächste Mal besser darauf vor, alle eure natürlichen Anfechtungen zu

erkennen zu geben.' - Hiermit entließ er Calleken und befahl ihr, auf

einen bestimmten Tag wiederzukommen, was sie in Gottes Namen zu tun

gelobte.

Als sie wieder zu ihm kam, nahm er sie in seine Disziplinkammer und

ermahnte sie, alle Verschämtheit, die er ein falsches, böses Tier

nannte, draußen zu lassen. Auf seine abermaligen Fragen nach

fleischlichen Regungen antwortete ihm das unschuldige Mädchen, dass sie

täglich Gott bitte, sie vor dergleichen Anfechtungen zu bewahren. Das

lobte der Pater zwar, meinte aber doch, sie müsse Gott eigentlich um

Versuchungen und Anfechtungen bitten, denn ein Zustand, in welchem diese

ausbleiben, sei keine Heiligkeit zu nennen. "Bah!" fuhr er fort, "es ist

eine Ehre, eine quälende Natur zu haben, und dass man zu ungleichen

Personen, nämlich Frauen zu Männern und Männer zu Frauen, mit natürlich

brennender Hitze geneigt ist; allein was ist das für ein Verdienst, wenn

man kein Gefühl dafür hat? Bah, mein Kind, schämt Euch nicht zu

gestehen, dass Ihr auch Fleisch und Blut gleich allen Menschen habt,

oder ich muss Euch für heuchlerisch und ganz und gar für durchtrieben

halten, weil Ihr nicht gestehen wollt, bisweilen fleischliche Gedanken

oder unreine Begierden zu haben." Nun fuhr er fort, sie zu ermahnen, ihm

rund heraus, je unumwundener je besser, alle ihre unkeuschen Gedanken

und dergleichen zu sagen. Calleken wurde immer verschämter, je länger

sie den Satyr in Priestertracht anhörte. Dieser glaubte daher vor allen

Dingen darauf hinarbeiten zu müssen, diese ihm so hinderliche Scham zu

vernichten, und nachdem er sie durch väterliche, gleisnerische Worte

zutraulich gemacht hatte, fragte er feierlich: "Nun, Calleken, mein

Kind, sagt mir, ob Ihr mir die Seligkeit eurer Seele auch mit ganzem

Herzen anvertraut?" Sie antwortete: "Ja, ehrwürdiger Vater." - "Nun

wohl", fuhr er fort, "wenn Ihr mir euer Seelenheil anvertraut, so könnt

Ihr mir mit noch minderer Gefahr euren irdischen vergänglichen Körper

anvertrauen; denn wenn ich eure Seele selig machen soll, so muss ich vor

allem euren Körper geeignet, rein, sauber und fähig machen zu allen

Tugenden, Andachten und Pönitenzien. Ist's nicht so, mein Kind?" - Sie

antwortete: "Ja, ehrwürdiger Vater." - "Nun wohlan, mein Kind, so ist es

nötig, dass Ihr meiner heiligen Obedienz untertänig seid und tut, was

ich Euch befehlen werde."

Hierauf setzte er sich auf eine Bettstelle, die in dem Zimmer stand, und

sie musste sich zwei Schritte von ihm hinstellen. Darauf sagte er, dass

es zur Überwindung der Verschämtheit, welche der Disziplin und Pönitenz

so durchaus zuwider, durchaus nötig sei, dass sie sich seinem Willen

füge, und er gebiete ihr daher bei ihrem Gelübde des Gehorsams, sich

sogleich vor ihm nackt auszuziehen.

Calleken antworte heftig erschrocken: "Ach, ehrwürdiger Vater, wie

könnte ich das tun, ich müsste mich gar zu sehr schämen!" - "Mein Kind",

rief er, "das muss so sein, unser beider Seligkeit hängt daran, darum

weg mit der Scham und tut gehorsamlich, was ich befohlen habe." - "Ach,

ehrwürdiger Vater", stammelte das geängstigte Mädchen, "ich will Euch

lieber künftig alle meine Anfechtungen und fleischlichen Gedanken

offenbaren (das arme Kind hätte sie gewiss erfinden müssen), als dies

tun, denn ach - mir ist, als würde ich lieber sterben! Darum bitte ich

demütig, ehrwürdiger Vater, erlasst es mir!" - Cornelius bestand aber

fest darauf, denn ohne dasselbe sei es gar nicht möglich, eine

vollkommene Andächtige zu werden; es sei das erste Mittel zum Empfang

der heiligen, heimlichen Disziplin. Er verlangte unbedingten Gehorsam,

wie ihn alle übrigen Disziplinschüler leisteten.

Seine Worte hatten endlich die gewünschte Wirkung. Das schöne Mädchen

hakte ihr Mieter auf und zog es aus; als sie aber ihr Leibchen

aufschnürte, stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen, und Cornelius

sagte: "Bah, mein Kind, fasst Mut und kämpft tapfer und klug gegen die

Verschämtheit und Heuchelei, dann sollt Ihr einen Sieg feiern, dann soll

alles Triumph, Friede und Glorie sein."

Als sie nun bis aufs Hemd entkleidet war und auch dieses fallen lassen

sollte, verwandelte sich die Glut ihres Gesichts in tödliche Blässe. -

Als Cornelius dies sah, stand er eiligst auf und holte aus seinem

Schrank einige stark riechende Essenzen, mit deren Hilfe sie bald wieder

aus der Ohnmacht erwachte.

Für dieses Mal ist es genug, mein Kind", redete er ihr freundlich zu,

"das nächste Mal sollt Ihr nicht allein bei mir sein, sondern in

Gesellschaft einiger Mädchen, die Ihr kennt und die Euch mit gutem

Beispiel vorangehen werden." Als sie sich wieder angekleidet hatte,

ermahnte er sie, keinem Menschen etwas zu sagen und ihm zu geloben, am

bestimmten Tage sich auch wirklich wieder in seinem Disziplinzimmer

einzustellen.

Sie hielt Wort und fand dort die oben erwähnten beiden schönen Mädchen,

die gar keine Umstände machten, sich sogleich auskleideten und ganz

dreist nackt vor den Pater hinstellten. Calleken folgte dem Beispiel,

und Cornelius lobte sehr das Glorreiche eines solchen Siegs über die

verfluchte Scham, die allem frommem Werk im Wege sei. Damit hatte es für

dieses Mal sein Bewenden, denn Cornelius pflegte seine frommen Töchter

mehrere Monate lang im Entkleiden zu üben, denn sein Grundsatz war, sie

mussten freiwillig die Scham aufgeben und selbst die Disziplin begehren.

Während dieser mit Calleken vorgenommenen seltsamen Exerzitien wurde sie

von einem Mädchen, das schon seit langem zu des Paters schamlosen

Freikorps gehörte, gefragt: ob sie denn nun wisse, was die Disziplin

oder heilige sekrete Pönitenz sei? Calleken antwortete, dass sie es wohl

beinahe ahne, aber noch nicht sicher wisse. "Ei", sagte das Mädchen,

"wenn du diese noch nicht verdient hast, dann musst du wohl ein ganz

anderes reines Mädchen sein als alle anderen; allein ich denke, dass du

deine Anfechtungen nicht recht bekannt und gestanden hast." Nun wurde

sie zum unbedingten Gehorsam gegen Bruder Cornelius ermahnt: sie müsse,

hieß es, ihre Seele ihm ganz und gar übergeben, den sonst könne es

unmöglich etwas werden. Calleken versprach, ganz zu tun, wie die Mädchen

ihr rieten.

Die vielen Reden von fleischlichen Anfechtungen, von natürlichen

unsauberen Begierden, unkeuschen Träumen usw. hatten das unschuldige

Mädchen ganz verwirrt gemacht, so dass sie Tag und Nacht an nichts

anderes dachte, was denn auch mit wirklichen Anfechtungen endete, so

dass sie dem erfreuten Pater etwas zu beichten hatte. Sie wurde nun der

Disziplin für würdig erachtet und wurde eine Devote wie die andern.

Diese Bußgenossenschaft, zu welcher die schönsten Frauen und Mädchen von

Brügge gehörten, bestand eine ganze Reihe von Jahren, ohne dass

außerhalb des Kreises derselben das geringste verlautete. Aber der Krug

geht so lange zu Wasser bis er bricht, und auch den frommen

Beschäftigungen des faunischen Paters sollte ein Ende gemacht werden.

Bei einer kleinen Festlichkeit einiger Mitglieder dieser Genossenschaft,

der auch Pater Cornelius beiwohnte, ging es sehr lustig zu. Der Pater

tanzte mit einer hübschen Beichttochter und küsste sie in seiner frommen

Weinlaune auf den Mund. -Calleken Peters hörte davon durch eine der

Anwesenden und war sehr betreten, dann sagte sie - "man steht doch

mutternackt vor ihm, und wie kann man wissen, ob ihn nicht etwas

Menschliches anwandelt." Die andere erklärte ihn für einen Engel in

Menschengestalt, der nicht sündigen könne; allein Calleken antwortete:

"Ich behaupte nicht gerade, dass er sündigt, aber wie nun, wenn ihn eine

menschliche Schwachheit ergreifen sollte, wie wolltest du dich benehmen,

um nicht mit zu sündigen?" - "Ich würde es in Demut geschehen lassen",

antwortete die andere, "denn ich bin Überzeugt, unser Herrgott würde mir

solches nicht zur Sünde rechnen um des heiligen Mannes willen, indem

dieser die Handlung ohne eigentlich fleischliches Gelüste vollbrächte."

Calleken wollte diese Religion nicht einsehen, allein der Pater, der

Nachricht von dieser Unterredung erhielt, bekam einen großen Schrecken

und nach mehreren Unterredungen mit Calleken ließ er sich von ihr in

Gegenwart eines anderen Paters eine Erklärung unterschreiben, dass sie

an ihm nie etwas bemerkt, was ihr Ärgernis gegeben habe, und dass sie

nichts von einer heimlichen Disziplin wisse. Der Pater stellte ebenfalls

ein Zeugnis aus, dass er Ohrenzeuge einer solchen Erklärung gewesen und

Cornelius wurde wieder ruhig, besonders da er sah, dass Calleken Peters

das Geheimnis bewahrte und auch nicht aus seiner Beichtgenossenschaft

austrat.

Nach zwei Jahren kamen ihr aber Skrupel, und sie wollte von dem Pater

aus der Bibel bewiesen haben, dass die heimliche Disziplin zur Seligkeit

absolut notwendig sei. Sie warf ihm vor, dass er auf der Kanzel die

Bibelstellen ganz anders auslege als ihr, und er rief sehr verlegen: "Ah

bah! wenn ich auf der Kanzel stehe, rede ich für die Weltkinder."

Bei einem abermaligen Disput über diesen Gegenstand riss dem Pater die

Geduld, und er befahl ihr, sich auf der Stelle zu entkleiden und die

Pönitenz zu empfangen; allein Calleken weigerte sich durchaus und

erklärte, dass nur Beweise aus der Bibel sie vermögen könnten, zum alten

Glauben an die Notwendigkeit der heimlichen Disziplin zurückzukehren. Er

tobte und gab ihr drei Wochen Zeit, sich zu bedenken.

Sie war bei ihrem Entschluss geblieben und ging nach drei Wochen ins

Kloster. Cornelius war nicht zu Hause, und sie kam auf den Gedanken,

eine Unterredung mit dem Guardian zu haben. Im Laufe derselben fragte

sie denselben, ob er Kenntnis habe von der Art und Weise, wie Pater

Cornelius diszipliniere?

Nach dem der Guardian sich überzeugt hatte, dass nur Gewissensangst das

Mädchen zu ihm trieb, so erklärte er ihr endlich, dass Cornelius zu den

Menschen gehöre, von denen Christus gesagt - "Wehe denen, die einen von

diesen kleinsten ärgern; es wäre ihm besser, dass ihm ein Mühlstein an

seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde."

Sie ging nun nicht mehr zu Cornelius, allein dieser belästigte sie

fortwährend, und sie beschloss daher, gegen alle fernere Teilnahme an

der Bußsodalität zu protestieren. Cornelius war wütend, behandelte sie

wie einen bösen Geist und übergab sie feierlich dem Teufel.

Bis jetzt hatte das Mädchen geschwiegen, aber nun erhob es sich mit dem

Stolz und Mut der gekränkten und misshandelten Unschuld und rief: "Wehe

Euch, ihr fleischlich gesinnter Mensch, der ihr mit all diesem

Nacktauskleiden und Disziplinieren nichts anderes gesucht habt, als eure

unkeuschen Augen und niederträchtigen Begierden zu befriedigen zum

großen Ärgernis und Skandal von so viel unschuldigen Mädchen. Wehe Euch,

es wäre besser, dass Euch ein Mühlstein an den Hals gehängt und ihr in

die Tiefe des Meeres versenkt würdet!"

Die Wut des Paters war unbeschreiblich. Die Szene endete damit, dass er

sie am Arm ergriff und zur Tür hinausschob, wobei er wie wahnsinnig

schrie: "Weg von hier, Ihr Paulianerin! ich sehe nun, dass Ihr eine

Paulianerin geworden seid wie Betken Maes; weg, weg, ich übergebe Euch

dem Teufel!"

Calleken Peters ging ruhig nach Hause und lebte still und sittsam, ohne

- aus Rücksicht für den Guardian und andere Frauen - von der seltsamen

Bußanstalt des Paters zu reden, die immer fortblühte. Sie heiratete und

kümmerte sich nicht darum; aber drei Jahre nach der oben erzählten Szene

kam die ganze Geschichte durch die oben erwähnte Betken Maes an den Tag.

Es war dies ein ausgezeichnet braves Mädchen. Sie hatte sich ganz und

gar der Krankenpflege gewidmet und wohin sie immer kam, erschien sie wie

ein Engel des Trosts. Sie hatte auch zur Bußgesellschaft von Cornelius

gehört, allein gab ihn als Beichtvater auf und beichtete einem

trefflichen Augustinermönch. Cornelius war wütend und verketzerte sie

überall, allein Betken schwieg.

Als sie einst bei einer Kranken war, die zu sterben meinte, verlangte

dieselbe, in einer Kapuze zu sterben, die sie von Cornelius erhalten,

der ihr gesagt hatte, dass sie, wenn sie in derselben sterbe, gar nicht

einmal in das Fegefeuer kommen werde. Betken suchte, ihr den Unsinn

auszureden, die Frau wurde böse, genas aber und erzählte die Sache

Cornelius.

Dieser verleumdete sie nun in allen Klöstern und Privathäusern, welche

ihr die Kundschaft aufkündigten. Er wusste es sogar so weit zu bringen,

dass ihr Beichtvater, weil er seine vereidigten Beichttöchter verleite,

in den Bann getan wurde. Betken selbst wurde als Ketzerin sogar auf der

Straße verfolgt und verspottet.

In dieser Not beichtete sie dem Provinzial der Augustiner das Geheimnis

der Bußanstalt. Der Provinzial beschloss, den Vermittler zu machen, und

bewog Cornelius, gegen ihr Versprechen zu schweigen von der Kanzel seine

Reden gegen sie zu widerrufen. Er tat dies in verblümter, nur wenigen

verständlicher Weise und erklärte überall, dass er den Schritt nur auf

Andringen angesehener, dem Erasmianismus anhängender Häuser getan habe.

Seine Meinung aber über das Mädchen sei dieselbe.

Betken Maes war völlig wie vogelfrei; sie traute sich aus Furcht vor dem

Pöbel nicht auf die Straße, und die Nächte durchwachte sie in Angst, da

sie jeden Augenblick eine Gewalttat der Fanatiker oder einen Besuch der

schrecklichsten Inquisition erwartete. Der Trieb der Selbsterhaltung

bewog sie zum letzten Mittel. In mehreren Häusern, wo man sie noch

duldete, erzählte sie die Betrügereien des Paters Cornelius und gab

detaillierte Schilderungen von seiner Pönitenzanstalt. Anfangs glaubte

man, sie erzähle ein von der Rachsucht eingegebenes Märchen; aber die

Sache verbreitete sich und kam dem Magistrat zu Ohren, der diese

Gelegenheit nicht ungern ergriff, um dem verhassten Mönch an den Kragen

zu kommen.

Cornelius opponierte und drohte sogar mit der Inquisition. Das zwang den

Rat vollends, alle Rücksichten fallenzulassen, und Calleken Peters und

alle Sodalinnen des Paters mussten zu ihrer großen Beschämung persönlich

vor Gericht erscheinen. Unter ihnen befanden sich sehr viele angesehene

Frauen und Fräuleins. Ihre Unschuld erkannte man wohl im Allgemeinen an,

aber es erging ihnen wie den vornehmen "Seelenbräuten" des Königsberger

Muckers Ebel, der Makel des Lächerlichen blieb zeitlebens an ihnen

kleben.

Das Urteil gegen Cornelius fiel sehr milde aus, denn die Pfaffen hatten

damals noch die Oberhand. Er wurde von Brügge nach Ypern versetzt, da

ihm kein förmlicher Angriff auf die Tugend der Frauen bewiesen werden

konnte. Mehr als das Gericht bestrafte ihn die Satire des Volkes, die

ihn auf alle mögliche Weise verfolgte. Er starb im Jahr 1581, aber sein

Name hat sich noch in der Tradition erhalten, und manches Mädchen wird

rot und kichert heimlich, wenn "Broer Cornelius" genannt wird.

Doch was wollen alle Künste des plumpen flämischen Paters sagen gegen

die feine Niederträchtigkeit der Jesuiten in dergleichen Dingen! Sobald

sie ihre Wirksamkeit begonnen, bemühten sie sich, Mädchen und Frauen für

ihre Geißelsodalitäten zu gewinnen. Sie hatten sich nicht für die

Geißelung auf den Rücken, sondern für die unterhalb desselben gelegene

Gegend entschieden. Diese Art der Disziplin wurde von den Jesuiten in

Löwen die Spanische genannt und angewandt, weil sie der Gesundheit

zuträglicher sei als die obere, oder aus andern Gründen.

Während die roheren Mönche des Mittelalters wirklich hin und wieder aus

dummem Religionseifer die Geißel anwendeten, taten es die Jesuiten

meistens, um unter dem Deckmantel der Religion ihre raffinierte Wollust

zu befriedigen. Wie sie dabei zu verfahren pflegten, will ich in der

berüchtigten Geschichte von dem Jesuiten Girard und Fräulein Cadière

zeigen, soweit es der Umfang dieser Blätter gestattet. Der Prozess, den

das Fräulein gegen ihren Beichtvater einleitete, machte im Anfang des

18. Jahrhunderts ein ungeheures Aufsehen; ganz Europa nahm daran teil. -

Das Hauptwerk über diesen wichtigen Rechtshandel umfasst acht Bände, und

man wird es begreiflich finden, dass meine Darstellung nur eine sehr

skizzenhafte sein kann.

Catherine Cadière war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns zu Toulon

und am 12. November 1702 geboren. Sie hatte drei Brüder; der älteste

verheiratete sich, der zweite trat in den Dominikanerorden, und der

dritte wurde Laienpriester. Der Vater war schon während der

Minderjährigkeit Catherines gestorben, die nun bei ihrer borniert

bigotten Mutter als deren Liebling blieb. Sie entwickelte sich sowohl

körperlich als geistig auf die vorteilhafteste Weise. Das heißt, sie

wurde sehr schön, und ihrer trefflichen Gemüts- und Geistesanlagen wegen

wurde sie von allen, die sie kannten, sehr wohl gelitten. Allein die

Erziehung ihrer bigotten Mutter, die darin von Geistlichen unterstützt

wurde, die abgeschmackten Heiligenlegenden und mystischen Bücher, die

man ihr schon frühzeitig zu lesen verstattete, gaben ihrem Geist eine

ganz eigentümliche schwärmerische, mystische Richtung. Das Beispiel der

heiligen Frauen der römischen Kirche und die heiligen Offenbarungen und

Visionen, deren dieselben gewürdigt wurden, lagen ihr beständig im Sinn,

und ihr höchster Wunsch war es, diesen halbtollen Närrinnen ähnlich zu

werden. Dies war denn auch der Grund, weshalb sie mehrere vorteilhafte

Heiratsanträge ausschlug.

So erreichte sie das Alter von fünfundzwanzig Jahren und man darf

voraussetzen, dass in einem körperlich so üppigen und dabei so

phantasiereichen Mädchen die gewaltsam unterdrückte Natur längst

angefangen hatte, ihre Rechte geltend zu machen, und dass es nur eines

leichten Reizes bedurfte, um ihre sinnlichen Begierden zu hellen Flammen

anzublasen.

Zu dieser Zeit, im Jahr 1728, kam der Jesuit Pater Johann Baptist Girard

als Rektor des Königlichen Seminars der Schiffsprediger zu Toulon an.

Früher hatte er in Aix gelebt. Ihm ging ein großer Ruf als

ausgezeichneter Kanzelredner und als durchaus streng sittlicher Mann

voraus, und er erlangte denn auch gar bald in seinem neuen

Wirkungskreise eine ganz außerordentliche Geltung und Verehrung.

Besonders strömten die Frauen zu seinen Predigten und in seinen

Beichtstuhl. Eine große Menge junger Mädchen trat in eine Art von Orden,

in welchem unter Girards Leitung fromme Übungen vorgenommen wurden. Die

fromme Schar machte ihm viel Freude, denn es waren schöne Mädchen

darunter, und die Frömmigkeit und Ehrbarkeit des Jesuiten waren nur das

Schafsfell, mit welchem der reißende Wolf der rohesten Sinnlichkeit

bedeckt wurde.

Vor allen Dingen trachtete Girard zunächst danach, durch seine Lehren

die Herzen und die Phantasie der jungen Mädchen zu vergiften. Wie eine

Spinne ihr Opfer mit unendlich vielen feinen Fäden umzieht, ehe sie ihm

das Blut aussaugt, so war auch der Jesuit bemüht, seine Opfer im Netz

der raffiniertesten Sinnlichkeit zu fangen. Er durfte nicht zu schnell

vorwärts gehen, denn Übereilung konnte alles verderben. Auch hatte er

dazu keine Ursache, da er über den sicheren Erfolg seiner

Verderbungstheorie vollkommen beruhigt war.

Als er bemerkte, dass die Mädchen bereits mit schwärmerischer Innigkeit

und felsenfestem Vertrauen an ihm hingen, fing er allmählich an, ihnen

andere Strafen, als es bisher geschehen war, für ihre Sünden

aufzuerlegen, und kam nach und nach auf die Disziplin.

Die meisten Mädchen ahnten aus Dummheit auch nicht das allergeringste

Böse und andere, durch das Geißeln angenehm sinnlich aufgeregt, fanden

ein geheimes Vergnügen daran, wenn sie sich dessen vielleicht auch nicht

klar bewusst waren. Noch andere mochten wohl den Pater und seine

Absichten durchschauen, allein sie waren weit entfernt, denselben

entgegenzuwirken, weil sie es nicht ungern gesehen haben würden, wenn

sie heimlich und ungestraft von der verbotenen Frucht hätten naschen

können. Diese und vielleicht auch finanzielle Gründe machten eine der

Beichttöchter, Fräulein Guiol, dem Jesuiten ganz und gar ergeben, und

sie ließ sich zu all seinen Plänen gern gebrauchen.

Diese Guiol war ein gescheites, durchtriebenes Geschöpf und dem Pater

von unendlichem Nutzen. Er durfte bei seinen Beichttöchtern bald

weitergehen und bei der Disziplin seine Lüsternheit noch auf andere

Weise als mit den Augen befriedigen, wenn er sich auch wohl hütete, zum

Äußersten zu schreiten, wo er seiner Sache nicht ganz gewiss war wie

etwa bei der Guiol.

Zur Zahl seiner Pönitentinnen gehörte auch Catherine Cadière. Das in

seiner vollsten Blüte prangende geistvolle Mädchen erregte nicht nur

seine Sinnlichkeit, sondern flößte ihm auch ein Gefühl ein, welches ich

Liebe nennen würde, wenn ich es für möglich hielte, dass eine solche

hohe Leidenschaft in der Brust eines derartigen Menschen Raum gewinnen

könnte. Ihr verständiges und tugendhaftes Wesen erforderte aber ganz

besondere Behandlung und Rücksicht und er beschloss, hier mit

ungewöhnlicher Umsicht zu Werke zu gehen. Er machte die Guiol zu seiner

Vertrauten und diese verhieß ihm ihren Beistand.

Als er das Innere des Mädchens sondierte, erkannte er bald ihre

schwärmerische Richtung und war bemüht, den Funken zur Flamme

anzublasen. Er rühmte ihre ganz besonderen Anlagen, prophezeite, dass

Gott mit ihr ganz besondere Absichten hege, und wusste sie zu dem

Versprechen zu bewegen, sich zur schnelleren Erreichung derselben

gänzlich seiner Leitung und seinem Willen zu überlassen.

So wurde das Mädchen innerlich vergiftet, ohne nur eine Ahnung davon zu

haben. In ihrem Busen wogte ein Meer von unbestimmten, aber

unbeschreiblich süßen Gefühlen. Kurz, "das Püppchen wurde geknetet und

zugericht, wie's lehren tut manch welsche Geschicht." Dahin war Girard

im Lauf eines Jahres gelangt; nun galt es, den zündenden Funken in das

Brennmaterial zu werfen, welches er in ihr angehäuft hatte.

Catherine war längere Zeit krank gewesen und besuchte Girard im

Refektorium der Jesuiten. Er machte ihr zärtliche Vorwürfe, dass sie ihn

während ihrer Krankheit nicht habe rufen lassen, und gab ihr einen

glühenden Kuss. - Dem erfahrenen Mädchenkenner konnte es nicht entgehen,

welche außerordentliche Wirkung dieser Kuss hervorbrachte. Katharina

musste ihm in den Beichtstuhl folgen, und hier forschte er genau nach

ihren Ideen und Stimmungen, befahl ihr täglich zum Abendmahl zu gehen

und fleißig die Kirche zu besuchen; auch weissagte er ihr baldige

Visionen und ermahnte sie, ihm über diese wie überhaupt über ihre

psychischen und physischen Zustände den gewissenhaftesten Bericht

abzustatten.

Diese Visionen stellten sich denn auch wirklich ein und erhitzten ihr

Blut und ihre Phantasie immer mehr. Ob sie allein durch den aufgeregten

Gemütszustand des Mädchens und durch das geistige Gift des Pfaffen oder

durch materielle Mittel hervorgerufen wurden, weiß ich nicht anzugeben.

Es kam aber endlich so weit, dass sie ihm klagte, wie sie nicht mehr im

Stande sei, laut zu beten und ihm die heftige Liebe zu verbergen, die

sie für ihn empfinde. Über den ersten Punkt beruhigte er sie bald und

"die Liebe", fuhr er fort, "die Ihr zu mir tragt, soll Euch keinen

Kummer machen; der liebe Gott will, dass wir beide miteinander vereinigt

werden sollen. Ich trage Euch in meinem Schoß und in meinem Herzen; von

nun an seid Ihr nichts mehr als eine Seele in mir, ja die Seele meiner

Seele. So lasst uns denn in dem heiligen Herzen Jesu einander recht

brünstig lieben."

Anstatt nun der Natur freien Lauf zu lassen und der aufs höchste

aufgeregten Sinnlichkeit Genüge zu leisten, verfuhr er weit teuflischer.

Sein Bemühen war nun darauf gerichtet, den durch ihn hervorgerufenen

hysterischen Zustand zur äußersten Stufe heranzubilden. Dies gelang ihm

auch. Fräulein Cadière verfiel in hysterische Krämpfe, während welcher

sie wunderbare Visionen heiliger und unheiliger Art hatte, die sich aber

meistens um Pater Girard bewegten.

Schon zur Fastenzeit des Jahres 1729 hatte sie eine wunderbare Vision.

Sie hörte eine Stimme, welche ihr zurief: "Ich will dich mit mir in die

Wüste führen, wo du nicht mehr mit Menschenkost, sondern mit Engelspeise

genährt werden sollst." - Von nun an widerstand ihr jede Speise, und

überwand sie ihren Ekel dagegen mit Gewalt, so folgte darauf heftiges

Erbrechen. Dann bekam sie einen Blutsturz. Pater Girard und seine

Vertrauten erklärten diese Zufälle als ein Zeichen der ihr nun bald

zuteil werdenden Wundergabe.

Catherine verfiel nun aus einer Verzückung in die andere. Auf ihrem

Gesicht standen Blutstropfen und an ihrer linken Seite und an den Händen

und Füßen wurden blutige Stigmen oder Wundmale sichtbar, mit denen nach

dem römischen Aberglauben besonders heilige von Gott auserlesene

Personen begnadigt werden. - Ja, hiermit endeten die Wunder nicht. Als

der Pater dem Fräulein die Haare abgeschnitten hatte, bildete sich um

ihr Haupt eine Art Heiligenschein, und das Tuch, mit welchem sie ihr

Gesicht abgetrocknet hatte, erhielt davon das Bild eines leidenden

Christus mit der Dornenkrone!

Wie weit diese wunderbaren Zustände der geistigen und körperlichen

Krankheit des Fräuleins und wie weit sie jesuitischem Betrug

zugeschrieben werden müssen, weiß ich nicht zu beurteilen. Dass Girard

jedoch die Entdeckung des Letzteren sehr fürchtete, geht schon aus der

Sorgfalt hervor, mit welcher er darüber wachte, dass von dem Zustand des

Fräuleins außerhalb des eingeweihten und gläubigen Kreises nichts

bekannt wurde. Der Mutter hatte er gesagt, dass Catherine in

vierundzwanzig Stunden sterben würde, wenn man nur ein Wort über die

wunderbaren Vorgänge fallen ließe.

Girard hatte nun selbstverständlich freien Zutritt im Haus der Madame

Cadière, denn er musste ja für die Seele ihrer Tochter sorgen und - die

Stigmen untersuchen! Bei diesen Visiten war er stets so vorsichtig, den

jüngeren Bruder Catherines, der damals gerade im Jesuitenkollegium

Theologie studierte, bis an die Haustür mitzunehmen und sich auch von

ihm wieder abholen zu lassen. Er schloss sich stets mit seiner

Beichttochter in deren Zimmer ein und konnte sich an den wunderbaren

Stigmen, besonders dem in der Seite, gar nicht satt sehen. Verfiel

Catherine in hysterische Krämpfe und Ohnmacht, was für Besessenheit

galt, dann wandte der Jesuit die ihm dadurch vergönnte Zeit dazu an,

seine Lüsternheit auf brutale Weise zu befriedigen, soweit es anging.

Wenn das Fräulein erwachte, fand sie sich unanständig entblößt, und

hinter ihr stand mit hämischem Gesicht der fromme jünger Jesu.

Fräulein Cadière beklagte sich hierüber mehrmals bei der Guiol, aber

diese leichtfertige Person lachte sie aus, dass sie dabei nur etwas

Unanständiges finden könne, und ebenso erzählten ihr die anderen

Mitglieder der Schwesternschaft, dass Pater Girard sich mit ihnen noch

ganz andere Freiheiten herausnehme, worüber sie indessen durchaus nicht

ungehalten wären.

Der galante Jesuit war aber auch stets bemüht, sich immer fester in die

Gunst seiner Schülerinnen zu setzen. Er wusste ihnen die Andacht sehr zu

erleichtern und sorgte dafür, dass sowohl ihre Sinnlichkeit als ihr

weltlicher Sinn fortwährend Nahrung erhielten. Er sorgte stets für gute

Bedienung, für eine vortreffliche Küche, Landpartien und Blumensträuße.

Die Königin all seiner Gedanken aber blieb Catherine.

Bei dieser rückte er nun seinem Ziele immer näher. Er führte eine

Gelegenheit herbei, um sich scheinbar mit Recht über ihren Ungehorsam

beklagen zu können, und nachdem Catherine von der Guiol gehörig

vorbereitet war, erschien sie demütig bei Girard zur Beichte, bereit,

jede Strafe auf sich zu nehmen, die er ihr auferlegen werde. Der Pater

kündigte ihr nach einer scharfen Ermahnung denn auch an, dass sie

Pönitenz für den Ungehorsam leisten müsse.

Am anderen Morgen erschien er mit einer Disziplin in ihrem Zimmer und

sagte: "Die Gerechtigkeit Gottes verlangt, dass, weil Ihr Euch geweigert

habt, mit seinen Gaben Euch bekleiden zu lassen, Ihr Euch jetzt nackt

ausziehen sollt. Zwar hättet Ihr verdient, dass die ganze Erde Zeuge

davon wäre, doch gestattet der gnädige Gott, dass nur ich und diese

Mauer, die nicht reden kann, Zeugen bleiben. Vorher aber schwört mir den

Eid der Treue, dass Ihr das Geheimnis bewahren wollt, denn die

Entdeckung könnte mich und Euch ins Verderben stürzen."

Das Fräulein tat, wie er befohlen hatte, und als sie sich bis aufs Hemd

entkleidet hatte, gebot er ihr, sich auf das Bett zu legen. Nachdem es

auch dies getan, wobei er sie mit einem Kissen unterstützt hatte, gab er

ihr einige sanfte Hiebe auf die Hüften, die er dann küsste. Nun zwang er

sie, auch die letzte Hülle zu entfernen und sich demütig vor ihn

hinzustellen. Das Fräulein wurde ohnmächtig, aber als sie wieder zu sich

kam, erklärte sie, gehorchen zu wollen, und kniete ganz nackt vor ihm

nieder. Darauf gab er ihr noch einige Streiche und ließ nun seiner

Begierde freien Lauf. Catherine setzte ihm keinen Widerstand entgegen,

und der satanische Jesuit erreichte das Ziel seiner Wünsche.

Von nun an betrachtete er das Fräulein ganz und gar als sein Eigentum

und verführte sie zu Handlungen der raffiniertesten Sinnlichkeit, wobei

er sich jedoch stets sehr geschickt in ein heiliges Gewand zu kleiden

wusste. Was er alles vornahm hier zu erzählen, ist nicht tunlich.

Wollte die Mutter oder der Bruder des Fräuleins ihn manchmal in seinen

andächtigen Beschäftigungen stören, dann warf er ihnen die Tür vor der

Nase zu, und als sich einmal der Dominikaner darüber bei der Mutter

beklagte, hieß sie ihn schweigen und wies ihn sogar zum Haus hinaus. So

sehr war die blödsinnig bigotte Frau von der Heiligkeit des Jesuiten und

der Tugend ihrer Tochter überzeugt.

Girard merkte sehr bald, dass Fräulein Cadière schwanger war, und unter

einem Vorwand bewog er sie, einen Trank, den er bereitet hatte,

einzunehmen. Es war dies ein abtreibendes Mittel, welches auch seine

Wirkung tat. Catherine fühlte sich durch den erfolgenden Blutverlust

sehr geschwächt, so dass ihre Mutter, welche weit entfernt war, die

Wahrheit auch nur zu ahnen, ihr sehr dringend riet, einen Arzt zu Rate

zu ziehen, was aber Girard durch allerlei Gründe zu verhindern wusste.

Durch die Unvorsichtigkeit einer Magd wäre das Geheimnis fast entdeckt

worden, und um sich dagegen und zugleich auch seine Beute zu sichern,

beschloss Girard, Catherine als Nonne im St. Clara-Kloster zu Ollioules

unterzubringen. Er schrieb an die Äbtissin und machte ihr die

hinreißendste Schilderung von der Tugend, Frömmigkeit und Gottseligkeit

seiner Pönitentin, so dass sie mit Freuden bereit war, Catherine

aufzunehmen, wenn ihre Familie dazu die Einwilligung geben würde. Diese

wurde sehr leicht erlangt und das Fräulein reiste, mit den besten

Empfehlungsbriefen versehen, nach Ollioules ab, wo sie sehr gut

aufgenommen wurde.

Der Jesuit wusste von der Äbtissin die Erlaubnis zu erhalten, seine

Beichttochter besuchen und ihr schreiben zu dürfen. So schlau Girard

aber sonst war, so beging er doch einige Unvorsichtigkeiten, welche die

Nonnen und die Äbtissin misstrauisch machten und die Letztere

veranlassten, seine Besuche zuerst einzuschränken und dann gänzlich zu

untersagen. Durch Vermittlung eines ihm befreundeten Geistlichen wurde

dieses Verbot jedoch bald wieder aufgehoben und Girard genierte sich

noch weniger als früher. Er beobachtete Visionen, untersuchte die

Stigmen und gab seiner Beichttochter die Disziplin auf die alte Weise.

Dies hätte alles noch hingehen mögen, allein er schloss sich oft

stundenlang mit Catherine ein, und da diese, auf ihre besondere

Heiligkeit stolz, hin und wieder mit ihren geistlichen Genüssen gegen

andere Nonnen großtat, so kam man immer mehr und mehr auf den Gedanken,

dass das Verhältnis zwischen Girard und seiner Beichttochter nicht ganz

rein sein möchte. Die Äbtissin verordnete daher, dass beide in ihren

Unterredungen durch Klausur voneinander getrennt bleiben sollten.

Girard achtete das jedoch wenig. Er schnitt mit einem Taschenmesser in

die ihn von seiner Geliebten trennende Leinwand ein Loch und unterhielt

sich durch dasselbe stundenlang mit ihr. Hatte er sich müde geküsst und

wandelten ihn andere Gedanken an, dann befriedigte er seine Lüste auf

eine Weise, deren nähere Andeutung widerlich sein würde. Dergleichen

erlaubte er sich sogar im Sanktuarium, und wollte man ihn in gebührender

Entfernung halten, dann wurde er sehr unwillig und schrie. "Was! Ihr

wollt mich von meiner Beichttochter trennen?" Der Jesuit ließ sich sogar

das Essen vor die Klausur bringen; beide aßen Hand in Hand, und es kam

nicht selten vor, dass ihn Laienschwestern dabei überraschten, wenn er

seinen Arm um den Leib des Fräuleins geschlungen hatte.

Der jesuitische Wollüstling fing aber bereits an, seines Opfers

überdrüssig zu werden. Er erklärte sie daher für hinreichend heilig und

beschloss, sie in ein entferntes Karthäuser-Nonnenkloster zu schicken.

Die Nonnen setzten von diesem Vorhaben sogleich den Bischof von Toulon

in Kenntnis, der es nicht dulden wollte, dass ein Mädchen, welches in

der Welt für eine Heilige gehalten wurde, seine Diözese verließ. Er

schrieb daher an Catherine und verbot ihr, in Zukunft dem Pater Girard

zu beichten oder sich an einen Ort zu begeben, wohin sie derselbe weisen

würde, und stellte ihr zugleich frei, zu ihrer Familie zurückzukehren.

Er sandte ihr darauf einen Wagen, und der Aumonier des Bischofs und

Pater Cadière, ihr Bruder, brachten sie in ein Landhaus unweit Toulon.

Als Girard diese Nachricht erhielt, erschrak er nicht wenig, und es war

sein erster Gedanke, sich die Schriften und Briefe zu verschaffen,

welche die Cadière von ihm hatte. Dies gelang ihm auch durch Vermittlung

einer anderen Beichttochter, die er früher besonders geliebt hatte; nur

ein einziger Brief blieb durch Zufall in Catherines Händen zurück.

Diese wurde nun als eine Heilige der besonderen Obhut des neuen Priors

der Karmeliter zu Toulon übergeben. In der Beichte hörte dieser nun

manche befremdende Dinge, die ihn, nebst einigen auf Girard bezüglichen

schwärmerischen Äußerungen, veranlassten, tiefer nachzuforschen, und so

entdeckte er denn ohne besondere Schwierigkeit den niederträchtigen

Betrug, mit welchem man dies schwärmerische, unschuldige Mädchen und die

Welt betrogen hatte. Er machte sogleich Anzeige bei dem Bischof, der

selbst auf das Landhaus kam und Catherine über alle näheren Umstände

befragte. Das arme Mädchen, dem nun die Augen so furchtbar geöffnet

wurden, bat fußfällig und mit Tränen, die Ehre ihrer Familie zu

berücksichtigen und die Sache zu unterdrücken.

Der Bischof versprach dies zwar, wurde aber bald durch andere

Rücksichten umgestimmt und der Prozess nach einigen Präliminarien bei

dem für geistliche Sachen verordneten Kriminalgerichte zu Toulon

anhängig gemacht. - Doch was wollte ein armes Mädchen ausrichten gegen

die mächtigen Jesuiten, die selbst auf den Gerichtsbänken ihre

Angehörigen sitzen hatten! Die Sache des Paters Girard wurde zu der des

Ordens gemacht, welcher für diesen Prozess über eine Million Franc

opferte.

Es begann nun eine Reihe der nichtswürdigsten Ränke, um Fräulein Cadière

als eine Lügnerin und Betrügerin und von den Feinden des Jesuitenordens

bestochene Person hinzustellen, ja sie der Ketzerei und Zauberei zu

beschuldigen, vermittels welcher sie sich auf allerlei verbotenen Wegen

den Heiligenschein habe verschaffen wollen. Fräulein Cadière bereute

nun, leider zu spät, dass sie dem Pater ganz arglos die Briefe und

Schriften ausgeliefert hatte, mit denen sie ihre besten

Verteidigungswaffen aus den Händen gab.

Der Prozess nahm bald für sie eine recht schlimme Wendung. Der König

hatte Kenntnis davon erhalten und durch ein Dekret des Staatsrats die

allerstrengste Untersuchung anbefohlen. Die Sache kam nun vor den Hohen

Gerichtshof zu Aix. Der Karmeliterprior und der Dominikaner Cadière

wurden als Mitschuldige und Mitbetrüger in den Prozess verwickelt; die

Nonnen zu Ollioules wurden zu ungünstigen Aussagen gegen Fräulein

Cadière durch die Jesuiten veranlasst und die Ärmste selbst duldete bei

den den Jesuiten befreundeten Ursulinerinnen in diesem Ort ein hartes

Schicksal. Sie war in eine Kammer eingesperrt worden, die früher einer

Wahnsinnigen als Wohnung gedient hatte und die mit Moder und Gestank

erfüllt war.

Man folterte sie physisch und moralisch auf alle nur erdenkliche Weise,

gebrauchte List und Gewalt und erreichte endlich damit den

beabsichtigten Zweck, sie zum Widerrufe zu bewegen.

Nun aber drangen die Jesuiten erst recht auf scharfe Untersuchung, denn

nun schien ihr Sieg gewiss, und der Erste Gerichtshof zu Aix fällte auch

wirklich ein Urteil, welches Fräulein Cadière sehr ungünstig war. Man

brachte sie einstweilen als Gefangene in ein Kloster zu Aix; aber sie

appellierte wegen Missbrauchs geistlicher Gewalt in dem eingeleiteten

Verfahren, und die Sache kam vor das Parlament.

jetzt begannen die Intrigen der Jesuiten aufs neue. Catherine

behauptete, dass sie unschuldig von P. Girard auf die angegebene Weise

misshandelt und nur durch Drohungen und Quälereien während des

Kriminalverfahrens zum Widerruf gezwungen worden sei.

Der königliche Prokurator zeigte sich bei dem ganzen Verfahren durchweg

parteiisch für die Jesuiten und trug endlich an auf: "Lossprechung des

P. Girard und auf die ordentliche und außerordentliche Folter, sodann

aber auf Hinrichtung durch den Strick für Catherine Cadière."

Die vierundzwanzig Richter waren aber nicht dieser Meinung; jedoch waren

ihre Ansichten geteilt. Zwölf davon sprachen sich dahin aus: Johann

Baptist Girard in Anbetracht der an ihm sichtbar gewordenen

Geistesschwäche, die ihn zum Gegenstand des Spottes seiner Beichtkinder

gemacht, mit seiner Klage gegen dieselbe abzuweisen. - Das Urteil der

anderen, besseren Hälfte des Parlaments lautete aber sehr verschieden:

Johann Baptist Girard ist zum Tode durch Feuer zu verurteilen, wegen

vollkommen erwiesener geistlicher Blutschande, Fruchtabtreibung und

Erniedrigung seiner geistlichen Würde durch schändliche Leidenschaften

und Verbrechen etc.

Bei dieser Gleichheit der Stimmen entschied der Präsident, dass man

beide Parteien ohne Strafe freilassen solle. Einige Richter wollten sich

nicht damit begnügen, sondern trugen darauf an, dass man der Cadière

wenigstens eine kleine Züchtigung möchte angedeihen lassen. Dagegen

erhob sich aber ein edler Mann unter ihnen und rief: "Wir haben soeben

vielleicht eines der größten Verbrechen freigesprochen und sollten

diesem Mädchen auch nur die geringste Strafe auferlegen? Nein, eher

sollte man diesen Palast in Flammen aufgehen lassen!" - Diese Worte

machten Eindruck. Es wurde bestimmt, das Fräulein zu ihrer Mutter nach

Hause zu entlassen und der Sorgfalt derselben zu empfehlen.

Das königliche Parlament hatte den Schurken zwar freigesprochen; aber in

der öffentlichen Meinung war Girard gerichtet. Eine unzählbare

Menschenmasse erwartete in den Straßen die Entscheidung des

Gerichtshofes. Die Richter, welche gegen die Cadière gesprochen hatten,

wurden mit Schimpf und Hohn empfangen; die Gegner Girards mit Beifall.

Diesen selbst bewillkommnete man mit Schimpfreden und Steinwürfen, so

dass man ihn nur mit Schwierigkeiten unverletzt durch die tobende Menge

bringen konnte. Diese Wut des Volkes erstreckte sich sogar auf den

Küchenjungen, der ihm das Essen gebracht hatte, und man zertrümmerte

dessen Schüsseln, Teller und Flaschen.

Andererseits war man eifrig bemüht, Fräulein Cadière Teilnahme zu

zeigen. Man wetteiferte darin, sie die erlittenen Kränkungen und

Misshandlungen durch freundliche Bewirtung und Trost vergessen zu

machen. Man pries ihre noch immer große Schönheit; - kurz, sie wurde

Mode, wie das ja aber auch mit interessanten Verbrecherinnen in

Frankreich und anderswo noch heutzutage der Fall ist.

Die Teilnahme, welche sie erregte, brachte ihr jedoch Gefahr. Man gab

ihr den wohlgemeinten Rat, Aix schleunigst zu verlassen und sich

verborgen zu halten. Sie reiste ab - aber von da an verlor sich ihre

Spur für ewig. Man hat nie erfahren, was aus ihr geworden ist; aber die

allgemeine Meinung ging zu jener Zeit dahin, dass sie von den Jesuiten

heimlich aus dem Wege geschafft worden wäre.

Girard starb ebenfalls nach Verlauf eines Jahres. Die Jesuiten gingen

ernstlich damit um, ihn zum Heiligen erheben zu lassen, und verglichen

ihn hinsichtlich seines Schicksals mit - Christus!

Eine ganz ähnliche Geschichte wie mit Fräulein Cadière trug sich kurz

vor der Aufhebung des Jesuitenordens in Frankreich zwischen einem seiner

Angehörigen und der Tochter eines Parlaments-Präsidenten zu, welche auch

mit Hilfe des Geißelns verführt wurde. Um die Ehre des Ordens zu retten

und die Unmöglichkeit der Anklage beweisen zu können, hatte man einen

Wundarzt erkauft und vereidigt, welcher den Schuldigen kastrierte. Das

Geheimnis wurde indessen später entdeckt.

Trotz dieser und anderer an den Tag gekommenen Niederträchtigkeiten -

und unter Tausenden wird vielleicht nur eine bekannt! - wurde den

Jesuiten nicht das Handwerk gelegt; überall wurden sie als Beichtväter

gerne gesehen, und besonders die Frauen ließen sich nach wie vor die

angenehme Geißelung gefallen. Einer besonderen Blüte hatten sich diese

Beichtinstitute mit Geißelung fortwährend in Spanien und noch mehr in

Portugal zu erfreuen. König Joseph Emmanuel (1750-77) ließ sich häufig

disziplinieren, und nur mit Mühe brachte ihn sein Minister, der Marquis

von Pombal, davon ab. Die Damen, an ihrer Spitze die Marquise Leonore de

Távora, waren nicht weniger närrisch als der König.

Die Jesuiten wurden bekanntlich durch Pombal vertrieben, allein seine

Feindin, die Königin Donna Maria (1777-99), rief sie wieder zu sich, und

die angenehmen Beichtzerstreuungen mit obligater Geißelung begannen

ärger als zuvor. Der interessante und verschmitzte Pater Malagrida

errichtete eine förmliche Bußanstalt unter den jungen Hofdamen. Man

geißelte sich selbst in den Vorzimmern der Königin und diese soll an den

frommen Übungen selbst teilgenommen haben. - Manche Geschichte à la

Girard mag hier im Verborgenen vorgegangen sein, denn die Hofdamen waren

nach dem Zeugnis von Jesuiten auf das Geißeln so versessen, dass sie mit

einer ordentlichen Wut danach verlangten, die kaum zu befriedigen und in

Schranken zu halten war. Ja, sogar fremde Prinzessinnen und die Damen

der Gesandten wurden zu diesem wollüstig-unterhaltend-frommen

Jesuitenspiel förmlich eingeladen.

Die Zahl der Beispiele von dem Missbrauch des Beichtstuhls ist unendlich

groß und es ließe sich ein umfassendes Werk damit füllen; da aber dieses

Kapitel ein Ende haben muss, so beschließe ich es mit dem Bericht über

eine seltsame Beicht- und Bußanstalt, welche ein Kapuziner zur Zeit

Napoleons I. errichtete. Über die zur Zeit Napoleons III. und seiner

Kaiserin werde ich vielleicht einmal später zu berichten haben.

Der erwähnte Kapuziner hieß P. Achazius und lebte in einem Kloster zu

Düren im jetzigen preußischen Regierungsbezirk Aachen. Der Kapuziner war

abscheulich hässlich, aber er predigte vortrefflich, stand in dem Ruf

ganz ausgezeichneter Frömmigkeit und erfreute sich trotz seiner

faunischen Manieren des Zutrauens der Damen in so hohem Grade, dass sie

ihn zum Direktor ihrer geistlichen Übungen wählten. Am liebsten aber

hatte es Pater Achazius mit Witwen und Jungfrauen von reiferen Jahren zu

tun.

Eine dieser Letzteren hat er sich zu seinem Privatvergnügen erkoren. Er

brachte ihr folgende höchst seltsame Lehre bei: Der Mensch sei unfähig,

die Begierden des Herzens völlig zu zähmen; aber der Geist könne doch

tugendhaft bleiben, während der Körper nach gewöhnlichen Begriffen zu

sündigen scheine. Der Geist gehöre Gott; der Körper der Welt; von diesem

Letzteren selbst mache der Himmel auf die obere Hälfte, die Welt auf die

untere Anspruch. Die Seele sei daher rein zu bewahren, während man den

Körper ruhig fortsündigen lasse.

Die noch immer hübsche alte Jungfer, welche diesen angenehmen Lehren ein

sehr lernbegieriges Ohr lieh, ging bald in des Paters Ideen ein. Nach

vollendeter Beichte musste sie vor dem Kapuziner niederknien, Vergebung

für ihre Sünden erflehen und ihm "des Teufels Anteil zeigen", das heißt

sich bis zum jungfräulichen Zentrum ihres Körpers von unten herauf

entblößen. Als dies geschehen war, schritt er zum letzten Teil der

Andacht und weihte die Dame feierlichst zum ersten Mitglied des Ordens

ein, den er zu stiften gedachte.

Diese fromme Jungfrau war nun bemüht, sowohl unter Personen ihres Alters

wie auch unter jungen Frauen und Mädchen Proselyten zu machen; - kurz,

sie diente dem Pater als Kupplerin. Die Zahl dieser adamitischen

Ordensschwestern wurde bald ziemlich zahlreich und Achazius, unfähig,

einer so großen Menge frommer Damen zu genügen, zog rüstigere Kämpfer

des Glaubens unter seinen geistlichen Brüdern mit in seine Bußanstalt,

welche fröhlich gedieh und vielleicht heute noch bestehen würde, wenn

das Geheimnis derselben nicht durch ein junges Mädchen aus Achazius'

Schule entdeckt worden wäre, welche Nonne wurde, als solche die

Bekanntschaft eines französischen Offiziers machte und diesem die Sache

mitteilte.

Es wurde nun eine genaue gerichtliche Untersuchung angestellt, welche

die merkwürdigsten Resultate ergab. Es kamen da Dinge ans Tageslicht,

welche sich nicht wohl niederschreiben lassen. Eine liebenswürdige und

anständige Dame, Gattin eines Papierfabrikanten, sagte in dem Verhör

aus, dass sie wie verhext gewesen und wie durch einen Trank verzaubert,

zu dem hässlichen Kapuziner hingezogen worden sei, der sich Dinge mit

ihr erlaubt hatte, deren Aufzählung dem abgehärtesten Kriminalmenschen

das Blut in die Wangen trieb. Die Geißelung spielte eine Hauptrolle.

Achazius ließ die Ruten oft in Essig legen und hieb die hier erwähnte

Dame manchmal so stark, dass sie unter irgendeinem Vorwand über drei

Wochen lang das Bett hüten musste.

Im Laufe der Untersuchung ergab sich, dass so viele Kapitel, Klöster und

Familien dadurch kompromittiert wurden, dass Napoleon dem

Generalprokurator aus politischen Gründen befahl, den Prozess

niederzuschlagen. P. Achazius nebst einigen seiner Mitarbeiter wurden

eingesperrt.

Die Akten über diesen skandalösen Prozess lagen später noch längere Zeit

in Lüttich; wurden dann aber an die preußische Regierung nach Aachen

abgeliefert. Es fehlen indessen schon manche wichtige Stücke und andere

verloren sich später, weil die beteiligten Familien alles nur mögliche

taten, die Denkmäler ihrer Schande zu vernichten. Auch die zu jener Zeit

darüber erschienene Broschüre und Karikaturen wussten die Pfaffen

einzusammeln und zu vernichten. (Münchs Aletheia, 3. Buch, S. 323 usw.

Die berichteten Tatsachen hat Münch aus dem Munde des Staatsrates

Leclerq und des Professors Gall zu Lüttich, welche die Untersuchung

geführt und die Anklageakte verfasst hatten.)

Wir würden uns sehr täuschen, wenn wir der Meinung wären, dass sich in

so kurzer Zeit die Zustände der römisch-katholischen Geistlichkeit

geändert hätten. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, das anzunehmen;

sie sind heutzutage mit geringen Modifikationen wahrscheinlich noch

dieselben, welche sie vor Jahrhunderten waren und werden sich nicht

ändern, bis einst dem fluchwürdigen Zölibat und der Ohrenbeichte ein

Ende gemacht wird.

Ich bin nun mit diesem Buch zu Ende, obwohl keineswegs mit meinem

Material, welches geradezu unerschöpflich ist. Ich halte es für unnütz,

noch irgendwelche Bemerkungen hinzuzufügen. Die Schlüsse, welche sich

aus dem Inhalt der vorstehenden Blätter ziehen lassen, liegen zu klar

auf der Hand, als dass es noch irgendwelcher Hinweise bedürfte. Ich

fordere nur die in römisch-katholischen Ländern lebenden Leser dieses

Buches auf, sich in ihrem Kreis umzusehen, und wenn sie der guten Sache

nützen wollen, mir auf den in diesem Buch behandelten Gegenstand

bezügliche, authentische Mitteilungen zu machen. Schließlich bemerke

ich noch, dass die Geistlichen die von mir erzählten Fakten als Lügen,

Erfindungen oder Übertreibungen darstellen werden und weise in Bezug

darauf auf das hin, was ich darüber in der Vorrede sagte.

Wenn ich von dem Unwesen in der nicht römisch-katholischen Kirche nichts

sagte, so geschah dies keineswegs aus Parteilichkeit, sondern einzig und

allein, weil ich mich innerhalb der durch den Titel vorgezeichneten

Grenzen halten musste.

Der Pfaffenspiegel Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche · 第 20 / 20 题