XLIV.

Die Abspannung nach der Täuschung eines heftigen Strebens, erlaubt den

Kräften nicht sogleich, sich auf neue Gegenstände zu spannen, und das

Gemüth versinkt in Hoffnungslosigkeit und Leere.

Dies sage ich mir wol; aber es bleibt, als dürfte kein Freudentag mehr

heranbrechen.

Ich bemerkte genau die Landschaft umher. Nicht weit von dem Flecken, wo

die Wege sich trennen, erhebt sich in zwei Hügelreihen das Land; von den

jenseitigen die nach Mittag laufen, spühlt das Bächlein in das Thal

hinab, über welches jene Brücke führet, auf der er Nachts beim Scheine

der Wachtfeuer mir zuerst schrieb. Mein Auge maß die wohlbekannten

Entfernungen, und fand nicht den Ort. Ich glaubte mich getäuscht zu

haben, ich hoffte und hoffte; aber immer fremder wurde mir die Gegend;

ich zweifelte, ob mein Kutscher den Weg verfehlt habe, oder ob mich meine

Vorstellung von dieser Gegend getäuscht, wie so oft die Phantasie nie

gesehenen Dingen ein falsches Bild leihet. Die Sonne stand tiefer, schon

wollte ich umlenken lassen, als plötzlich mir zur Rechten ein Schloß an dem

Rücken eines Hügels erschien. Auf einem Schlosse in ähnlicher Lage hatte

er mehrere Tage zugebracht, es sollte das Ziel meiner Tagereise seyn, mein

Herz schlug wieder auf.

Der Weg führte vorüber, ich befahl dem Kutscher zu halten, einen Weg

dorthin zu suchen: zu Fuß, von meinem Bedienten begleitet, streifte ich in

den schönen Abend, queer durch das Feld auf das Gebäude zu. Die Entfernung

hatte mich getäuscht, der Weg dehnte sich weiter wie ich ging, die Sonne

ging unter, und plötzlich lag vor mir ein weiter See und trennte mich vom

Ziel. Nun war ich gewiß, daß der Weg verfehlet sei; die Ufer waren zu weit,

sie zu Fuß zu umgehen: in der bittersten Täuschung stand ich an der Fläche.

Die niedrigeren Gegenstände verloren sich schon in dunkelgraue Massen,

am fernen Horizont erlosch die Abendröthe, und ihre letzten blaßrothen

Streifen spiegelten sich in dem ruhigen Wasser: die Gegend lag in Schweigen

begraben, nur das Schilf neigte sich flüsternd im Winde, und die Wellen

brachen sich an den Ufern. Mein Herz sank mir in der Brust zurück, es

war als ob Nacht, wie über die Natur, sich über mein Leben breitete; die

Einsamkeit der Fläche erfüllte mich mit nie empfundener Sehnsucht, Thränen

strömten über mein Gesicht.

Indem erhuben Waldhörner sich vom gegenseitigen Ufer mit klagenden Tönen.

Ein fernes Echo fing die dahinschwindenden Melodien auf, welche dann, über

die Fluth zu mir kommend, verhallten, als sänken sie in die Wellen hinab.

Ein Nachen nahete, und mein Bedienter rief den Schiffenden uns einzunehmen.

Sie lenkten zum Ufer und waren bereit; ich stieg in den schwankenden

Nachen. Der Name des Schlosses war nicht der wohlbekannte, die Besitzer

hatten es gegen einen sicherern Auffenthalt vertauscht, und diese beiden

Zurückgelassenen, ein Schiffer und ein Jäger, trieben hier unverletzt ihr

stilles Gewerbe.

Mir war einsam, wie noch nie. Auf der grauen Weite, leicht getrennt vom

Tode, mit fremden Menschen, von denen ich nichts, die nichts von mir

wußten, die das Schicksal in Verborgenheit fürchteten, durch Verborgenheit

ihm entgingen, welches er lenkt, der Entfernte, der meiner Seele der

Nächste ist.

Hier stehe ich nun an dem Fenster des unbekannten Gebäudes, der Mond

umkreißt mit weiten Bahnen die luftigen Thürme, und flimmert im See. Ich

erharre das Morgenroth, das mich Ihm nähern soll; noch ziehen alle Sterne

empor, und keiner sinkt abwärts zu ihm.

Heloise : ein kleiner Roman · 第 45 / 48 题