"Welchen nun diese Bienen werden
stechen, der mag, schreien und sich rächen.
So werden sie ihn noch mehr stechen."
Philipp von Marnir
Herr von St. Aldegonde
Es sind nun mehr als zwanzig Jahre verflossen, seit die erste Auflage
dieses Buches in Leipzig erschien. Es begann damals sich überall zu
regen. Der sich mündig fühlende Geist der Menschheit empörte sich gegen
die ihm von dem Despotismus vergangener Jahrhunderte aufgezwängten
Formen und die Regierungen wandten die schon oft erprobten Mittel an,
ihn zur Unterwürfigkeit zu bringen. Die Zensur übte ihr Amt mit
bornierter Strenge; Zeitungen wurden widerrechtlich unterdrückt und
Schriftsteller gemaßregelt und eingesperrt, denn durch sie sprach der
Geist der Zeit zum Volk, welches nicht wissen sollte, dass es der
Kinderstube entwachsen war.
Die Kirche blieb nicht zurück. Die alten und bereits beiseite gestellten
Dogmen und Reliquien wurden aus der römischen Rumpelkammer wieder
hevorgesucht und mit mitleidsvollem Zorn sah der Genius des neunzehnten
Jahrhunderts die gläubige Herde zu Hunderttausenden nach Trier
wallfahrten, einen von dem dortigen Bischof ausgestellten, angeblichen
Rock Christi anzubeten.
Leipzig war zu jener Zeit noch die ziemlich unbestrittene Metropole des
deutschen Buchhandels und in ihr vereinigte sich ein Kreis tüchtiger,
strebsamer Männer, deren Namen zum Teil schon damals ruhmvoll bekannt
waren, oder es seitdem geworden sind. In dem neu entstandenen deutschen
Schriftstellerverein fanden sie einen Vereinigungspunkt, wo mancher
Gedanke geboren wurde, der später zur Tat reifte.
Ich war einer der vierzehn Stifter dieses Vereins und kein untätiges
Mitglied. Wir erlebten das Jahr 1848. Ich hatte den fünften Band meiner
Geschichte der großen niederländischen Revolution vollendet und mit Held
die illustrierte Weltgeschichte begonnen. Zu meiner geistigen
Erfrischung diente mir die Teilnahme an Helds Wochenschrift "Die
Lokomotive", deren scharfer Pfiff dem verschlafenen Volk verkündete,
dass die Zeit der geistigen Hauderer und Landkutscher vorüber sei, dass
der Genius der Freiheit mit neuer Kraft durch die Welt brause und dass
die abgetriebenen Mähren des geistlichen und weltlichen Despotismus dem
Abdecker verfallen seien.
Die Rockfahrt nach Trier empörte selbst die gebildete katholische Welt.
In den von Robert Blum inspirierten sächsischen Vaterlandsblättern
erschien der bekannte Absagebrief von Johannes Ronge. Es entstand eine
große Bewegung, von der man sich viel versprach und die auch
bedeutendere Folgen gehabt haben würde, wenn die Leiter derselben ihrer
Aufgabe mehr gewachsen gewesen wären. Sie hatten guten Willen, aber zu
wenig Talent.
Ich teilte die Hoffnungen Vieler und beschloss, mein Teil zur Erfüllung
derselben beizutragen. Meine historischen Quellenstudien, namentlich die
für meine Geschichte der niederländischen Revolution gegen Philipp II.
von Spanien, in welcher das religiöse Element eine Hauptrolle spielte,
hatten mich mit Dingen näher bekanntgemacht, welche dem Volk von den
seine Erziehung eifersüchtig bewachenden Priestern sorgfältig verhehlt
oder nur verstümmelt oder kirchlich zurechtgemacht mitgeteilt wurden.
Ich hatte die Schriften der "Kirchenväter" und die der geachtetsten
Kirchenschriftsteller zu lesen und je mehr ich las und forschte, desto
mehr wurde mir die Nichtswürdigkeit des entsetzlichen Verbrechens klar,
welches die römische Kirche an der Menschheit verübt hatte, desto mehr
erstaunte ich über die unerhörte Dreistigkeit und Perfidie, mit welcher
es begangen wurde und noch immer begangen wird. Ich sah immer mehr ein,
dass die Knechtschaft, unter welcher das Menschengeschlecht seufzt, in
der Kirche wurzelte und dass all unsere Bestrebungen zur Freiheit
ohnmächtig sein würden, wenn wir uns nicht zuerst von den Fesseln
befreiten, in welche die Kirche den Geist der Menschen geschlagen hatte.
Dieser Erkenntnis entsprach der Entschluss, ein Buch zu schreiben,
welches dem von den Priestern betörten Volk die Decke von den Augen nahm
und ihm gestatten sollte, einen Blick in die Werkstatt zu tun, in
welcher seine Fesseln geschmiedet wurden.
Der religiösem Glauben entspringende Fanatismus zeigte sich überall als
der entsetzlichste Feind der Freiheit, und um ihn zu bekämpfen und zu
vernichten, schien es mir nötig, dem Volk nicht allein die grässlichen
Folgen des Fanatismus durch historische Beispiele vorzuführen, sondern
auch zugleich die trüben Quellen des Glaubens selbst nachzuweisen,
dessen Folge er ist. Da nun dieser Glaube auf angeblichen Tatsachen
beruht, an deren Wahrheit das Volk deshalb nicht zweifelt, selbst wenn
sie der Erfahrung und der Vernunft widersprechen, weil sie von Priestern
erzählt werden, an deren größeren Verstand, Wahrheitsliebe,
Uneigennützigkeit und sittlichen Charakter das Volk glaubt: so habe ich
zur Bekämpfung dieses Autoritätsglaubens ebenfalls für nötig gehalten,
die Natur dieser Autoritäten, das heißt der Päpste und Priester,
historisch zu beleuchten und nachzuweisen, dass das gläubige Volk in
dieser Hinsicht von durchaus falschen Voraussetzungen ausgeht.
Um diese verschiedenen Zwecke zu erreichen, beschloss ich, in einer
Einleitung darzulegen, wie sich die Macht der Päpste und Priester im
Laufe der Zeit entwickelte, welche Mittel sie dazu benutzten und welche
Wirkung diese Mittel auf die Gesellschaft im Allgemeinen und auf die
Priester selbst hatten. Dann sollte die Geschichte der Geißler, der
Albigenser und Waldenser, der Wiedertäufer, der Inquisition, der
Judenverfolgung etc. nachfolgen.
Die Einleitung bot sehr große Schwierigkeiten, denn ein seit
Jahrhunderten angesammeltes Material sollte in den engen Rahmen eines
mäßigen Bandes gezwängt werden. Ferner geboten die Umstände ganz
besondere Sorgfalt und Vorsicht in der Auswahl dieses Materials. Die
Zensur existierte noch und abgesehen von dieser Beschränkung durfte ich
nur solche Tatsachen benutzen und anführen, deren Wahrheit nicht allein
mir als unzweifelhaft schien, sondern die auch von den römischen
Priestern selbst angefochten werden konnten.
Der damalige Zensor in Leipzig war ein Professor Hardenstern. Er sandte
mir häufig mein Manuskript mit dicken Strichen versehen zurück, allein
er hatte die missliebigen Stellen meistens wieder freizugeben, wenn ich
ihm bewies, dass sie dem von der römischen Kirche approbierten Buch
eines Heiligen oder andern großen Kirchenlichtes entnommen waren.
So erschien also die Einleitung zu meinem Werk gewissermaßen bestätigt
durch die sächsische Regierung, an deren Spitze ein römisch-katholischer
König stand. Das Buch wurde auch, außer in Österreich, nirgends
konfisziert, und die Wahrheit nicht einer einzigen der darin angegebenen
Tatsachen ist selbst von der römischen Geistlichkeit, obwohl sie das
Buch wie begreiflich höchlich verdammte, angefochten oder gar widerlegt
worden.
Von der Kritik wurde mein Buch durchweg äußerst günstig aufgenommen und
meinem Fleiß und Bestreben die vollste Anerkennung zuteil.
Einige wohlmeinende Freunde sprachen gegen mich die Meinung aus, dass
mein Buch eine noch bessere Wirkung hervorgebracht haben würde, wenn ich
die empörendsten Tatsachen weggelassen und bei Beurteilung der
mitgeteilten mehr Mäßigung beobachtet hätte.
Gegen diese Ansicht muss ich mich entschieden erklären. Wollte ich
handeln, wie diese Wohlmeinenden es verlangen, so handelte ich
jesuitisch. Eine Linie, die nicht gerade ist, ist krumm und entstellte
Wahrheit ist Lüge.
Es ist allerdings möglich, dass einigen Katholiken die von mir
mitgeteilten Tatsachen so unglaublich scheinen, dass sie dieselben für
böswillige Erfindungen halten, worin sie natürlich von ihren Geistlichen
bestärkt werden; allein sollte ich aus diesem Grunde mich gerade der
wirksamsten Waffen berauben? Wer mich der Lüge beschuldigt, der mag
offen auftreten; ich will ihm beweisen, dass, was er als Lüge
bezeichnet, den Schriften eines verehrten Heiligen, Bischofs oder
Prälaten wörtlich entnommen ist.
Was nun meine Urteile anbetrifft, so sind sie allerdings oft in herben
und derben Worten ausgedrückt, allein ich frage, welche Ansprüche hat
denn die römische Kirche auf eine rücksichtsvolle und zarte Behandlung?
Die Wahrheit sagen ist in der Tat nicht so grob, als jemand verbrennen,
weil er an eine handgreifliche Lüge nicht glauben kann! Nein! was ich
für schlecht halte, das werde ich schlecht nennen. Der Ausdruck meiner
Entrüstung über diese oder jene römische Niederträchtigkeit muss dieser
Entrüstung angemessen sein, und ist dies absichtlich nicht der Fall,
dann lüge ich und bin ebenso verächtlich wie diejenigen, welche ich
tadele.
Die römische Kirche ist kein Freund der Menschheit, dessen Schwächen und
Gebrechen aufzudecken und zu verhöhnen mir Schande bringen könnte; sie
ist der noch immer starke, freche und gewissenlose Feind unserer
Freiheit, der die empörendsten Mittel nicht verschmäht, seine Zwecke zu
erreichen; Torheit und Schwäche wäre es, im offenen und ehrlichen Kampf
mit dem Todfeind dieser Freiheit die Blößen nicht zu benutzen, die er
bietet: ich stoße hinein mit aller Kraft, und wenn ich kann, nach dem
Herzen.
Das Buch ist nicht für den Gelehrten, auch nicht für den Salon bestimmt,
es ist für das Volk geschrieben, und damit dasselbe es lese, ist es
geschrieben wie es geschrieben ist. Sind darin vorkommende Tatsachen und
Worte nicht immer anständig, dann halte man sich deshalb an diejenigen
Heiligen, Päpste oder Priester, welche solche unanständigen Handlungen
begingen, oder unanständige Worte gebrauchten; - auf die zarten Nerven
parfümierter Dandys kann man nicht Rücksicht nehmen, wenn man gegen
einen frechen, unverschämten Fein und für die Wahrheit kämpft.
Der zweite Band, "Die Geißler", folgte bald dem ersten; allein ehe der
dritte noch erscheinen konnte, brach der Sturm von 1848 los, der mich in
Paris fand, wo ich Zeuge der Februar-Revolution wurde. Die Zeit des
Schreibens war nun vorläufig vorüber, und mit Tausenden Gleichgesinnter
griff ich zum Schwert. Ich focht in erster Reihe und bis zuletzt. Die
fürstliche Gewalt hatte bereits überall in Deutschland gesiegt, als wir
die Festung Rastatt übergaben, deren Verteidigung ich als Chef des
Generalstabes geleitet hatte.
Ich wurde zum Tode verurteilt, aber nicht einstimmig. Die eine
dissentierende Stimme, die Anwendung eines in Bezug darauf erlassenen
Gesetzes und ein Zusammentreffen anderer glücklicher Umstände retteten
mich vom Tod; allein ich ward volle sechs Jahre in der einsamen Zelle
eines pennsylvanischen Gefängnisses lebendig begraben.
Wen die Einsamkeit eines solchen Gefängnisses nicht geistig zertrümmert,
den läutert und kräftigt sie. Manche meiner Leidensgefährten starben,
manche kehrten mit zerstörtem Körper und Geist hilflos in die Welt
zurück. Es war im Herbst 1855, als ich mein Grab verließ. Weder mein
Geist noch meine Gesundheit hatten gelitten; im Gegenteil, was andere
zerstörte, hatte mich gekräftigt.
Von der regierenden Gewalt verfolgt und von Ort zu Ort getrieben, hatte
ich nach England zu fliehen, "to eat the bitter bread of banishment" -
das bittere Brot der Verbannung zu essen.
Der große Bürgerkrieg in Amerika brach aus und im Herbst 1861 schiffte
ich hinüber, als Special-Correspondent der Augsburger Allgemeinen
Zeitung und Correspondent der London Times.
Ich sah dort viel und lernte viel. In der sechsjährigen Einsamkeit des
Gefängnisses machte ich innere Entdeckungen und Erfahrungen, und durch
den sechsjährigen Aufenthalt mitten in dem jugendkräftigen Leben und
Treiben der großen Republik wurde mir reichlich Gelegenheit gegeben, die
praktischen Resultate der Prinzipien zu beobachten und zu prüfen, für
deren Verwirklichung wir in Europa Gut und Blut daran gesetzt hatten.
In Amerika wird man häufig von Amerikanern und Deutschen hören "um
Amerika und die Amerikaner zu verstehen, muss man wenigstens fünf Jahre
im Land gelebt haben" und ich kann das zur Beherzigung für die Leute
hier bestätigen, welche so schnell und absprechend über amerikanische
Zustände urteilen.
Vertrieben aus meinem Vaterland wurde ich zwar ein Bürger der großen
Republik, in welcher meine Ansichten und Überzeugungen mich nicht zum
Verbrecher stempelten; allein wenn auch dem erweiterten Verstand die
ganze Welt als Vaterland nicht zu klein ist, so hängt doch das Herz
jedes Menschen mehr oder weniger an dem Land, in welchem seine Wiege
stand und in welchem er seine Jugend verlebte. Das Herz des Deutschen
bleibt überall deutsch, wenn auch seine Zunge englisch redet, und jeder
sehnt sich danach, Deutschland wiederzusehen.
Diese Sehnsucht erfasste auch mich und es verlangte mich, an Ort und
Stelle zu sehen, wie die Saat stände, welche wir vor zwanzig Jahren mit
Blut und Tränen eingesät hatten. Ich kehrte daher im vorigen Jahr als
Correspondent der New Yorker "Times" für "Deutschland und angrenzende
Länder" in mein Geburtsland zurück.
"Der aus dem Jahr 1848 bekannt Corvin ist aus Amerika zurückgekehrt"
berichtete eine befreundete Zeitung und die andern druckten es nach. Als
ich diese brillante Anerkennung für ein der Freiheit und dem Volk
gewidmetes Leben las, lachte ich hell auf; nicht bitter, sondern mit dem
glücklichen, heiteren Sinn, der mich in den Stand setzte, ruhigen Auges
den standrechtlichen Kugeln entgegenzusehen, in der wehedurchzitterten,
brotsuppendurchdufteten Einsamkeit der entsetzlichen Zuchthauszelle
geistig und körperlich gesund zu bleiben; die großen und kleinen Miseren
des Flüchtlingslebens mit Humor zu tragen; in des "Schiffbruchs
Knirschen", wo die Gläubigen zittern, ruhig zu schlafen und mitten im
"Schlachtendonnerwetter" meinen Zeitungsbericht zu schreiben.
Wer kümmert sich heute noch um die Leute, welche die Bäume pflanzten,
die uns Schatten und Nutzen gewähren! - Ich war mit dem zufrieden, was
ich in Deutschland sah. Das Blut der Märtyrer von 1848 und 49 und die
Tränen ihrer Weiber und Kinder sind nicht umsonst geflossen. Die
Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft entwickeln sich eben in
ähnlicher Weise wie die in der Natur, - allmählich und langsam und es
ist unvernünftig von denen, die doch sonst die Wunder leugnen, Wunder zu
verlangen.
Von den politischen Folgen der Jahre 1848 und 49 will ich indessen hier
nicht reden; ich habe mit ihnen hier nichts zu tun, ich will nur den
geistigen Fortschritt in Betracht ziehen.
Der unvernünftige Glauben hat in diesen zwanzig Jahren viel Terrain
verloren und die Hauptstütze desselben, das Papsttum hängt noch an einem
schwachen Lebensfaden. Die Macht der Pfaffen ist unterwühlt selbst in
Österreich, Italien und Spanien und die ungeheuren Anstrengungen, die
gemacht werden, die aufrecht zu erhalten, sind nutzlos. Die Presse ist
frei und sogar dem Papsttum treusten Regierungen sind von der
öffentlichen Meinung gezwungen worden, die Wissenschaft gewähren zu
lassen, und selbst in die Notwendigkeit versetzt, die Anmaßungen der
Pfaffen zu bekämpfen.
Unsere Aufgabe ist es, die errungenen Vorteile zu benützen, und der
zweckmäßigste Weg dazu, das Wissen unter dem Volk zu verbreiten und vor
allem danach zu streben, den Pfaffen mit und ohne Tonsur die Erziehung
der Jugend aus den Händen zu winden.
Wohl weiß ich, dass die protestantischen orthodoxen Pfarrherren ebenso
fanatisch sind, wie die dummgläubigen Mönche, und dass sie, wenn sie die
Macht hätten, ihre despotischen Gelüste zu befriedigen, dies mit
ähnlichen Mitteln tun würden, wie sie die römische Kirche gebrauchte;
allein wir können Herrn Knaak und ähnliche Stillstandshelden ruhig ihre
Glaubensdummheiten zu Markt bringen lassen, das protestantische Volk
lacht darüber und die paar alten Weiber, die ihnen glauben, tun wenig
Schaden. Ich lasse daher die innerhalb der protestantischen Kirche
auftauchenden Dummheiten unberücksichtigt, wenigstens sind sie nicht der
Hauptgegenstand dieses Buches. Ich habe es hier speziell mit den von Rom
ausgehenden Dummheiten und Nichtswürdigkeiten zu tun und zeige dem Volk
das Gesicht der römischen Pfaffheit, wie es in dem Spiegel der
Geschichte erscheint.
Die erste Auflage dieses Buches war bald vergriffen und meine lange
Abwesenheit von Deutschland hinderte mich daran, eine zweite zu
veranstalten. Als ich jedoch im vorigen Jahr von Amerika zurückkehrte,
wurde ich von sehr verschiedenen Seiten dringend dazu aufgefordert. Im
Buchhändler-Börsenblatt wurde das Buch fast wöchentlich gesucht und es
war selbst antiquarisch nirgends zu haben. Ich selbst konnte kein
Exemplar auftreiben und hatte es mir von einem Privatmann zu borgen,
welcher es an jemanden verliehen, der es wiederum einem Freunde in einer
anderen Stadt mitgeteilt hatte!
Obwohl mit mancherlei Arbeiten überhäuft, entschloss ich mich nun zu
einer zweiten Auflage. Die Veränderungen, welche während dieser zwanzig
Jahre in Deutschland stattgefunden hatten, machten eine teilweise
Umarbeitung notwendig. Die ganze Einleitung passte nicht mehr und ich
schrieb eine andere. Zeitanspielungen durchzogen das ganze Buch und ich
hatte es durchaus zu revidieren und vermehrte dasselbe durch ein
Kapitel, welches ich hauptsächlich dem zweiten Band entnahm. Ich
veränderte auch den Titel, da mir christlicher Fanatismus eine
contradictio in adjecto schien.
Wenn ich an den mitgeteilten Tatsachen nichts änderte, höchstens einige
hinzufügte, und ebenso wenig an dem Stil und Ton des Buches, so tat ich
das mit voller Überlegung. "Narren muss man mit Kolben lausen" heißt das
derbe deutsche Sprichwort und wie ein Anatom, der zum Besten der
Menschheit in faulen Körpern wühlt, keine Handschuhe anziehen kann, so
kann auch ich den faulen Pfaffenkörper nicht mit Glacéhandschuhen
anfassen. Dass ich mir aber bei dem ekelhaften Geschäft eine
humoristische Zigarre anstecke, kann mir kein Mensch übel nehmen, und
sie kommt ja auch dem Leser zu gut. Ebenso wenig halte ich es für
angemessen es aufzugeben, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Wenn
ich einen für unanständig gehaltenen Gegenstand überhaupt so bezeichnen
muss, dass man versteht, was ich meine, so wird der Gegenstand dadurch
nicht anständiger, dass ich umschreibe, was ich mit einem deutschen Wort
bezeichnen kann.
Hoffentlich wird mein Buch noch zur Kirchenversammlung fertig, von der
sich der Papst die Wiederherstellung der römischen Herrlichkeit
verspricht; mein Buch mag den Herren zum Nachschlagen dienen, wenn sie
vielleicht vergessen haben sollten, was die römische Kirche vorschreibt
und glaubt.
1868 im Oktober.
Corvin