2. DER BARON WIRD EIN REZENSENT.

„Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein

berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und

ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine Hahnenfüße ins Reine zu

schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist

denken, faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und bildete

mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann

brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, über

welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht

interessieren."

„Nein, nein!" rief der Lord. „Ich habe schon öfters von dieser

kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z. B. in

Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden,

höre ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen."

„Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine sonderbare,

aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer

noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht

das, was leicht und gefällig, sondern was mit einem recht

schwerfälligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, für einzig gut und

schön gilt, so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der

Literatur. Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame

in der Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht

an ein öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte--man glaubte darin

zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld

und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das

Tutti oder der Chorus des Publikums einfällt."

„Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?"

unterbrach ihn der Lord. „Ich finde das recht hübsch. Man braucht

selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen und kann dann

dennoch in der Gesellschaft mitstimmen."

„Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So

aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewußt

irgend eine Partei und kann, ohne daß er sich dessen versieht, in der

Gesellschaft für einen Goethianer, Müllnerianer, Vossiden oder

Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz für einen Yaner

gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser Partei an und haut und

sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört diesem

oder jenem großen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine

Verlagsartikel gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig

angefallen werden; oft muß man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen,

es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter=) Wasser

tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht,

hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen."

„Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik

und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis. „Ich muß gestehen, in

Frankreich würde man ein solches Wesen verachten."

„Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Übrigens

sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die

eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen,

gründlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt.

Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs

der Literatur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit

Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie

umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch

dürfen sie sich gerade nicht schämen; denn sie rezensieren anonym, und

nur e i n e r unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem

Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten."

„Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord lächelnd.

„Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch--ein Totschläger,

denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der

höchste Trumpf, dieser Matador, und zählt für zehn, wenn er _Pacat

ultimo_ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er

Matador! Denn er, der Hauptkämpfer ist es, der dem armen gehetzten und

gejagten Stier den Todesstoß gibt."

„Gestehen Sie, Sie übertreiben;--Sie haben gewiß einmal den

unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig

vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?"

Der junge Deutsche errötete. „Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben,

doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, daß es

wäre rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter

meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und

kenne diese Affären genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die

verschiedenen Formen und Klassen bei. Die e r s t e war die s a n f t

l o b e n d e Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk,

lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn

fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem

Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für sich

gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge,

schriftstellerische Damen."

„Wie?" erwiderte der Lord. „Haben Sie deren so viele, daß man eine

eigene Klasse für sie macht?"

„Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig

jüngere und ältere! Sie sehen, daß man für sie schon eine eigene

Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr

Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite

Klasse ist die l o b p o s a u n e n d e. Hier werden entweder die

Verlagsartikel des Buchhändlers, der das Blatt bezahlt, oder die

Parteimänner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist

glücklich, daß die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die

d r i t t e Klasse ist dann die n e u t r a l e. Hier werden die

Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kühl und

diplomatisch behandelt. Man spricht mehr über das Genus ihrer Schrift

und über ihre Tendenz als über sie selbst, und gibt sich Mühe, in

recht vielen Worten n i c h t s zu sagen, ungefähr wie in den Salons,

wenn man über politische Verhältnisse spricht und sich doch mit keinem

Wort verraten will.

Die v i e r t e Klasse ist die l o b h u d e l n d e. Man sucht

entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von

Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn

mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder

tief verwunden, oder doch lächerlich machen. Die f ü n f t e Klasse

ist die g r o b e, e r n s t e; man nimmt eine vornehme Miene an,

setzt sich hoch zu Roß und schaut hernieder auf die kleinen Bemühungen

und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und

sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu

gefährlich ist, als daß man öffentlich davon sprechen möchte. Diese

Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas

Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und

Beben erfüllt. Die s e c h s t e Klasse ist die T o t s c h l ä g e r

k l a s s e. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die

Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und

Barmherzigkeit, sie ist eine Säge= und Stampfmühle; denn der Müller

schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein und

zerfetzt, zersägt, zermalmt sie."

„Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen

Vertilgungssystem?" fragte Lasulot.

„Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen

die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es

freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen

aufeinander anrennen sieht, und--wenn die Rippen krachen, wenn einer

sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ‚Ein

Stier, ein Stier, ruft's, dort und hier!' In Spanien treibt man das in

der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar

tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden

an ihm beißen, wenn der M a t a d o r von der Galerie hinab in den

Zirkus springt,

Und zieht den Degen,

Und fällt verwegen

Zur Seite den wütenden Ochsen an--

da freut sich das liebe Publikum, und von ‚Bravo!' schallt die Gegend

wider!"

„Das ist köstlich!" rief der Engländer; doch war man ungewiß, ob sein

Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm.

„Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?"

„Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet;

wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei

befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, daß er an einem

Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darüber schrieb, und oft

traf es sich, daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand

erschöpfte. Er zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines,

gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch

dazu, daß es große Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten

und die Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen

zu einer düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der

vierten Klasse frischer an, warf in der fünften einen so großen

Holzstoß zu, als die _sancta simplicitas_ in Konstanz dem Huß,

und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an dieser mächtigen

Lohe des Zornes zu braten und zu rösten, bis er ganz schwarz war."

„Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene

Meinungen über e i n e n Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!"

„Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die

ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer

Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und

ihm morgen der Herr von .... einige Sous mehr bietet, so hält er eine

Schimpfrede gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem

ministeriellen Vorzimmer gelebt."

„Aber dann geht er förmlich über," bemerkte der Marquis; „aber Ihr

Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf

Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund."

„Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und

Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann,

„so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht

hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden

durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t

e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von

welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ‚Ich will

dir,' sagte er, ‚die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben.

Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Maß tun.

Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt

unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß

haben, sind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an

die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem

Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge.

Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten

Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr als

kaltes Blut.'

So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das

Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von früh acht bis ein Uhr

rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es

schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden

Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun

schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu

exequieren, so ließ er mir sagen: ‚Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5

und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen

tüchtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung

bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die

Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der

Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter

zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und

unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale."

„_Goddam_! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?" rief der

Lord mit wahrem Grauen. „Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch

rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem

Vaterlande jährlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?"

„Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies

fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jährlich

zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig

schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schöne und miserable

Erzählungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreißig Almanache,

fünfzig Bände lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in

Stanzen oder Hexametern, vierhundert Übersetzungen, achtzig

Kriegsbücher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=,

Konfessionsbücher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung

guten Champagners aus Obst, zur Verlängerung der Gesundheit, die

Betrachtungen über die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben

könne usw. sind nicht zu zählen; kurz, man kann in meinem Vaterlande

annehmen, daß unter fünfzig Menschen immer einer Bücher schreibt; hat

einer einmal im Meßkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem

sechzigsten Jahre nicht auf. Sie können also leicht berechnen, meine

Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der

Literatur, welches weite Feld für die Kritik!"

Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit

einer Andacht gesprochen, die sogar mir höchst komisch vorkam; der

Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je

verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz

gesteigert zu werden.

„Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von

Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ," sagte der Marquis;

„aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir

unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte zu

lachen. Ihr seid sublime Leute, das muß man euch lassen."

„Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Lächeln.

„Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste ist,

nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So fuhr

ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Ländchen. Der Weg

war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ endlich

durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon

fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er uns so

miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: ‚Was das Post=

und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren

verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch

Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. ‚Er

schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. ‚Wie? Briefverzeichnisse,

Postkarten?' ‚Ei, behüte!' sagte er, ‚Bücher, gelehrte Bücher.' ‚Über

das Postwesen?' fragten wir weiter. ‚Nein,' meinte er; ‚Verse macht

mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang als

mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des

Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in

der Seele weh tat. ‚_Goddam_!' sagte mein Begleiter.

‚Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie

sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage

fördern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten

Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr.

Garnmacher, ein großer Kritiker."

„Ich weiß, wen Sie meinen," erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger

Miene, „und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich

eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden.

Übrigens muß ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen,

nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Lande möchte etwas dergleichen

auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in

die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein

Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er

nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines

Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schöne

romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich

ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die

Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen; wir üben

das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische

Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie

ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren

und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben."

„Herr von Garnmacker," unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, „ich

würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn

sie nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen

Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor,

wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein

andermal und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt

zu sehen!"

„Sie haben recht," sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein

Sixpencestück zuwarf, „der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende

Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl

viele Bekannten aus der Stadt hier sind."

„ Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne Überraschung. „Sie wollen

also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm

zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich

einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche

elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine

Geschichte fängt jetzt erst an, interessant zu werden."

„Sie können recht haben," erwiderte ihm der Lord mit vornehmem

Lächeln; „aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht.

Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem

Vaterlande, die Sie uns zeigen können."

„Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte," sagte der

Marquis lachend; „aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die

Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre

interessante Erzählung, möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir."

„Gut," erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu

scheinen. „Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft

sehr angenehm; denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre,

sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu

können."

Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte

schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren

Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu

tun.

Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich--es ist möglich, daß

Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in

manchem hervorbringen; aber laßt nur eine Stunde lang Landsleute

zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen,

wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So

kommt es, daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu

tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen

Leutchen nur e i n Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem,

und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der

Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie

in....

Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer aller

Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten, Theologen

aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis

Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit über ihre

Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: „Zu unserer

Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer

kamen zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von Garnmacher

einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Sängerin

sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern!

Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die Promenadezeit

verkümmert, und die große Welt strömte schon zum Theater.

* * * * *

Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 2 · 第 18 / 22 题