6. DER REIS=EFFENDI UND DER TEUFEL IN DER BÖRSENHALLE.

Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis=Effendi dem Herrn v.

Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht

habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit es Rußland betreffe,

annehmen werde.

Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte. Er

fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn v.

R-------, dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der

unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er

selbst hatte schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere

aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er so

leicht konnte hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und

prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. „Gott's Wunder!"

sprach er, bedächtlich riechend, „Gott's Wunder! das ist echtes

Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was

Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann

betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die

gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins

fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der

Postzeichen, die er zur Hand hatte, und--sie waren richtig.

Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein

kleines Paarmalhunderttausendguldenmännchen so obenhin behandelt, wie

der Löwe das Hündchen, so wuchs Letzt seine Achtung mit unglaublicher

Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt

der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war,

machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von

der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche

Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er

annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die er in Wien für solche

Winke bezahle, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit

auf die Börsenhalle.

B ö r s e n h a l l e! Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde,

der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor,

wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen,

Seitengängen, schönen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich

aber und lächelt, wenn er in diese Börsenhalle tritt! Man stelle sich

einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden

eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen

reinigen, waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen solide

häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen

Truthahns, statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des

Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die

hier ihren Salat wäscht--sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr

mittags ein buntes Gedränge. Männer mit dunkelgefärbten, markierten

Gesichtern, mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit

kühngebogenen Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und

unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und

spitzigen Ellbogen, den Hut tief in, den Nacken zurückgedrückt, umher

und fragen einander: „Nu, wie stehen se heute?" Du wandelst staunend

durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer,

wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du

begreifst zwar, daß du dich unter den Kindern Israels befindest; aber

zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem

Hühnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein

Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben

deutlich zu lesen: „Börsenhalle." Also in der Börsenhalle der freien

Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein sonderbares

Gemunkel und Geflüster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit

Blicken als mit Worten fragend: „Ae Korrier aus Wien?" „Gott's

Wunder!" „Wer hat'n gekriecht?" „Ae Fremder, der Zwerner von Dessau."

„Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron,

nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?"

„Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?"

„Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus

Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!"

„Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis=Effendi? Hat er, oder

hat er nicht? Wie werden se stehen?"

„Ich hab's genug, 's is a viertel auf Eins, und noch will keiner

verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Wär' nur der Zwerner aus

Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von

die neue Straße. Wirst sehen, 's wird geben ä grauße Operation! Der

Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, daß er hat nicht

angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?"

„Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um

Vertelpurzent!"

„Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie

stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie

stehen se?"

„Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf, weiß heut

keiner, wer is Koch oder Keller? Aß ich nicht kann riechen, wie se

stehen, die Mettaliques!"

Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der Türe zu. Ein

Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange

Hälse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Männer arbeiten sich

durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihren Platz

zur Seite, wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch

ist, wo nur die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große

Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des

Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu

nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte

Streiche ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich

und gesetzt beisammen behalten mußte, um sich nicht zu verrechnen. Zur

Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und

einer schneeweißen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene,

so daß sein Volk gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich

zugetragen haben.

Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach den Preisen.

Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd

umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die

Finger in den Mund, sie fluchten ebräisch und syrisch auf den

Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher

den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur

Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles,

selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die

Börsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere

in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den

Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklären! „Das Ultimatum ist

angenommen," scholl es durch den Hof, „der Reis=Effendi hat zugesagt,"

hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Männer nur

entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nähere Umstände

angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die

österreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von

welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr

viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und

ein halbes Prozent. Mehrere Häuser, die sich nicht vorgesehen hatten,

fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur

seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Börsen=) Hause

zu verdanken, daß ihm noch einige Stützen untergeschoben wurden.

Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der

Frankfurter Börsenhalle:

Metalliques 87 5/8.

Bethmännische 75 1/2.

Rothschildische Lose 132.

Preußische Staatsschuldscheine 84.

An den übrigen war nichts geändert worden.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 2 · 第 14 / 22 题