Während wir nach dem Schlachtfelde gingen, erzählte der Meyer mir kleine
Züge aus den Stunden _seines_ Auffenthaltes: wie _er_ alles Besitzthum
geschützt, die Truppen vertheilt, die Verwundeten untergebracht, zwischen
dem Lagerfeuer umherwandelnd, jedem zugesprochen habe: die Einwohner
beruhigend, die Seinen lobend, streng und ermunternd. Auch von seiner
eigenen Lage während der Schlacht, erzählte der Meyer; von seiner
Ungewißheit und Angst; wie der Donner des Geschützes sie entsetzt, wie er
sein Haus verrammelt habe, und mit Weib und Kind gebangt, der Feind werde
siegen, oder Fliehende würden sich nach dieser Seite wenden.
Mir schlug das Herz von dem genäherten Bilde der Gefahr, in welcher _er_
unablässig schwebt. Ich mußte oft still stehen und Athem sammeln. Endlich
stiegen wir einen Hügelrücken hinan, und erblickten eine einzelne Kapelle,
verödet in der Nähe. Der Mann sagte, daß hier ein Trupp sich vor Beginn der
Schlacht vertheidigt habe. Ich begehrte hinein zu gehen, und er bat mich,
dort allein zu verweilen, bis er nach seinen Heerden gesehen habe, welche
in der Nähe geweidet würden. Ueber eingesunkene Gräber trat ich zitternd
in das Innere des Heiligthums. Es trug alle Spuren der Zerstörung, die hier
gewüthet hatte. Fenster und Thüren waren zertrümmert, Kugeln steckten in
dem Gemäuer, und der weisse aufgewühlte Estricht, trug unverkennbare
Spuren von Blut. Die Abendröthe fiel durch die dunklen Zweige einiger
Hollunderbüsche hinein, und bekleidete den nackten Altar mit Himmelsglut.
Alles war still, nur die Luft säuselte durch das Gezweig, und das dumpfe
Gebrüll der Heerden, scholl von fern: ich warf mich vor dem Altar nieder,
mit nie empfundener Angst habe ich an der Stelle, wo die Gefahr ihn
umschwebt hat, für seine Sicherheit gefleht.
Mein Führer kam zurück, und längs dem Rücken der Hügel, den Pfad entlang,
auf welchem die Vertriebenen gejagt waren, gingen wir zum Schlachtfeld.
Manche Erhöhung des Bodens bezeichnete den gewaltsamen, schmerzhaften Tod
der Fliehenden und ihrer Verfolger neben einander; und plötzlich sahen wir
die Ebene, in einen Halbzirkel von Bergen gedrängt, auf dessen Mitte wir
standen, vor uns. Ein einzelner Baum wehte am Abhang: dort hatte _er_
gehalten, als Alles von den Bergen hinabgetrieben war: so deutete mir der
Landmann: im Grunde standen die Feinde wieder gesammelt.
Mein Herz war in der Tiefe erschüttert; Grabhügel zu meinen Füßen; und
hier, wo ich stand, war der Tod um ihn gewesen. Ich sah ihn auf seinem
Pferde; seine Boten eilen, und kommen; das Geschütz kracht, das Geschrei
übertäubt die Feldmusik; die wilde Scene erneuerte sich vor mir.
O! der Krieg ist kein schrecklicher Gedanke, wenn man ihn als _ein_ großes
Schicksal von Völkern betrachtet; des Einzelnen Loos ist, dem Zwecke des
Ganzen geopfert zu werden: aber wenn das Bild des Einzelnen vor die
Seele tritt, seine Verhältnisse, seine Art, sein Schmerz; dann wird die
menschliche Natur von einer solchen Nothwendigkeit zerrissen, die sie
vertilgt. Ich konnte mich des Schauders nicht bemeistern. Was ist sein
Beruf! Sein Bild verliehrt sich in dem gräßlichen Gewühl, und das Entzücken
der Liebe kommt nicht in mir auf.
Die Vorstellung des Krieges hatte Heloisens Gemüth tief erschüttert. Alle
Bilder des häuslichen Glücks, die in ihrer Fantasie heimisch waren, fühlte
sie von schreckensvollen Vorstellungen vernichtet, und es war umsonst, daß
ihr Verstand das Heil der Schlachten für das Allgemeine der Menschheit
zu fassen vermogte, daß ihr Herz Kraft hatte, durch eine solche Ansicht
erhoben und beruhigt zu seyn, seine Kraft war von der Liebe dahin genommen.
Das Bild ihres Geliebten erschien ihr unaufhörlich, demselben Schicksal
erliegend, das so viele Geliebte, Gatten, Väter, fern von der Heimath und
den Geliebten getroffen; eine Täuschung entstand unbewußt, als ob ihre
Nähe ihm ein schützender Talisman seyn würde, und sie strebte mit von Angst
vermehrter Eil ihn zu erreichen.
Die kleinen Auffenthalte der Reise vermehrten ihre Bangigkeit, wie die
Gewalt der Schreckbilder, welche ihre Seele umlagerten, durch die Gespräche
an den Orten wuchs, wo sie genöthigt war zu verweilen.
Gegen Abend hatte sie das Städtchen noch nicht erreicht, wo sie ihn zu
treffen hoffte, und bei dessen Namen ein augenblicklicher Friede, ihr
Luft zu hohlen, vergönnte. Das Wechseln der Pferde verursachte neuen
Auffenthalt, sie ertrug das Harren nicht länger in Müssigkeit, und befahl
daß der Wagen in der größten Eil nachkomme, indem sie die Straße zu Fuß
voraufeilte.
Auf der Mittagsseite, umschränkte das Thal eine Felsenwand, in welcher die
Natur Wölbungen gebildet hatte, und längs den Felsen zog sich ein Dorf
hin. Ihre Aufmerksamkeit erregten Menschengruppen, die an den Wölbungen
lauschten, nach Untergang deuteten, woher der Wind strich, und sich lebhaft
unter einander besprachen. Sie wandte sich, um ihren Bedienten zu fragen:
was der Anblick bedeute? indem schlug ein dumpfes Hallen kaum vernehmlich
an ihr Ohr. Der Bediente hatte den Kopf zum Boden gebeugt, und erwiederte:
in diesem Augenblick müsse in der Nähe ein Gefecht vorfallen, denn was
man höre, sei wie Laut von Geschütz, und an den Felsen mögte der Hall noch
vernehmlicher seyn, vom gehemmten Luftstrom.
Heloise schauderte in sich herab, in unergründlichem Weh; ihr entstanden
Luft und Kräfte, sie mußte sich an einem Baumstamm halten; der Wind strich
schärfer über das Feld, und der schreckliche Hall erschallte deutlicher
und rasch wiederhohlt. Er spannte ihre Seele wieder, sie hätte Alles hören
mögen, bei Allem gegenwärtig seyn, die Bilder einer Schlacht verlohren ihre
Gräuel vor dieser Pein der Ungewißheit.
Indem nahte ihr Wagen. Ihre zusammentreffenden Leute unterredeten sich über
das, was sie gehört, voll Besorgniß vorwärts zu gehen, auf die Gegend zu,
woher das Geschütz schallte; ein Landmann kam von den Felsen über den Anger
gelaufen, und rieth, die junge Dame solle umkehren, sich nicht in Gefahr
geben. Heloise befahl mit der höchsten Gewalt, vorwärts. Sie warf sich
zurück in den Wagen, keinen Laut zu vernehmen; dann spannte sie alle
Gehörnerven an, daß ihr keiner entginge; sie trieb zur Eil mit der größten
Hast.
Es wurde Nacht, der Schall des Geschützes klang immer vernehmlicher, die
Dörfer waren nicht nächtlich öde: es wachten die Bewohner und riefen den
Reisenden zu: wo das Gefecht seyn müsse; und ermahnten sie zu warten:
»siegen die Unsrigen nicht, wendet der Feind sich nicht diesseits.« Er habe
wahrscheinlich den General überfallen, der in dem Städtchen gestanden. Es
war _sein_ Name. Was sollte ihr Sicherheit, da er in Gefahr schwebte. Sie
warf sich in dem Wagen auf die Knie, mit gerungenen Händen, sie rief ihrem
Freund zu, daß sie komme, sie flehte ihn, sie flehte Gott, sie flehte die
Luft um Schonung für sein Leben; dann erstarrte ihr Bewußtseyn, und nur ein
krampfhafter Schmerz wand sich durch ihre Sinne.
Einige peinvolle Stunden schlichen dahin: plötzlich hörte sie von außen: es
brennt!
Nicht zu fern an der Tiefe des Horizontes erschien das Feuerzeichen. Der
Hall des Geschützes hielt bald darauf inne. Sie starrte in die Gluthströme,
die aufstiegen und einsanken; dort war also die Gegend, dort, dort war er,
aber kein Laut drang mehr durch diese Entfernung; der Hall des Geschützes
ertönte nicht länger.
Es schien vorüber! Ihr Schicksal war entschieden. Die Stille versenkte sie
in gänzliche Abspannung, es war nicht Ruhe; es war kein Leben mehr in ihrer
Seele. Sie dachte unaufhörlich _ihn_, doch sein Bild stand unbeweglich, die
Wallungen der Furcht und der Hoffnungen waren erschöpft.
Aus diesem Gemüthszustand riß sie das Rasseln der Räder auf gepflasterter
Bahn, welche die Nähe einer Stadt verkündete. Ihr Herz begann aufs Neue
zu schlagen; die Entscheidung nahete, sie sollte ihn finden, aber wie?
Es schlug höher und höher, daß sein Arbeiten ihr den Athem raubte. Die
gothische Masse des Städtchens erschien schwarz in dem Dunkel der Nacht,
der Wagen hielt am Thore, es war gesperrt, und lange dauerte es, ehe auf
Fragen von Innen, und Antworten ihrer Leute, das Thor endlich aufrasselte.
Sie fuhr durch das niedrige lange Gewölbe desselben; und als innen der
Wagen hielt, hörte sie, daß ihr Geliebter, auf Kundschaft von dem Vorhaben
des Feindes, sich der Stadt durch Ueberraschung zu bemächtigen, demselben
entgegengegangen sei, ihn in die Flucht geschlagen habe; und die
Verwundeten, welche auf der entgegengesetzten Seite eingebracht wurden,
berichteten, daß er noch in Verfolgung desselben begriffen sei; worauf er
sich wol wieder auf die Stadt, in die Linie der Armee zurückziehen würde.
Es herrschte öde Stille in diesem Theile der Stadt, aber je mehr sie dem
Mittelpunkte nahten, je mehr belebten sich die Straßen; Seufzen, Geächz'
der Verwundeten, Geschrei der Helfenden, scholl aus dem Gedränge, durch
welches sie mit Mühe zu einem Gasthof gelangten.
Betäubt und zerstreut von diesen Nachrichten und diesem Anblick, eilte
Heloise in ein Zimmer, zu welchem der Lärm nicht zu dringen vermogte. Es
war ihr sonderbar, als sie sich gesammelt hatte, Licht gebracht wurde, und
sie nun die Räume erkennen konnte, daß nun bald, daß hier, sie ihn sehen
sollte. Sein Bild, die Vorstellung des Wiedersehens erregten in ihr die
gewohnte Ruhe der Liebe, das Vergangene mit seinen trüben Ahnungen versank
vor der Hoffnung, die wie ein neues Morgenlicht aufzudämmern begann.
Sie lauschte auf jedes Geräusch, in Erwartung seinen Tritt zu hören. Auf
einmal schlug der Klang aller Glocken, dumpf und langsam an ihr Ohr. Es
fuhr wie der Tod in ihre Brust. Im Hause hörte sie Menschen die Treppe
herab eilen, Rufen und Jammern, sie hörte den Namen ihres Geliebten;
geblieben, todt, mehr konnte sie nicht unterscheiden, sie wollte fragen,
sie vermogte es nicht, ihre Leute stürzten herein, und bestätigten was sie
entsetzte; sie griff an ihr Herz, und sank leblos zurück.
Als sie aus der Bewußtlosigkeit erwachte, war der erste Eindruck, daß
es Tag sei, und der nächste, daß _er_ nicht mehr sei. Und dieser riß mit
ungeheurem Schmerz sie wieder in das Leben zurück. Sie starrte umher,
da fiel ihr Auge auf ein Tuch, das mit Blut befleckt neben ihr lag.
Sie erkannte das Gewirk; es war ihre Arbeit, es hatte ihre Brust einst
verhüllt, sie hatte es ihm geschenkt: sein letztes Lebensblut klebte daran.
Sie nahm es, sie drückte es an sich, ihr Schmerz brach in Thränen aus.
So fand sie sein Waffengefährte, sein Jugendfreund, als er stumm zu ihr
trat. Aber sie winkte ihn von sich, denn ein Geschick, wie das ihre, faßt
sich nur in der Einsamkeit.
Aber wie allmählig ihre Seele sich den Vorstellungen wieder erschloß,
ertheilte er ihr den einzigen Trost, dessen sie empfänglich war. Er
erzählte ihr jeden Zug aus den letzten Lebenstagen seines Freundes; er
sagte ihr, wie viel sie ihm gewesen: wie, wenn der Drang des Krieges seine
Gedanken, seine Kräfte fortgerissen, eine Erinnerung an Sie, die Gewißheit
ihrer Liebe, ihn mit all' der stillen Heiterkeit bereichert habe, welche
der Genuß einer friedlichen Heimath gewährt.
Seine letzte Rede war der Wunsch gewesen, daß sie gleichsam als seine
Witwe, bei seiner Familie, an dem Ort seiner Geburt leben mögte: seine
Einrichtungen erhalten, seine Anstalten fortführen. Seine letzte Bewegung
war, ihr Tuch von der Brust zu nehmen, es dem Freunde zu reichen für sie.
Allmählig erwachte Entschluß in ihrer Brust.
Einst nach einem solchen Gespräch erhub sie sich bewegter, und mit einer
gewissen Feierlichkeit; sie dankte ihm für seine Freundschaft gegen den
Geliebten, die er ihm noch nach dem Tode, in der Sorge für sie, bewahrt
hatte, sie sagte ihm, daß sie diesen Ort verlassen werde, und verlangte
den letzten Beweiß seiner Sorgfalt, daß er sie zum Grabe ihres Geliebten
begleite.
Ihre Erschütterung bei diesen Worten, hielt ihn ab zu antworten, aber sie
hatte sogleich die Fassung wiedergefunden, und er vertraute der Kraft ihrer
Seele.
Der Sarg stand in dem Gewölbe der Hauptkirche. Der Gang schien sie zu
erschöpfen, sie stieg die Stufen hinab mit Schwanken, und winkte, allein zu
bleiben. Er verließ sie ungern.
Wie sie sich von Zeugen befreit sah, schritt sie heftig auf den Sarg zu,
ihr Auge glühte von Liebe, ihre Brust schlug, sie sank auf die Knie, und
breitete wieder die Arme aus, voll Entzücken. Dann berührte sie den Sarg
mit der Hand, mit der Brust, mit der Stirne, und blieb lange still in sich
verlohren.
Als sie zurückkamen, wartete ihr Wagen vor der Thür der Kirche. Sie reichte
seinem Freunde die Hand, sagte ihm Lebewohl, und daß sie jetzt nach dem
Geburtslande des Geliebten eile.
Ueberall fand sie dort die Spuren seines Wirkens. Schmerz, Andenken und
Beschäftigung traten an die Stelle des Liebesglückes. Sein Leben, das der
Sturm der Zeit dahingenommen, führte sie in seinem Geiste fort. Aber sie
blieb nicht lange einsam, denn in der Frische der Jahre, in der Kraft des
Gefühls, welches ihr Leben beseelt hatte, ehe es von der Zeit geschwächt,
von Ereignissen zerstreut worden, nahm der Tod auch sie hinweg.
[ Hinweise zur Transkription
Im Rahmen dieser Transkription wurde die Kombination aus "langem s" und "s"
in "ß" umgewandelt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Aufenthalt" --
"Auffenthalt", "bestimmte" -- "bestimter", "lassen" -- "laße", "weisse" --
"weiße",
mit folgenden Ausnahmen,
Seite 1/2:
"dessen sen" geändert in "dessen"
(ein Band um Vermählte, dessen Auflösung dem fühlenden Herzen)
Seite 13:
"," geändert in "."
(für Mutterfreuden schadlos halten müssen.)
Seite 92:
"solte" geändert in "sollte"
(ich nicht bin, wo ich seyn sollte)
Seite 95:
"Erinnerungsstäten" geändert in "Erinnerungsstätten"
(von allen Erinnerungsstätten meines Landgutes Abschied genommen)
Seite 100:
"lauffen" geändert in "laufen"
(von den jenseitigen die nach Mittag laufen)
Seite 104:
"unbekanten" geändert in "unbekannten"
(an dem Fenster des unbekannten Gebäudes)
Seite 116:
"gesammlet" geändert in "gesammelt"
(im Grunde standen die Feinde wieder gesammelt)
Seite 125:
"uud" geändert in "und"
(auf Fragen von Innen, und Antworten ihrer Leute)]