Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche
und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt
erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen
der Kurfürsten stand und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter
guten Freunden im Römer und beim Römer saß, wenn das neue Haupt des
vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone
geschmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir
viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie,
von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht
wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben
und Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte zwischen
seinen Anhängern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum
Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen
beiden Parteien, das heißt--nur mit schneidenden Zungen und stechenden
Blicken. Ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst
man junge Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im
Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen
muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener
Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren
der geringste über Millionen gebietet.
Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir
einen kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen,
seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der
erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an
sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuß
kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher
im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit
einem ehrlichen Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den
geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern
weil er es unbequem finden mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen.
Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und
daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend
ist.
Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los,
sondern die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon macht ihn
straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die süße Art,
wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu
nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden. Er wird, weil es
ihm diesmal leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal ähnliches
versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die
Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich
also genieren? Der große Gewinn für mich liegt aber darin, daß die
ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden,
gewöhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir
Geschäfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit
Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von denen die Sage
geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft haben, hatten durch Reue und
Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und
nicht ich war es, der sie verließ; sie hatten sich selbst verlassen.
Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer
anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit
psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermüden oder sogar
abzuschrecken? Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger
gelehrten Leute verführen, die behaupten, es liege zu wenig
psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen
Memoiren, ich sei für einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich
mich im Leipziger Meßkatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich
genug?
Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. Sobald man
vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im
Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.
Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der
Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über
das russische Ultimatum geäußert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte
selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das
sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerückt zu werden schien
und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von
Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r ä u m t und im S c h
l a f e s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen,
als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand
lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der
schönen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine
eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten
Steigen der----auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung
herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der
Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen
wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, das neidische Gewölk",
mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Hause
umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in
einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in
verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht
ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie
das Köpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede
die zagenden Bundestruppen.
Der Seufzer war gänzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig
und zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen
Jüdin, wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der
lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen fröhlich und
sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden
gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen
überschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber flüsterte er ins
Ohr, daß er sich wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau
Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der
Landkarte auszumitteln wäre.
Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die
Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main,
um sich übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen
ihnen nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur
noch auf die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts
Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog
hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem
eleganten Wagen. Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und
nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: Dich kenne ich wohl,
Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen
einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind,
praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur
hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen."
Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner
Großmutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der
Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend
fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem
Herzen trugen: Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch
den dritten und vierten."
Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich
allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht
annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da
jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub
bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die
Straße, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier;
die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um
zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Straßenlärm. Wo
kümmt Er här? Wo will Er hin?" riefen sie. In Weißen Schwan," schrie
er, ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weißen Schwan?" Der Herr
is wohl ä Korrier?" Freilich, nur schnell," rief er und zog einen
Brief mit großem Siegel aus der Tasche, das kömmt von Wien und ist an
den Herrn Zwerner aus Dessau im Weißen Schwan." Da an der Ecke gehts
rechts, dann die Straße links, dann kömmt Er auf die Zeile, da reitet
Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen
sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte
und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die
Depesche aus Wien enthalten möchte. Der Kurier war aber niemand anders
als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen
Postillons gekleidet.
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