5. DER KURIER AUS WIEN KOMMT AN.

Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche

und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt

erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen

der Kurfürsten stand und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter

guten Freunden im Römer und beim Römer saß, wenn das neue Haupt des

vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone

geschmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir

viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie,

von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht

wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben

und Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte zwischen

seinen Anhängern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum

Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen

beiden Parteien, das heißt--nur mit schneidenden Zungen und stechenden

Blicken. Ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst

man junge Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im

Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen

muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener

Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren

der geringste über Millionen gebietet.

Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir

einen kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen,

seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der

erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an

sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuß

kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher

im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit

einem ehrlichen Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den

geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern

weil er es unbequem finden mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen.

Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und

daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend

ist.

Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los,

sondern die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon macht ihn

straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die süße Art,

wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu

nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden. Er wird, weil es

ihm diesmal leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal ähnliches

versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die

Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich

also genieren? Der große Gewinn für mich liegt aber darin, daß die

ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden,

gewöhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir

Geschäfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit

Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von denen die Sage

geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft haben, hatten durch Reue und

Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und

nicht ich war es, der sie verließ; sie hatten sich selbst verlassen.

Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer

anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit

psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermüden oder sogar

abzuschrecken? Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger

gelehrten Leute verführen, die behaupten, es liege zu wenig

psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen

Memoiren, ich sei für einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich

mich im Leipziger Meßkatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich

genug?

Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. Sobald man

vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im

Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.

Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der

Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über

das russische Ultimatum geäußert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte

selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das

sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerückt zu werden schien

und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von

Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r ä u m t und im S c h

l a f e s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen,

als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand

lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der

schönen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine

eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten

Steigen der----auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung

herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der

Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen

wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, „das neidische Gewölk",

mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Hause

umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in

einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in

verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht

ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie

das Köpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede

die zagenden Bundestruppen.

Der Seufzer war gänzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig

und zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen

Jüdin, wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der

lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen fröhlich und

sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden

gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen

überschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber flüsterte er ins

Ohr, daß er sich wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau

Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der

Landkarte auszumitteln wäre.

Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die

Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main,

um sich übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen

ihnen nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur

noch auf die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts

Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog

hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem

eleganten Wagen. Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und

nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: „Dich kenne ich wohl,

Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen

einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind,

praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur

hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen."

Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner

Großmutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der

Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend

fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem

Herzen trugen: „Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch

den dritten und vierten."

Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich

allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht

annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da

jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub

bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die

Straße, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier;

die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um

zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Straßenlärm. „Wo

kümmt Er här? Wo will Er hin?" riefen sie. „In Weißen Schwan," schrie

er, „ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weißen Schwan?" „Der Herr

is wohl ä Korrier?" „Freilich, nur schnell," rief er und zog einen

Brief mit großem Siegel aus der Tasche, „das kömmt von Wien und ist an

den Herrn Zwerner aus Dessau im Weißen Schwan." „Da an der Ecke gehts

rechts, dann die Straße links, dann kömmt Er auf die Zeile, da reitet

Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen

sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte

und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die

Depesche aus Wien enthalten möchte. Der Kurier war aber niemand anders

als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen

Postillons gekleidet.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 2 · 第 13 / 22 题