Die Abspannung nach der Täuschung eines heftigen Strebens, erlaubt den
Kräften nicht sogleich, sich auf neue Gegenstände zu spannen, und das
Gemüth versinkt in Hoffnungslosigkeit und Leere.
Dies sage ich mir wol; aber es bleibt, als dürfte kein Freudentag mehr
heranbrechen.
Ich bemerkte genau die Landschaft umher. Nicht weit von dem Flecken, wo
die Wege sich trennen, erhebt sich in zwei Hügelreihen das Land; von den
jenseitigen die nach Mittag laufen, spühlt das Bächlein in das Thal
hinab, über welches jene Brücke führet, auf der er Nachts beim Scheine
der Wachtfeuer mir zuerst schrieb. Mein Auge maß die wohlbekannten
Entfernungen, und fand nicht den Ort. Ich glaubte mich getäuscht zu
haben, ich hoffte und hoffte; aber immer fremder wurde mir die Gegend;
ich zweifelte, ob mein Kutscher den Weg verfehlt habe, oder ob mich meine
Vorstellung von dieser Gegend getäuscht, wie so oft die Phantasie nie
gesehenen Dingen ein falsches Bild leihet. Die Sonne stand tiefer, schon
wollte ich umlenken lassen, als plötzlich mir zur Rechten ein Schloß an dem
Rücken eines Hügels erschien. Auf einem Schlosse in ähnlicher Lage hatte
er mehrere Tage zugebracht, es sollte das Ziel meiner Tagereise seyn, mein
Herz schlug wieder auf.
Der Weg führte vorüber, ich befahl dem Kutscher zu halten, einen Weg
dorthin zu suchen: zu Fuß, von meinem Bedienten begleitet, streifte ich in
den schönen Abend, queer durch das Feld auf das Gebäude zu. Die Entfernung
hatte mich getäuscht, der Weg dehnte sich weiter wie ich ging, die Sonne
ging unter, und plötzlich lag vor mir ein weiter See und trennte mich vom
Ziel. Nun war ich gewiß, daß der Weg verfehlet sei; die Ufer waren zu weit,
sie zu Fuß zu umgehen: in der bittersten Täuschung stand ich an der Fläche.
Die niedrigeren Gegenstände verloren sich schon in dunkelgraue Massen,
am fernen Horizont erlosch die Abendröthe, und ihre letzten blaßrothen
Streifen spiegelten sich in dem ruhigen Wasser: die Gegend lag in Schweigen
begraben, nur das Schilf neigte sich flüsternd im Winde, und die Wellen
brachen sich an den Ufern. Mein Herz sank mir in der Brust zurück, es
war als ob Nacht, wie über die Natur, sich über mein Leben breitete; die
Einsamkeit der Fläche erfüllte mich mit nie empfundener Sehnsucht, Thränen
strömten über mein Gesicht.
Indem erhuben Waldhörner sich vom gegenseitigen Ufer mit klagenden Tönen.
Ein fernes Echo fing die dahinschwindenden Melodien auf, welche dann, über
die Fluth zu mir kommend, verhallten, als sänken sie in die Wellen hinab.
Ein Nachen nahete, und mein Bedienter rief den Schiffenden uns einzunehmen.
Sie lenkten zum Ufer und waren bereit; ich stieg in den schwankenden
Nachen. Der Name des Schlosses war nicht der wohlbekannte, die Besitzer
hatten es gegen einen sicherern Auffenthalt vertauscht, und diese beiden
Zurückgelassenen, ein Schiffer und ein Jäger, trieben hier unverletzt ihr
stilles Gewerbe.
Mir war einsam, wie noch nie. Auf der grauen Weite, leicht getrennt vom
Tode, mit fremden Menschen, von denen ich nichts, die nichts von mir
wußten, die das Schicksal in Verborgenheit fürchteten, durch Verborgenheit
ihm entgingen, welches er lenkt, der Entfernte, der meiner Seele der
Nächste ist.
Hier stehe ich nun an dem Fenster des unbekannten Gebäudes, der Mond
umkreißt mit weiten Bahnen die luftigen Thürme, und flimmert im See. Ich
erharre das Morgenroth, das mich Ihm nähern soll; noch ziehen alle Sterne
empor, und keiner sinkt abwärts zu ihm.