Ich war freilich vollständig davon überzeugt, dass mein Pfaffenspiegel
ein zeitgemäßes Buch sei; allein dennoch überraschte es mich sehr
angenehm, dass bereits nach einigen Wochen eine dritte Auflage nötig
wurde, welche hoffentlich nicht die letzte sein wird.
Ein günstiges Geschick unterstützte die in dem Buch vertretene gute
Sache dadurch, dass es gerade um die Zeit seines Erscheinens Dinge an
das Tageslicht brachte, welche die in demselben aufgestellte Behauptung
bewahrheiteten, dass die in früheren Zeiten innerhalb der römischen
Kirche, namentlich in den Klöstern, verübten Ruchlosigkeiten und
himmelschreienden Verbrechen keineswegs allein barbarischen Zeitaltern
angehörten, sondern dass sie eine natürliche Folge des in der römischen
Kirche herrschenden, unwandelbaren Prinzips sind, und heute noch ebenso
vorkommen wie vor tausend Jahren, nur in vielleicht noch schrecklicherer
und mehr raffinierter Nichtswürdigkeit.
Als die römische Kirche noch über Kaiser, Könige und Volk unumschränkt
gebot, hielten es die Pfaffen kaum für der Mühe wert, ihre
Gewalttätigkeiten zu verbergen, da die Kirche selten den Willen, und das
weltliche Gesetz nicht die Macht hatte, die unter dem Deckmantel der
Religion verübten Scheußlichkeiten zu verhindern, oder zu bestrafen. Das
hat sich indessen seit der Reformation und den aus derselben sich
entwickelnden Revolutionen geändert. Selbst solche Kaiser und Könige,
welche noch sehr geneigt wären, die römische Kirche gewähren zu lassen,
weil die durch dieselbe geförderte Verdummung der Despotie günstig ist,
- sind von der öffentlichen Meinung, welche durch den Arm des Volkes
manchmal Throne zertrümmert und Kronen, - samt den Köpfen -
herunterschlägt, gezwungen worden, ihrer unumschränkten Gewalt feierlich
zu entsagen und ihre despotischen Gelüste hinter sogenannten
Konstitutionen zu verbergen, über welche sie lachen mögen, die aber das
Volk sicher zur Wahrheit machen wird, wenn es sich erst von der
geistigen Knechtschaft der Kirche befreit und damit unehrlichen Fürsten
alle Hoffnung auf die Rückkehr zur alten despotischen Herrlichkeit
abgeschnitten hat.
Die Fürsten, die sich selbst dem Gesetz fügen müssen, können die Pfaffen
nicht länger schützen, welche verfassungsmäßige Gesetze verletzen, denn
die öffentliche Meinung verlangt gleiches Recht für alle und will
Privilegien der Kirche und ihrer Diener nicht länger dulden.
Die römische Kirche hält jedoch ihre Grundsätze und Gesetze für
vollkommen und erklärt, dass der Zeitgeist auf Abwegen sei und durch ein
Konzil wieder in das althergebrachte Gleis gebracht werden müsse; und
die einzige Konzession die sie, aus Notwendigkeit, macht, ist, dass sie
die ihr unberechtigt erscheinende staatliche Gewalt, welche ihren
ungesetzlichen Handlungen Schranken setzen und gar bestrafen will,
betrügt und als Verbrechen denunzierte Vorgänge mit der dreistesten
Unverschämtheit ableugnet und alle Beweise möglichst schnell vernichtet
oder sonst aus dem Weg räumt. Dass bei einem solchen Zustand die Opfer
kirchlicher Tyrannei nicht besser wegkommen, als im Mittelalter, liegt
auf der Hand.
Nach den Enthüllungen, welche innerhalb der letzten zwanzig Jahre
gemacht worden sind, lässt es sich mit Bestimmtheit annehmen, dass alle
Verbrechen, welche in meinem "Pfaffenspiegel" nach authentischen Quellen
berichtet sind, auch noch heutzutage innerhalb der römischen Kirche und
namentlich in den Klöstern begangen, aber nur sorgfältiger geheim
gehalten werden, und dass es daher eine von der Menschlichkeit gebotene
Pflicht ist, die Regierungen auf dem gesetzlichen Weg zu veranlassen,
die strengsten Untersuchungen anzuordnen, und ferner alle
Ausnahmegesetze für Priester, oder die Kirche im Allgemeinen, aufzuheben
und die Gleichheit vor dem Gesetz eine Wahrheit werden zu lassen.
Schließlich ersuche ich nochmals alle Leser, welche es mit der
Menschheit wohl meinen, mir unter der Adresse der Verlagshandlung
Mitteilungen über pfäffische Nichtswürdigkeiten zu machen, die zu ihrer
Kenntnis kommen, und deren Untersuchung und geeigneter Stelle angeregt
werden soll, ohne den Namen der Mitteiler zu nennen. Unzweifelhafte
Fälle sollen dann in folgenden Auflagen und auch durch die Zeitungen zur
Kenntnis des Publikums gebracht werden.
Rorschach am Bodensee, August 1869.
Corvin