XLVII.

Während wir nach dem Schlachtfelde gingen, erzählte der Meyer mir kleine

Züge aus den Stunden _seines_ Auffenthaltes: wie _er_ alles Besitzthum

geschützt, die Truppen vertheilt, die Verwundeten untergebracht, zwischen

dem Lagerfeuer umherwandelnd, jedem zugesprochen habe: die Einwohner

beruhigend, die Seinen lobend, streng und ermunternd. Auch von seiner

eigenen Lage während der Schlacht, erzählte der Meyer; von seiner

Ungewißheit und Angst; wie der Donner des Geschützes sie entsetzt, wie er

sein Haus verrammelt habe, und mit Weib und Kind gebangt, der Feind werde

siegen, oder Fliehende würden sich nach dieser Seite wenden.

Mir schlug das Herz von dem genäherten Bilde der Gefahr, in welcher _er_

unablässig schwebt. Ich mußte oft still stehen und Athem sammeln. Endlich

stiegen wir einen Hügelrücken hinan, und erblickten eine einzelne Kapelle,

verödet in der Nähe. Der Mann sagte, daß hier ein Trupp sich vor Beginn der

Schlacht vertheidigt habe. Ich begehrte hinein zu gehen, und er bat mich,

dort allein zu verweilen, bis er nach seinen Heerden gesehen habe, welche

in der Nähe geweidet würden. Ueber eingesunkene Gräber trat ich zitternd

in das Innere des Heiligthums. Es trug alle Spuren der Zerstörung, die hier

gewüthet hatte. Fenster und Thüren waren zertrümmert, Kugeln steckten in

dem Gemäuer, und der weisse aufgewühlte Estricht, trug unverkennbare

Spuren von Blut. Die Abendröthe fiel durch die dunklen Zweige einiger

Hollunderbüsche hinein, und bekleidete den nackten Altar mit Himmelsglut.

Alles war still, nur die Luft säuselte durch das Gezweig, und das dumpfe

Gebrüll der Heerden, scholl von fern: ich warf mich vor dem Altar nieder,

mit nie empfundener Angst habe ich an der Stelle, wo die Gefahr ihn

umschwebt hat, für seine Sicherheit gefleht.

Mein Führer kam zurück, und längs dem Rücken der Hügel, den Pfad entlang,

auf welchem die Vertriebenen gejagt waren, gingen wir zum Schlachtfeld.

Manche Erhöhung des Bodens bezeichnete den gewaltsamen, schmerzhaften Tod

der Fliehenden und ihrer Verfolger neben einander; und plötzlich sahen wir

die Ebene, in einen Halbzirkel von Bergen gedrängt, auf dessen Mitte wir

standen, vor uns. Ein einzelner Baum wehte am Abhang: dort hatte _er_

gehalten, als Alles von den Bergen hinabgetrieben war: so deutete mir der

Landmann: im Grunde standen die Feinde wieder gesammelt.

Mein Herz war in der Tiefe erschüttert; Grabhügel zu meinen Füßen; und

hier, wo ich stand, war der Tod um ihn gewesen. Ich sah ihn auf seinem

Pferde; seine Boten eilen, und kommen; das Geschütz kracht, das Geschrei

übertäubt die Feldmusik; die wilde Scene erneuerte sich vor mir.

O! der Krieg ist kein schrecklicher Gedanke, wenn man ihn als _ein_ großes

Schicksal von Völkern betrachtet; des Einzelnen Loos ist, dem Zwecke des

Ganzen geopfert zu werden: aber wenn das Bild des Einzelnen vor die

Seele tritt, seine Verhältnisse, seine Art, sein Schmerz; dann wird die

menschliche Natur von einer solchen Nothwendigkeit zerrissen, die sie

vertilgt. Ich konnte mich des Schauders nicht bemeistern. Was ist sein

Beruf! Sein Bild verliehrt sich in dem gräßlichen Gewühl, und das Entzücken

der Liebe kommt nicht in mir auf.

Die Vorstellung des Krieges hatte Heloisens Gemüth tief erschüttert. Alle

Bilder des häuslichen Glücks, die in ihrer Fantasie heimisch waren, fühlte

sie von schreckensvollen Vorstellungen vernichtet, und es war umsonst, daß

ihr Verstand das Heil der Schlachten für das Allgemeine der Menschheit

zu fassen vermogte, daß ihr Herz Kraft hatte, durch eine solche Ansicht

erhoben und beruhigt zu seyn, seine Kraft war von der Liebe dahin genommen.

Das Bild ihres Geliebten erschien ihr unaufhörlich, demselben Schicksal

erliegend, das so viele Geliebte, Gatten, Väter, fern von der Heimath und

den Geliebten getroffen; eine Täuschung entstand unbewußt, als ob ihre

Nähe ihm ein schützender Talisman seyn würde, und sie strebte mit von Angst

vermehrter Eil ihn zu erreichen.

Die kleinen Auffenthalte der Reise vermehrten ihre Bangigkeit, wie die

Gewalt der Schreckbilder, welche ihre Seele umlagerten, durch die Gespräche

an den Orten wuchs, wo sie genöthigt war zu verweilen.

Gegen Abend hatte sie das Städtchen noch nicht erreicht, wo sie ihn zu

treffen hoffte, und bei dessen Namen ein augenblicklicher Friede, ihr

Luft zu hohlen, vergönnte. Das Wechseln der Pferde verursachte neuen

Auffenthalt, sie ertrug das Harren nicht länger in Müssigkeit, und befahl

daß der Wagen in der größten Eil nachkomme, indem sie die Straße zu Fuß

voraufeilte.

Auf der Mittagsseite, umschränkte das Thal eine Felsenwand, in welcher die

Natur Wölbungen gebildet hatte, und längs den Felsen zog sich ein Dorf

hin. Ihre Aufmerksamkeit erregten Menschengruppen, die an den Wölbungen

lauschten, nach Untergang deuteten, woher der Wind strich, und sich lebhaft

unter einander besprachen. Sie wandte sich, um ihren Bedienten zu fragen:

was der Anblick bedeute? indem schlug ein dumpfes Hallen kaum vernehmlich

an ihr Ohr. Der Bediente hatte den Kopf zum Boden gebeugt, und erwiederte:

in diesem Augenblick müsse in der Nähe ein Gefecht vorfallen, denn was

man höre, sei wie Laut von Geschütz, und an den Felsen mögte der Hall noch

vernehmlicher seyn, vom gehemmten Luftstrom.

Heloise schauderte in sich herab, in unergründlichem Weh; ihr entstanden

Luft und Kräfte, sie mußte sich an einem Baumstamm halten; der Wind strich

schärfer über das Feld, und der schreckliche Hall erschallte deutlicher

und rasch wiederhohlt. Er spannte ihre Seele wieder, sie hätte Alles hören

mögen, bei Allem gegenwärtig seyn, die Bilder einer Schlacht verlohren ihre

Gräuel vor dieser Pein der Ungewißheit.

Indem nahte ihr Wagen. Ihre zusammentreffenden Leute unterredeten sich über

das, was sie gehört, voll Besorgniß vorwärts zu gehen, auf die Gegend zu,

woher das Geschütz schallte; ein Landmann kam von den Felsen über den Anger

gelaufen, und rieth, die junge Dame solle umkehren, sich nicht in Gefahr

geben. Heloise befahl mit der höchsten Gewalt, vorwärts. Sie warf sich

zurück in den Wagen, keinen Laut zu vernehmen; dann spannte sie alle

Gehörnerven an, daß ihr keiner entginge; sie trieb zur Eil mit der größten

Hast.

Es wurde Nacht, der Schall des Geschützes klang immer vernehmlicher, die

Dörfer waren nicht nächtlich öde: es wachten die Bewohner und riefen den

Reisenden zu: wo das Gefecht seyn müsse; und ermahnten sie zu warten:

»siegen die Unsrigen nicht, wendet der Feind sich nicht diesseits.« Er habe

wahrscheinlich den General überfallen, der in dem Städtchen gestanden. Es

war _sein_ Name. Was sollte ihr Sicherheit, da er in Gefahr schwebte. Sie

warf sich in dem Wagen auf die Knie, mit gerungenen Händen, sie rief ihrem

Freund zu, daß sie komme, sie flehte ihn, sie flehte Gott, sie flehte die

Luft um Schonung für sein Leben; dann erstarrte ihr Bewußtseyn, und nur ein

krampfhafter Schmerz wand sich durch ihre Sinne.

Einige peinvolle Stunden schlichen dahin: plötzlich hörte sie von außen: es

brennt!

Nicht zu fern an der Tiefe des Horizontes erschien das Feuerzeichen. Der

Hall des Geschützes hielt bald darauf inne. Sie starrte in die Gluthströme,

die aufstiegen und einsanken; dort war also die Gegend, dort, dort war er,

aber kein Laut drang mehr durch diese Entfernung; der Hall des Geschützes

ertönte nicht länger.

Es schien vorüber! Ihr Schicksal war entschieden. Die Stille versenkte sie

in gänzliche Abspannung, es war nicht Ruhe; es war kein Leben mehr in ihrer

Seele. Sie dachte unaufhörlich _ihn_, doch sein Bild stand unbeweglich, die

Wallungen der Furcht und der Hoffnungen waren erschöpft.

Aus diesem Gemüthszustand riß sie das Rasseln der Räder auf gepflasterter

Bahn, welche die Nähe einer Stadt verkündete. Ihr Herz begann aufs Neue

zu schlagen; die Entscheidung nahete, sie sollte ihn finden, aber wie?

Es schlug höher und höher, daß sein Arbeiten ihr den Athem raubte. Die

gothische Masse des Städtchens erschien schwarz in dem Dunkel der Nacht,

der Wagen hielt am Thore, es war gesperrt, und lange dauerte es, ehe auf

Fragen von Innen, und Antworten ihrer Leute, das Thor endlich aufrasselte.

Sie fuhr durch das niedrige lange Gewölbe desselben; und als innen der

Wagen hielt, hörte sie, daß ihr Geliebter, auf Kundschaft von dem Vorhaben

des Feindes, sich der Stadt durch Ueberraschung zu bemächtigen, demselben

entgegengegangen sei, ihn in die Flucht geschlagen habe; und die

Verwundeten, welche auf der entgegengesetzten Seite eingebracht wurden,

berichteten, daß er noch in Verfolgung desselben begriffen sei; worauf er

sich wol wieder auf die Stadt, in die Linie der Armee zurückziehen würde.

Es herrschte öde Stille in diesem Theile der Stadt, aber je mehr sie dem

Mittelpunkte nahten, je mehr belebten sich die Straßen; Seufzen, Geächz'

der Verwundeten, Geschrei der Helfenden, scholl aus dem Gedränge, durch

welches sie mit Mühe zu einem Gasthof gelangten.

Betäubt und zerstreut von diesen Nachrichten und diesem Anblick, eilte

Heloise in ein Zimmer, zu welchem der Lärm nicht zu dringen vermogte. Es

war ihr sonderbar, als sie sich gesammelt hatte, Licht gebracht wurde, und

sie nun die Räume erkennen konnte, daß nun bald, daß hier, sie ihn sehen

sollte. Sein Bild, die Vorstellung des Wiedersehens erregten in ihr die

gewohnte Ruhe der Liebe, das Vergangene mit seinen trüben Ahnungen versank

vor der Hoffnung, die wie ein neues Morgenlicht aufzudämmern begann.

Sie lauschte auf jedes Geräusch, in Erwartung seinen Tritt zu hören. Auf

einmal schlug der Klang aller Glocken, dumpf und langsam an ihr Ohr. Es

fuhr wie der Tod in ihre Brust. Im Hause hörte sie Menschen die Treppe

herab eilen, Rufen und Jammern, sie hörte den Namen ihres Geliebten;

geblieben, todt, mehr konnte sie nicht unterscheiden, sie wollte fragen,

sie vermogte es nicht, ihre Leute stürzten herein, und bestätigten was sie

entsetzte; sie griff an ihr Herz, und sank leblos zurück.

Als sie aus der Bewußtlosigkeit erwachte, war der erste Eindruck, daß

es Tag sei, und der nächste, daß _er_ nicht mehr sei. Und dieser riß mit

ungeheurem Schmerz sie wieder in das Leben zurück. Sie starrte umher,

da fiel ihr Auge auf ein Tuch, das mit Blut befleckt neben ihr lag.

Sie erkannte das Gewirk; es war ihre Arbeit, es hatte ihre Brust einst

verhüllt, sie hatte es ihm geschenkt: sein letztes Lebensblut klebte daran.

Sie nahm es, sie drückte es an sich, ihr Schmerz brach in Thränen aus.

So fand sie sein Waffengefährte, sein Jugendfreund, als er stumm zu ihr

trat. Aber sie winkte ihn von sich, denn ein Geschick, wie das ihre, faßt

sich nur in der Einsamkeit.

Aber wie allmählig ihre Seele sich den Vorstellungen wieder erschloß,

ertheilte er ihr den einzigen Trost, dessen sie empfänglich war. Er

erzählte ihr jeden Zug aus den letzten Lebenstagen seines Freundes; er

sagte ihr, wie viel sie ihm gewesen: wie, wenn der Drang des Krieges seine

Gedanken, seine Kräfte fortgerissen, eine Erinnerung an Sie, die Gewißheit

ihrer Liebe, ihn mit all' der stillen Heiterkeit bereichert habe, welche

der Genuß einer friedlichen Heimath gewährt.

Seine letzte Rede war der Wunsch gewesen, daß sie gleichsam als seine

Witwe, bei seiner Familie, an dem Ort seiner Geburt leben mögte: seine

Einrichtungen erhalten, seine Anstalten fortführen. Seine letzte Bewegung

war, ihr Tuch von der Brust zu nehmen, es dem Freunde zu reichen für sie.

Allmählig erwachte Entschluß in ihrer Brust.

Einst nach einem solchen Gespräch erhub sie sich bewegter, und mit einer

gewissen Feierlichkeit; sie dankte ihm für seine Freundschaft gegen den

Geliebten, die er ihm noch nach dem Tode, in der Sorge für sie, bewahrt

hatte, sie sagte ihm, daß sie diesen Ort verlassen werde, und verlangte

den letzten Beweiß seiner Sorgfalt, daß er sie zum Grabe ihres Geliebten

begleite.

Ihre Erschütterung bei diesen Worten, hielt ihn ab zu antworten, aber sie

hatte sogleich die Fassung wiedergefunden, und er vertraute der Kraft ihrer

Seele.

Der Sarg stand in dem Gewölbe der Hauptkirche. Der Gang schien sie zu

erschöpfen, sie stieg die Stufen hinab mit Schwanken, und winkte, allein zu

bleiben. Er verließ sie ungern.

Wie sie sich von Zeugen befreit sah, schritt sie heftig auf den Sarg zu,

ihr Auge glühte von Liebe, ihre Brust schlug, sie sank auf die Knie, und

breitete wieder die Arme aus, voll Entzücken. Dann berührte sie den Sarg

mit der Hand, mit der Brust, mit der Stirne, und blieb lange still in sich

verlohren.

Als sie zurückkamen, wartete ihr Wagen vor der Thür der Kirche. Sie reichte

seinem Freunde die Hand, sagte ihm Lebewohl, und daß sie jetzt nach dem

Geburtslande des Geliebten eile.

Ueberall fand sie dort die Spuren seines Wirkens. Schmerz, Andenken und

Beschäftigung traten an die Stelle des Liebesglückes. Sein Leben, das der

Sturm der Zeit dahingenommen, führte sie in seinem Geiste fort. Aber sie

blieb nicht lange einsam, denn in der Frische der Jahre, in der Kraft des

Gefühls, welches ihr Leben beseelt hatte, ehe es von der Zeit geschwächt,

von Ereignissen zerstreut worden, nahm der Tod auch sie hinweg.

[ Hinweise zur Transkription

Im Rahmen dieser Transkription wurde die Kombination aus "langem s" und "s"

in "ß" umgewandelt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich

uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Aufenthalt" --

"Auffenthalt", "bestimmte" -- "bestimter", "lassen" -- "laße", "weisse" --

"weiße",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 1/2:

"dessen sen" geändert in "dessen"

(ein Band um Vermählte, dessen Auflösung dem fühlenden Herzen)

Seite 13:

"," geändert in "."

(für Mutterfreuden schadlos halten müssen.)

Seite 92:

"solte" geändert in "sollte"

(ich nicht bin, wo ich seyn sollte)

Seite 95:

"Erinnerungsstäten" geändert in "Erinnerungsstätten"

(von allen Erinnerungsstätten meines Landgutes Abschied genommen)

Seite 100:

"lauffen" geändert in "laufen"

(von den jenseitigen die nach Mittag laufen)

Seite 104:

"unbekanten" geändert in "unbekannten"

(an dem Fenster des unbekannten Gebäudes)

Seite 116:

"gesammlet" geändert in "gesammelt"

(im Grunde standen die Feinde wieder gesammelt)

Seite 125:

"uud" geändert in "und"

(auf Fragen von Innen, und Antworten ihrer Leute)]

Heloise : ein kleiner Roman · 第 48 / 48 题